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Full text of "Echte und falsche Gerechtigkeit. Ein Wort wider den Socialismus"

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(«I FT.) 


Echte und falsche 

erechtigkeit. 

Ein Wort 


wider den Soeialismus 


Diedrich Bischoff. 


Gerechtigkeit erhöhet ein Volk.. 


Leipzig 

Max Hessens Verlag 
1898. 


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Der 

Freimaurer- Loge Phönix 
in Leipzig 


gewidmet. 




Vorwort. 


„Die besitzenden Klassen sollten .... jetzt mehr denn 
je darauf achten, die arbeitenden Klassen billig und gerecht 
zu behandeln. Das höchste Gut eines Volkes ist nicht die 
Dividende und ist nicht der Keinertrag und man möchte in 
dieser Beziehung, meine ich, wünschen, dass das deutsche 
Volk etwas mehr wieder an das Volk der Denker und Träumer 
erinnerte und für solche ethischen Gesichtspunkte vielleicht 
wieder etwas mehr Verständnis gewinnen möchte.“ 

Staatssekretär Dr. Graf v. Posadowsky -W e h n e r 
in der Beichstagssitzung vom 27. April 1898. 

Anregung zu der hier vorliegenden Studie bot mir die Be- 
schäftigung mit der „socialen Frage“ und mit den mannigfaltigen 
Ansichten, die über dieses Problem geäussert worden sind. 

In den Darstellungen der Ursachen, auf welche die bei jener 
wichtigsten Frage unserer Zeit in Betracht kommenden Missstände 
zurückgeführt werden, und der Mittel, mit denen man die fraglichen 
Missstände zu beseitigen hofft, ist viel von Ungerechtigkeit und 
viel von Gerechtigkeit die Rede. Es werden hier Lösungstheorien 
entwickelt, deren Begründung schliesslich in der Behauptung ruht, 
dieses oder jenes sei „gerecht“. Im Namen der „Gerechtigkeit“ 
werden die betreffenden Forderungen erhoben, wird die bestimmte 
Gesellschaftsrettungstheorie verfochten, wird eine bestimmte Neu- 
ordnung der Gesellschaft verlangt. 

Dabei fand ich, dass unter Berufung auf die Gerechtigkeit 
Behauptungen aufgestellt und Forderungen entwickelt werden, die 
sich ganz und gar nicht miteinander vertragen. Der eine giebt in 
Sachen der socialen Frage dieses, der andere etwas ganz anderes 
für „gerecht“ aus. Dieser Umstand liess es mir notwendig er- 
scheinen, bei meiner Beschäftigung mit der socialen Frage und 
meiner Stellungnahme zu den verschiedenen Ansichten mir klar zu 
machen: Was ist denn eigentlich gerecht, wodurch kennzeichnet 
sich jene Gerechtigkeit, die als Mittel zur Beseitigung 
der socialen Missstände dienen könnte? Was erweist sich 
hier als echt, was als falsch? 


VI 


Das Nachdenken über diese Gerechtigkeitsfrage führte mich 
alsbald mitten hinein in den Streit der socialistischen und der 
individualistischen Theorie. Es zeigte sich, dass die vielumstrittene 
Frage, ob die socialen Missstände auf socialistischem Wege — in- 
dem in bestimmten Beziehungen der einheitliche Wille der Gesell- 
schaft zum Ordner des socialen Lebens gemacht wird und als 
solcher sich bethatigt — oder aber individualistisch — mit Hilfe 
der Privatwillkür, durch entsprechende Gestaltung des eigenen 
Wollens der Individuen — zu beseitigen seien, ein Ge- 
rechtigkeitsproblem ist, nicht entschieden werden kann ohne eine 
richtige Beantwortung der Frage „Was ist gerecht?“ Die einen 
stellen sich die zur Beseitigung jener Missstände, zur Lösung der 
socialen Frage erforderliche Gerechtigkeit so vor, dass ihre Ver- 
wirklichung auf socialistischem Wege möglich und wünschenswert 
erscheint, die anderen dagegen machen sich von jener Gerechtigkeit, 
jener erforderlichen Gesellschaftsordnung eine Vorstellung, nach 
welcher nur der Privatwille der einzelnen Menschen, nicht aber der 
Staatswille, der Einheitswille des Gemeinwesens als Urheber der 
besseren, der gerechteren Ordnung des socialen Lebens in Frage 
kommen kann. Immer wieder stiess ich daher in jenem Streit, der 
in unseren Tagen mehr und mehr eine hohe praktische Bedeutung 
gewonnen hat, auf das Gebot: Klarheit in Sachen der Gerechtigkeit! 

So ist denn in der vorliegenden Studie auch die Frage 
„Socialismus oder Individualismus?“ einer Beurteilung unter- 
zogen. Ein Protest gegen den Socialismus ist hier das Ergebnis 
meiner Beschäftigung mit der Gerechtigkeitsfrage, die Folge meiner 
Scheidung der echten und der falschen Gerechtigkeit gewesen. 

Mit kühnen, schwungvollen, phrasenreichen Behauptungen und 
Gefühlsäusserungen — mögen dieselben noch so interessant sein — 
lässt sich die ernste, viel umstrittene Gerechtigkeitsfrage nicht ab- 
thun; es blieb mir hier nichts anderes übrig, als den Weg nüchterner, 
schrittweise vorgehender Beweisführung einzuhalten. 

Leipzig, im Mai 1898. 

Dr. jur. D. Bischoff. 


Inhalt. 


I. Die Gerechtigkeitsfrage. Seite 

Gegenstand, Aufgabe und Methode 1 

II. Das Gerechte. 

Eigenschaften, Ergebnis, Entstehung und Bedeutung .... 30 

III. Die sociale Frage als Gerechtigkeitsproblem. 

Individualistische und socialistische Lösung 66 



I. 

Die Gerechtigkeitsfrage. 

Gegenstand, Aufgabe und Methode. 

"Was ist gerecht? — Wenn wir uns diese Frage vorlegen, so be- 
schäftigen wir uns mit der Theorie der Menschenbehandlung, mit dem 
Aufbau einer Vorstellung von der Art und Weise, wie die einzelnen 
Menschen behandelt werden müssen. Wir sind dabei bestrebt, einen 
Massstab zu gewinnen, nach dem wir die Behandlung der mensch- 
lichen Persönlichkeiten beurteilen und einrichten wollen, wir trachten, 
uns die Merkmale, das Wesen eines Behandlungsideals klar zu 
machen, suchen uns zu vergegenwärtigen , wie sich die Persönlich- 
keitsbehandlung ausnehmen würde, wenn sie vollkommen unserem 
Wunsche, unserer Forderung entspräche. 

Ein Behandlungsmassstab, ein Behandlungsideal bildet demgemäss 
hier den Gegenstand unserer Gerechtigkeitsfrage. 

Der Besitz eines solchen Massstabes, einer solchen Vollkommen- 
heitsvorstellung kann für uns von Nutzen sein. Er erleichtert uns 
die Beurteilung und die Einrichtung der Behandlung, welche die 
einzelnen Menschen im täglichen Verkehrsleben erfahren. Die Bildung 
unseres Rechtsurteils, unserer Entscheidung darüber, was im Einzel- 
falle den Beteiligten gegenüber recht ist, wird vereinfacht, indem 
wir einen bei uns feststehenden Massstab zur Anwendung bringen, 
nach unserer ein- für allemal gegebenen Gerechtigkeitsvorstellung 
urteilen; wir brauchen dann nicht jedesmal unser Urteil über die 
zahlreichen Einzelfälle, aus denen das Verkehrsleben sich zusammen- 
setzt, von Grund aus neu aufzubauen. 

In solcher Weise ermöglichen gewisse leitende Behandlungs- 
prinzipien, mit denen uns die Theorie ausrüstet, erst eine erfolgreiche 
Anteilnahme am Verkehrsleben. Wir können derartige theoretisch 
festgelegte Gesichtspunkte im täglichen Leben so wenig entbehren, 

Bischoff, Echte und falsche Gerechtigkeit. 1 


2 


wie ein Schiffer auf hoher See gewisser theoretisch gewonnener An- 
haltspunkte zu entraten vermag, wenn er seine Zwecke erreichen will. 

Thatsächlich sind denn auch im täglichen Verkehrsleben aller- 
orten feststehende Behandlungsprinzipien, Massstäbe und 
Ideale der fraglichen Art im Gebrauch. Niemand bleibt hier 
von der Theorie und ihrem Einfluss verschont. Auch den selbst- 
bewussten Praktiker, der allem „Grübeln“ abhold ist und gern auf 
seinen eigenen „gesunden Menschenverstand“ pocht, hat die Theorie 
alle Tage am Schopfe, wenn er selbst sich dessen auch vielleicht 
nicht bewusst ist. Er wendet seinen Mitmenschen gegenüber be- 
stimmte Behandlungsgrundsätze an und hält diese etwa einfach für 
„feststehende Wahrheiten“, für etwas ganz Selbstverständliches. Im 
Grunde aber sind die betreffenden einem bestimmten Behandlungs- 
ideal entsprechenden Grundsätze nichts als das Ergebnis einer be- 
stimmten Theorie, die früher — sei es von einem Einzelnen oder 
von einer Vielheit — aufgebaut worden ist. Jener Praktiker glaubt 
zu schieben, im Grunde aber wird er bei der Gestaltung seines Rechts- 
urteils und seines Verhaltens gegen die Mitmenschen geschoben von 
der Autorität, auf deren Theorie er — bewusst oder unbewusst — 
eingeschworen ist, er fusst nicht auf feststehenden Wahrheiten, nicht 
auf etwas Selbstverständlichem, sondern handelt als Anhänger einer 
autoritativen Behauptung, die mit der betreffenden Autorität und 
ihrer Theorie steht und fällt, etwa als Diener einer ererbten Rechts- 
theorie. Von diesem Sachverhalt kann er sich bei nüchterner Selbst- 
beobachtung leicht überzeugen. 

Die Gerechtigkeitsvorstellungen, die Behandlungsideale, die 
solcherweise bei den einzelnen Teilhabern der menschlichen Gesell- 
schaft zur Geltung kommen, vermögen das sociale Leben er- 
heblich zu beeinflussen. Sie entfachen bei ihren Anhängern 
bestimmte Tendenzen, in deren Richtung sich dann die Mitwirkung 
der betreffenden bei Einrichtung der Behandlung der verschiedenen 
Persönlichkeiten vollzieht, geben zur Entstehung bestimmtgearteter 
Behandlungsmotive Anlass. Das Zusammenleben der Menschen, der 
Verkehr derselben untereinander, gewinnt aber eine verschiedene 
Gestalt, einen verschiedenen Inhalt, je nach der Art der Behandlungs- 
tendenzen und -motive, von denen die Beteiligten beseelt sind. In- 
sofern also wird das sociale Leben beinflusst durch das Ergebnis der 
theoretischen Beantwortung der Frage: „Was ist gerecht?“ 

Es kommen nun sehr verschiedenartige Gerechtigkeits- 
vorstellungen im Verkehr der Menschen zur Geltung; die Er- 
gebnisse mannigfachster Behandlungstheorien üben Einfluss aus auf 
die Gestaltung des socialen Lebens. Da hält es einer beispielsweise 
für gerecht, im Verkehr mit seinen Mitmenschen Gleiches mit Gleichem 
zu vergelten. Die Rechtsvorstellung eines anderen geht dahin, dass 


3 


die einzelnen Menschen behandelt werden müssen nach Massgabe einer 
bestimmten, einseitigen Leistung, etwa nach dem, was sie — sei es 
durch ihre Arbeit, sei es mit Hilfe ihres Kapitalbesitzes — zur 
Befried' ]pung gewisser Bedürfnisse und Wünsche ihrer Mitmenschen 
beitragen; in diesem Sinne gilt der Wert der produzierten Ware als 
Behandlungsmassstab, indem derjenige bevorzugt wird, der die Ware 
am wohlfeilsten liefert, für einen bestimmten Preis einen einzelnen 
Wunsch am ausgiebigsten befriedigt. In anderen Kreisen wieder 
wird das Verkehrsleben beherrscht von einem Behandlungsideal, nach 
dem es recht erscheint, Menschenliebe zu üben, bei der Behandlung 
anderer unter allen Umständen das Interesse des Behandelten wahr- 
zunehmen. Da spielt etwa auch die Vorstellung eine Rolle, es sei 
recht, dass, wer von einem bestimmten Gut mehr hat, als er gerade 
braucht, mit dem überschiessenden Teil einen anderen lediglich des- 
halb beschenke, weil dieser ein solches Gut nicht besitzt; so bei der 
christlichen Zwei-Röcke-Theorie. In manchen Kreisen ist als leitendes 
Behandlungsprinzip nicht sowohl jene allgemeine Menschenliebe, 
sondern die Nächstenliebe wirksam; es gilt hier etwa als gerecht, den 
Familiengenossen, den Volksgenossen, den Glaubensgenossen zu be- 
vorzugen. In nicht geringem Umfange auch kommt eine Gerechtigkeits- 
vorstellung in Betracht, nach der die Behandlung vieler oder gar aller 
Gesellschaftsteilhaber, grosser Menschenklassen oder gar der gesamten 
Menschenart gleichförmig sein muss oder doch gleichförmig sein darf, 
nach der eine solche Rohheit des Massstabes mit der Gerechtigkeit verein- 
bar erscheint. In diesem Sinne macht sich z. B. die Theorie bemerkbar, 
deren Anhänger die Gleichheit aller — der Männer wie der Weiber, der 
Alten wie der Jungen, der Mehrbegabten wie der Minderbegabten — 
predigen. Aber auch die Auffassung gehört hierher, nach der eine 
Behandlung nach Altersklassen, nach Massgabe der Anciennität 
gerecht erscheint, und diejenige, bei der man es für recht hält, dass 
die Behandlung der Gesellschaftsteilhaber nach Arbeitsklassen ein- 
gerichtet werde, dass alle zu einer derartigen grossen Klasse gezählten 
Individuen allgemein oder doch in wesentlichen Beziehungen die 
gleiche Behandlung erfahren. 

Diesen und anderen Behandlungstheorien, von denen im Einzel- 
falle oft — in einem mehr oder minder unklaren Gemisch — mehrere 
Zusammenwirken, entsprechen ebenso viele verschiedene Tendenzen, 
die dem täglichen Verhalten der Anhänger der einzelnen Rechts- 
vorstellungen eine bestimmte Richtung geben. In manchen Fällen 
erstreckt sich dieser Einfluss nur auf kleinere, örtlich und zeitlich 
beschränkte Kreise der Gesellschaftsteilhaber, in anderen Fällen 
herrscht eine bestimmte Gerechtigkeitsauffassung allgemeiner, spielt 
die betreffende Tendenz in weitesten Kreisen ihre Rolle, beeinflusst 
sie — wie etwa die Theorie der Nächstenliebe — in bestimmtem 

1 * 


4 


Sinne clie sociale Entwickelung grosser Menschengruppen und langer 
Zeiträume. 

Auch jener Tendenz, die wir als die socialistische bezeichnen, 
liegt eine bestimmte Behandlungstheorie, eine bestimmte Gerechtig- 
keitsvorstellung zu Grunde. Die Neigung, im Gebiete der Persön- 
lichkeitsbehandlung mehr oder minder an Stelle der Willkür, der 
eigenen Willensbildung des einzelnen Individuums den Inhalt des 
Gesellschaftswillens, die Willensakte des Staates — seien es Parlaments - 
beschlüsse oder sonstige Autoritätsäusserungen — wirken zu lassen, 
knüpft an eine bestimmte Rechtstheorie, an eine bestimmte Vorstellung 
von dem, was gerecht ist, an, wenn auch vielleicht nur die Urheber 
dieser Tendenz in der betreffenden Theorie näher bewandert sind, 
die grosse Masse der Anhänger dagegen nur auf gewisse Konsequenzen 
jener theoretischen Anschauung eingeschworen ist. 

Die socialistischen Forderungen werden erhoben im Namen einer 
bestimmten Gerechtigkeit; zum mindesten aber stellt man sich hier 
die Gerechtigkeit so vor, dass mit ihr jene Forderungen vereinbar 
erscheinen. Mit der betreffenden Gerechtigkeitsvorstellung steht und 
fällt die socialistische Behandlungstheorie. 

So verschiedenartig die das sociale Leben beeinflussenden 
Gerechtigkeitsvorstellungen ihrem Inhalte nach sind, so verschieden 
sind sie auch hinsichtlich ihres Wertes. 

Es giebt gute und schlechte Behandlungsideale, solche, 
die in nützlicher, und solche, die in schädlicher Weise die Persön- 
lichkeitsbehandlung und das Verkehrsleben gestaltend beeinflussen, 
solche, die ihren Anhängern ein richtiges, und solche, die denselben 
ein falsches Zielbewusstsein wachrufen. 

Der Erfolg der Persönlichkeitsbehandlung in der Gesellschaft 
ist mit abhängig von dem Massstab, der hier gebräuchlich ist, von 
der Art der herrschenden Behandlungstendenzen. Den Lebenszwecken 
der Beteiligten ist die eine Gerechtigkeitsvorstellung förderlich, die 
andere nachteilig. Es steht hier mit dem Gerechtigkeitsideal nicht 
anders, wie beispielsweise mit dem Geschmack der Menschen; auch 
der Geschmack kann zweckmässig, den gegebenen Lebensbedingungen 
und ihren Erfordernissen angepasst sein, kann aber auch unzweck- 
mässig sich erweisen, jenen Lebensbedingungen und Erfordernissen 
gegenüber irreführen. Da kommt beispielsweise eine Gerechtigkeit 
in Frage, von der das Wort gilt „Fiat iustitia, pereat mundus, 
Gerechtigkeit geschehe, mag auch die Welt darüber zu Grunde gehen!“ 
ein Behandlungsideal, das als Erfolg unter Umständen eine schwere 
Schädigung der in der Welt vorhandenen menschlichen Interessen zeitigt. 

So ist also die Qualität der Gerechtigkeitsvorstellung für unsere 
Lebenszwecke, für unser Wohlergehen bedeutsam. Ein jeder von 
uns ist mit der Erfüllung seiner Lebenspläne abhängig von der 


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Richtigkeit oder Unrichtigkeit, von der Klarheit oder Unklarheit der 
Antwort, die er sich auf die Frage giebt „Was ist gerecht?“ und 
die seine Anteilnahme am Verkehrsleben dann, mag er sich dessen 
im Einzelfalle klar bewusst sein oder nicht, richtend beeinflusst. 
Dieser Sachverhalt, von dessen Vorhandensein jedermann durch eigene 
Beobachtung und eigenes Nachdenken unschwer sich überzeugen 
kann, w T ird heute vielfach verkannt; gar mancher unterschätzt und 
bespöttelt daher die Gerechtigkeitsfrage. — 

Soviel zur Kennzeichnung des Gegenstandes der Gerechtig- 
keitsfrage und seiner Bedeutung, soviel über Wesen und Wert einer 
Gerechtigkeitsvorstellung, eines Behandlungsmassstabes im allgemeinen. 


eiche Aufgabe nun verbindet sich mit der Gerechtigkeitsfrage ? 
In welchem Sinne haben wir uns hier mit dem vorerwähnten 
Gegenstände dieser Frage zu beschäftigen? 

Aus dem, was im Voraufgehenden über die Bedeutung der 
Gerechtigkeitsvorstellung gesagt ist, geht hervor, dass für die Teil- 
haber einer menschlichen Gesellschaft die Notwendigkeit besteht, ein 
Behandlungsideal zur Geltung gelangen zu lassen, das durch seine 
Qualität, seine Zweckmässigkeit sich auszeichnet, an dem sich das 
Wort erfüllt: Gerechtigkeit erhöhet ein Volk. Es will derjenige 
Behandlungsmassstab klargestellt sein, der bei seiner Anwendung 
den meisten Nutzen stiftet, die Erfüllung der Lebenszwecke am 
meisten fördert, die zweckmässigste Behandlungstendenz hervorruft, die 
Behandlung der einzelnen Mitmenschen am richtigsten geraten lässt. 

Damit verbindet sich gleichzeitig die andere Notwendigkeit, den 
Einfluss gegenteiliger, schädlicher Behandlungsideale und -tendenzen 
abzuwehren, aus dem Verkehrsleben zu beseitigen. 

Unter diesen Umständen ist es erforderlich, auch mit der Klar- 
stellung und Würdigung der herrschenden Gerechtigkeitsvorstellungen 
sich zu befassen, diese Vorstellungen auf ihren Inhalt und ihre Richtig- 
keit zu prüfen. Eine solche Kritik ist für die Gesellschaftsteilhaber 
in Sachen der Gerechtigkeitsfrage notwendig. Da wird z. B. zu fragen 
sein, ob jene von uns erwähnte Vorstellung, es sei recht, die einzelnen 
Mitmenschen nach Massgabe ihrer Leistung, gemäss der Wohlfeilheit 
ihrer Ware zu behandeln, den Anforderungen der Zweckmässigkeit 
entspricht. Auch in Sachen der Gerechtigkeitsfrage , bei der Wahl 
des Behandlungsmassstabes will solcherweise das Gebot beachtet sein: 
Prüfet alles und das Beste behaltet! 

Dementsprechend wird es heutzutage auch auf eine kritische 
Stellungnahme zu derjenigen Gerechtigkeitsvorstellung ankommen, 
die der von uns als socialistisch bezeichneten Behandlungstheorie 
eigen ist. Diese Theorie und die von ihr entfachte Tendenz, von 


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Gesellschaf tswegen, durch Gesetzes willen auf die Gestaltung der 
Persönlichkeitsbehandlung einzuwirken, übt heute mehr und mehr 
einen bedeutsamen Einfluss auf das sociale Leben aus, gewinnt immer 
zahlreichere Anhänger. Da ist also um so mehr eine Kritik — eine 
Klarstellung und Würdigung — der in diesen Bestrebungen wirk- 
samen Gerechtigkeitsvorstellung notwendig. 

Eine richtige Würdigung der in unserer Zeit so stark vertretenen 
socialistischen Bestrebungen ist ohne Beschäftigung mit der Gerechtig- 
keitsfrage nicht möglich. Wer nur mit den einzelnen Konsequenzen 
sich beschäftigt, die in jenen Bestrebungen zu Tage treten, dem kann 
die Beurteilung des Socialismus nicht gelingen. Hier besteht die 
Notwendigkeit, die Voraussetzungen zu prüfen, an welche die 
fragliche Tendenz anknüpft; hier muss einer mit der dieser Tendenz 
zu Grunde liegenden Gerechtigkeitsvorstellung ins Gericht gehen, 
muss er die Frage beantworten: Ist diese Art der Gerechtigkeit 
geeignet, ein Volk zu erhöhen, dasselbe in der Erfüllung der Lebens- 
zwecke seiner Glieder zu fördern? — Wer vor der Gerechtigkeits- 
frage denkscheu das Hasenpanier ergreift, der steht jenen Bestrebungen, 
die in unserer Zeit vor allen gewürdigt sein wollen, verständnislos 
gegenüber. Wer — wie es so oft geschieht — sich über jenes Grund- 
problem mit gedankenlosen Phrasen und Schlagworten hinwegsetzt, der 
darf sich keine stichhaltige Beurteilung des Socialismus Zutrauen. 

Nach allen Seiten hin also erweist sich die Klärung der 
Gerechtigkeitsvorstellung, die Klarstellung des zweckmässigen Be- 
handlungsideals, die Kritik der herrschenden Auffassungen von dem, 
was gerecht ist, als notwendig. 

Dieser Notwendigkeit entsprechend ist die Aufgabe ausgewählt, 
die sich hier für uns mit der Gerechtigkeitsfrage verbindet. Wir 
wollen eine zweckmässige Ger echtigkeits vor Stellung zu 
gewinnen suchen, wollen dasjenige Behandlungsideal uns 
vergegenwärtigen, von dem jenes Wort gilt: Gerechtigkeit 
erhöhet ein V olk. 

Wenn wir in solcher Weise die Klärung unseres Rechtsbewusst - 
seins betreiben, so schliesst das eine Kritik gegenteiliger Vorstellungen 
in sich. Indem wir jene richtige Gerechtigkeitsvorstellung gewinnen, 
gelangen wir gleichzeitig zu einem Urteil über die einzelnen Be- 
handlungsmassstäbe und -tendenzen überhaupt; entweder fallen diese 
mit der gesuchten Gerechtigkeitsvorstellung zusammen, dann sind sie 
richtig, oder sie widerstreiten jener Vorstellung, dann sind sie un- 
richtig. Insbesondere werden wir, wie aus dem voraufgehend Gesagten 
erhellt, auf dieser kritischen Seite unserer Aufgabe mit der erwähnten 
socialistischen Behandlungstheorie uns abzufinden, bei unserer Be- 
antwortung der Frage „Was ist gerecht?“ die socialistische Rechts- 
anschauung prüfend ins Auge zu fassen haben. 


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Die Aufgabe, aufbauend und ab wehrend für eine zweckmässige 
Gerechtigkeitsvorstellung in der Gesellschaft zu sorgen, geht einen 
jeden von uns etwas an, denn ein jeder von uns ist, wie wir bemerkten, 
mit der Erfüllung seiner Lebenspläne abhängig von der Qualität der 
Behandlungsideale, die das sociale Leben beeinflussen und dabei — 
je nachdem — die Persönlichkeitsbehandlung recht oder unrecht, 
zweckmässig oder unzweckmässig geraten lassen. Auch diese That- 
sache aber, diese Allgemeingültigkeit der erwähnten Aufgabe wird 
heute von so manchem Zeitgenossen verkannt; gar mancher ver- 
meint, die Lösung der Gerechtigkeitsfrage gehe ihn nichts an. 

Soviel über Inhalt und Bedeutung der Aufgabe, die uns hier 
beschäftigt. 

AV eiter haben wir nun den Weg uns zu vergegenwärtigen, auf dem 
die richtige Beantwortung der Gerechtigkeitsfrage zu erzielen, die 
Lösung unserer im Voraufgehenden gekennzeichneten Aufgabe zu 
bewerkstelligen ist. Wir müssen uns klar werden über die bei 
unserer Studie einzuhaltende Methode. Von dieser hängt der Erfolg 
unseres Bemühens mit ab. Ihr müssen wir hier um so mehr Auf- 
merksamkeit schenken, als nicht selten die Beantwortung der Frage 
„Was ist gerecht?“ auf falschem Wege versucht, mittelst unzuläng- 
licher Methode betrieben worden ist. Die Mängel dieser Lösungs- 
versuche haben wir zu meiden. 

Wir suchen eine durch Zweckmässigkeit gekennzeichnete 
Gerechtigkeitsvorstellung. 

Da können wir uns nicht dabei bescheiden, diejenige Gerechtig- 
keitsvorstellung auszumitteln , die bei bestimmten „Autoritäten“, 
z. B. bei einer bestimmten Vielzahl von Mitmenschen, entwickelt, als 
die richtige, die zweckmässige anerkannt ist. So leicht dürfen wir 
uns die Behandlung unserer Aufgabe nicht machen. 

Nicht einen bestimmten Ursprung, nicht eine bestimmte An- 
erkennung dürfen wir uns als Kennzeichen des gesuchten Behandlungs- 
ideals genügen lassen. Es fehlt uns unserer Aufgabe gegenüber die 
Berechtigung dazu, einfach vorauszusetzen, dass die von der betreffen- 
den Autorität herrührende, etwa in einem grösseren Menschenkreise 
entwickelte Gerechtigkeitsvorstellung die von uns gesuchte zweck- 
mässige sein müsse. 

Insbesondere kann es hier nicht genügen, ohne weiteres ererbte, 
traditionelle Vorstellungen als die jetzt zweckmässigen zu betrachten. 
Diese Vorstellungen können das Ergebnis bestimmter früherer Lebens - 
bedingungen sein und sich lediglich im Wege der Gewöhnung fort- 
gepflanzt haben. Vielleicht aber haben sich die entscheidenden 
Lebensbedingungen seitdem geändert, während die Gerechtigkeits- 
vorstellung unverändert sich vererbte. 


8 


So müssen wir beispielsweise mit der Möglichkeit rechnen, dass 
der traditionelle Behandlungsmassstab, der einer gewissen allgemeinen 
Anerkennung sich erfreut, einer Zeit entstammt, in der das Interesse 
der Gesamtheit der Zeitgenossen nur von Kriegsfragen und ähnlichen 
Problemen berührt wurde, während die sonstigen Lebensaufgaben sich 
in engeren und engsten Kreisen erfüllten, ohne Gegenstand all- 
gemeinen Interesses und allgemeiner Urteils- und Begriffsentwickelung 
zu sein. Da passte sich etwa die Gerechtigkeits-, die Zweckmässig- 
keitsvorstellung , das Behandlungsideal bei der allgemeinen Begriffs- 
bildung an Kriegszwecke und ähnliches an, gestaltete sich beispiels- 
weise entsprechend dem hier ins Gewicht fallenden Interesse an der 
einheitlichen Leitung grosser Massen, bei der die Berücksichtigung 
der Individualität eine untergeordnete Rolle spielte. 

Die unter solchen Lebensbedingungen entwickelte Gerechtigkeits- 
vorstellung wird aber nicht ohne weiteres auch dort zweckmässig sein, 
wo es sich um andersartige Zwecke handelt, z. B. in einer Zeit, in 
der diejenigen Interessen und Zwecke in den Vordergrund treten, die 
in Sachen der sogenannten socialen Frage von entscheidender Wichtig- 
keit sind, und etwa die Berücksichtigung der Individualität in erster 
Linie in Frage kommt. Da dürfen wir das ererbte Behandlungsideal 
nicht ohne weiteres als zweckmässig und ausreichend betrachten. Da 
kommen am Ende ganz andere Lebensbedingungen in Betracht, auf 
welche die Gerechtigkeitsvorstellung zugeschnitten sein will. Da muss 
mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass das angewöhnte Rechts- 
gefühl trügt und zu einer den gegenwärtigen Lebensbedingungen 
gegenüber unzweckmässigen Persönlichkeitsbehandlung verleitet. 

Aus alledem geht hervor, dass in Sachen unserer Gerechtigkeits- 
frage nicht der Weg zum Ziele führen kann, bei dem wir uns auf 
die Zweckmässigkeitsbeobachtungen anderer — etwa unserer Vor- 
fahren — verlassen und lediglich durch Beschäftigung mit einem vor- 
handenen Sprachgebrauch, durch ein Definieren dieser Art eine klare 
Vorstellung von der volkserhöhenden Gerechtigkeit zu gewinnen 
suchen. Wir haben es nicht mit der Frage zu thun „Was nennt 
dieser und jener gerecht? Was wird etwa allgemein als gerecht 
bezeichnet?“ wir müssen uns vielmehr fragen „Was ist wahrhaft 
gerecht undjsollte als gerecht bezeichnet werden? Welches Behandlungs- 
ideal entspricht den Anforderungen der Zweckmässigkeit?“ 

Nicht Ursprung und Anerkennung, sondern die Thatsache der 
Zweckmässigkeit kennzeichnet für uns die gesuchte Gerechtigkeits - 
Vorstellung. Eine bestimmte Wirkung haben wir als das in Sachen 
der Gerechtigkeit Entscheidende zu betrachten. Wo eine gegen- 
teilige Wirkung zu Tage tritt, wo ein Volk nicht erhöht wird, vielmehr 
in der Erfüllung der ihm innewohnenden Daseinszwecke unter dem 
Einfluss bestimmter Behandlungsideale Rückschritte macht, da kann 


9 


von echter Gerechtigkeit nicht die Rede sein, selbst wenn 
Millionen von Menschen die fragliche Behandlung als gerecht be- 
zeichneten. 

Wenn nun aber der zweckmässige Erfolg das Charakteristikum 
der gesuchten Gerechtigkeitsvorstellung ist, wenn auch von dieser 
wirklichen Gerechtigkeit das Wort gilt „An ihren Früchten sollt ihr 
sie erkennen“, so wird gegenüber unserer Aufgabe an Stelle der 
gläubigen Übernahme fremder Zweckmässigkeitsurteile und Vor- 
stellungen selbständige Zweckmässigkeitsprüfung für uns ge- 
boten sein. Nicht darf ergebungsvolle Scheu vor dem Hergebrachten 
und dem Allgemeinüblichen, nicht darf gläubige Vertrauensseligkeit 
uns hier von selbständiger Prüfung abhalten. Ohne derartiges Vor- 
urteil will einzig die Fruchtbarkeit als Merkmal des gesuchten 
Behandlungsideals ins Auge gefasst sein. 

Durch eigene Beobachtung müssen wir uns klar darüber werden, 
von welcher Art die unter heutigen Lebensbedingungen zweckmässige 
Persönlichkeitsbehandlung ist, die als die charakteristische Wirkung 
der gesuchten Gerechtigkeitsvorstellung in Betracht kommt. Wir 
haben uns durch eigenes Urteilen zu vergegenwärtigen, 
welchem Ideal diejenige Behandlung der einzelnen Menschen 
entspricht, durch die den heute massgeblichen Interessen 
Genüge geschieht. Nur auf diesem Wege, auf dem Wege des 
Zweckmässigkeitsstudiums können wir eine richtige Antwort auf die 
Frage „Was ist gerecht?“ erzielen, vermögen wir ein klares Bild 
von der volkserhöhenden Gerechtigkeit zu erlangen. 

In diesem Sinne will der Forschungsweg gegenüber der Ge- 
rechtigkeitsfrage vorsichtig ausgewählt sein. Mannigfach hat es an 
dieser vorsichtigen Auswahl gefehlt; nicht selten haben diejenigen, 
die sich mit der Gerechtigkeitsfrage beschäftigten, sich darauf be- 
schränkt, die gesuchte Vorstellung aus einem Sprachgebrauch heraus- 
zudestillieren, ohne in eine selbständige Zweckmässigkeitsbeobachtung 
einzutreten. Bei solcher Methode konnte auf die Erzielung einer 
klaren Vorstellung von einem zweckmässigen Behandlungsideal 
nicht gerechnet werden. 


IN och in einer anderen Hinsicht müssen wir uns bei unserer 
Forschungsmethode der Vorsicht befleissigen. Wo wir durch Zweck- 
mässigkeitsbeobachtung zum Ziele zu gelangen suchen, da will beachtet 
sein, dass wir es mit den Interessen und Zwecken leibhaftiger 
menschlicher Persönlichkeiten, nicht mit denen schattenhafter 
Typen und Schablonenwesen zu thun haben. 

Diejenigen, von denen die Behandlung anderer ausgeht, die- 
jenigen, denen die Behandlung zuteil wird, diejenigen, deren Interesse 


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sonst irgendwie — mehr oder minder mittelbar — durch die Wirkung 
der betreffenden Behandlung berührt wird, — sie alle sind Menschen, 
wie wir sie in uns und um uns vor Augen haben, Personen mit 
ihrer Sonderart, ihrem besonderen Ich. 

Wir dürfen uns daher gegenüber der Zweckmässigkeitsfrage 
nicht bei einer abstrahierenden Methode bescheiden, die von den 
persönlichen Besonderheiten absieht und nur denjenigen Teil der 
Eigenschaften in Rechnung zieht, der anscheinend mehr oder minder 
allgemein bei den als „Menschen“ bezeichneten Individuen sich vor- 
findet. Das Abstrahieren, das Absehen von den individuellen Be- 
sonderheiten ist unter Umständen gewiss von Nutzen. Es kann dem 
Lehrzweck und dem Lernzweck Vorschub leisten. Die Fülle mannig- 
faltiger Erscheinungen lässt sich gedächtnismässig leichter erfassen, 
wenn der Lehrer das Gemeinsame dieser Erscheinungen hervorhebt 
und der Schüler zunächst die gemeinsamen Eigenschaften der zahl- 
reichen Einzelfälle seinem Gedächtnis einprägt; das vereinfacht die 
Vorstellungen. Aber über diesem Nutzen des Abstrahierens für das 
Lehrinteresse darf niemals vergessen werden, dass darum noch keines- 
wegs gegenüber sämtlichen Lebenszwecken der gleiche Nutzen 
besteht. Wir müssen stets der Thatsache uns bewusst sein, dass 
die Welt des Abstrakten, in der die Typen hausen, keineswegs mit 
der Wirklichkeit sich deckt, vielmehr nur . um der Lehr- und Lern- 
zwecke willen erfunden, also eine blosse Schöpfung unserer Phantasie 
ist. Wir dürfen nicht über der Freude an der Lehrkategorie, in 
der alles so hübsch gleichförmig und „ordnungsmässig“ sich aus- 
nimmt, die wirkliche Natur des Individuums verkennen, die für uns 
einzig entscheidend ist und mit ihren Besonderheiten mindestens 
ebensosehr ins Gewicht fällt wie mit denjenigen Eigenschaften, die 
vielen Individuen gemeinsam sind. 

Diese Gesamtnatur der Individuen, also auch die individuellen 
Besonderheiten haben wir zu berücksichtigen, wo nach dem Zweck- 
mässigen geforscht wird. Nicht mit blossen Gerippen, mit „Normal- 
menschen“, mit Art- oder Klassenexemplaren haben wir hier zu 
rechnen, auch nicht mit unterschiedslosen Engeln, sondern mit Faktoren, 
von denen nicht zwei einander völlig gleichen und bei denen jeder 
Augenblick ihres Daseins seine Besonderheiten aufweist. Das ist die 
Welt, in der sich unsere Betrachtung hier zu ergehen hat. Wir haben 
die Menschen zu nehmen wie sie sind, nicht, wie sie aus irgend 
einem Grunde — z. B. um des Lehrzwecks und der einfacheren 
Anschauung willen — sein sollten. Die Beobachtung und Erkenntnis 
unseres eigenen Ich muss uns in dieser Hinsicht vor methodischen 
Irrtümern bewahren. 

Irrtümer der fraglichen Art sind bei der Beantwortung der 
Gerechtigkeitsfrage mannigfach untergelaufen. Nicht selten ist hier 


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mit sonderartslosen Typen, auch wohl mit Engeln dieser Art, die 
Rechnung angestellt. Man kennt die Menschen , mit denen man 
täglich zu thun hat, man kennt auch sich selbst gar nicht wieder, 
wenn man die Puppen betrachtet, mit denen bei den betreffenden 
Theorien die Gerechtigkeitsrechnung ausgeführt ist. 

Dieser Fehler will auf unserem Forschungswege vermieden sein. 
Als Massstab bei der Zweckmässigkeitsbeobachtung sind die Lebens- 
zwecke der wirklichen Individuen im Auge zu behalten. 

Da kommt die Befriedigung des Selbsterhaltungstriebes als ent- 
scheidender Zweck in Frage, dem die Gerechtigkeitsvorstellung mit 
ihrer Wirkung angepasst sein muss. Und ebenso haben wir es mit 
der Befriedigung des in der gleichen Richtung wirkenden Zufriedenheits- 
strebens, mit der Vervollkommnung des individuellen Wohlbefindens 
als Zweckmässigkeitsmassstab zu thun. Dieser verfeinerte Selbst- 
erhaltungstrieb, der die Herstellung des psychischen Gleichgewichts, 
den Genuss des „Seelenfriedens“ anstrebt, will als Bestandteil der 
individuellen Natur genau so beachtet sein, Avie jener Trieb nach 
Erhaltung der blossen Lebensfunktion. 

Das irdische Dasein und Glücklichsein der menschlichen Persön- 
lichkeiten ist dasjenige, dessen Förderung hier als das Zweckmässige 
in Betracht kommt; die Förderung dieser irdischen Zwecke kann 
niemals unzweckmässig, den Beteiligten nachteilig sein. Was jenen 
Zwecken widerstreitet, ist zu nichts gut und kann nicht — in dem 
von uns hervorgehobenen Sinne — gerecht sein. Mit der Zufriedenheits- 
entwickelung darf dasjenige, in dem wir die Frucht der gesuchten 
Gerechtigkeitsvorstellung erblicken, nicht kollidieren. 

Es handelt sich also darum, bei unserer Zweckmässigkeits- 
beobachtung klarzustellen, welche Behandlung dem Dasein und dem 
Glücklichsein der sonderartsreichen Persönlichkeiten am förderlichsten 
ist. Das Ideal, dem eine solche Behandlung entsprechen würde, ist 
das gesuchte. Der Behandlungsmassstab, als dessen Anwendung jene 
den individuellen Daseins- und Glückszwecken vollkommen angemessene 
Behandlung erscheint, ist der rechte, der zweckmässige. 

Dabei aber ist weiter zu beachten, dass wir es bei Feststellung 
der massgeblichen Zwecke nicht nur* mit sonderartsreichen Persön- 
lichkeiten, sondern auch mit geselligen Wesen dieser Art, mit 
Menschen zu thun haben, die nicht allein, isoliert — etwa ab- 
geschieden auf einer Insel im Weltmeer — leben, vielmehr Glieder 
einer Gesellschaft sind. Der Charakter des Einzelnen als Genosse, 
als animal sociale, seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Menschen - 
gruppe will beachtet sein, wenn wir die Zweckmässigkeit dieser oder 
jener Persönlichkeitsbehandlung erwägen. Die Zugehörigkeit zu der 
bestimmten Gesellschaft ist für die Natur des Betreffenden von wesent- 
licher Bedeutung; sein Dasein und sein Glücklichsein wird durch 


12 


diese Zugehörigkeit beeinflusst, seine Lebenszwecke gewinnen einen 
dementsprechenden Inhalt. 

So haben wir also auf dem bei Lösung unserer Aufgabe ein- 
zuhaltenden Wege uns klar zu machen, welche Behandlung den 
Lebenszwecken der an einer menschlichen Gesellschaft beteiligten 
Persönlichkeiten, den Interessen jener geselligen Menschen, wie wir 
sie in uns und um uns täglich vor Augen haben, am förderlichsten 
ist. Die salus publica, das Gemeinwohl, das sich zusammensetzt aus 
dem Wohlergehen jener einzelnen Gesellschaftsteilhaber, erscheint hier 
als das für die Zweckmässigkeit der Persönlichkeitsbehandlung und des 
Behandlungsmassstabes Entscheidende. Sie stellt die Erfüllung der 
Lebenszwecke der beteiligten Individuen dar, ist nichts von individueller 
Zufriedenheit Unabhängiges; auch hier giebt das Dasein und das 
Glücklichsein des Einzelnen den Massstab ab, aber es handelt sich 
um Individuen, die in einer Mehrzahl Zusammenleben und deren 
jedem ein Selbsterhaltungstrieb und ein Zufriedenheitsstreben inne- 
wohnt. 

Diejenige Behandlung also werden wir als die zweck- 
mässige bei dem Aufbau der gesuchten Gerechtigkeits- 
vorstellung beachten müssen, bei der in einer Gesellschaft 
am meisten Zufriedenheit der beteiligten Individuen sich 
entwickelt. Nur auf diesem Wege können wir ein nützliches 
Behandlungsideal ermitteln. 

TV^enn wir nun bei Beantwortung der Frage „Was ist gerecht?“ 
uns klar zu machen suchen, welche Persönlichkeitsbehandlung der 
Zufriedenheit innerhalb der Gesellschaft am förderlichsten ist, so 
haben wir uns zunächst zu vergegenwärtigen, wie denn überhaupt 
der Einzelne mit seinen Lebenszwecken in der Gesellschaft 
von der den Gesellschaftsteilhabern zuteil werdenden Be- 
handlung berührt wird. Wir haben den Einfluss zu beachten, 
den diese Behandlung auf das Wohl und Wehe der an der Gesell- 
schaft beteiligten Persönlichkeiten ausübt, um ermitteln zu können, 
von welcher Art die Behandlung und das leitende Behandlungs- 
ideal sein muss. 

Das Wohlbefinden des Einzelnen wird beeinflusst durch die 
Entstehung von Bedürfnissen und Wünschen einerseits und durch 
die Befriedigung von Bedürfnissen und Wünschen andererseits. 

Das individuelle Dasein und Glücklichsein kann durch Be- 
dürfnisse und Wünsche gestört werden, letztere können schädlich 
sein. In diesem Sinne wirken Bedürfnisse und Wünsche, denen die 
Befriedigung versagt ist und denen auch die Hoffnung auf eine in 
naher oder ferner Zukunft zu gewärtigende Befriedigung sich nicht 


13 


zugesellt. Aber auch diejenigen gehören hierher, die zwar befriedigt 
werden, deren Befriedigung jedoch eine befriedigungslose Bedürftigkeit 
nach sich zieht und auf solche Weise dem Lebensglück mehr Abbruch 
thut als Vorschub leistet; auch in diesen Fällen, in denen wir für 
die Befriedigung hinterher mehr büssen müssen, als der ganze Genuss 
wert war, ist unser Wünschen ein schädliches. 

Jene Schädlichkeit des Bedürfens und Wünschens tritt in 
verschiedenem Grade hervor. Das Entstehen befriedigungsloser 
Bedürfnisse kann die Fortführung unseres Lebens in Frage stellen, 
kann die Nichtbefriedigung unseres Selbsterhaltungstriebes bedeuten. 
In anderen Fällen besteht die schädliche Wirkung des Eintretens 
von Bedürfnissen und Wünschen in der Störung der Zufriedenheit, 
des Glücklichseins, wirkt es jenem Zufriedenheitsstreben entgegen, 
das wir als den verfeinerten Selbsterhaltungstrieb bezeichneten. 

Diesen Einfluss der Entstehung von Bedürfnissen und Wünschen 
auf das Wohlbefinden kann ein jeder ohne Schwierigkeit an sich 
selbst beobachten. 

Nicht minder erheblich aber ist hier der Einfluss der Be- 
friedigung. Zur Erhaltung des Lebens und zur Abwehr von 
Unzufriedenheit ist, wie gleichfalls ein jeder ohne weiteres zu 
beobachten vermag, die Befriedigung von Bedürfnissen und Wünschen 
in mehr oder minder weitgehendem Masse erforderlich. 

Dabei darf die Befriedigung nicht in dem vorerwähnten Sinne 
schädlich sein, dass sie eine überwiegende befriedigungslose Be- 
dürftigkeit im Gefolge hat. Es kommt hier auf die nützliche 
Befriedigung an, die dem Glücklichsein, dem Lebensglück in über- 
wiegendem Masse Vorschub leistet. 

Nützlich wirkt die Befriedigung — auch die nur erhoffte 
Befriedigung — schon dadurch, dass sie die schädliche Wirkung 
von Bedürfnissen und Wünschen verhindert; sie trägt zu unserem 
Wohlbefinden bei, indem sie uns davor bewahrt, dass das betreffende 
Begehren uns unglücklich macht. 

In der Lichtung unseres Selbsterhaltungstriebes und unseres 
Zufriedenheitsstrebens stossen wir also auf die Thatsache, dass die 
Entstehung von möglichst wenigen schädlichen Bedürf- 
nissen und Wünschen und das Vorhandensein von möglichst 
viel nützlicher Befriedigung zweckmässig, den hier für uns 
massgeblichen Lebenszwecken der Gesellschaftsteilhaber angemessen ist. 

Da ist nun aber zu bemerken, dass die fragliche Schädlichkeit 
und Nützlichkeit nicht etwas ein- für allemal Feststehendes, vielmehr 
etwas Relatives ist. Ein Wunsch, der in dem einen Falle schädlich 
ist, bewährt in einem anderen Falle vielfach die entgegengesetzte 
Eigenschaft; die gleiche Befriedigung ist bald nützlich, bald nutzlos, 
bald schädlich. 


14 


Das Vorhandensein und der Grad jener Schädlichkeit und 
Nützlichkeit ist abhängig von den im Einzelfalle gegebenen Voraus- 
setzungen. Diese Voraussetzungen aber, die für das Dasein und 
das Glücklichsein entscheidenden Bedingungen gestalten sich in den 
Einzelfällen, aus denen sich das Lehen der Gesellschaftsteilhaber 
zusammensetzt, ausserordentlich mannigfaltig und wechselvoll. 

Da spielt schon die verschiedene Individualität der Beteiligten 
eine grosse Rolle. Dem einen frommt und bekommt dieses, dem 
anderen jenes Wünschen und Gemessen. Diese Mannigfaltigkeit 
ist schon in der Differenzierung begründet, die sich in der menschlichen 
Gesellschaft vollzieht. Die Leistungsfähigkeit dieser Gesellschaft, 
ihre Fähigkeit, individuelle Bedürfnisse zu befriedigen, beruht mit 
darauf, dass ihre Teilhaber an Eigenschaften verschieden sind, 
einander mit ihrer verschiedenen Eigenart ergänzen, so dass sie mit 
einander solcherweise ein höheres Können entfalten, als es bei 
geringerer Differenzierung der Fall sein würde. Der Zweckmässig- 
keitsfortschritt der geselligen Individuen vollzieht sich mit im Wege 
der Ausbildung, der Vervollkommnung der Ergänzungsfähigkeit. 
In diesem Sinne will die menschliche Gesellschaft von dem tierischen 
Zusammenleben und manche heutige Gesellschaft von derjenigen 
früherer Entwickelungsstufen als etwas Fortgeschrittenes, etwas Anders- 
geartetes unterschieden sein. Die fragliche Differenzierung aber 
bringt auch eine entsprechende Verschiedenheit dessen mit sich, was 
für den einzelnen an Wünschen und Geniessen schädlich und nützlich 
ist. Was beispielsweise einem Grobschmied frommt, schickt sich 
noch nicht für einen Schneider. 

Aber nicht nur die Individualität der Beteiligten spielt unter 
den erwähnten wesentlichen Voraussetzungen der Einzelfälle eine 
Rolle. Zahllose andere Besonderheiten fallen hier ins Gewicht, wie 
ein jeder es täglich beobachten kann. Die jeweilige Lage des 
einzelnen ist von entscheidender Bedeutung dafür, ob ein bestimmter 
Wunsch schädlich, eine bestimmte Befriedigung nützlich ist. In 
gesunden und in kranken Tagen, in der Jugend, in den Mannesjahren 
und im Greisenalter, bei Sonnenschein und bei Regenwetter, im 
Sommer und zur Winterszeit stellen sich in dieser Beziehung un- 
zählige Verschiedenheiten heraus. 

Es will somit, wo von der Schädlichkeit und der Nützlichkeit 
des Wünschens einerseits und der Befriedigung andererseits die Rede 
ist, individualisiert, die Gesamtnatur des Einzelfalles — auch die 
Sonderart desselben — berücksichtigt sein. Die Natur, die Wirk- 
lichkeit ist etwas sich Änderndes und mit ihr ändern sich ihre 
Gebote, ändern sich die individuellen Existenzbedingungen und 
Glückserfordernisse, die sie mit sich bringt. 

Zweckmässig im Sinne des Wohlergehens der Gesellschaftsteil- 


15 


haber erscheint es hiernach also, dass in der Gesellschaft möglichst 
wenig relativ schädliche Bedürfnisse und Wünsche zur Entstehung 
gelangen und möglichst viel relativ nützliche Befriedigung sich 
einstellt. Ein der Individualität, der Lage, dem Interesse des 
Einzelnen angemessenes Wünschen und Geniessen kommt hier als 
Ziel, als summum bonum, in Betracht. In dieser Bichtung wird 
dasjenige wirken müssen, was den Zwecken der in ihren Erfordernissen 
veränderlichen salus publica dient, in dieser Richtung werden wir 
bei unseren Erwägungen das Zweckmässige zu suchen haben. 

Wie weit das Wünschen und Geniessen des einzelnen 
jenen Anforderungen entspricht, das nun hängt mit von 
dem Einfluss ab, den die Mitmenschen auf den Betreffenden 
ausüben. Ein jeder ist, was Inhalt und Qualität seiner Bedürfnisse 
und Wünsche einerseits und seiner Befriedigung andererseits betrilft, 
täglich von anderen abhängig; dieser Einfluss, diese Mitwirkung 
anderer ist für ihn bei der Gestaltung seines Wollens und Könnens 
sogar von höchster Bedeutung. 

Die Vorstellungen und Wünsche dessen, der in eine Ge- 
sellschaft hineingeboren ist, entwickeln sich unter der erzieherischen 
Beeinflussung, die — bewusst oder unbewusst — vom ersten Lebens- 
tage an die ihn umgebenden Menschen ausüben. Die Mitmenschen 
können unser Wünschen klären, können uns verstehen lehren, was 
für uns Gift ist, können es bewirken, dass ein nachteiliges Wollen 
uns fern bleibt, sie können aber auch schädliche Wünsche in uns 
entstehen lassen, unser Wollen irreleiten. Nicht zum wenigsten 
auch ist unsere jeweilige Lage, die bestimmte Bedürfnisse mit sich 
bringt, von dem Wollen und Können anderer abhängig; diese anderen 
vermögen uns z. B. in eine Lage zu versetzen, in der wir es mit zahl- 
reichen befriedigungslosen Bedürfnissen zu thun haben, vermögen in 
solcher Weise unser Glück und selbst unsere Existenz zu vernichten. 

Nicht minder ist die andere Thatsache, ob wir die rechte, die 
relativ nützliche Befriedigung finden, offenbar täglich von der 
Art und Weise abhängig, in der bestimmte Mitmenschen sich gegen 
uns verhalten. Ein jeder ist vom ersten Tage an darauf angewiesen, 
dass andere in bestimmter Weise zu seiner Befriedigung beitragen; 
geschieht dies nicht, so überlebt er den ersten Tag seines Erden - 
daseins nicht. Auch im späteren Leben tritt diese Abhängigkeit 
alle Tage hervor. Blicken wir in irgend einem Augenblicke um 
uns! Tausendfältig tritt in dem, was jeweils unserem Wohlbefinden 
als Grundlage dient, die Mitwirkung anderer — Verstorbener und 
noch Lebender — zu Tage. 

Von dieser Abhängigkeit der Qualität seines Wünschens und 
seines Geniessens kann sich ein jeder durch eigenes Nachdenken 
leicht überzeugen. 


16 


Wenn aber die Gestaltung der Bedürfnisse und Wünsche einer- 
seits und der Befriedigung andererseits solcherweise von dem Wollen 
und Können anderer abhängig ist, so besteht damit auch für das Dasein 
und das Glücklichsein des einzelnen, für die Thatsache, dass der 
Betreffende mit möglichst wenig schädlichen Bedürfnissen und Wünschen 
behaftet ist und möglichst viel nützliche Befriedigung geniesst, eine 
gleiche Abhängigkeit. Es zeigt sich, dass das Lebensglück 
des einzelnen, die Erfüllung seiner Lebenszwecke mit ab- 
hängt von der Qualität der Gesellschaft, an welcher der 
Betreffende teil hat. Auf letzteren lässt sich das Wort anwenden: 
Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wie es um 
dein Glück bestellt ist. 

In gutem wie in schlechtem Sinne kann die Gesellschaft, das 
Zusammenleben mit anderen das Dasein und die Zufriedenheit der 
Individuen beeinflussen. In sehr verschiedener Weise — zwischen 
den Extremen des Himmels und der Hölle auf Erden — ist die in 
Frage kommende Gesellschaftsqualität möglich. 

In der guten, der nützlichen Gesellschaft bleibt der einzelne 
von befriedigungsloser Bedürftigkeit möglichst verschont. Da ist ihm 
Zufriedenheit, Lebensfreude in reichem Masse beschieden, besitzt das 
Leben für ihn hohen Wert; er kann in Ruhe und Frieden seines 
Daseins sich freuen. Da erfüllt sich das Wort, dass Friede herrschen 
und es den Menschen wohl gefallen soll auf Erden. Da dürfen wir 
ruhig, ohne Enttäuschung besorgen zu müssen, Optimisten sein. 

Eine solche Gesellschaft, in der das Wohlbefinden zu Hause ist, 
ist an sich in beträchtlicher Vollkommenheit denkbar. Die Gesell- 
schaftsentwickelung kann in dieser Beziehung weitgehenden An- 
forderungen genügen; in hohem Masse vermögen unter Umständen, 
die nach menschlicher Erfahrung möglich erscheinen, die socialen 
Vorbedingungen, die gesellschaftlichen Voraussetzungen der indivi- 
duellen Zufriedenheit zur Erfüllung zu gelangen, können die Menschen 
einander zum Glücklichwerden dienlich sein. Es zeigt sich insofern, 
dass die Gesellschaftsteilhaber an sich in nicht geringem Umfange 
zum Glücklichsein, zur Lebensfreude berufen sind, dass aber die 
Erfüllung dieses Lebensberufs bedingt ist durch die Qualität der 
Gesellschaft, an welcher die einzelnen Anteil haben. 

In der schlechten Gesellschaft überkommt den einzelnen be- 
friedigungslose Bedürftigkeit, verbittert und entwertet ihm Unzufrieden- 
heit das Leben. Da herrscht etwa ein bellum omnium contra omnes, ein 
Krieg aller gegen alle, der niemanden in Ruhe und Frieden seines 
Daseins froh werden lässt. Da nistet sich Freudlosigkeit, Hoffnungs- 
mangel, Pessimismus ein. Da ist am Ende, wo die Mitmenschen 
das Wünschen und Geniessen nicht in wahrhaft nützlicher Weise 
gestalten, vielmehr ein schädliches Können und Wollen offenbaren, 


17 


auch der Millionär ein armes, unglückliches Menschenkind. Der 
Geldbesitz als Anwartschaft auf die Dienste anderer ist entwertet, 
ist beglückungsunfähig, wenn diese anderen der Nützlichkeit für unser 
Wünschen und Geniessen ermangeln, nutzarm und schädlich uns 
gegenüberstehen. 

In solcher Gesellschaft bleibt der Glücksberuf der Beteiligten 
unerfüllt. Die Ursache des Glücksmangels aber erweist sich hier als 
eine sociale, ist gegeben in der Qualität der Gesellschaft. 

So erscheint denn das Vorhandensein einer das individuelle 
Wünschen und Geniessen nützlich beeinflussenden Gesellschaft, einer 
dementsprechenden Nützlichkeit der Gesellschaf tsteilhaber füreinander 
als etwas Zweckmässiges und will als solches dort, wo wir die in- 
dividuellen Lebenszwecke bei unserer Untersuchungsmethode zum 
Massstab nehmen, beachtet sein. An der Nützlichkeit der Ge- 
sellschaft ist ein jeder interessiert, von ihr sind alle — auch 
der nüchterne Geschäftsmann und die praktische Hausfrau — mit 
ihrem Lebensglück, mit der Erfüllung ihrer Lebenszwecke abhängig; 
ohne Berücksichtigung der Gesellschaftsqualität vermag keiner ein 
guter Egoist zu sein, schlägt eines jeden Glücksrechnung fehl. 

Diese Thatsache kann sich ein jeder bei einiger Lebensbeobach- 
tung und einigem Nachdenken unschwer klar machen. 

Die erforderliche Nützlichkeit der Gesellschaft ist gleichbedeutend 
mit einem bestimmten Wert der Gesellschaftsteilhaber für 
einander. Dieser Wert beruht auf der Eigenart der Persön- 
lichkeiten und auf der Art ihres Zusammenlebens. Die Ge- 
sellschaftsteilhaber müssen nutzfähig und nutzwillig sein, ihr Können 
und ihr Wollen muss insofern den Voraussetzungen angepasst sein, 
von denen in den Einzelfällen abhängt, was nützlich ist. Ausser 
den persönlichen Eigenschaften aber fällt die Art und Weise ins 
Gewicht, in der die Individuen Zusammenleben; Nützlichkeit und 
Menschen wert ist nur gegeben, wenn diejenigen Persönlichkeiten in 
Lebensgemeinschaft miteinander stehen, die einander mit ihren be- 
sonderen Eigenschaften zur nützlichen Gestaltung ihres Wünschens 
und Geniessens dienlich zu sein vermögen. Nicht auf das Vorhanden- 
sein bestimmter persönlicher Eigenschaften allein, sondern auch auf 
das Vorhandensein bestimmter socialer Beziehung des einzelnen, einer 
bestimmten Gruppierung des Zusammenlebens also kommt es an, 
wenn die Gesellschaft in dem erwähnten Sinne nützlich sein, den 
einzelnen vor relativ schädlichen Bedürfnissen und Wünschen be- 
wahren und ihn mit relativ nützlicher Befriedigung beglücken soll. 

Die erforderliche Nützlichkeit der Gesellschaft nun zeichnet sich 
durch gewisse Eigentümlichkeiten aus, die bei der Zweckmässig- 
keitsbetrachtung beachtet sein wollen. 

Zunächst erweist sie sich als etwas ausserordentlich Vielseitiges 

Bischoff, Echte und falsche Gerechtigkeit. 2 


18 


Wo die Gesellschaft für die einzelnen den rechten Wert bewährt, da 
handelt es sich um sehr mannigfaltiges Können und Wollen der 
Gesellschaftsteilhaber. Eigenschaften aller Art kommen hier als Be- 
standteile des Wertes, den die Genossen füreinander besitzen, zur 
Geltung. 

So spielt beispielsweise für den einzelnen die Gesundheit be- 
stimmter Mitmenschen eine Rolle. Nicht minder besitzt für uns die 
Arbeitsamkeit anderer Wert. Ebenso ist die Intelligenz der Mit- 
menschen, ihre Weisheit, ihre salomonische Gerechtigkeit und ähn- 
liches wertvoll; in einer Gesellschaft von Schildbürgern ist es um 
die Vorbedingungen unseres Daseins und unserer Zufriedenheit in 
vieler Hinsicht schlecht bestellt. Auch die Fähigkeit anderer, uns 
mit ihrer Eigenart zu ergänzen, ist für unsere Lebenszwecke wichtig; 
in einer Gesellschaft von Schablonenwesen, die alle die gleiche Eigenart 
wie wir selbst besitzen und deshalb nicht das bieten, was uns an 
nützlichen Eigenschaften abgeht, kann das Wohlbefinden nicht ge- 
deihen, so z. B. nicht in einer Gesellschaft, in der die Weiber zu 
Mannweibern geworden sind, ihre beglückende Ergänzungsfähigkeit 
verloren haben. Nicht zum wenigsten ferner ist eine gewisse Gut- 
willigkeit anderer für uns notwendig; insofern besitzt die Zufrieden- 
heit der Mitmenschen für uns Bedeutung, in einer Gesellschaft von 
Desperados, von Verzweifelten können wir auch unsererseits auf 
echtes Lebensglück nicht rechnen. In diesem Sinne bewahrheitet 
sich das Wort des Euripides: der einzelne könne nur in einem glück- 
lichen Staate wahrhaft glücklich sein. Schon die Friedlichkeit in 
der Gesellschaft fällt für das Wohlbefinden erheblich ins Gewicht. 
Wie wichtig ist es weiter für den einzelnen, dass er bei seinem Zu- 
sammenleben mit anderen gewisse Eigenschaften findet, auf die es 
zurückzuführen ist, wenn ein gesundes Familienleben zu unserem 
Wohlbefinden so ausserordentlich viel beizutragen vermag. Diese fa- 
miliäre Eigenart, von der „Mutterliebe zarten Sorgen“ an bis zur 
Brüderlichkeit, zur Freundschaft und zu dem Nutzen eines echten 
Vaterlandes, spielt bei der Nützlichkeit, die der einzelne bei der ihn- 
umgebenden Gesellschaft finden muss, eine grosse Rolle. Auch die 
Individualitätskenntnis, die Vertrautheit mit seiner Persönlichkeit und 
seiner Lage ist dabei als nützliche Eigenschaft von grosser Erheb- 
lichkeit. 

Dass diese beispielsweise erwähnten und viele andere Eigen- 
schaften für das Wohlbefinden entscheidend sein können und deshalb 
in einer Gesellschaft, wenn sie wahrhaft nützlich sein soll, sich vor- 
finden müssen, davon kann ein jeder im eigenen Beobachtungskreise 
sich leicht überzeugen. Jene vielseitige Nützlichkeit der Gesellschaft 
kommt uns nicht immer ohne weiteres zum Bewusstsein; wir sind an 
das Vorhandensein mancher von jenen Eigenschaften so gewöhnt, 


19 


dass wir über dieselben als über etwas selbstverständlich Vorhandenes 
hinwegsehen, und beschäftigen uns mit der betreffenden Seite der 
Nützlichkeit der Gesellschaft erst, wenn wir plötzlich gewahren, dass 
sie fehlt. 

Wenn nun über die Notwendigkeit einer vielseitigen Gesell- 
schaftsqualifikation kein Zweifel bestehen kann, so ist klar, dass, 
wenn die Nützlichkeit des unter den Gesellschaftsteilhabern vertretenen 
Könnens und Wollens eine nur einseitige ist, Nutzarmut in der Ge- 
sellschaft herrscht, das Zusammenleben der erforderlichen Nützlichkeit 
ermangelt. 

So würde es z. B. in einer Gesellschaft, die lediglich die nütz- 
lichen Eigenschaften einer Produktionsgemeinschaft, eines Waren- 
erzeugungsverbandes aufwiese, in der das individuelle Können und 
Wollen lediglich auf die Befriedigung gewisser mit Waren zu stillender 
Bedürfnisse und Wünsche zugeschnitten wäre, um das Glücklich- 
werden der beteiligten Persönlichkeiten schlecht bestellt sein. Da 
würde, wo die erwähnten familiären und sonstigen neben der Pro- 
duktionsfähigkeit in Betracht kommenden nützlichen Eigenschaften 
fehlten, wo etwa ein Krieg aller gegen alle herrschte und der einzelne 
der Brüderlichkeit, der Freundschaft, des echten Vaterlandes und 
ähnlicher Werte entbehren müsste, trotz einer glänzenden Warenfülle 
keine Zufriedenheit unter den Menschen wohnen. Da wäre der 
einzelne mit seinem Glück schädlichen Bedürfnissen und Wünschen 
preisgegeben, da müsste er tausendfältig die wahrhaft nützliche Be- 
friedigung entbehren, da besässe das Leben für ihn trotz reichlicher 
„materieller“ Genüsse nur einen geringen Wert oder überhaupt keinen 
Wert mehr. 

Aber nicht nur jene Vielseitigkeit ist der erforderlichen Nütz- 
lichkeit der Gesellschaft eigentümlich. Das Nützliche, das hier eine 
Rolle spielt, zeichnet sich ferner aus durch Relativität, besitzt die 
Eigenschaft, dass es nicht losgelöst von den jeweils gegebenen Voraus- 
setzungen vorhanden, vielmehr abhängig ist von dieser Natur des 
Einzelfalles. 

Wie die Schädlichkeit eines bestimmten Bedürfens oder Wün- 
schens und die Nützlichkeit einer bestimmten Befriedigung als etwas 
durch die im Einzelfall vorliegenden Voraussetzungen Bedingtes er- 
kannt wurde, so ist die gleiche Relativität, die gleiche Bedingtheit 
auch bei der Nützlichkeit eines bestimmten Könnens und Wollens 
zu beobachten. Bald ist der bestimmte Inhalt, den das Können und 
Wollen eines Menschen besitzt, für andere nützlich, bald entbehrt er 
der Nützlichkeit. Die Voraussetzungen, von denen die glücksdien- 
liche Wirkung der bestimmten menschlichen Eigenart abhängt, sind 
in den Einzelfällen, aus denen sich das sociale Leben zusammensetzt, 
bald gegeben, bald fehlen sie. Da spielt insbesondere die Individualität 

2 * 


20 


der Beteiligten eine Rolle. Für den einen ist ein bestimmtes Können 
und Wollen anderer zur Mehrung der Zufriedenheit dienlich, für 
einen anderen ist das Gleiche bedeutungslos. Hier bewährt sich, 
was die Nützlichkeit der Gesellschaft anbetrifft, das Wort: eines 
schickt sich nicht für alle. Auch die jeweilige Lage des einzelnen 
ist eine jener Voraussetzungen, von denen es abhängt, ob ein be- 
stimmtes Können und Wollen bestimmter Mitmenschen nützlich ist 
oder nicht. Nicht nur nicht für alle, sondern auch für einunddenselben 
nicht zu allen Zeiten, an allen Orten, unter allen Umständen schickt 
sich also die gleiche Eigenart anderer, die gleiche Gesellschafts - 
qualität. 

Von Allerweltsnützlichkeit kann hier nicht die Rede sein. Den 
Gesellschaftsteilhabern müssen nicht nur sehr vielseitige, sondern auch 
in den verschiedenen Fällen verschiedene Eigenschaften der 
Gesellschaft zu gute kommen. In solcher Weise tritt die Relativität 
der erforderlichen Nützlichkeit zu Tage. 

Weiter aber findet sich bei der erforderlichen Gesellschafts - 
qualität die Eigentümlichkeit, dass das Nützliche, um das es sich 
hier jeweils handelt, in der Hauptsache etwas nur vereinzelt, nur 
sporadisch Gegebenes ist. Der bestimmte Inhalt des Könnens 
und Wollens, dessen es im Einzelfalle bedarf, ist zumeist nur in 
wenigen, nicht aber in zahlreichen Fällen nützlich. Genau so, wie 
es in dem einen Falle angebracht ist, ist es sogar regelmässig in 
keinem zweiten Falle von Nutzen. 

Die Voraussetzungen dafür, dass etwas eine bestimmte Nützlich- 
keit bewährt, kommen in der Hauptsache nur vereinzelt vor; das 
für das Vorhandensein und den Grad der Nützlichkeit entscheidende 
Interesse tritt in seiner Eigenart nur sporadisch zu Tage. Der 
Einzelfall, auf dessen Natur das Können und Wollen zugeschnitten 
sein muss, um einen bestimmten Nutzen zu gewähren, hat im all- 
gemeinen keinen Doppelgänger. Regelmässig sprechen hier Besonder- 
heiten und Abweichungen mit, regelmässig sind Umstände vorhanden, 
die den Fall ändern. 

Von einem allgemeinen oder klassenmässigen Vorhandensein 
der Nützlichkeitsvoraussetzungen dürfen wir sonach in der Haupt- 
sache nicht ausgehen; das massgebliche Interesse tritt nicht massen- 
weise auf. Einer Vervielfältigung ist demgemäss das in einem Falle 
Nützliche, wenn es diese Eigenschaft behalten soll, regelmässig nicht 
fähig. Was einer in einem gegebenen Augenblicke an Nützlichkeit 
anderer vorfinden muss, genau das Gleiche, genau derselbe Inhalt 
des Könnens und Wollens hat nicht für viele, hat nicht für grosse 
Gruppen von Individuen das gleiche Interesse, die gleiche Bedeutung. 
Dasjenige z. B., was eine bestimmte Frau einem bestimmten Manne, 
zu dem sie passt, den sie mit ihrer Eigenart richtig ergänzt und 


21 


mit dem sie seit langem in inniger Lebensgemeinschaft steht, zum 
Glücklichsein beizutragen vermag, dieses Wertvolle ist ihr nicht 
gegenüber vielen, sondern in dem gegebenen Augenblicke nur gegen- 
über dem einzigen eigen. Die Nützlichkeit, der Wert des betreffenden 
Inhalts ihres Könnens und Wollens existiert nicht für eine Vielzahl 
von Fällen, an denen etwa die verschiedensten Persönlichkeiten be- 
teiligt sind. Und wie es mit jener Nützlichkeit einer bestimmten 
Frau für einen bestimmten Mann in einem bestimmten Falle sich 
verhält, so ist es überhaupt der Regel nach um die Nützlichkeit 
menschlicher Eigenart bestellt; diese Nützlichkeit existiert in der 
bestimmten Weise nur für wenige, nicht für viele' Fälle und 
Menschen. 

Noch in einem anderen Sinne ist die für den einzelnen um 
seiner Zufriedenheit willen erforderliche Nützlichkeit der Gesellschaft, 
das nützliche Können und Wollen der Gesellschaftsteilhaber etwas 
nur sporadisch Vorhandenes. Nicht nur für wenige, sondern auch 
bei wenigen ist regelmässig das im Einzelfalle Nützliche als solches 
vorhanden. Dieses Nützliche kommt im allgemeinen nicht als 
Eigenschaft vieler, sondern nur als Eigenschaft weniger 
in Betracht. 

Der einzelne Gesellschaftsteilhaber kann immer nur — und 
wenn er auch der Tüchtigsten einer wäre — Träger eines winzigen 
Teiles der Nützlichkeit, des Könnens und Wollens sein, dessen es 
in einer grösseren Gesellschaft bei den beteiligten verschiedenen 
Persönlichkeiten zur Abwehr von Unzufriedenheit, zur Mehrung des 
Lebensglückes bedarf. Damit die Gesellschaft die erforderliche Nütz- 
lichkeit für diese einzelnen bewährt, müssen ihre Teilhaber eine ver- 
schiedene Eigenart besitzen, muss der eine dieses, der andere jenes 
Können und Wollen zum Gesellschaftsnutzen beisteuern; nur bei 
solcher Verschiedenheit und Ergänzung kann von einer wirklichen 
Nützlichkeit des Zusammenlebens die Rede sein. 

Die für den einzelnen jeweils nützliche Eigenart anderer kann 
sonach nicht sämtlichen Gesellschaftsteilhabern, auch nicht sämtlichen 
Gliedern grosser Menschenklassen anhaften. Sie ist in der Haupt- 
sache eines solchen Massendaseins unfähig; nur bei diesem oder jenem 
bestimmten Mitmenschen ist dasjenige Können und Wollen möglich, 
dessen wir in einem bestimmten Falle bedürfen, alle die übrigen 
Gesellschaftsteilhaber kommen dabei für uns mit ihrer Eigenart gar 
nicht in Frage, können gar nicht Träger der betreffenden uns gerade 
interessierenden Nutzfähigkeit und Nutz Willigkeit sein. Was uns 
z. B. ein bestimmter Mensch, der als unser Bruder in der gleichen 
Familie mit uns aufge wachsen ist, der mehr als irgend ein anderer 
uns kennt und mehr wie jeder andere Interessen mit uns gemein 
hat, sein kann, die besondere Nützlichkeit, die wir bei diesem einen 


22 


finden, ist nicht gleicherweise bei grossen Menschenklassen möglich; 
die Mitglieder einer solchen Klasse können nicht derjenigen Eigenart 
teilhaftig sein, die unserem Ich jenen Bruder in einem bestimmten 
Falle nützlich macht. Und wie es mit den Brudereigenschaften sich 
verhält, so ist es nicht anders mit der sonstigen Nützlichkeit des 
Könnens und Wollens anderer; wir finden dasjenige, was unserer Indivi- 
dualität und unserer Lage angemessen ist, regelmässig in der Eigenart 
nur vereinzelter Mitmenschen, oft nur in derjenigen eines einzigen vor. 

Daraus ergiebt sich, dass das Nützliche, das die Gesellschaft 
den an ihr beteiligten Persönlichkeiten gegenüber bewähren muss, 
etwas äusserst Mannigfaltiges und Wandelbares ist entsprechend der 
sonderartsreichen Natur der Einzelfälle, aus denen sich das sociale 
Leben zusammensetzt. Nur vereinzelt vorkommende Interessen 
und nur vereinzelt vorkommende Eigenschaften, nicht 
Klasseninteressen und Klasseneigenschaften spielen hier bei 
unserer täglichen Lebensführung in der Hauptsache eine Bolle. 
Gleichförmigkeit und Stabilität des Könnens und Wollens kommt bei 
jener Nützlichkeit im wesentlichen nicht in Frage. Wo in einer Ge- 
sellschaft eine solche Gleichförmigkeit und eine solche Unwandelbar - 
keit der Eigenart der Beteiligten und ihres Könnens und Wollens 
vorherrscht, da ist Nutzarmut vorhanden. Wo etwa dieses Können 
und Wollen auf sogenannte Durchschnittsfälle zugeschnitten ist, da 
fehlt es in den meisten Fällen an wirklicher Nützlichkeit, denn letztere 
ist, wie wir gesehen haben, mit von der nur vereinzelt gegebenen 
Sonder art des Einzelfalles abhängig. Und w t o bei den Gesellschafts - 
teilhabern nur diejenige Nützlichkeit vertreten ist, die gleichzeitig 
bei vielen vorhanden sein kann, als Klasseneigenschaft in Betracht 
kommt, da ist der weitaus grösste Teil desjenigen Könnens und 
Wollens, dessen die einzelnen Persönlichkeiten zum Glücklich werden 
bedürfen, in der Gesellschaft nicht vorhanden, denn diese erforder- 
liche Nützlichkeit ist, wie wir bemerkten, des Massendaseins unfähig. 
In einer solchen Gesellschaft ist nicht dasjenige geboten, was dem 
einzelnen zu einem relativ nützlichen Wünschen und Gemessen ver- 
hilft, da sind vielmehr die Voraussetzungen der Glücksarmut erfüllt. 

Nach alledem kann es also nicht zweifelhaft sein, dass bei der 
erforderlichen Nützlichkeit der Gesellschaft Eigenschaften, die nur 
für wenige Fälle und nur bei wenigen Menschen in Betracht kommen, 
eine entscheidende Bolle spielen. Von dieser Thatsache vermag ein 
jeder, der unbefangen beobachtet und zum Nachdenken sich Zeit 
nimmt, sich ohne weiteres zu überzeugen. Trotzdem wird dieselbe, 
wie später im einzelnen anzuführen sein wird, in der Theorie mannig- 
fach unbeachtet gelassen. 

Soviel über die Eigentümlichkeiten der zweckmässigen 
Gesellschaftsqualität, auf die wir bei unserem Versuch, die zw T eck- 


23 


massige Persönlichkeitsbehandlung uns klar zu machen, Rücksicht zu 
nehmen haben. 

Dass die Qualität der Gesellschaft, die Nützlichkeit der zu- 
sammenlebenden Menschen füreinander durch die vorerwähnten Eigen- 
tümlichkeiten sich auszeichnet, ist für die Lebenszwecke der beteiligten 
Persönlichkeiten, für das Dasein und das Glücklichsein der letzteren 
von Bedeutung. Es gilt hier von dem Vorhandensein dieser Eigen- 
tümlichkeiten dasselbe, was wir oben von dem Einfluss einer guten 
Gesellschaft im allgemeinen gesagt haben. Die soeben gekenn- 
zeichnete Eigenart der Gesellschaft ist erforderlich, damit die einzelnen 
vor relativ schädlichen Bedürfnissen und Wünschen bewahrt bleiben, 
dagegen relativ nützlicher Befriedigung teilhaftig werden. Es be- 
darf einer derartig qualifizierten Gesellschaft zur Abwehr 
von Unzufriedenheit, zur Sicherstellung der Zufriedenheit 
und des Lebenswertes. 

Diese Bedeutung der geschilderten Nützlichkeit der Gesell- 
schaft für die individuellen Lebenszwecke, für die Zufriedenheit der 
Beteiligten ist nicht unter allen Umständen gleich gross. Das 
Fehlen jener Nützlichkeit, der Mangel an der betreffenden Eigenart 
der Persönlichkeiten und des Zusammenlebens hat in der einen Zeit 
mehr, in der anderen weniger Unzufriedenheit und Lebensentwertung 
in der Gesellschaft zur Folge. Zur Sicherung eines bestimmten Grades 
von Zufriedenheit bedarf es bald in höherem, bald in geringerem 
Masse jener rechten Gesellschaftsqualität. 

Dieser Unterschied hängt damit zusammen, dass die Unzufrieden- 
heit je nach den gegebenen Lebensbedingungen in verschiedenem 
Masse in der Gesellschaft Boden findet, die Sicherung der Zufrieden- 
heit unter den einen Lebensbedingungen weniger, unter den anderen 
mehr erfordert. Unzufriedenheit entsteht, wenn Bedürfnisse und 
Wünsche vorhanden sind, für die es an Befriedigung fehlt und deren 
Befriedigung auch nicht in einer nahen oder fernen Zukunft erhofft 
wird. Je weniger Bedürfnisse und Wünsche vorhanden sind und je 
mehr Hoffnung gegeben ist, desto geringer ist also unter im übrigen 
gleichen Voraussetzungen die Gefahr, dass sich Unzufriedenheit in 
der Gesellschaft entwickelt, desto weniger ist zur Sicherung der Zu- 
friedenheit und des Lebenswertes erforderlich. In dieser Hinsicht 
aber kommen in den menschlichen Gesellschaften sehr verschiedene 
Zufriedenheitsvoraussetzungen in Betracht; um die Beschränkt- 
heit der Bedürfnisse und Wünsche und um den Reichtum an Hoff- 
nung ist es hier sehr verschieden bestellt. Dieser Verschiedenheit 
entspricht es dann, dass in dem einen Falle mehr, in dem anderen 
weniger die Entwickelung von Unzufriedenheit in Frage kommt und 
die rechte Gesellschaftsqualität als Mittel zur Abwehr solcher Un- 
zufriedenheit für die Lebenszwecke der Beteiligten Bedeutung besitzt. 


24 


In einer Zeit des Köhlerglaubens z. B. kommt es weniger 
auf jene Nützlichkeit der Gesellschaft an, werden geringere Anfor- 
derungen an die Gesellschaftsqualität gestellt; hier bleiben die Be- 
teiligten von Unzufriedenheit in beträchtlichem Umfange auch dann 
verschont, wenn die Qualität der Gesellschaft recht weit von dem 
gekennzeichneten Ideal entfernt ist. In einer solchen Zeit sind eben 
in verhältnismässig geringem Masse die Vorbedingungen der Un- 
zufriedenheitsentwickelung gegeben; Bedürfnisarmut und Hoffnungs- 
reichtum lassen die Zufriedenheit hier weniger in Gefahr geraten. 

Diese Zeit kennzeichnet sich als eine Zeit der Verkehrsarmut, 
wie denn ja die Köhler in ihrer Waldeseinsamkeit ein Muster ver- 
kehrsarmer Lebensführung abgaben. Die Verkehrsmittel sind hier 
verhältnismässig wenig entwickelt, nicht trägt hier Dampfkraft, 
Elektrizität und ähnliches zur Überwindung trennender Zwischen- 
räume bei, die Kunst des Lesens und Schreibens ist sparsamer ver- 
treten, Zeitungslektüre spielt eine geringe Bolle u. s. w. Da findet 
also ein verhältnismässig geringer Gedankenaustausch statt, da bleibt 
einer in erheblichem Masse von Erfahrungen aller Art verschont, 
die eine leichte Verkehrsgelegenheit und reichlicher Gedanken- 
austausch mit sich bringt. Das hat zur Folge, dass sich die Wünsche 
beschränkter erhalten. Der einzelne lernt weniger die unmittelbar 
oder mittelbar gegebenen Genussmöglichkeiten — auch solche, deren 
Benutzung unschädlich wäre, — kennen und wird durch sie in 
seiner Behaglichkeit nicht gestört; was er nicht weiss, macht ihn 
nicht heiss. Auch der Wunsch, von ungerechter Behandlung frei 
zu werden, den gerechten Anteil an den in der Gesellschaft vor- 
handenen Werten zu erhalten, kommt bei derartigen Verkehrsverhält- 
nissen weniger leicht zur Entwickelung. Infolge solcher Wunsch - 
beschränktheit ist hier also die Zufriedenheit in geringerem Masse 
exponiert, die Gefahr der Unzufriedenheit weniger gross. 

Andererseits kommt in einer solchen Zeit ein verhältnismässig 
grosser Hoffnungsreichtum in Frage. Es findet hier ein Hoffen 
auf eine ferne, unkontrolierbare , der menschlichen Erfahrung un- 
zugängliche Zukunft Boden. Auf Grund der Gewöhnung oder sonstiger 
hypnotisierender Beeinflussung vermag hier bei dem einzelnen die 
Vorstellung zu wirken, dass diese — vielleicht jenseits des Todes 
gelegene — Zukunft reiche Befriedigung der Bedürfnisse und Wünsche 
bringen wird. Bei der Verkehrsarmut stören keine enttäuschenden 
Eindrücke diesen Bewusstseinszustand, ficht kein Zweifel jene gläubige 
Hoffnung an. Wo man wenig Erfahrungen macht, in einem sehr 
beschränkten Gedankenaustausch steht, da ist der Boden für ein der- 
artiges unbeirrtes Hoffen, für einen tröstlichen Köhlerglauben in 
hohem Masse gegeben. 

Dieses Hoffen hilft dann über eine Gegenwart hinweg, die den 


25 


vorhandenen Bedürfnissen und Wünschen keine Befriedigung bringt, 
es lässt trotz dieser momentanen Befriedigungslosigkeit keine Un- 
zufriedenheit, keine Lebensentwertung auf kommen. Auch bei der 
gegenwärtigen ungerechten Benachteiligung giebt sich hier beispiels- 
weise mancher zufrieden; hat er doch die Aussicht, später für alle 
Entbehrung und Misshandlung entschädigt zu werden. 

Diese letztere Aussicht bestimmt unter Umständen sogar zu 
einem Verzicht auf die Benutzung vorhandener an sich unschäd- 
licher Befriedigungsmöglichkeiten". Es kommt in einer solchen Zeit 
der Glaube in Betracht, dass um eines nachirdischen Glückes willen 
der einzelne irdischen Glückes entsagen müsse. Dieser Glaube be- 
schränkt dann das Wünschen, trägt zur weiteren Verringerung des 
Bedürfnisstandes bei. 

Bei einer solchen Bedürfnisarmut und einem solchen Hoffnungs- 
reichtum findet Unzufriedenheit verhältnismässig wenig Boden. Dem- 
entsprechend. ist, wie schon bemerkt, in einer Zeit des Köhlerglaubens 
jene oben gekennzeichnete Gesellschaftsqualität, die den einzelnen vor 
relativ schädlichen Bedürfnissen und Wünschen bewahrt und ihm zu 
relativ nützlicher Befriedigung verhilft, weniger notwendig, von ge- 
ringerer Bedeutung für die Lebenszwecke der Beteiligten. 

Ganz anders dagegen verhält es sich in einem „Verkehrs- 
zeitalter“, in einer Gesellschaft, in der in reichstem Masse die 
Verkehrsbeziehungen der Individuen entwickelt sind, in der Dampf- 
kraft und Elektrizität diese Beziehungen fördern, zur schnellen und 
leichten Überwindung trennender Zwischenräume erfolgreich an- 
gewendet werden, in der im Lesen und Schreiben jedermann be- 
wandert ist, in der ein jeder Zeitungen liest und überhaupt ein 
äusserst reger Gedankenaustausch stattfindet. Da kann von jenem 
Beschränktbleiben der Bedürfnisse und Wünsche nicht die Rede sein. 
Da ist nicht damit zu rechnen, dass dem einzelnen dieses und jenes 
an und für sich nützliche Wünschen vorenthalten bleibt. Auch der 
Wunsch, einer grundlosen Zurücksetzung ledig zu werden, tritt da 
hervor und lässt bei seiner Nichterfüllung den Betreffenden un- 
zufrieden werden. In einer solchen Zeit kommen viel zahlreichere 
Bedürfnisse und Wünsche — nützliche wie schädliche — für das 
Dasein und das Glücklichsein des einzelnen, für den Stand der Zu- 
friedenheit und des Lebenswertes in der Gesellschaft in Betracht. 

Andererseits aber sind in einer solchen verkehrsreichen Zeit die 
Voraussetzungen für ein gläubiges Hoffen, für eine Vertröstung auf 
eine unklare, unkontrolierbare Zukunft viel weniger gegeben, indem 
es überhaupt an den Vorbedingungen unbeirrten Glaubens immer 
mehr mangelt. Enttäuschender Erfahrungsaustausch findet hier in 
reichstem Masse statt, Zweifel pflanzen sich schnell und leicht vom 
einen zum anderen fort. Da kommt — mögen sich die Menschen 


26 


auch äusserlich nach wie vor zu dem einen oder dem anderen „Be- 
kenntnis“ halten — der tröstliche Köhlerglaube, der für die gegen- 
wärtige Nichterfüllung von Bedürfnissen und Wünschen entschädigt, 
über widerfahrenes Unrecht hinweghilft, in Fortfall. Den auf blosses 
Glauben angewiesenen, einer anderen Beweisführung unzugänglichen 
Hoffnungen, wo sie zur Entstehung gelangen, ist hier ein weniger 
dauerhaftes und weniger wirkungsvolles Dasein beschieden, sie sind 
unter solchen Verhältnissen unsicherer und beglücken nicht in gleichem 
Masse. Dementsprechend kommt hier auch das erwähnte Verzichten 
auf die Benutzung von Befriedigungsmöglichkeiten, deren der einzelne 
sich bewusst ist und deren Verwertung er für an sich unschädlich 
hält, und die dadurch bewirkte Verringerung des Bedürfnisstandes 
weniger vor. 

In einer solchen Zeit des Verkehrs also ist es um das Glücklich - 
sein der Individuen wesentlich anders bestellt. Die Gesellschafts- 
teilhaber sind hier an gläubiger Hoffnung ärmer, während 
ihr Wünschen in reicherem Masse hervortritt. Insofern liegen 
in weiterem Umfange die Voraussetzungen der Unzufriedenheit vor, 
kommt die Entwickelung der letzeren in viel höherem Masse in 
Frage. Dementsprechend werden hier an die Qualität der Gesell- 
schaft ganz andere Anforderungen gestellt, ist die geschilderte Eigenart 
der Genossen und des Zusammenlebens von weit grösserer Wichtig- 
keit. In solcher Zeit bedarf es zur Sicherung des Lebensglücks viel 
dringlicher eines Könnens und Wollens der Gesellschaftsteilhaber, 
das die oben erwähnten Eigentümlichkeiten aufweist. Es ist hier 
um unsere Zufriedenheit, um die Erfüllung unserer Daseinszwecke, 
um den Wert unseres Lebens geschehen, wenn wir nicht jene rechte 
Gesellschaft finden, ist sehr viel von jener eigenartigen Nützlichkeit 
der Mitmenschen erforderlich, wenn nicht schädliche Bedürfnisse und 
Wünsche und Mangel an der rechten Befriedigung uns des Seelen- 
friedens berauben, uns der Unzufriedenheit preisgeben sollen. 

Soviel über die — bald mehr bald minder grosse - — Be- 
deutung jener nützlichen Eigenart der an der Gesellschaft beteiligten 
Persönlichkeiten und ihres Zusammenlebens. 

Was nun aber hat die Gesellschaftsqualität, deren erforder- 
liche Eigentümlichkeiten und deren Bedeutung im voraufgehenden 
besprochen wurde, mit der uns hier beschäftigenden Frage, in wiefern 
das Wohlbefinden der an der Gesellschaft interessierten Individuen 
durch die Persönlichkeitsbehandlung berührt wird, zu thun? 

Sehr viel! Die Persönlichkeitsbehandlung berührt die 
individuellen Lebenszwecke, die Interessen der einzelnen 
durch den Einfluss, den sie auf die Gestaltung der Gesell- 
schaftsqualität, auf den Stand der Nützlichkeit oder Schäd- 
lichkeit des Zusammenlebens ausübt. Die Gesellschaftsqualität 


27 


ist ein Ergebnis der Behandlung der Gesellschaftsteilhaber. Die 
Eigenart der letzteren und die Eigenart ihrer Beziehungen richtet 
sich mit nach der in der Gesellschaft herrschenden Persönlichkeits- 
behandlung. 

Derjenige, der in die Gesellschaft hineingeboren wird, ermangelt 
noch im wesentlichen der Nützlichkeit wie der Schädlichkeit für 
seine Mitmenschen. Der Inhalt seines Könnens und Wollens, die 
Eigenart seiner Persönlichkeit entwickelt sich erst unter dem Einfluss 
der erzieherischen Behandlung, die ihm vom ersten Tage an während 
seines ganzen Lebens zu teil wird. Durch die gegenseitige er- 
zieherische Beeinflussung der Gesellschaftsteilhaber voll- 
zieht sich die Gesellschaftszüchtung, wird Wert oder Unwert der 
Beteiligten hervorgerufen. Das Ergebnis dieser Erziehung, dieser 
Kultivierung ist der Kulturstand, den eine bestimmte Gesellschaft 
zu einer bestimmten Zeit aufweist, der Stand der Nützlichkeit oder 
der Schädlichkeit, die ihre Mitglieder gegeneinander bewähren. Das 
Erziehungsergebnis, die Kultur, die bei den beteiligten Individuen 
erzielt ist, kann von sehr verschiedener Art sein; die Gesellschafts - 
erziehung kann, wie im alten Athen zur Zeit seiner höchsten Blüte, 
die Individuen dahin beeinflussen, dass sie trotz ihrer verhältnis- 
mässig geringen Zahl viel hervorragende Tüchtigkeit mannigfachster 
Art, viele geniale Menschen in ihrer Mitte auf weisen und es z. B. 
auch kriegerisch mit einem an Zahl weit überlegenen Gegner auf- 
nehmen, als Erziehungsresultat kann aber auch eine Gesellschaft zu 
Tage treten, wie wir sie etwa im heutigen Griechenland, in China 
oder in Paraguay vor Augen haben. 

Dieser erzieherische Einfluss der Persönlichkeitsbehandlung auf 
die Gestaltung der individuellen Eigenart wirkt teilweise auch im 
Wege der Vererbung fort. Nehmen wir beispielsweise den Fall, 
dass in einer Gesellschaft die Persönlichkeitsbehandlung so eingerichtet 
wird, dass die Landwirte und die Handwerker in Fabrikarbeiter 
verwandelt werden. Da kommen in der Gesellschaft ganz andere 
Eigenschaften zur Fortpflanzung, zur Vererbung; in der zweiten, 
dritten Generation sieht da der Kulturstand der Gesellschaft, die 
Eigenart der Gesellschaftsteilhaber, deren Nützlichkeit, deren Wert 
füreinander ganz anders aus, als wenn jene Beseitigung der Land- 
wirte und der Handwerker nicht stattgefunden hätte. Die er- 
zieherischen, kulturgestaltenden Folgen der Persönlichkeitsbehandlung 
machen sich hier in der Bestimmung der Eigenschaften geltend, die 
in der Gesellschaft zur Vererbung gelangen. 

Auch die Gestaltung der socialen Beziehungen der ein- 
zelnen Individuen ist dem Einfluss der Persönlichkeitsbehandlung 
unterworfen. Ob z. B. ein bestimmter Mensch, dessen Nutzfähigkeit 
für uns in Frage steht, in unserer Nähe bleibt und uns zu gute 


28 


kommt, das hängt mit davon ab, ob der Betreffende so behandelt 
wird, dass er als unser Nächster seine Existenzbedingungen erfüllt 
findet; wenn eine dementsprechende Behandlung der Nächsten ver- 
nachlässigt wird, dann lösen sich die im Nächstenkreise gegebenen 
socialen Beziehungen auf, dann gewinnt das Zusammenleben eine 
andere Gestalt, verändert sich seine Nützlichkeit. 

So haben wir es also mit der Persönlichkeitsbehandlung als mit 
einem Mittel der Gesellschaftserziehung zu thun, wo wir den 
Einfluss ins Auge fassen, den diese Behandlung auf die individuellen 
Lebenszwecke ausübt. Nicht dürfen wir die Behandlung lediglich 
als ein Mittel zur Erfüllung irgend eines nützlichen Wunsches des 
Behandelten zweckmässig erachten. Dieser unmittelbare Einfluss 
auf die Zufriedenheit kommt nur nebenher, nur im Rahmen des 
Gesamtzwecks der Behandlung in Betracht. Die Erfüllung oder 
die Nichterfüllung der socialen Vorbedingungen der Zu- 
friedenheit ist das für die Bewertung der Behandlung Ent- 
scheidende. Der einzelne muss Mitmenschen und Lebensbeziehungen 
vorfinden, die seiner Individualität und seiner Lage entsprechend 
gezogen sind. Je nachdem dieser Erziehungszweck erreicht ist oder 
nicht, erscheint die Behandlung zweckmässig oder unzweckmässig. 
Dieser Zweck bleibt beispielsweise unerreicht, wo infolge der Persön- 
lichkeitsbehandlung in der Gesellschaft die Familieneigenschaften sich 
verlieren, wo Gleichförmigkeit der Menschen, wo Entfremdung und 
Feindseligkeit sich einstellt, eine nur einseitig nützliche Kultur zur 
Ausbildung gelangt u. s. w. 

Wo wir die zweckmässige Persönlichkeitsbehandlung, diejenige, 
von der die individuellen Lebenszwecke wirklichen Nutzen haben, 
uns klar zu machen suchen, da werden wir also eine solche Be- 
handlung der einzelnen Menschen uns zu vergegenwärtigen haben, 
bei der jene oben gekennzeichnete zweckmässige Gesellschaftsqualität, 
jene eigenartige Nützlichkeit der Gesellschaftsteilhaber füreinander 
zur Entwickelung gebracht wird. Die der Züchtung dieser Nütz- 
lichkeit, der Vervollkommnung dieser Kultur förderliche Behandlung 
hat den Gegenstand unserer Betrachtung zu bilden; der erzieherische 
Gesamteffekt, nicht lediglich die Erfüllung eines einzelnen, isolierten 
Wunsches kennzeichnet uns die rechte Behandlung. Zweckmässig 
behandeln heisst hier: Nützlichkeit züchten, Menschen- 
wert erzeugen, die Gesellschaft in dem Sinne erziehen, 
dass in ihr relativ nützliches Wünschen und Geniessen sich 
einstellt. 


Nachdem wir die selbständige Beobachtung zweckmässiger Persön- 
lichkeitsbehandlung als das Mittel erkannten, das bei der Forschung 


29 


nach einem zweckmässigen Gerechtigkeitsideal angewendet werden 
muss, haben wir also diesem Forschungszweck nach dem eben Ge- 
sagten dadurch zu genügen, dass wir uns diejenige Behandlung klar 
machen, die zur Entstehung nützlicher Kultur in der Gesellschaft 
Anlass giebt. Dieser Kulturstand, dessen Eigenart wir dargelegt 
haben, ist die Frucht, an der das zweckmässige Behandlungsideal, 
die echte Gerechtigkeit erkannt sein will. 

Wir haben somit auf unserem Forschungswege die der rechten 
Gesellschaftserziehung dienliche Persönlichkeitsbehand- 
lung zu studieren, müssen die Eigentümlichkeiten dieser Behandlung 
uns vergegenwärtigen. Durch die Anschauung dieser Eigentümlich- 
keiten ist die Vorstellung von der zweckmässigen, dem Erziehungs- 
interesse angemessenen Gerechtigkeit, ist der erziehungsdienliche 
Behandlungsmassstab zu gewinnen. Was jener kulturdienlichen Be- 
handlung entgegensteht, was die Gesellschaftserziehung, die Kultur 
verschlechtert, das verträgt sich unter keinen Umständen mit dem 
gesuchten Ideal. 

Unsere Gerechtigkeitsfrage will als Frage der Gesell- 
schaftserziehung verstanden und behandelt sein. Wenn wir 
fragen: „Was ist gerecht?“ so haben wir zu erwägen: Wie ist das- 
jenige beschaffen, was die zusammenlebenden Menschen zur wahren 
Nützlichkeit füreinander erzieht? — Das ist die Frage, die einen 
jeden von uns etwas angeht, denn ein jeder von uns ist, wie wir 
ausführten, mit seinem Dasein und seinem Glücklichsein von dem 
Erziehungsstande der Gesellschaft abhängig. 

Nur auf diesem Forschungswege können wir eine klare Vor- 
stellung von der echten, volkserhöhenden — Volkswert und Volksglück 
mehrenden — Gerechtigkeit, von dem zweckmässigen Massstab ge- 
winnen, der um unserer Zufriedenheit willen im täglichen Leben bei 
der Behandlung der einzelnen Menschen zur Anwendung gebracht 
werden muss. 

Soviel über die Methode, die gegenüber der für uns mit der 
Gerechtigkeitsfrage sich verbindenden Aufgabe eingehalten sein will. 


Das Gerechte. 


Eigenschaften, Ergebnis, Entstehung nnd Bedeutung. 

Im ersten Abschnitt unserer Erörterungen gelangten wir zu der Er- 
kenntnis, dass die Gerechtigkeitsfrage eine Erziehungsfrage ist, dass 
es sich bei dem Gerechten um etwas Erziehungsdienliches, um 
ein Mittel zur Erzeugung nützlicher Kultur handelt. Wir stellten 
fest, dass die Eigentümlichkeiten des zweckmässigen Behandlungs- 
massstabes, dessen Ausfindung wir uns zur Aufgabe gemacht haben, 
durch das Studium der Nützlichkeitser ziehung erkannt werden müssen, 
dass auf diesem Wege allein die richtige Gerechtigkeitsvorstellung 
zu erzielen ist. 

So haben wir es also im folgenden mit dem Studium der Er- 
ziehung zu thun, durch welche die oben gekennzeichnete Nützlichkeit 
der Gesellschaftsteilhaber füreinander, die den individuellen Lebens- 
zwecken förderliche Gesellschaftsqualität zur Entstehung gelangt. 

Da fragt es sich zunächst: In welcher Weise geht überhaupt 
Erziehung in der Gesellschaft vor sich? — Wir haben uns klar zu 
machen, welche Vorgänge kulturerzeugend auf die Gesell- 
schaftsteilhaber einwirken, auf welchem Wege in der Gesell- 
schaft persönliche Eigenschaften zur Züchtung gelangen und zur Ver- 
erbung gebracht werden. 

Bei der Erziehung handelt es sich um die Änderung der Eigen- 
schaften derer, die in die Gesellschaft hineingeboren werden, um die 
Gestaltung ihrer Persönlichkeit. Auf die Entwickelung der Persön- 
lichkeit, der Eigenart des einzelnen, auf die Ausbildung seines 
Könnens und Wollens wirken verschiedenartige Einflüsse ein. Ein- 
mal ist es die Selbsterziehung, die hier ihre Wirkung zeitigt. 
Der einzelne kann der Entwickelung der eigenen Persönlichkeit diese 
oder jene Richtung geben, vermag die Ausbildung seiner Eigenart 
selbstthätig zu beeinflussen. Diese selbsterzieherische Einwirkung 
freilich gestaltet sich in mancher Beziehung unter dem Einfluss der 
Mitmenschen; der Betreffende richtet seine Erziehung teilweise als 
„Kind seiner Zeit“, als Zögling der Gesellschaft ein, in der er lebt. 


31 


Neben der Selbsterziehung kommt die erzieherische Beein- 
flussung seitens anderer in Betracht. Diese spielt im Leben 
des einzelnen, bei der Entwickelung seiner Persönlichkeit, seiner 
Nützlichkeit wie seiner Schädlichkeit, eine grosse Rolle. Diese allein 
ist es auch, bei der wir von Gerechtigkeit reden. 

Wie nun geht die Erziehung durch andere vor sich? Wie wird 
die Entwickelung des individuellen Könnens und Wollens durch die 
Mitmenschen beeinflusst? 

Es sind hier verschiedene Erziehungsarten zu beachten. 


Einmal vermögen wir einen Menschen erzieherisch zu beeinflussen 
dadurch, dass wir auf seine Urteilsbildung, auf die Gestaltung 
seiner Willkür einwirken. Die Urteilsbildung, das eigene Wählen 
übt seinen Einfluss aus auf die Entwickelung, die inhaltliche Ge- 
staltung des individuellen Könnens und Wollens. Je nach dem In- 
halt seines Zweckmässigkeitsurteils, seiner Anschauung von dem, was 
im Einzelfalle um bestimmter Zwecke willen geboten ist, richtet der 
einzelne sein Verhalten ein, das auf die Entwickelung seiner Persön- 
lichkeit, seiner Nützlichkeit oder seiner Schädlichkeit, ein wirkt. Gutes 
und schlechtes Urteil, nützliche und schädliche Willkür kann der 
Persönlichkeitsentfaltung zu Grunde liegen, klare wie unklare Ent- 
schliessung kann die Richtung dieser Entfaltung des Könnens und 
Wollens bestimmen. 

Auf die Gestaltung des Zweckmässigkeitsurteils aber vermögen 
wir als Erzieher Einfluss auszuüben. In gutem wie in schlechtem 
Sinne können wir die eigene Urteilsbildung des Betreffen- 
den gestalten helfen; die Klarheit, aber auch die Unklarheit des 
Urteils kann durch unser Zuthun gefördert werden. In dem einen 
Falle üben wir Aufklärung, in dem anderen Verführung. 

Das Urteil, die Willkür beeinflussen wir beispielsweise durch 
Lenkung der Aufmerksamkeit, durch Sorge für Wachsamkeit, durch 
Anregung zur Vorsicht. Wir sind in der Lage, die Vernünftigkeit 
des einzelnen Mitmenschen zu mehren und zu mindern. Wir sorgen 
für seine Unbefangenheit, indem wir ihn vor Einseitigkeit bewahren. 
In solcher und anderer Weise unterliegt das Urteilen jedes einzelnen 
einer mannigfaltigen Beeinflussung durch die Mitmenschen. 

Auch die Wirkung des Beispiels kommt hier in Betracht. 
Durch das Beispiel eines bestimmten anderen kann das Zweck- 
mässigkeitsurteil des einzelnen wesentlich beeinflusst werden. Ins- 
besondere aber ist der Einfluss von Bedeutung, den das gleichförmige 
Beispiel vieler auf das Urteil, das Wählen des einzelnen ausübt. 
Der Betreffende entscheidet sich für die Nachahmung, urteilt, ein 
bestimmtes Verhalten sei zweckmässig, weil so viele andere es für 
zweckmässig halten. 


32 


Immer aber handelt es sich hei der Erziehungsart, von der wir 
bis jetzt sprachen, um eigenes Urteilen des Erzogenen, um Beein- 
flussung der Willkür des letzteren. Es wird hier auf eine Zweck- 
mässigkeitserwägung, auf eine eigene Wahl des Betreffenden ein- 
gewirkt; dieser handelt hier aus Zweckmässigkeitsüberzeugung, 
aus Eigenwilligkeit. Nicht ein bloss reflektorisches, sondern ein will- 
kürliches Verhalten kommt bei der erwähnten Erziehungsart als 
Objekt in Betracht. 



liegt die Sache bei einer zweiten Art der erzieherischen 


Beeinflussung. 

Wir können die Entwickelung des Könnens und Wollens eines 
Mitmenschen dadurch beeinflussen, dass wir letzteren nicht zu einer 
bestimmten Willkür, sondern zu einer bestimmten Folgsamkeit 
erziehen, seinen Gehorsam ausbilden. Hier gestalten wir nicht die 
eigene Urteilsbildung des anderen, sondern verhindern diese. 

Es handelt sich bei dieser Erziehungsart um die Erzielung von 
Voreingenommenheit. Wir erzeugen „Bande frommer Scheu“, 
die dann auf die Gestaltung des Verhaltens einwirken. Bei dem 
Erzogenen entsteht ein hypnotischer Zustand, eine gewisse Ein- 
schläferung. Der Betreffende steht unter Herrschaft, Unterwürfigkeit 
haftet ihm an, er fühlt sich als Werkzeug, als Träger fremden 
Willens; infolge einer bestimmten Autoritätsgläubigkeit wird ein 
anderer zum Urheber seines Wollens. Nicht Zweckmässigkeitsbewusst- 
sein, sondern Pflichtgefühl bildet hier den Gegenstand der Erziehung; 
hier heisst es nicht: „Du sollst, denn es ist dir gut“, hier gilt viel- 
mehr einfach der Imperativ: „Du sollst, denn du kannst.“ In dieser 
Weise kommt etwa ein Zustand der Gesetzlichkeit oder der Sittlichkeit 
des einzelnen als Erziehungsziel in Betracht. Wir können unter Um- 
ständen einen Mitmenschen in den Zustand versetzen, in dem er folg- 
sam, urteilslos — lediglich aus Gesetzestreue bezw. aus Sittentreue 
— bei sich und bei anderen für die Verwirklichung gesetzlicher oder 
sittlicher Vorschriften eintritt. 

Die Erzielung jener Folgsamkeit geht vor sich im Wege einer 
Art hypnotisierender Einwirkung. Durch einseitige Beeinflussung, 
einseitige Anregung der Aufmerksamkeit, Fernhalten von störenden 
Eindrücken, Verhinderung abweichender Urteilsbildung lässt sich jene 
Voreingenommenheit, jene Einschläferung erzielen. Fortgesetzte Ge- 
wöhnung vermag uns in einen derartigen Zustand zu versetzen; 
Gewohnheit wird uns zur zweiten Natur, lässt die wirkliche Natur 
nicht zur Geltung kommen. Das Beispiel, das wir von Jugend auf 
täglich vor Augen haben, die Gewohnheiten, die wir bei den Eltern 
und in der Gesellschaft allgemein vorfinden und mitmachen, können 


33 


die erwähnte Voreingenommenheit bei uns hervorrufen, so dass wir 
ohne weiteres für das Traditionelle und das Konventionelle eintreten. 
Auf diese Weise erklärt sich auch die merkwürdige Erscheinung, 
dass in der Regel dem einzelnen gerade diejenige Gläubigkeit, die- 
jenige Voreingenommenheit anhaftet, die bei der nächsten Umgebung, 
in die er hineingeboren wurde, sich vorfand. 

Die Erzielung von Gläubigkeit, von urteilsloser Folgsamkeit, 
gestaltet sich nicht zu allen Zeiten gleich leicht. In einer Zeit, in 
der reichhaltige Verkehrsbeziehungen dem einzelnen immer neue Ein- 
drücke verschaffen, gerät diese Art der Erziehung weniger leicht als 
in einer Zeit des Köhlerglaubens. 

Die Wirkung der fraglichen erzieherischen Beeinflussung ist ein 
reflektorisches Verhalten der Erzogenen. Die Gestaltung des Ver- 
haltens ist, was seine Richtung anbetrifft, eine unwillkürliche. Es 
kommt kein eigenes Urteil, keine Zweckmässigkeitserwägung , kein 
freies Wählen, keine Prüfung der Gründe zur Geltung; hier heisst 
es: stat pro ratione voluntas, an Stelle von Vernunft und Grund steht 
die nackte Willensthatsache , der „höhere Wille.“ Die betreffende 
Vorstellung beherrscht den einzelnen, er ist ihr Werkzeug, handelt 
etwa als Sklave einer bestimmten Gewohnheit, nicht aus Zweck- 
mässigkeitsüberzeugung, sondern aus Voreingenommenheit. 
Dieser Zustand der Urteilslosigkeit vermag den Betreffenden blind zu 
machen gegen einen Teil der Wirklichkeit, so dass er denselben als 
nicht vorhanden behandelt, sie vermag in ihm auch einen Wahn 
hervorzurufen, der ihn etwas Nicht wirkliches als wirklich vorhanden 
erscheinen lässt. — In solcher Weise kann einer z. B. aus Gesetz- 
lichkeit, aus Sittlichkeit — aus Loyalität, aus Moralität — sein Ver- 
halten, das auf die Entwickelung seines Könnens und Wollens von 
^Einfluss ist, als Träger eines fremden Willens einrichten, blindlings 
zur Verwirklichung bestimmter Vorschriften, zur Durchführung ge- 
heiligter Institutionen — mag es für ihn jeweils zweckmässig sein 
oder nicht — bei sich und bei anderen beitragen. 

Wir bemerkten bereits, dass das allgemeine Beispiel einen 
derartigen Bewusstseinszustand hervorzurufen vermag, während wir 
an früherer Stelle des Einflusses gedachten, den ein solches Beispiel 
auf die Urteilsbildung, auf die eigene Zweckmässigkeitserwägung des 
einzelnen ausüben kann. Beides muss auseinandergehalten werden. 
In dem an früherer Stelle erwähnten Falle handelt es sich um 
Urteils g es t alt ung, bei dem soeben gestreiften Sachverhalt dagegen 
um Urteils Verhinderung durch den Einfluss des allgemeinen Bei- 
spiels. Ersterer Fall ist der häufigere: Nicht Folgsamkeit, nicht ein 
Verhältnis blinder Treue, sondern Nachahmung ist in der Regel 
jenem Beispiel gegenüber das Entscheidende. Der einzelne bildet 
sich hier, wie oben bemerkt, sein Urteil dahin: weil es die anderen, 

JBischoff, Echte und falsche Gerechtigkeit. 8 


34 


weil es so viele thun, muss es zweckmässig sein; willkürlich folgt 
er der Sitte. Eine geringere Rolle spielt — zumal in einer ver- 
kehrsreichen Zeit — jener andere Fall, dass einer aus Voreingenommen- 
heit, z. B. aus Sittlichkeit, urteilslos folgt, für das Traditionelle und 
das Konventionelle, für das durch Alter oder Allgemeinheit des 
Gebrauchs in seinen Augen „Sanktionierte“ auch dann bei sich und 
bei anderen eintritt, wenn etwa jene anderen, jene vielen, dasselbe 
in Stich lassen. 

So haben wir urteilgestaltende und urteilausschliessende, willkür- 
bildende und willkürverhindernde Erziehung zu unterscheiden. 


Neben den vorerwähnten Beeinflussungsarten ist als dritte die Ver- 
wertung von Gunst und Ungunst, insbesondere der aus dieser 
Verwertung resultierende Zwang zu erwähnen. Wir beeinflussen 
den Mitmenschen und die Entwickelung seines Könnens und Wollens 
dadurch, dass wir durch unser Verhalten für den Betreffenden etwas 
notwendig oder doch zweckmässig werden lassen, für ihn eine er- 
zieherisch wirksame Notwendigkeit bezw. Zweckmässig- 
keit schaffen. 

Mancher Mitmensch ist mit seinem Dasein und Glücklichsein 
irgendwie von uns abhängig, sein Wohlergehen wird berührt durch 
unsere Gunst und unsere Ungunst. Er hegt demgemäss in seiner 
Beziehung zu uns gewisse Wünsche: für ihn kommt es darauf an, 
von uns Nutzen, Gunst zu erlangen, dagegen unser ihn schädigendes 
Verhalten, unsere Ungunst zu vermeiden. 

Dieses Wünschen des von uns irgendwie abhängigen Mitmenschen 
können wir erzieherisch verwerten. Wir vermögen das Verhalten des 
Betreffenden, das auf die Entwickelung seines Könnens und Wollens 
einwirkt, dadurch zu beeinflussen, dass wir die Erfüllung der vor- 
erwähnten Wünsche von der Einhaltung des uns erwünschten 
Verhaltens abhängig machen. Das Verhalten, zu dem wir den 
Mitmenschen bestimmen möchten, wird hier zur Bedingung der 
Gunstzuwendung oder der Vermeidung von Ungunst gemacht. 

Wir erziehen hier durch Verwertung von Gunst und Ungunst, 
durch Lohnen und Strafen. Das eine Verhalten wird von uns 
durch Lohnverheissung hervorgeruf en , das entgegengesetzte Ver- 
halten durch Strafandrohung unterdrückt. Wir lohnen, indem wir 
den vorerwähnten Wunsch des anderen wegen des Verhaltens des 
letzteren erfüllen, wir strafen, indem wir den betreffenden Wunsch 
wegen des Verhaltens des Wünschenden unerfüllt lassen. 

Auf diese Weise gestalten wir durch Ausübung eines Zwanges 
die Verhaltungsmotive des zu Erziehenden. Wir wirken auf sein 
Zweckmässigkeitsurteil ein, indem wir für ihn das zur Voraussetzung 


35 


des Lohnes gemachte Verhalten und die Vermeidung des zur Vor- 
aussetzung der Strafe gemachten Verhaltens zur Notwendigkeit werden 
lassen. Er richtet dann seine Lebensführung in der fraglichen Be- 
ziehung nach unserem Wunsche ein; auch nach Gesetz oder Sitte, 
wenn wir es — sei es aus Zweckmässigkeitsüberzeugung, aus Vor- 
eingenommenheit oder weil Dritte uns zwingen — wünschen, wobei 
dann nicht seine Gesetzlichkeit oder Sittlichkeit, sondern unser Zwang 
ihn folgsam macht, und wobei er nicht urteilslos folgt, sondern weil 
er die Notwendigkeit einsieht. 

Zur Übung solcher Erziehung stehen uns mancherlei Lohn- 
mittel zur Verfügung. Die Gunst, deren Genuss wir als Preis für 
ein bestimmtes Verhalten auszusetzen vermögen, ist von sehr mannig- 
faltiger Art. Je nach seiner jeweiligen Individualität und Lage 
wünscht der eine diese, der andere jene Behandlung von uns zu 
erfahren. Und nicht nur das unmittelbare Nützen, die unmittelbare 
Befriedigung eines Bedürfnisses kommt hier in Betracht. Auch die 
Anwartschaft auf eine solche Gunst spielt als Lohnmittel eine 
grosse Rolle. Die Liebe, die Verehrung, die Achtung, die wir für 
jemanden hegen, kann diesem als Lohn erscheinen; sie giebt ihm für 
gewisse Fälle eine Anwartschaft auf unsere Gunst. In weitem Um- 
fange ferner ist diejenige Form der Gunstanwartschaft als Lohnmittel 
von Bedeutung, die wir Geld nennen. Die Geldgewährung gilt dem 
damit Bedachten als Lohn, bestimmt ihn zu dem von uns gewünschten 
Verhalten, weil er in dem Geldbesitz eine Anwartschaft auf die Gunst 
dieser und jener Mitmenschen erblickt. 

Als Lohnmittel kann auch schon die blosse Gewährung von 
Verdienstgelegenheit, die Zuwendung befriedigender Arbeit sich 
darstellen. Wir vermögen auf den Mitmenschen erzieherisch ein- 
zuwirken, die Entwickelung seines Könnens und Wollens zu beeinflussen, 
indem wir die gewünschte Arbeitsgelegenheit gewähren oder aber ihm 
dieselbe vorenthalten. 

Die Anwendung der verschiedenen Lohnmittel spielt 
bei einem jeden von uns im täglichen Leben ihre Rolle. 
Kein Tag vergeht, an dem wir nicht — bewusst oder unbewusst — 
vielfältig durch Lohnen und Strafen irgendwie auf diesen und jenen 
nahen oder fernen Mitmenschen erzieherisch einwirken, ein Zensoramt 
anderen gegenüber solcherweise ausüben. Wir begünstigen den einen, 
benachteiligen den anderen, ehren diesen, missachten jenen. Unser täg- 
liches Geldausgeben ist nichts als ein erzieherisch wirksames Lohnen; 
wir beeinflussen dadurch, wie durch die Verwendung unserer Lohn- 
mittel überhaupt, die Kulturentwickelung, den Stand des Könnens und 
Wollens in der Gesellschaft, auch die Art, in der sich das Zusammen- 
leben der Persönlichkeiten gruppiert. Das Geld ist ein Lohn-, ein 
Erziehungsmittel, mit dem einer seine Mitmenschen beeinflusst, deren 

3 * 


36 


Können und Wollen nach seinen — vernünftigen oder unvernünftigen — 
Interessen und Wünschen dirigiert. Ein jeder von uns, indem er 
Arbeit oder Ware konsumiert, wirkt in solcher Weise täglich als 
Gesellschaftserzieher, als Kultururheber. 

Dieses tägliche Lohnen und Strafen kommt hier als der ent- 
scheidende Teil jener Persönlichkeitsbehandlung, auf die 
wir die Entstehung der Gesellschaftsqualität, der Nützlich- 
keit wie der Schädlichkeit des Zusammenlebens zurück- 
führten, in Betracht. 

Dieser Teil der Erziehung nun, die Verwertung von Gunst 
und Ungunst, das Lohnen und Strafen ist das Gebiet, auf 
dem wir es mit der Gerechtigkeit zu thun haben. Wo das 
Gerechte in Frage kommt, da handelt es sich nicht um die Gestaltung 
jener ersterwähnten beiden Erziehungsarten, sondern lediglich um den 
dritten, letzterwähnten Modus der erzieherischen Beeinflussung und 
um dessen Eigentümlichkeiten. 

Das Stichwort der Gerechtigkeit lautet: Einem jeden das 
Seine! Die Zumessung von Gunst und Ungunst, von Lohn und 
Strafe steht hier in Frage. Wo wir von gerecht und ungerecht 
reden, da beurteilen wir die Art und Weise, in der Gunst und Ungunst 
als Bedingung für das Verhalten, als Erziehungsmittel verwertet ist. 

Die Gerechtigkeit spielt ihre Rolle, wo unser Lohnen und Strafen, 
die Verwertung unserer Lohn- und Strafmittel die Entwickelung jener 
oben erwähnten Nützlichkeit der Gesellschaft fördert, wo einer in 
solcher Weise seinen Beruf als Nützlichkeitszüchter erfüllt. Das 
Gerechte ist dasjenige Verwenden von Gunst undUngunst, 
dasjenige Lohnen und Strafen, unter dessen Einfluss jene 
Nützlichkeit der Gesellschaft sich entwickelt, die dem 
individuellen Lebensglück unter den gegebenen Lebens- 
bedingungen förderlich ist. 


Mit den Eigentümlichkeiten der erzieherisch nützlichen 
Verwertung von Gunst und Ungunst, insbesondere des 
kulturdienlichen Lohnens und Strafens haben wir es also 
zu thun, wenn wir eine Vorstellung von dem ‘Gerechten gewinnen, 
einen zweckmässigen Behandlungsmassstab uns klar machen wollen. 
Der Massstab, nach dem wir im täglichen Leben zu entscheiden ge- 
denken, was einem jeden jeweils als das Seine gebührt, muss klar- 
gelegt werden, indem wir beobachten, wie dasjenige Lohnen und 
Strafen sich ausnimmt, das zur Entstehung der fraglichen Nützlichkeit 
der Menschen für einander Anlass giebt. Auf die Eigenschaften, 
auf das Ergebnis, auf die Entstehung und auf die Bedeutung 


37 


dieser kulturdienlichen Verwertung der Lohn- und Strafmittel soll 
demnach gegenüber der ins Auge gefassten Aufgabe unsere Beobachtung 
nunmehr sich erstrecken. 


JJie Eigenschaften des zweckmässigen, rationellen Lohnens und 
Straf ens richten sich nach den Eigentümlichkeiten jener Nützlichkeit, 
um deren Züchtung es sich handelt. Was wir über diese Eigentüm- 
lichkeiten im ersten Abschnitt ausgeführt haben, das will hier bei 
Würdigung des Gerechten beachtet sein. 

Da ist zunächst zu beachten, dass als Träger des bestimmten, 
für den einzelnen jeweils nützlichen Könnens und Wollens der be- 
stimmte einzelne Mitmensch erscheint. Mit diesem bestimmten 
einzelnen haben wir es zu thun, wo das richtige Lohnen und 
Strafen in Frage kommt, wo es gilt, den Grundsatz „Einem jeden 
das Seine!“ zweckdienlich zu verwirklichen. 

Es ist ein Irrtum, anzunehmen, von Gerechtigkeit könne nur 
da die Rede sein, wo die Behandlung mehrerer Mitmenschen in 
Betracht komme, das Gerechte, der richtige Lohn lasse sich nur 
vergleichsweise bestimmen, der einzelne habe von uns das Seine 
nach Verhältnis dessen zu erhalten, was andere an Lohn beziehen. 
Eine solche Auffassung ermangelt der Klarheit über das Wesen zweck- 
mässiger Persönlichkeitsbehandlung. Sie kommt aber in der rechts- 
philosophischen Litteratur nicht selten zum Vorschein. Man stellt 
es als charakteristisches Gerechtigkeitserfordernis hin, dass gleiche 
Menschen gleich, ungleiche Menschen ungleich von der Mitwelt zu 
behandeln sind, man betrachtet als das wesentliche Merkmal des 
Gerechten, dass sich die zwei Menschen zuteil werdende Behandlung 
nicht ohne einen in der Person der Betreffenden gegebenen Grund 
voneinander unterscheidet. Der Behandlungsgrund selbst, der für die 
Persönlichkeitsbehandlung entscheidende Zweck spielt hier bei der 
Beantwortung der Frage „Was ist gerecht?“ keine Rolle; man fragt 
sich hier nicht: „Welchen Inhalt muss denn nun aber die Behandlung 
des einzelnen, der im Vergleich zu anderen gleich oder ungleich 
behandelt werden soll, jeweils haben, und warum muss sie gerade 
diesen Inhalt haben?“ Diese letztere Frage ist hier für uns ent- 
scheidend; ihre Lösung aber braucht sich keineswegs auf dem Wege der 
Vergleichung der Behandlung mehrerer Persönlichkeiten zu vollziehen. 

Wir können Gerechtigkeit üben, zweckmässig lohnen und strafen, 
ohne dabei mehrere Mitmenschen gleichzeitig ins Auge zu fassen. 
Auch ein Robinson, der mit nur einem einzigen Mitmenschen auf 
seiner Insel zusammenlebt, ist des Gerechtseins fähig. Er kann den 
Betreffenden gerecht und ungerecht behandeln, er kann ihm das Seine 
an Lohn und Strafe zukommen lassen, aber auch die rechte Gunst 


38 


und Ungunst ihm vorenthalten. Je nachdem er in nützlicher oder 
in schädlicher Weise die Erfüllung der Wünsche seines Mitmenschen 
von der Erfüllung gewisser Bedingungen, von diesem oder von jenem 
Verhalten abhängig macht, ruft der Robinson in der ihn angehenden 
Gesellschaft einen guten oder einen schlechten Kulturstand hervor. 
Er kann das Lohnen und Strafen so einrichten, dass bei dem Mit- 
menschen die Nutzfähigkeit und die Nutz Willigkeit sich mehrt, dass bei 
dem Betreffenden Brüderlichkeit im besten Sinne des Wortes sich ent- 
wickelt, er kann aber durch seine Ungerechtigkeit auch das Gegenteil be- 
wirken, kann einen Feind und nichtsnutzigen Tagedieb sich grossziehen. 

Der Erzieherberuf besteht hier gegenüber einem Einzelnen; bei 
diesem einzigen wollen die Lohnmittel dessen, für den es auf die 
Nützlichkeitserziehung der Gesellschaft ankommt, richtig verwertet 
sein. Da spielt das Gerechtsein wie das Ungerechtsein, das ver- 
nünftige wie das unvernünftige Lohnen und Strafen im vollen Um- 
fange seine Rolle, ohne dass für den in solcher Weise Erziehung 
Übenden eine vergleichsweise Bemessung des dem anderen Gebührenden 
in Frage käme. 

Dieses Wesen der Gerechtigkeit bleibt auch dort erhalten, wo 
der einzelne es mit einer grösseren Gesellschaft, mit zahlreicheren 
Genossen zu thun hat. Zwar gestaltet sich hier die Erfüllung des 
Erzieherberufes gegenüber dem einzelnen in mancher Hinsicht 
schwieriger; es kommt in einer grösseren Gesellschaft beispielsweise 
in Betracht, dass auf den von uns durch Lohnen und Strafen 
Beeinflussten auch andere gleichzeitig erzieherisch einwirken, wodurch 
die für uns im Einzelfalle gegebenen Erziehungsvoraussetzungen sehr 
kompliziert sein können. Aber auch hier — nicht anders wie im 
socialen Leben unseres Robinson — kommt alles auf jene ver- 
nünftige Mitmenschenbehandlung an, hat sich der Selbsterhaltungs* 
trieb des einzelnen nicht auf die Vernichtung der Mitmenschen, 
sondern auf deren Nützlichmachung zu richten, und auch hier ist diese 
gerechte Behandlung nicht etwas erst vergleichsweise Festgestelltes. 

Als Behandlungsmotiv, als Lohngrund, kommt für uns nicht 
das Verhältnis mehrerer Mitmenschen und ihrer Lohnquoten zueinander, 
sondern die Förderung der Nützlichkeitserziehung in Betracht. Das 
Gerechte ist hiernach nicht etwas vergleichsweise Be- 
stimmtes, sondern etwas den im Einzelfalle gegebenen 
Voraussetzungen der Nützlichkeitszüchtung Angemessenes. 

Eine andere Eigenschaft des Gerechten leitet sich her von der 
Thatsache, dass es sich regelmässig für uns nicht lediglich um die 
Nützlichkeit eines einzigen Menschen handelt, dass vielmehr die für 
eine Persönlichkeit erforderliche Nützlichkeit, das dem individuellen 


39 


Dasein und Wohlbefinden nützliche Können und Wollen auf eine 
Mehrzahl von Mitmenschen, auf einen bestimmten Personenkreis 
sich verteilt. Ein jeder von uns ist an der Qualität — an der Nütz- 
lichkeit, wie an der Schädlichkeit — einer Mehrheitsgesellschaft 
interessiert, deren Teilhaber irgendwie auf sein Wohlergehen unmittel- 
bar oder mittelbar Einfluss ausüben. Insofern unterscheidet sich in 
Sachen der Gerechtigkeit unsere Lage wesentlich von der jenes 
Robinson. Letzterer hatte es mit dem Kulturstande nur eines einzigen 
Mitmenschen zu thun, in unserem Leben dagegen spielt die Er- 
ziehung zahlreicher Individuen eine Rolle. 

Daraus ergiebt sich, dass wir in dem socialen Leben, wie es 
uns beschieden ist, den vorerwähnten Erzieherberuf gegenüber einer 
grösseren Anzahl von Mitmenschen zu erfüllen haben. Bei der Ver- 
wendung unserer Lohn- und Strafmittel haben wir es nicht mit einem 
einzigen, sondern mit zahlreichen Persönlichkeiten — nahen und 
fernen — zu thun, deren jeder das Ihrige gemäss der jeweils 
gegebenen Erziehungsvoraussetzungen zugemessen sein will. 

Es tritt hier die Notwendigkeit hervor, unser Lohnen und 
Strafen so einzurichten, dass nicht lediglich die Nützlichkeit eines 
einzelnen sich entwickelt, vielmehr die Qualität aller derer, von 
deren Können und Wollen wir abhängig sind, eine zweckmässige 
Beeinflussung erfährt. Von Gerechtigkeit kann nicht die Rede sein, 
wenn wir einen einzigen Teilhaber jener Mehrheitsgesellschaft, auf 
deren Nützlichkeit wir angewiesen sind, durch die Verwertung unserer 
Gunst oder Ungunst zu einem uns nützlichen Mitmenschen werden 
lassen, die entsprechende Beeinflussung der übrigen dagegen ver- 
säumen, so dass aus diesen übrigen etwa nutzarme, feindliche, schäd- 
liche Mitmenschen werden. Zweckmässige, vernünftige Lohnmittel- 
verwertung steht nur da in Frage, wo die Gesamtnützlichkeit des 
uns interessierenden Personenkreises gefördert wird. 

Dem Zweck, den Gesamtstand der Nützlichkeit der den einzelnen 
interessierenden Gesellschaft zu fördern, kann es beispielsweise auch 
angemessen sein, dass Personen gelohnt werden, deren Erziehung zur 
Nutzfähigkeit und Nutz Willigkeit gar nicht in Betracht kommt. Die 
zweckmässige Lohnmittelver Wertung kann z. B. darin bestehen, dass 
den Invaliden und Veteranen der Lebensarbeit ein Bestimmtes als 
das Ihrige von uns zuerkannt wird. Das ist geeignet, den Gesamt- 
stand der Nützlichkeit unserer Gesellschaft zu fördern. Wir sind 
auf den Unternehmungsgeist, den Wagemut anderer angewiesen; 
diese Eigenschaften aber werden in ihrer Entwickelung gefördert, 
wenn in der Gesellschaft die Gewissheit gegeben ist, dass auch nach 
vollbrachter Lebensarbeit, wo das Nützen aufhört, der Lohn nicht 
ausbleibt. Auch in solcher und ähnlicher Weise also will gegenüber 
einer Mehrheitsgesellschaft der Erzieherberuf des einzelnen wahr- 


40 


genommen sein, wenn die Gesamtnützlichkeit dieser Gesellschaft sich 
entwickeln soll. 

Als Eigenschaft des Gerechten, der rechten Verwendung der 
Lohn- und Strafmittel, tritt hier demnach das Angepasstsein an die Vor- 
aussetzungen einer solchen Gesamtnützlichkeits-Erziehung der Gesell- 
schaft zutage. Je mehr einer den Nützlichkeitsstand der gesamten 
ihn angehenden Mehrheitsgesellschaft fördern hilft, desto mehr ent- 
spricht die betreffende erzieherische Verwertung seiner Gunst und 
Ungunst den Erfordernissen der Gerechtigkeit. Das wahrhaft 
Gerechte kennzeichnet sich als ein Lohnen und Strafen, 
das die Nützlichkeit der Gesellschaft als solcher, die 
Qualität des ganzen für uns in Betracht kommenden 
Personenkreises in möglichst hohem Grade fördert, also 
nicht lediglich die Nutzfähigkeit und Nutz Willigkeit eines Teiles dieser 
Gesellschaft unter Vernachlässigung der Gesamtnützlichkeit grosszieht. 

Eine weitere Eigenschaft des Gerechten entspricht der früher er- 
wähnten Thatsache, dass es sich bei der zum Wohlergehen des 
einzelnen erforderlichen Nützlichkeit anderer um etwas sehr Viel- 
seitiges handelt. Wir bemerkten oben, dass eine einseitige 
Qualifikation der Mitmenschen für den einzelnen Nutzarmut der 
ihm beschiedenen Gesellschaft bedeutet. Es bedarf zum Glücklich- 
werden einer Kultur, bei der die mannigfaltigste Eigenart, der mannig- 
faltigste Inhalt des Könnens und Wollen s zur Entwickelung gebracht ist. 

So hat sich also unser Lohnen und Strafen, unsere V erwirklichung 
des Gebots „Einem jeden das Seine!“ auf die Züchtung einer 
dementsprechendenVielseitigkeit der Mitmenschen zu richten. 

Da haben wir beispielsweise durch die Verwendung der Lohn- 
mittel im täglichen Leben eine gewisse Produktivität der Mit- 
menschen grosszuziehen. Für die Entwickelung der Arbeitsfähigkeit und 
Arbeitswilligkeit der letzteren will gesorgt sein, damit bestimmte 
Bedürfnisse bei uns zur Befriedigung gelangen. Da lohnen wir etwa 
die Lieferung von Waren, durch deren Genuss den betreffenden Be- 
dürfnissen genügt wird. Es wäre aber ein Irrtum, zu glauben, dass 
durch die Lohn Verteilung nur Erziehung zu jener Arbeitsnützlichkeit 
betrieben zu werden brauche, mit einer Zweckmässigkeit dieser Art 
schon die Gerechtigkeit, die wirkliche Zweckmässigkeit gegeben sei. 

Neben einer solchen Produktivität werden wir als nicht minder 
bedeutsam z. B. diejenige Eigenart bei den Mitmenschen zu pflegen 
haben, durch die eine Beglückung hervorgerufen wird, wie sie ein 
gutes Familienleben mit sich bringt. Die betreffenden Eigenschaften 
des Könnens und Wollens und ihre Wirkung auf unser Wohlbefinden 
sind für uns zum mindesten ebenso wertvoll, wie jene Arbeits- 


41 


fähigkeit und Arbeits Willigkeit anderer. Unsere Verwendung von 
Gunst und Ungunst muss also derart eingerichtet sein, dass zwischen 
uns und unseren Mitmenschen auch jene familienähnlichen Beziehungen 
sich entwickeln, jene Eigenart des Könnens und Wollens zur Ent- 
stehung gelangt, die man als „Brüderlichkeit“ bezeichnen könnte. 

Den „Geschäftsmann“ mag — infolge der ihm zuteil gewordenen 
Gewöhnung — dieses eben hervorgehobene Gerechtigkeitserfordernis 
seltsam anmuten, ihm mag das Lohnen nach der Wohlfeilheit der 
Ware als das einzig Wahre und Selbstverständliche erscheinen. Das 
ändert aber für uns nichts an der Thatsache, dass es denn am Ende 
in unserer Gesellschaft doch auch noch auf etwas anderes als auf 
die Fähigkeit und Willigkeit, uns mit billiger Nahrung, Kleidung 
und ähnlichem zu versorgen, ankommt, dass für unsere Lebens- 
zwecke — mögen wir diese auch mit noch so viel kaufmännischer 
Nüchternheit veranschlagen — noch vieles andere, auch das, was 
soeben als Brüderlichkeit bezeichnet wurde, eine entscheidende Be- 
deutung besitzt. 

Als für uns bedeutsam, wird beim Lohnen und Strafen auch 
jene Eigenart der Mitmenschen zu kultivieren sein, die uns dadurch 
nützt, dass sie zur Klärung unserer Bedürfnisse und Wünsche bei- 
trägt, vor schädlichem Bedürfen und Wünschen uns bewahren hilft. 
Die Verwendung unserer Gunst und Ungunst, um zweckmässig zu 
erscheinen, muss darnach angethan sein, auch unbefangenes Denken 
zu züchten, Mitdenker zu erziehen. Da werden wir denjenigen, 
selbst wenn er ein Krösus wäre, mit Verachtung zu strafen haben, 
„der nie bedacht, was er vollbringt.“ Da will auch dafür erzieherisch 
gesorgt sein, dass uns Mitmenschen beschieden sind, die mit der 
Sonderart unserer Lebensbedingungen, mit den Besonderheiten unserer 
Persönlichkeit und unserer Umgebung vertraut sind und deshalb 
dazu beizutragen vermögen, unser Wünschen und Gemessen mit jenen 
für uns bedeutsamen Besonderheiten in Einklang zu bringen. Unser 
Lohnen und Strafen werden wir derartig einzurichten haben, dass 
uns ein solcher, den Erfordernissen unserer Individualität und unserer 
Lebensbedingungen kundiger Nächstenkreis erhalten bleibt; diese 
Nächsten werden die hierzu erforderliche Bevorzugung bei unserer 
Gunstverteilung finden müssen. 

Die Erhaltung der Sesshaftigkeit wirkt in solcher Weise 
nützlichkeitserzeugend; sie macht die Mitmenschen für uns nützlicher, 
indem sie deren Fähigkeit, die Erfüllung unserer besonderen Glücks- 
voraussetzungen uns zu erleichtern, erhöht. Demgemäss wird unser 
Lohnen und Strafen auf eine gewisse Beschränkung des Nomadentums 
in der Gesellschaft hinzuwirken haben. Wir werden z. B. bei unseren 
Nächsten ein Recht auf Arbeit anerkennen, das Gebot „Leben 
und leben lassen!“ zur Erfüllung bringen müssen, damit sie mit 


42 


ihren wertvollen Eigenschaften uns erhalten bleiben. Da wird dann 
auch, wo andere mit uns auf die Dauer den gleichen Verhältnissen 
und Lebensbedingungen gegenüberstehen , einen grossen Teil der 
Glücks Voraussetzungen mit uns gemein haben, ein nützliches Solidaritäts- 
bewusstsein grossgezogen. 

Als nützliche Eigenschaft, für die durch die erzieherische 
Verwertung unserer Lohnmittel gesorgt sein will, kommt ferner 
beispielsweise eine gewisse Freiwilligkeit der Mitmenschen für uns 
in Betracht. 

Zu unserem Glück vermag sehr viel beizutragen ein Nutzwille, 
den andere uns entgegenbringen, ohne dass sie jeweils durch Lohnen 
und Strafen erst dazu bestimmt sind. Wir müssen bei den Mit- 
menschen eine Willigkeit finden, die nicht lediglich Zug um Zug, 
sondern auch unabhängig von bestimmter Gegenleistung unser Inter- 
esse wahrzunehmen trachtet; durch solche Menschenliebe vermag 
das Glücklichsein in der Gesellschaft ausserordentlich gefördert zu 
werden. Wer viel leisten soll, muss solche Liebe finden; ohne die- 
selbe ist die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft in vieler Beziehung 
beschränkt. Auf die Erzeugung jener Liebe haben wir demnach 
bei der Einrichtung der Verwertung unserer Gunst Bedacht zu 
nehmen, wenn diese Verwertung eine vernünftige, zweckmässige 
sein soll. 

Die erwähnte Freiwilligkeit werden wir bei anderen zu pflegen 
haben, indem wir selbst dieselbe gegen andere üben und dritte dahin 
erziehen, dass sie gleichfalls in solcher Weiser gegen ihre Mit- 
menschen sich verhalten. Wir werden bei der Verwertung unserer 
Lohnmittel Menschenfreundlichkeit üben, Liebe säen müssen, damit 
in der Gesellschaft ebensolche Liebe, ebensolche Schonung und Pflege 
der Interessen anderer sich entwickelt, die erforderliche Nützlichkeit 
des Zusammenlebens auch in dieser Hinsicht zur Entstehung gelangt. 
Durch freiwillige Wahrnehmung von Mitmenscheninteressen haben wir 
erzieherisch zu wirken, von der Zweckmässigkeit solcher Freiwillig- 
keit andere zu überzeugen, wenn unsere Mitmenschenbehandlung zur 
Entstehung der rechten, glücksdienlichen Kultur Anlass geben soll. 
Unsere Menschenliebe erweist sich hier als eine Ergänzung 
unseres gerechten Lohnens und Strafens, als eine zweck- 
mässige, kulturdienliche Verwendung unserer Gunst. Für einen jeden 
ist es glücksdienlich, dass Zufriedenheit in der Gesellschaft herrscht; 
da erscheint das Glück des einzelnen als eine gemeinsame Sache, 
die Berücksichtigung dieses Glückes anderer als ein Teil der Gerechtig- 
keit, der rationellen Persönlichkeitsbehandlung. 

Wie unser Lohnen und Strafen zur Förderung jener freiwilligen, 
nicht unmittelbar durch den Empfänger, sondern nur durch unsere 
Gesellschaft als solche entgoltenen Nützlichkeit beizutragen hat, so 


43 


muss es z. B. auch darnach angethan sein, bei den Mitmenschen 
Gerechtigkeit hervorzurufen, dieselben zu einer vernünftigen, 
zweckmässigen Behandlung anderer zu bestimmen. Dieses Gerecht- 
sein der Mitmenschen ist notwendig, wenn die Gesellschaft uns die 
erforderliche Nützlichkeit bieten soll; für uns allein vermögen wir 
mit erzieherischem Lohnen und Strafen wenig zu erreichen , wenn 
das erzieherische Treiben der Mitmenschen im gegenteiligen Sinne 
wirkt. Da kommt also für die Verteilung unserer Gunst und Un- 
gunst die Notwendigkeit in Betracht, auch der Ungerechtigkeit 
anderer nach Möglichkeit erzieherisch zu begegnen. 

In dieser und anderer Weise wird das rechte Lohnen und 
Strafen durch die Förderung vielseitiger Gesellschaftseigenschaften 
gekennzeichnet. Die in der rechtsphilosophischen Litteratur und 
anderswo nicht selten vertretene Behauptung, das Gebot „Einem 
jeden das Seine!“ wolle lediglich besagen, dass bei Verwertung der 
Lohnmittel ein jeder „nach seiner Leistung“ zu bedenken sei, ist 
ein zu mancherlei irrigen Folgerungen Anlass gebender Irrtum. 
Man stellt jene Behauptung, die einer vom anderen entlehnt, als eine 
Fundamental Wahrheit hin, ohne sich selbst zu fragen: Ja, weshalb 
denn soll die Behandlung des einzelnen nur nach seiner „Leistung“ 
eingerichtet werden? Welcher vernünftige Zweck erfordert das? — 
Man ist sich hier nicht klar über Inhalt und Bedeutung des Nütz- 
lichkeitserziehungszwecks, mit dem eine solche einseitig gerichtete 
Lohnmittelverwertung sich nicht verträgt. 

Wo eine einseitig kalkulierte Verwertung der Lohnmittel 
herrscht, da kann von Zweckmässigkeit nicht die Rede sein. Wenn 
wir beispielsweise bei der Verwendung unserer Gunst und Ungunst 
aus der Gesellschaft lediglich eine Produktionsgemeinschaft machen, 
nur eine Warenerzeugungsvereinigung grossziehen, so ist das eine 
durchaus unzweckmässige, unvernünftige Behandlungsweise. Wo wir 
nur auf die Befriedigung einiger weniger Bedürfnisse, die mit wohl- 
feiler „Ware“ sich abthun lassen, Rücksicht nehmen, Billigstliefernde 
züchten, ausschliesslich geschäftsmännische und technische Leistungs- 
fähigkeit grossziehen, etwa den Bauern und den Handwerker zum 
Fabrikarbeiter, die nützliche, glückstiftende Hausfrau zur Frau des 
Erwerbslebens werden lassen, den fernen, fremden Ausbeuter günstigerer 
Produktionsbedingungen blindlings auf Kosten unserer Nächsten be- 
vorzugen, ein Nomadentum in der Gesellschaft fördern helfen u. s. w. — 
wo unser tägliches Lohnen und Strafen von derartig einseitiger Tendenz 
ist, einer solchen unvernünftigen „Profitwut“ dient, da ist von Zweck- 
mässigkeit nicht zu reden, ist den Zwecken der Nützlichkeitserziehung 
keineswegs genügt. 

Eine Einseitigkeit dieser Art fördert eine nutzarme Erziehung 
zutage, führt zu einer Degeneration der Kultur. Da bildet sich eine 


44 


Gesellschaft heraus, in der uns schädliche Bedürfnisse und Wünsche 
überkommen und wahrhaft nützliche Befriedigung vielfältig uns vor- 
enthalten bleibt, in der vielleicht Feindseligkeit, Ruhelosigkeit und 
Unsicherheit der Existenz uns das Leben verbittern und entwerten. 
Da giebt es am Ende viele billige Röcke und Stiefel und Tand aller 
Art, aber — wenig Lebensfreude. 

Aber nicht nur eine lediglich auf Produktivitätserzeugung be- 
schränkte Einseitigkeit unseres Lohnens und Straf ens, auch jede 
andere einseitige Lohnungstendenz erweist sich in ähnlicher Weise 
als unzweckmässig. Selbst die einseitige Züchtung der erwähnten 
Freiwilligkeit, der Menschenliebe, giebt zur Nutzarmut der Gesell- 
schaft Anlass, wirkt den Lebenszwecken zuwider. Mit dem blossen 
Willen, auch ohne persönliche Gegenleistung das Interesse anderer 
wahrzunehmen, ist noch nicht die Entwickelung der erforderlichen 
Nützlichkeit in der Gesellschaft hervorgerufen; diese Entwickelung 
muss daher noch durch andere Einflüsse als durch unsere erzieherische 
Menschenliebe entfacht werden, die Menschen, wie sie einmal 
sind, gelangen zu der erforderlichen Entfaltung ihres 
Könnens und Wollens nicht ohne einen gegen den Einzelnen 
gerichteten in Lohn oder Strafe bethätigten Zwang, der 
neben jener Menschenliebe auf sie ein wirkt. Das im täglichen Leben 
geübte gerechte Lohnen und Strafen und der in demselben gelegene 
erzieherische Zwang kann durch jene Menschenliebe wohl ergänzt, 
nicht aber ersetzt werden, wenn die Gesellschaftserziehung nicht 
einseitig und unzulänglich bleiben soll. 

Immer also bedarf es einer Lohnmittelverwertung, die auf die 
Erzielung einer vielseitigen Eigenart der Mitmenschen sich richtet. 
Wo dies nicht der Fall ist, da herrscht Ungerechtigkeit; da ist auch 
niemals vernünftige Menschenliebe, sondern höchstens eine „Affen- 
liebe“ zu Hause, die der kulturellen Vorbedingungen des Menschen- 
glücks nicht achtet. 

Das Gerechte ist ein Lohnen und Strafen, das der Ent- 
wickelung einer vielseitigen Gesellschaftsqualität, viel- 
fältiger nützlicher Eigenschaften der Mitmenschen förder- 
lich sich erweist. 

Eine vierte Eigenschaft dessen, was als gerecht zu bezeichnen ist, 
steht in Zusammenhang mit jener Relativität der Gesellschafts - 
nützlichkeit, von der wir oben sprachen. 

Wir bemerkten im ersten Abschnitt unserer Studie, dass die 
Nützlichkeit eines bestimmten Inhalts menschlichen Könnens und 
Wollens bedingt ist durch die Natur des Einzelfalls, auch durch 
dessen Sonderart. Es wurde hervorgehoben, wie nicht ein und 


45 


dasselbe für alle Persönlichkeiten und auch für ein und dieselbe 
Persönlichkeit nicht in allen Fällen sich schickt, vielmehr bald nütz- 
lich, bald nutzlos, bald schädlich ist. 

Auch die Zweckmässigkeit des bestimmten Lohnens und Strafens 
ist in gleicher Weise abhängig von der Natur des Einzelfalles, 
sie steht und fällt mit den Eigentümlichkeiten des letzteren. Die 
Erfüllung des oben gekennzeichneten, für die Gerechtigkeit ent- 
scheidenden Erziehungszwecks ist in dem einen Falle an diese, in 
dem anderen Falle an jene Voraussetzungen geknüpft. 

Was zur Nützlichkeitserziehung erforderlich ist, das hängt einmal 
ab von der Individualität, der Lage, dem Interesse dessen, 
für den die Erziehung, das Lohnen und Strafen Nützlich- 
keit anderer schaffen soll. Je nach der Persönlichkeit und der 
Situation dieses Nützlichkeitsinteressenten hat die Erziehungsaufgabe 
bald den einen, bald den anderen Inhalt, der dann wiederum für 
das rechte Lohnen und Strafen in entsprechenderWeise entscheidend ist. 

Nicht minder aber wird die Zweckmässigkeit des letzteren mit 
bestimmt durch die Individualität, die Lage, das Interesse 
desjenigen, auf dessen Nützlichwerden es jeweils ankommt, 
auf dessen Können und Wollen in dem bestimmten Falle die Er- 
ziehung, das Lohnen und Strafen einzu wirken hat. Je nach der 
Eigenart und der Situation dieses Erziehungsobjektes ist bald das 
eine, bald das andere Lohn- und Strafverfahren zweckdienlich, zur 
Nützlichkeitspflege geeignet. Da legt z. B. mancher erzieherisch 
Behandelte weniger auf Geldlohn als auf sonstige Gunst Gewicht, 
so dass man ihn also mit Geld nicht wirksam lohnen kann; in 
anderen Fällen dagegen ist es umgekehrt. 

Die Erziehungsvoraussetzungen wandeln sich auch im Laufe 
der Zeit; Vorstellungen und sonstige Voraussetzungen, die in der 
einen Zeit für das Erziehungs verfahren und seinen Erfolg von Be- 
deutung sind, können in einer späteren Zeit in Fortfall geraten. Die 
Wirklichkeit, die Natur, die aus den Einzelfällen sich zusammensetzt, 
bringt bei ihrer Entwickelung Wandlungen der Erziehungserfordernisse, 
an die das rechte Lohnen und Strafen sich anpasst, mit sich. 

Die erzieherische Beeinflussung, das Lohnen und Strafen bedarf 
also bald dieses, bald jenes Inhalts, um zweckmässig zu sein. Die 
rechte Verwertung unserer Lohn- und Strafmittel ist abhängig von 
mannigfaltigen und wandelbaren Zweckmässigkeitserfordernissen. Was 
hier in einem Falle zweckmässig ist, erscheint in manchem anderen 
Falle unvernünftig. Es giebt nichts absolut Gerechtes, nichts, was 
losgelöst von der Natur des Einzelfalles ein- für allemal seine 
Zweckmässigkeit bewahrte. Das Gerechte ist vielmehr etwas 
nur Relatives, in seinem Vorhandensein durch die Natur 
des Einzelfalles Bedingtes. 


46 


IM och eine weitere Eigentümlichkeit hat das wahrhaft Gerechte mit 
jener Nützlichkeit gemein, auf deren Erzeugung es abzielt. 

Wir bemerkten oben, dass der wahrhaft nützliche Inhalt des 
Könnens und Wollens nicht nur etwas Kelatives, sondern auch etwas 
in der Hauptsache nur sporadisch, nur vereinzelt Gegebenes sei, 
dass dieses wirklich Nützliche nicht nur der Allgemeingültigkeit, 
sondern auch einer Gültigkeit für zahlreiche Fälle ermangele. Es 
wurde hervorgehoben, dass die Voraussetzungen des Einzelfalles, von 
denen es abhängt, ob und wieweit etwas in Wirklichkeit nützlich 
ist oder der Nützlichkeit entbehrt, regelmässig nicht haufenweise 
Vorkommen, vielmehr in genau der gleichen Eigenart nur vereinzelt 
vorhanden zu sein, vielfach aber überhaupt in keinem zweiten Falle 
wieder vorzukommen pflegen. Es wurde ferner darauf hingewiesen, 
dass diese wirkliche Nützlichkeit, deren ein einzelner bedarf, der 
bestimmte Inhalt des Könnens und Wollens regelmässig nur bei 
diesem und jenem Mitmenschen, bei einigen wenigen, vielfach nur 
bei einem einzigen, nicht aber bei einer ganzen Klasse von 
Gesellschaftsteilhabern sich vorfinden kann. 

Hier zeigte es sich also, dass das Nützliche etwas im wesentlichen 
nur des sporadischen Daseins fähiges, der Verallgemeinerung Un- 
zugängliches ist. Genau das gleiche schickt sich nicht in vielen 
Fällen, nicht für viele, die der Nützlichkeit anderer bedürfen, und 
nicht bei vielen, auf deren Nützlichkeit andere angewiesen sind. 
Es handelt sich vielmehr, wie wir sahen, bei der Nützlichkeit um 
etwas, das nur im Verhältnis einzelner Persönlichkeiten zu einander 
in einzelnen Lebenslagen vorhanden ist, um eine Individualitäts- 
erfordernis und eine Individualitätseigenschaft, nicht um ein Klassen- 
erfordernis und um eine Klasseneigenschaft. 

Auch die Zweckmässigkeit des bestimmten Lohnens und Strafens 
ist regelmässig nicht nur eine relative, sondern überdies etwas 
lediglich vereinzelt, sporadisch Gegebenes. Der bestimmte 
Inhalt des betreffenden Lohn- und Strafverfahrens ermangelt nicht 
nur der Allgemeingültigkeit, sondern auch der Gültigkeit für 
zahlreiche Fälle. Die Erziehungsvoraussetzungen , von denen die 
Zweckmässigkeit der jeweiligen Lohn- und Strafmittelverwertung ab- 
hängt, finden sich in genau der gleichen Art und Konstellation 
regelmässig nicht haufenweise, vielmehr meist nur in dem einzigen 
Falle vor. Die Individualität, die Lage, das Interesse dessen, für 
den Nützlichkeit grossgezogen werden soll, ist nicht klassenmässig ver- 
treten, und ebensowenig sind es diejenigen Erziehungs Voraussetzungen, 
die in der Individualität, der Lage, dem Interesse dessen gegeben 
sind, der nützlich gemacht werden soll. 

Nur ein kleiner Teil der Erziehungsvoraussetzungen ist in vielen 


47 


Fällen gleichmässig vorhanden; daneben kommt in den Einzelfällen 
sehr viel Erziehungswesentliches in Betracht, das solcher Allgemeinheit 
ganz und gar entbehrt. Die örtliche und zeitliche Differenzierung 
der Einzelfälle, aus denen sich das sociale Leben zusammensetzt, ist 
unendlich, unerschöpflich mannigfaltig, der gruppenweisen Zusammen- 
fassung völlig unzugänglich. Die individuellen Besonderheiten 
sind hier demgemäss von weitgehendster Bedeutung für die Zweck- 
mässigkeit eines bestimmten Lohnens und Strafens. 

Nicht klassenmässig lässt sich somit die Verwertung der Lohn- 
mittel gestalten, wenn sie zweckmässig, der Nützlichkeitserziehung 
förderlich sein soll. Nicht können wir unser Lohnen und Strafen 
nach Massgabe dessen einrichten, wie eine Vielheit von anderen es 
macht, wir können dem Einzelfall nicht eine Behandlung angedeihen 
lassen, die für zahlreiche Fälle genau die gleiche ist, nicht sind 
ganze Klassen unserer Mitmenschen von uns gleich zu behandeln, 
wo es gilt, die für uns jeweils erforderliche Nützlichkeit zu erzielen. 
Was dem einzelnen jeweils als das Seine gebührt, das will gemäss 
der wirklichen, auch die Besonderheiten umfassenden Natur des 
Einzelfalles von Person zu Person, von Ich zu Ich, nicht für einen 
unterschiedsarmen Verkehr sonder artsloser Artexemplare bemessen sein. 

Ein und dasselbe Lohnen und Strafen dient nicht in gleicher 
Weise dem Interesse vieler und ruft nicht in gleicher Weise bei 
vielen eine bestimmte Erziehungswirkung hervor. Es bedarf demnach 
einer unendlichen Mannigf altigkeit des Behandlungsinhalts. 
Da kann keine durchschnittsmässige Behandlung den erforderlichen 
Erfolg zeitigen. Da lässt sich das gleiche Lohnverfahren nicht für 
weite Kreise und für lange Zeiträume zweckmässig verwerten. Einer 
solchen Vervielfältigung ist das rechte Lohnen und Strafen regel- 
mässig durchaus unfähig. 

Wo verallgemeinertes, klassenmässiges Lohn- und Strafverfahren 
herrscht, da tritt dessen Unzweckmässigkeit, dessen Schädlichkeit für 
den Erziehungszweck zutage. Die Gleichförmigkeit des Lohnens und 
Strafens trotz der Verschiedenheiten auf seiten derer, für die Nütz- 
lichkeit erzeugt werden soll, und auf seiten derer, die zur Nützlich- 
keit erzogen werden müssen, erweist sich als etwas Irrationelles, giebt 
zur Entstehung von Nützlichkeitsmangel, von minderwertiger Kultur 
Anlass. Da erfüllen sich nicht die Erziehungserfordernisse der wirk- 
lichen, gesamten Natur der Einzelfälle, aus denen sich das sociale 
Leben zusammensetzt. Wo nur die wenigen Erziehungsvoraussetzungen 
in unserem Lohnen und Strafen berücksichtigt sind, die in zahl- 
reichen Fällen gleichmässig vorliegen, da bleibt die rechte Ver- 
wertung unserer Lohn- und Strafmittel im wesentlichen unverwirklicht, 
da bleibt die erforderliche Nützlichkeit des Könnens und Wollens der 
Mitmenschen im wesentlichen ungezüchtet, da stellt bei der klassen- 


48 


massigen Behandlung Nutzarmut in der Gesellschaft sich ein. Diese 
Nutzarmut, diese Erziehungsfolge des Mangels an sporadisch, den 
Besonderheiten des Einzelfalls entsprechend bemessenem Lohnen und 
Strafen zeigt uns, dass bei einem solchen Mangel, bei einer im wesent- 
lichen gleichförmigen, klassenmässigen Verwertung unserer Lohn- und 
Strafmittel von Gerechtigkeit nicht die Rede sein kann. 

Das Gerechte ist etwas, das mit dem bestimmten Inhalt 
regelmässig nur vereinzelt, nicht aber klassenmäsig vor- 
kommt, etwas, das der Vervielfältigung nicht zugänglich ist. 

Die im Vorhergehenden klargestellten Eigenschaften des der 
Nützlichkeitszüchtung förderlichen Lohnens und Straf ens werden wir 
beachten müssen, wo wir darauf bedacht sind, die für uns im täg- 
lichen Leben erforderliche Gerechtigkeitsvorstellung zu erzielen, eine 
klare Vorstellung von dem zweckmässigen Behandlungsmassstab zu 
gewinnen. 

Ob das durch die erwähnten Eigenschaften gekennzeichnete voll- 
kommen Gerechte von uns in jeder Hinsicht verwirklicht werden 
kann, ob wir die hierzu erforderliche Fähigkeit besitzen, ist dabei 
gleichgültig. Jene Eigenschaften sind die Kennzeichen einer idealen 
Gerechtigkeit. Sie machen das letzte Ziel kenntlich, das wir im 
täglichen Leben beim Lohnen und Strafen im Auge zu behalten 
haben, bestimmen die Richtung unseres Verhaltens gegen die Mit- 
menschen, erzeugen eine bestimmte Behandlungstendenz. Nicht dass 
wir das Ziel jener vollkommenen Gerechtigkeit erreichen, sondern 
dass die Verwendung unserer Lohn- und Strafmittel dem solcher- 
weise gekennzeichneten Ziele möglichst sich annähert, ist das für 
uns praktisch Entscheidende. Bei unserer Aufgabe, unserer Be- 
antwortung der Frage „Was ist gerecht?“ handelt es sich ja nur um 
die Klarstellung eines zweckmässigen Ideals, eines rationellen Mass- 
stabes. In anderem Sinne haben wir die Gerechtigkeitsfrage hier 
nicht zu beantworten. 

Uber den bestimmten Inhalt, den das Gerechte in den Einzel- 
fällen hat, können und wollen wir uns bei dieser theoretischen Er- 
örterung nicht unterhalten. Nur leitende Gesichtspunkte, Be- 
handlungsprinzipien, Lohngrundsätze giebt es hier zu erörtern. Der 
konkrete Inhalt des Gerechten ist, wie wir sahen, etwas Wandelbares, 
etwas von wandelbaren Voraussetzungen der Nützlichkeitserziehung 
Abhängiges. Dieser Rechtsinhalt kann aus keinem Konversations- 
Lexikon herausgelesen werden. Er lässt sich nicht auswendig lernen, 
vermag nicht Inhalt eines Dogmas zu sein. 

Ein Rechtsdogma, eine feste Lehre über den Inhalt des Ge- 
rechten kann hier demgemäss nicht entwickelt werden. Eine gemein- 


49 


gültige Formel nach Art von Gesetezsparagraphen vermögen wir 
niemandem an die Hand zu geben. Wer mit einem gemeingültigen 
Gerechtigkeitsinhalt rechnet, der wird es bald erfahren, dass hier 
das Dichterwort sich bewahrheitet: „Vernunft wird Unsinn.“ Das 
Zweckmässige, das Vernünftige will entsprechend der Natur des 
Einzelfalles abgemessen sein gleich dem Inhalt der Weisheit eines 
Salomo; es ist nicht Gegenstand des Nachbetens, sondern Gegen- 
stand der Kechtsfindung. Die Ausübung unseres Erzieherberufes — 
die aktive Seite der Gerechtigkeit — hat in der Anwendung des 
Massstabs auf den Einzelfall, dessen Natur, dessen erziehungs- 
wesentliche Voraussetzungen wir studiert haben, zu bestehen; dieses 
jeweils erforderliche Abmessen des Gerechten kann durch Klar- 
stellung der Gerechtigkeitseigenschaf ten , der Behandlungsprinzipien 
wohl erleichtert, nicht aber durch Bücherschreiben und Bücher - 
lesen überflüssig gemacht werden. 

Soviel von den Eigenschaften des Gerechten, die bei der 
Klarstellung des erforderlichen Behandlungsmassstabes zu beachten sind. 


Neben den Eigenschaften des Gerechten aber sind noch weitere 
Eigentümlichkeiten des letzteren in Betracht zu ziehen, wenn wir 
ein klares Bild von dem Wesen des erforderlichen Gerechtigkeits- 
ideals uns machen wollen. Für diese Gerechtigkeitserkenntnis ist 
auch ein bestimmtes Ergebnis bedeutsam, von dem das Gerechte, 
das der Nützlichkeitszüchtung förderliche Lohnen und Strafen be- 
gleitet ist. 

Unsere Verwertung der Lohn- und Strafmittel ist sozusagen die 
aktive Seite der Gerechtigkeit. Letztere hat aber auch eine 
passive Seite. Das Gerechtsein hat in der Gesellschaft ein be- 
stimmtes Behandlungsschicksal der einzelnen Persönlichkeiten zur 
Folge. Aus dem Behandeln ergiebt sich ein Behandeltwerden, aus dem 
Erziehen ein Erzogenwerden, aus dem Belohnen ein Belohntwerden. 

Der einzelne ist in seinem Leben Gegenstand der Behandlung 
zahlreicher Mitmenschen. Diese Mitmenschen, wenn sie Gerechtig- 
keit gegen ihn üben, lassen ihm zusammen eine bestimmte Menge 
von Lohn- und Strafmitteln zukommen. Es ergiebt sich für ihn ein 
bestimmter Gesamtlohn, ein bestimmter Anteil an dem Gesamt- 
vorrat von Lohnmitteln, von Werten aller Art; von seiten des 
einen geniesst er diese, von seiten des anderen jene Gunst, mag 
die betreffende Zuwendung nun in direkter Überweisung materieller 
Gebrauchsmittel oder in der Gewährung von Genussanwartschaften 
irgend welcher Art bestehen. 

Dieser gerechte Gesamtanteil des einzelnen wird bestimmt durch 
das, was für die Gerechtigkeit, die Zweckmässigkeit des auf den 

Bischoff, Echte und falsche Gerechtigkeit. 4 


50 


Betreffenden verwendeten aktiven Lohnens entscheidend ist. Eine 
andere Bemessungsart des individuellen „Rechts“ giebt es nicht. 
Dieses Recht, dieses, was dem einzelnen als das Seine im ganzen 
gebührt, ist etwas zweckmässig, vernünftig Bemessenes. Als Rechts - 
massstab ist auch hier, auf der passiven Seite, der Zweck der 
Mehrung wirklicher Nützlichkeit entscheidend. Hier giebt es keine 
Bemessung, die unabhängig wäre von den individuellenErziehungs- 
voraussetzungen der Einzelfälle. Das Recht des einzelnen, sein 
gesamter Lohnmittelanspruch ist begründet in dem vernünftigen 
Erziehungsinteresse der einzelnen Mitmenschen; dieses aber richtet 
sich nach der Natur — auch nach den Besonderheiten — des Einzel - 
falles. Der gerechte Gunstanteil des Individuums wird bestimmt 
durch eine naturgemässe, vernünftige Erfüllung des Erziehungsberufes 
seitens der einzelnen Mitmenschen. Absolute Menschenrechte kommen 
in Wirklichkeit nicht in Frage. Die Rechte des einzelnen sind be- 
dingt durch eine ihnen anhaftende nützliche, kulturdienliche Wirkung. 

Bei dem Individualrecht, dem zweckmässigen Lohnmittel- 
anteil des einzelnen, der durch das vernünftige Erziehungsinteresse 
sich reguliert, kann von einer gleichförmigen Bemessung für alle 
Menschen oder für alle Teilhaber einer grossen Klasse — z. B. der 
Landwirtsklasse oder der Frauenklasse — nicht die Rede sein. Da- 
durch, dass zwei Persönlichkeiten den gleichen Beruf ausüben, ist 
beispielsweise die Gleichheit ihrer Rechte noch keineswegs motiviert. 
Ebensowenig gewährt etwa die gleiche Arbeitsqualität und -quantität 
ohne weiteres ein gleiches Genussrecht. In solcher schablonenmässigen 
Weise ist die Frage „Was hat eine bestimmte Persönlichkeit von einer 
bestimmten anderen Persönlichkeit in einem bestimmten Falle an Be- 
handlung zu beanspruchen?“ keineswegs abzuthun. Wenn eine der- 
artige, klassenmässig vorgenommene Bemessung des Individualrechts 
in einer Gesellschaft vorherrschte, so dass der einzelne dementsprechend 
von allen übrigen gelohnt würde, das Seine zugestanden erhielte, so 
würde es an kulturdienlichem Lohnen fehlen, würde sich nicht die 
erforderliche Nützlichkeit der Persönlichkeiten für einander entwickeln. 
Eine solche absolute, von den jeweiligen Erziehungsvoraussetzungen 
losgelöste Rechtsbemessung für den einzelnen gegenüber den ver- 
schiedenen Lohnenden und gegenüber den verschiedenen Fällen wäre 
ungerecht, unzweckmässig. Da stände nicht reelles, sondern höchstens 
formelles, fiktives Individualrecht in Frage. 

Das wirklich Gerechte zeichnet sich dadurch aus, dass 
es keine gleichf örmige, sondern eine mannigf altige, den 
jeweiligen vernünftigen Erziehungsinteressen angepasste 
Gesamtbehandlung des einzelnen, keinen klassenmässig 
gleichen, sondern einen den besonderen Erziehungsvoraus- 
setzungen angemessenen Inhalt des Individualrechts ergiebt. 


51 


V as charakteristische Ergebnis des Gerechten, des der Nützlichkeits- 
züchtung förderlichen Lohnens und Strafens besteht dann weiter in 
einer bestimmten Verteilungsordnung innerhalb der Gesellschaft. 
Aus der eben erwähnten Bemessung der individuellen Lohnmittel- 
anteile resultiert eine bestimmte Ordnung, in der sich der Gesamt- 
vorrat der Gunst, der Lohnmittel unter die einzelnen Gesellschafts - 
teilhaber infolge des zweckmässigen Lohnens und Strafens verteilt. 
Das Gerechte erzeugt die Rechtsordnung. 

Das Wesen dieser Rechtsordnung haben wir zu beachten, wo 
wir das Wesen einer zweckmässigen Gerechtigkeitsvorstellung uns klar 
zu machen trachten. 

Es handelt sich hier um die zweckmässige, die vernünftige, die 
nützliche Wertbesitzordnung in der Gesellschaft. Das Wesen der- 
selben wird bestimmt durch den Zweck der Nützlichkeitserziehung; 
dieser Erziehung dient sie, sie ist Er ziehungs Ordnung. Als solche 
muss sie den erziehungswesentlichen Voraussetzungen der Einzel- 
fälle — also auch den wesentlichen Besonderheiten derselben — 
angepasst sein; dieses Erfordernis ist für ihre Eigenart entscheidend. 

Es ergiebt sich, dass die als charakteristisches Resultat des 
Gerechten in Betracht kommende ideale Rechtsordnung nichts gleich- 
förmig Eingerichtetes darstellt, keine klassenmässige Verteilung 
des Wertbesitzes repräsentiert. Auch keine Starrheit lässt sie er- 
kennen; jene Ordnung ist nichts Stabiles, über lange Zeiträume gleich - 
mässig Verharrendes. Sie erweist sich als etwas Lebendiges, im 
ewigen Fluss, im steten Grenzwechsel Begriffenes; sie ist nicht 
konservativ, sondern fortschrittlich gestimmt. 

Dabei handelt es sich in Sachen dieser Ordnung nicht um eine 
Verteilung nur einiger Lohnwerte, vielmehr sind das Ganze dieser 
Werte, sämtliche Arten der Lohnmittel hier in der Verteilung 
begriffen. Die Rechtsordnung bezieht sich auch auf die Verteilung 
von Achtung, Liebe u. s. w., bei ihr ergänzt sich die Verwertung 
der verschiedenen Lohnmittel, denn für sie ist ja einzig entscheidend 
der Zweck der Gesellschaftserziehung und hat demgemäss jedes er- 
ziehungsdienliche Mittel seine Bedeutung. Neben der rechten Lohn- 
ordnung spielt dabei auch die sonstige kulturdienliche Einrichtung 
der Gunstverwertung eine Rolle. 

Die gerechte Wertbesitzordnung, die wir zu beachten 
haben, zeichnet sich also aus durch Mannigf altigkeit, Un- 
gleichförmigkeit, Lebendigkeit, durch geschickte An- 
passung an die wirkliche wechselvolle Welt des Indi- 
viduellen. Ein Gerechtigkeitsideal, dessen Verwirklichung eine 
andere Ordnung ergeben würde, kann nicht das zweckmässige sein, 
dessen Wesen wir uns klar zu machen suchen. Wo jene Eigen- 

4 * 


52 


schäften fehlen, wo statt dessen Unterschiedsarmut und tote Starr- 
heit herrschen, wo dem Individuellen gegenüber Rohheit waltet, wo 
der Fortschritt unterbunden ist, da ist Mangel an Rechtsordnung; 
da stellt Mangel an wirklicher Nützlichkeit der Persönlichkeiten für 
einander sich ein und liefert uns den Beweis dafür, dass Ungerechtig- 
keit im Spiele ist. 

Ob jenes charakteristische Ergebnis des Gerechten, jene wirk- 
liche, echte Rechtsordnung sich in einer bestimmten Gesellschaft voll- 
kommen verwirklichen kann, ob die vorhandenen Fähigkeiten dazu 
ausreichen, das interessiert uns hier nicht. Auch in dieser Beziehung 
haben wir es bei der Klärung unserer Gerechtigkeitsanschauung nur 
mit der Feststellung eines Ideals zu thun. Wir haben uns jene 
ideale Rechtsordnung, jene möglichst zweckmässige Gunstverwertungs- 
ordnung zu vergegenwärtigen, um in der Zielsetzung nicht zu irren. 
Es handelt sich auch hier für uns nur um die Ausmittelung einer 
zweckmässigen Tendenz, um die Feststellung der Richtung, in 
welcher sich die Gesellschaftsordnung, die Verteilung der 
Lohn werte zu vollziehen hat, um zweckdienlicher, den Lebens- 
zwecken der Individuen förderlicher zu werden. 

Soviel über die dem Gerechten als Ergebnis, als Folge- 
erscheinung eigentümliche, das Wesen der zweckmässigen Gerechtig- 
keit kennzeichnende Rechtsordnung. 


Um ein vollständiges Bild von der Eigenart des zweckmässigen 
Gerechtigkeitsideals uns zu machen, werden wir bei unserem Studium 
des der Nützlichkeitszüchtung förderlichen Lohnens und Straf ens, bei 
unserer Betrachtung des vollkommen Gerechten uns weiter die Ent- 
stehung des letzteren vergegenwärtigen müssen. Die Art und 
Weise, wie das Gerechte und die ihm nachfolgende Rechtsordnung^ 
entsteht, ist eine der Eigentümlichkeiten, durch deren Beachtung 
unsere Gerechtigkeitsvorstellung geklärt, unsere Verwertung derselben,, 
unsere Handhabung des zweckmässigen Behandlungsmassstabes förder- 
lich beeinflusst wird. 

Wie also entsteht das Gerechte und mit ihm die erwähnte ideale 
Rechtsordnung? Was ist zu deren Entstehung erforderlich? 

Das Gerechte und die ideale Rechtsordnung stellt sich dar als 
ein Ergebnis individuellen Wollens. Von der Qualität des 
Willens der beteiligten Individuen hängt es ab, ob und wieweit 
jenes Ergebnis sich einstellt. 

Die erforderliche Willensqualität kennzeichnet sich durch Zweck- 
mässigkeit, durch Rationalität; sie erweist sich dem Zweck der Nütz- 
lichkeitszüchtung möglichst förderlich, passt sich den erziehungs- 
wesentlichen Voraussetzungen der Einzelfälle an. Demzufolge zeichnet 


53 


sich das dem Gerechten und der idealen Rechtsordnung zu Grunde 
liegende individuelle Wollen aus durch einen unerschöpflichen 
Inhaltsreichtum, durch äusserste Lebendigkeit und Modi- 
fikationsfähigkeit. 

Dieser Natur des rationellen, gerechten Wollens entsprechend ist 
auch die Entstehung desselben geartet. 

Der erforderliche Willensinhalt, das vollkommen gerechte Wollen 
ist nicht etwas Unwillkürliches, ohne Wahl Entstandenes, nicht das 
Ergebnis einer urteilslosen Entschliessung seines Trägers. Nicht eine 
auf Voreingenommenheit, z. B. auf Loyalität oder Moralität, beruhende 
Willensbildung kann die Grundlage für die ideale Rechtsordnung 
abgeben; ein vorgeschriebenes Wollen vermag sich nicht mit dem 
vollkommen rationellen, erziehungsdienlichen Willensinhalt zu decken. 

Dieser erforderliche Willensinhalt ist nicht vorschreib- 
bar, jenes ideale Recht ist der Kodifikation unzugänglich. Was in 
den Einzelfällen wirklich recht, wirklich zweckmässig ist, das kann 
nicht ohne das eigene Urteilen der nächstbeteiligten Sachverständigen 
gewollt werden; die Bildung des Rechts willens kann hier nicht ledig- 
lich anderen überlassen bleiben. Wo letzteres geschieht, da kann 
von der Entstehung eines vollkommen rationellen Willensinhalts 
nicht die Rede sein; die menschliche Vernunft reicht zu derartiger 
Willensbildung, bei der Aussenstehende — vom „grünen Tisch“ her — 
das im Einzelfalle zu Wollende vorschreiben, nicht aus, um das wahr- 
haft Gerechte zu verwirklichen. Auch ermangelt das vorschrifts- 
mässige Wollen, wo es das Verkehrsleben beherrscht, jener Reich- 
haltigkeit, Lebendigkeit, Modifikationsfähigkeit, durch welche der der 
idealen Rechtsordnung zu Grunde liegende Willensinhalt ausgezeichnet 
ist. Schablonennatur, Gleichförmigkeit, auch über lange Zeiträume 
hin, haftet jenem programmmässigen Wollen an, dasselbe erweist sich 
als inhaltsarm, als etwas Generalisiertes, mehr oder minder Starres 
und Anpassungsunfähiges. 

Bei dieser Art des Wollens der an den Einzelfällen Beteiligten, 
bei einer vorschriftsmässigen Gestaltung des Willensinhalts 
kann sich die ideale Rechtsordnung niemals verwirklichen; 
eine Verwirklichung des wahrhaft Gerechten auf solcher Willens- 
grundlage ist undenkbar. Eine Utopia, in der jene Art der Willens- 
bildung herrscht, kann niemals eine Heimstätte wirklicher Gerechtig- 
keit sein. 

Nicht urteilslos folgsames Wollen, sondern Willkürinhalt, 
Eigengewolltes ist es, was zur Entstehung vollkommen gerechter 
Persönlichkeitsbehandlung, möglichst rationellen Lohnens und Strafens 
Anlass geben muss. Hier genügt nicht die Thatsache „stat pro 
ratione voluntas;“ hier muss die ratio selbst zur Geltung kommen, 
das individuelle Verhalten muss ein selbstbegründetes sein. Das 


54 


eigene Zweckmässigkeitsurteil, die eigene Würdigung der „ Natur der 
Sache“ ist unerlässlich, wenn die von uns gekennzeichnete Rechts- 
ordnung sich entwickeln soll. 

Diese erforderliche Willkür ist an sich nichts Unmögliches, 
Undenkbares. Dass das ohne Vorschrift, ohne Gesetzlichkeit, ohne 
Sittlichkeit entstandene Eigengewollte unvernünftig, ungerecht sein, 
dem Zweck der Nützlichkeitserziehung unter allen Umständen zu- 
widerlaufen müsste, ist keineswegs erwiesen. Mit der Natur des 
selbst urteilenden Menschen ist nicht von Geburt an ein un- 
vernünftiges, kulturschädliches Bestreben verbunden. Z. B. darf 
nicht ohne weiteres ein blinder Egoismus, der etwa auf ein einseitiges 
Lohnen einer gewissen Warenproduktionsfähigkeit abzielt, der billigsten 
Leistung dieser Art blindlings den Vorzug giebt, als ein unvermeid- 
licher „ Naturtrieb“ betrachtet werden. An sich ist bei dem einzelnen 
eine Willkür denkbar, wie sie zur Entstehung des wahrhaft Gerechten 
erforderlich ist. 

Bei der Gestaltung der Willkür spielt, wie wir an anderer 
Stelle bereits ausgeführt haben, der erzieherische Einfluss der Mit- 
menschen eine Rolle. Auch das Beispiel, sahen wir, kann hier mit 
seiner Wirkung förderlich sein. Das ist unter verschiedenen Lebens- 
bedingungen in verschiedenem Masse der Fall. Wo die den einzelnen 
angehenden Lebensbedingungen etwa von der Art sind, dass sie im 
wesentlichen auch für viele andere gleicherweise in Betracht kommen, 
da kann der einzelne bei seinem Zweckmässigkeitsurteil, bei der Ein- 
richtung seiner Willkür sich vielfach nach dem Urteil, nach dem 
Beispiel dieser anderen richten. Anders dagegen in einer Zeit, in 
der die individuellen Lebensbeziehungen viel mannigfaltiger sind, so- 
dass für den einen dieses, für den anderen etwas ganz anderes lebens- 
wichtig, von Bedeutung ist. Bei solcher Mannigfaltigkeit der die 
einzelnen angehenden Fälle kann einer bei seiner Urteilsbildung viel 
weniger an die Erfahrung anderer sich anschliessen. Da ist, wenn 
die erforderliche Willkür sich entwickeln soll, in viel höherem Masse 
Selbständigkeit bei der Urteilsbildung, selbständige Würdigung der 
Natur, der erziehungswesentlichen Eigenschaften des Einzelfalles 
notwendig. 

Wie dem nun auch sei, — immer bleibt die Thatsache bestehen, 
dass nur auf Willkür, auf Eigengewolltes das wahrhaft Gerechte, die 
wirkliche Rechtsordnung sich auf bauen kann. Wo sie ausgeschlossen 
ist, da ist die erforderliche Nützlichkeitserziehung unterbunden, da 
ergiebt sich Nützlichkeitsmangel. In der Utopia, die als Grundlage der 
Lohnordnung nur vorschriftsmässiges Wollen kennt, wäre es um die 
wirkliche Nützlichkeit der Persönlichkeiten für einander schlecht be- 
stellt. Der Erziehungserfolg lässt erkennen, dass urteilslose 
Willensbildung als Gerechtigkeitsgrundlage nicht taugt. 


55 


Thatsächlich spielt auch bislang in unserem Verkehrsleben beim 
Lohnen und Strafen, bei der Gestaltung der Wertbesitzordnung die 
Willkür, das Eigengewollte die Hauptrolle. Das Vorschriftsmässige 
nimmt hier einen nur kleinen Raum ein. Die lediglich aus Sittlich- 
keit oder Gesetzlichkeit befolgten Gebote und Verbote lassen der 
Willkür weitesten Spielraum, innerhalb dessen der einzelne sich nicht 
aus urteilsloser Voreingenommenheit, sondern aus Zweckmässigkeits- 
überzeugung entschliesst. 

Diese Zweckmässigkeitsüberzeugung wird vielfach beeinflusst 
durch das Beispiel anderer, durch vorhandene Behandlungs- , Lohn- 
gebräuche. Wenn der einzelne diesen „Sitten“ entsprechend sein 
Lohnen und Strafen einrichtet, so thut er das nicht aus Gehorsam, 
nicht lediglich deshalb, weil das Betreffende in Sittenform erscheint, 
nicht weil er sich vorschriftsmässig verhalten will, sondern weil er 
den Sitteninhalt für etwas Zweckmässiges hält. Nicht geheiligte 
„Institutionen“, auf gläubige Folgsamkeit gestützte Vorschriften sind 
hier in der Hauptsache wirksam, wenn auch hie und da aus all- 
gemeinen willkürlichen Gebräuchen solche Vorschriften geworden sind. 

Im wesentlichen ist das im heutigen Verkehrsleben sich vollziehende 
Lohnen und Strafen von Institutionen, von irgendwie sanktionierten 
Geboten und Verboten unabhängig. Seine Qualität, seine mehr oder 
minder grosse Gerechtigkeit, wird in der Hauptsache bestimmt nicht 
durch die Güte des vorschriftsmässigen, sondern durch diejenige des 
willkürlichen Wollens; von dem Stande der Willkür und der auf diese 
gestaltend einwirkenden Einflüsse — auch von dem Einfluss des 
allgemeinen Beispiels — hängt im wesentlichen der Grad ab, in dem 
unter heutigen Verhältnissen die Wertbesitzordnung der von uns 
gekennzeichneten Idealordnung angenähert ist. Die Vernünftigkeit 
oder Unvernünftigkeit der Willkür, nicht Loyalität oder Moralität, 
ist hier der Hauptsache nach für die Zweckmässigkeit des Willens - 
inhalts, für die rationelle Anpassung desselben an die Erziehungs- 
voraussetzungen des Einzelfalles thatsächlich entscheidend. 

Eine bestimmte Willkürqualität also ist um der ge- 
rechten Ordnung willen unter allen Umständen erforder- 
lich; ohne sie ist jenes rationelle Wollen, auf das das wahrhaft 
Gerechte, die ideale Rechtsordnung sich gründet, undenkbar. Auf 
die Willkür und deren Qualität muss zurückgegriffen werden, wo es 
sich darum handelt, das Lohnen und die Besitzordnung dem Zweck- 
mässigkeitsideal anzunähern. Insofern ergiebt die Beachtung der 
Entstehung des wahrhaft Gerechten und der idealen Rechtsordnung 
— mag mit dieser Vollkommenheit in Wirklichkeit zu rechnen sein 
oder nicht — eine bestimmte Tendenz, eine bestimmte Richtung, 
die bei der Sorge für Gerechtigkeit eingehalten sein will. 


56 


Die vorerwähnte Entstehung des erforderlichen Behandlungswillens, 
des gerechten, erziehungsdienlichen Willensinhalts ist nicht zu allen 
Zeiten mit den gleichen Schwierigkeiten verbunden. Bald gelingt 
die der idealen Rechtsordnung als Grundlage dienende Willensbildung 
leichter, bald weniger leicht, je nach der Art der in der betreffenden 
Zeit vorliegenden Erziehungsverhältnisse. 

Unter gewissen Lebensbedingungen, gewissen Verkehrs Voraus- 
setzungen ist es nicht schwer, das Rechte zu wollen, Erziehungs- 
sünden zu vermeiden. Derartige Erziehungsverhältnisse liegen etwa 
für jenen Robinson vor, dessen wir oben gedachten. Ihm kann es 
nicht schwer fallen, an seinem einzigen Gesellschaftsteilhaber seinen 
Erziehungsberuf zweckmässig zu erfüllen. 

Dem Erziehungswerk des einzelnen sind auch diejenigen Lebens- 
bedingungen verhältnismässig günstig, die in einer Verkehrs- und 
erfindungsarmen Zeit vorliegen, in der die Individuen sesshaft 
sind und der Hauptsache nach im Nächstenkreise leben. Da sind 
die Erziehungswirkungen für den einzelnen übersichtlich, es handelt 
sich für ihn nur um ein Lohnen und Strafen der Teilhaber jenes 
Nächstenkreises, die er zu beurteilen und richtig, dem Zweck der 
Nützlichkeitserziehung entsprechend zu behandeln vermag. 

In einer solchen Zeit auch ist der einzelne nicht in der Lage, 
das Recht seiner Mitmenschen auf Arbeit, den Grundsatz „Leben 
und leben lassen!“ gröblich zu verletzen; er muss, wenn er seine 
Bedürfnisse befriedigt erhalten will, seine Nächsten in Nahrung setzen, 
auf deren Interesse Rücksicht nehmen, er entbehrt mangels arbeit- 
ersparender Maschinen der Möglichkeit, diese Nächsten als über- 
flüssige Möbel zu behandeln, ist auch mangels entsprechender Verkehrs- 
mittel nicht im stände, Fernwohnende, die er nicht kennt und nicht 
beurteilen kann, zum Zweck seiner Bedürfnisbefriedigung zu bevor- 
zugen. 

In einer solchen Zeit ist die Verführung zur Ungerechtigkeit, 
zu einer der Nützlichkeitserziehung nachteiligen Verwertung der Lohn- 
und Strafmittel, der Gunst und der Ungunst verhältnismässig gering. 

Ganz anders liegen die Erziehungsverhältnisse in einer er- 
findungs- und verkehrsreichen Zeit. Da ist die Erfüllung 
des Erziehungsberufs wesentlich erschwert, da gelingt die gerechte 
Willensbildung viel weniger leicht. 

In einer solchen Zeit kommt für den einzelnen eine erzieherische 
Beeinflussung zahlreicher naher und ferner Mitmenschen in Frage. 
Direkt und indirekt übt hier die Verwertung seiner Gunst und Un- 
gunst die vielfältigste und komplizierteste Erziehungswirkung aus. 
Er ist z. B. in weitgehendstem Masse in der Lage, Befriedigungs- 
mittel, Waren zu bevorzugen, deren Urheber fern von ihm wohnen 


57 


und ihm unbekannt sind; er kauft die Ware, verwendet in solcher 
Weise seine Lohnmittel, ohne dass er die gesamte Erziehungswirkung 
dabei zu kontrolieren vermag, ohne dass er sich klar darüber ist, ob 
die Nützlichkeit der Gesellschaft, auf die er angewiesen ist, dabei 
sich mehrt oder sich mindert. 

In einer solchen Zeit ist ferner der einzelne vielfach der Not- 
wendigkeit überhoben, um der Befriedigung bestimmter Bedürfnisse 
willen das Recht seiner Nächsten auf Arbeit, das Gebot „Leben und 
leben lassen!“ respektieren zu müssen. Er kann ohne Berücksichtigung 
dessen, was aus seinen Nächsten wird, eine ganze Anzahl von Genüssen 
sich verschaffen; die Mitmenschen sind hier als Mittel zu der frag- 
lichen Bedürfnisbefriedigung durch Maschinen und Automaten ent- 
behrlich gemacht, die Verkehrsmittel ermöglichen ferner den Bezug 
der Ware von weit her, etwa von Fremden, die unter anderen 
Himmelsstrichen in der Lage sind, günstigere Produktionsbedingungen 
auszubeuten. 

Da ist es also in erheblichem Umfange möglich, Bedürfnisse auf 
kulturschädliche Weise befriedigt zu erhalten. Es kann einer, ob- 
gleich er dem Zweck wirklicher Nützlichkeitserziehung zuwiderhandelt 
— indem er etwa bei der Verwertung seiner Lohnmittel eine ein- 
seitige Züchtung treibt oder gar Schädlichkeit hervorruft, Nutzfähig- 
keit und Nutz Willigkeit der Nächsten in ihr Gegenteil sich verkehren 
lässt, den Familiencharakter der Gesellschaft zerstören hilft, an die 
Stelle der Rechtsordnung eine Unrechtsordnung gelangen lässt u. s. w. - — 
in einer erfindungs- und verkehrsreichen Gesellschaft einer ganzen 
Anzahl von Genüssen teilhaftig werden. 

Unter solchen Umständen ist die Verführung zur Ungerechtig- 
keit eine ganz andere wie in einer erfindungs- und verkehrsarmen 
Zeit. Hier stellt sich viel leichter ein schädlich wirkender Egoismus 
ein; viel eher gelangt hier der einzelne dahin, durch ein erziehungs- 
schädliches Lohnen und Strafen die Nützlichkeit der Gesellschaft 
zerstören, den Ast, der ihn und sein Glück trägt, in solcher Weise 
absägen zu helfen. 

In einer derartigen Zeit ist die Ausübung des Erziehungsberufs, 
der ars boni et aequi*), das dem „suum cuique!“ dienliche Wollen 
sehr erschwert. Da werden die Lohngebräuche leicht zu Erziehungs- 
sünden, da ist Unvernunft und Unklarheit viel verhängnisvoller als 
zu anderer Zeit. Ein Robinson oder ein mit den Vorstellungen einer 
erfindungs- und verkehrsarmen Zeit ausgestatteter Mensch erliegt 


*) Der römische Jurist Celsus definiert: jus est ars boni et aequi. 
Das würde nach unseren Ausführungen etwa bedeuten: Rechtsordnung ist 
die Kunst, das im Verkehrsleben Zweckmässige und den erziehungswesent- 
lichen Voraussetzungen des Einzelfalles Angemessene zu treffen. 


58 


unter derartigen Lebensbedingungen der Versuchung, wird hier zum 
schlechten Egoisten. Die Vorstellungen und das savoir vivre wollen 
eben an die jeweiligen Lebensbedingungen, an die jeweiligen Erziehungs- 
schwierigkeiten angepasst sein, wenn das erziehungsdienliche Wollen 
zur Entstehung gelangen soll. 

Zu letzterem Zwecke, zur Bildung des erforderlichen Erziehungs- 
willens, der zur gerechten Verwertung unserer Lohn- und Strafmittel 
Anlass giebt, ist unter verschiedenen Lebensbedingungen 
eine verschiedene persönliche Qualifikation erforderlich. In 
einer erfindungs- und verkehrsreichen Zeit werden, gegenüber den 
hier gegebenen Versuchungen, grössere Anforderungen an diese 
persönliche Gerechtigkeitseigenschaf t gestellt, bedürfen wir 
mehr Fähigkeit der erwähnten Art, müssen wir fähiger sein zu ver- 
nünftigem, zweckmässigem Wollen, zur klaren Beachtung der ob- 
waltenden Erziehungsvoraussetzungen, zur unbefangenen Würdigung 
der erzieherischen Vorbedingungen des Lebensglücks. In einer solchen 
Zeit ist in höherem Grade Freiheit des einzelnen, Unabhängigkeit 
desselben von irrigen, kulturschädlichen, der rechten Sachkunde er- 
mangelnden Vorstellungen, mehr Unbefangenheit dieser Art erforder- 
lich. Mit seinem Egoismus muss sich hier höhere Einsicht verbinden, 
damit er gegen die Verführung, die ihn gegen seine eigenen ver- 
nünftigen Interessen sündigen lässt, gewappnet ist. 

Die Entstehung jener Erzieherqualität, jener Fähigkeit 
und Geneigtheit zur Rechtsfindung, zum gerechten Wollen vollzieht sich 
im Wege der Fürsorge für vernünftige Willkür der Menschen. Nicht 
durch Gehorsamspflege lässt sich jene persönliche Gerechtigkeit, jene 
Rechtsfindigkeit erzielen, deren es als Urquell der idealen Rechtsordnung 
bedarf. Nicht Abrichtung, nicht Erzeugung und Benutzung von urteils- 
loser Folgsamkeit, von Gesetzestreue oder Sittentreue vermag jene er- 
forderliche Willensfähigkeit hervorzurufen. Gesetzgebung kann nicht 
gerecht machen, vermag nicht jene Qualifikation zu erzeugen, deren 
es etwa in einer erfindungs- , Verkehrs- und versuchungsreichen 
Zeit zum Gerechtsein bedarf. Nicht als Träger eines Fremd- 
willens, als Werkzeug eines Gemein willens kann der einzelne des 
gerechten Wollens fähig sein. Nicht Voreingenommenheit, nicht 
Unfreiheit kann ihn zum guten Erzieher machen, vor Erziehungs- 
sünden bewahren. 

Aus Eigen Willigkeit, aus Willkür muss der einzelne — wie wir 
sahen • — lohnen und strafen, wo die ideale Rechtsordnung sich ent- 
wickeln soll. Demgemäss handelt es sich bei Entstehung jener 
persönlichen Gerechtigkeitsqualifikation um die Ausbildung der 
Fähigkeit, Eigenwillen, Privatwillen hervorzubringen. Die 
Kunst des eigenen Rechtsurteils, die ars boni et aequi, steht hier 
in Frage. Da will für die Willigkeit zu eigener Urteilsbildung und 


59 


für Urteilsschulung gesorgt sein. Da kann in Zeiten vielfältigen 
Verkehrs auch der Hinweis auf das Beispiel anderer, die Pflege des 
Nachahmungstriebes nicht genügen. Die erforderliche Qualifikation 
kann hier nur aus der Selbständigkeitspflege, aus der Entwickelung 
der Fähigkeit und Willigkeit zur selbständigen Rechtsfindung 
hervorgehen. 

Unbefangenheit und Freiheit sind — wie wir sahen — Bestand- 
teile jener persönlichen Gerechtigkeit; Vernünftigkeit ist ihre Seele, 
es handelt sich bei ihr um die Fähigkeit zur vernünftigen Wahr- 
nehmung des eigenen Erziehungsinteresses. Da kann Erziehung zur 
Selbstlosigkeit nicht nützen; ein solcher Vorgang, der etwa den 
einzelnen nach Art hypnotisierender Einwirkung — auch der Hypno- 
tisierte handelt ohne und gegen sein vernünftiges Interesse — 
beeinflusst, ist nicht geeignet, die erforderliche Erzieherqualifikation 
hervorzurufen, den Betreffenden zum gerechten Wollen geeignet zu 
machen. Nicht mit Begeisterung und ähnlichen Mitteln ist hier ein- 
zuwirken; die persönliche Gerechtigkeit kann sich nur auf Grund 
nüchterner Wahrheitsliebe entwickeln. 

Das ist der Weg der Entwickelung jener persönlichen Gerechtig- 
keit, die als Urquell der idealen Rechtsordnung in Betracht kommt. 
Er kennzeichnet uns die Richtung, welche die Entwickelung 
der erwähnten Erzieherqualifikation einhalten muss, wenn 
sie unter den jeweils gegebenen Lebensbedingungen und Erziehungs- 
schwierigkeiten Fortschritte machen soll. 

Ob die persönliche Gerechtigkeit, die Rechtsfindigkeit das ideale 
Mass erreichen kann, interessiert hier nicht. Wir entnehmen aus dem 
im Vorhergehenden Ausgeführten nur, wie es um der möglichst 
grossen Gerechtigkeit willen darauf ankommt, dass die in die Gesell- 
schaft Hineingeborenen zur forschenden Wahrheitsliebe erzogen, in ihrer 
Vernünftigkeit gefördert werden, dass ihre Natur als homo sapiens 
zur Ausbildung gelangt. 

Soviel über die Entstehung des Gerechten und der ihm nach- 
folgenden idealen Rechtsordnung. 

Alles das, was über die Entstehung des der Nützlichkeits- 
züchtung förderlichen Lohnens und des ihm zu Grunde liegenden 
individuellen Wollens zu bemerken war, werden wir zu beachten 
haben, wo wir, um eine klare Vorstellung von dem Wesen des im 
täglichen Leben zu verwertenden Behandlungsmassstabes zu gewinnen, 
uns die Frage beantworten: „Was ist gerecht?“ 


Schliesslich haben wir noch die Bedeutung des Gerechten, die Rolle, 
die dasselbe den individuellen Lebenszwecken gegenüber spielt, uns 
zu vergegenwärtigen. Auch die Beachtung dieser Bedeutung, dieser 


60 


Rolle trägt dazu bei, uns Klarheit über das gesuchte Gerechtigkeits- 
ideal zu verschaffen, die Eigenart des zweckmässigen Behandlungs- 
massstabes uns würdigen zu lehren. 

Wenn wir von der Bedeutung, von dem Wert des vollkommen 
Gerechten und der idealen Rechtsordnung reden, so gilt das hierüber zu 
Sagende in gleicherweise von der Annäherung an dieses Vollkommene, 
dieses Ideale, mit der allein wir es in der Wirklichkeit des Lebens 
zu thun haben. Wo jenes Vollkommene, dessen Linien wir im Vorauf - 
gehenden zu zeichnen versuchten, jenes Vorbildliche eine bestimmte 
Bedeutung besitzt, da ist auch die Annäherung an dasselbe ent- 
sprechend bedeutsam, spielt auch die auf dasselbe gerichtete Tendenz 
eine dieser Bedeutung angemessene Rolle. 

Die Bedeutung des Gerechten und der Rechtsordnung 
ist abhängig von der Bedeutung, den die Nützlichkeit der 
Gesellschaft besitzt. Das Gerechte ist ja, wie wir gesehen haben, 
ein Mittel der Nützlichkeitserziehung, der Erzeugung eines nutz- 
reichen Kulturstandes. Soweit nun das Dasein und das Glücklich- 
sein der Individuen von dem Nützlichkeitsstande in der Gesellschaft 
berührt wird, soweit nützliche Kultur vorhanden sein muss, damit 
die Gesellschaftsteilhaber von schädlichen Bedürfnissen und Mangel 
an nützlicher Befriedigung verschont, vor Unzufriedenheit bewahrt 
bleiben, in eben solchem Masse ist auch Nützlichkeitserziehung not- 
wendig, spielt das gerechte Lohnen und Strafen eine Rolle. 

Die Bedeutung der Gesellschaftsqualität für den Zufriedenheits- 
stand aber ist, wie wir uns oben klar machten, unter verschiedenen 
Lebensbedingungen eine verschiedene. Die Nützlichkeit der Gesell- 
schaftsteilhaber für einander fällt — so führten wir aus — in einer 
Zeit des Köhlerglaubens, in der verhältnismässige Bedürfnisarmut und 
Reichtum an tröstlicher Hoffnung vorhanden ist, weniger schwer ins 
Gewicht, als in einer Zeit ausgedehntesten Verkehrs und Gedanken- 
austausches, in der Bedürfnisreichtum und Mangel an tröstlicher 
Hoffnung sich einstellt. Dementsprechend spielt in diesen verschiedenen 
Zeiten auch das Gerechte eine verschiedene Rolle. In einer Zeit des 
Köhlerglaubens, in der es auf die Gesellschaftsqualität weniger 
ankommt, ist die Nützlichkeitszüchtung von geringerer Bedeutung, 
ist eine irrationelle, Unrechte Persönlichkeitsbehandlung erträglicher, 
haftet dem Unrecht weniger Schädlichkeit an. Ganz anders in einer 
Verkehrs- und bedürfnisreichen, mit schwierigeren Zu- 
f riedenheitsvorbedingungen ausgestatteten Zeit. Da fallen 
Erziehungssünden und Gerechtigkeitsmangel viel schwerer ins Gewicht ; 
in viel höherem Masse erwächst da aus dem Mangel an Vernünftig- 
keit des Lohnens und Strafens, aus der Unzweckmässigkeit der Lohn- 
mittelverwertung die Gefahr steigender Unzufriedenheit, steigenden 
Mangels an Lebensfreude, steigender Lebensentwertung in der Gesell- 


61 


schaft. In einer solchen Zeit ist das Gerechte weit mehr dazu not- 
wendig, den Niedergang des Völkerglücks zu verhüten, in einer 
solchen Zeit muss sich weit mehr als in Zeiten des Köhlerglaubens 
die Wahrheit verwirklichen: Gerechtigkeit erhöhet ein Volk. 

Wie die Bedeutung des Gerechten selbst solcherweise eine ver- 
schiedene, in Zeiten gesteigerten Verkehrs eine höhere ist, so ist es 
auch der Fall mit der Bedeutung dessen, was zur Entstehung 
des gerechten Lohnens und Strafens Anlass giebt. Diese 
Entstehungsmittel sind in gleichem Masse — in der einen Zeit mehr, 
in der anderen weniger — bedeutsam wie das Gerechte selbst. 

Demgemäss kommt es auf das Vorhandensein eines ratio- 
nellen Behandlungs_willens, eines gerechten Wollens bei den 
Individuen in dem oben gekennzeichneten Zeitalter des Verkehrs weit 
mehr an als in Zeiten der Verkehrsarmut. Der der Natur des Einzel- 
falles angemessene, inhaltsreiche, mannigf altige , lebendige Willens- 
inhalt, der die Grundlage des gerechten Lohnens und Strafens bildet, 
spielt hier eine viel bedeutsamere Rolle. Die Schädlichkeit eines 
schablonenhaften, inhaltsarmen, der wirklichen Natur des Einzelfalles 
widerstreitenden, starren Wollens ist hier eine viel grössere. 

Das Vorhandensein erziehungsdienlicher Willkür ge- 
winnt in demselben Masse an Bedeutung, in dem in einer bestimmten 
Zeit, unter bestimmten Lebensbedingungen das Gerechte eine für die 
individuellen Lebenszwecke bedeutsame Rolle spielt. Und in eben 
solchem Masse fällt auch die Schädlichkeit der Ausschliessung der 
Willkür aus Gebieten des Lohnens und Strafens ins Gewicht; in 
Zeiten des Köhlerglaubens ist diese Ausschliessung des Eigengewollten 
aus der Erziehungssphäre von geringerer Erheblichkeit als in Zeiten, 
in denen Glück und Unglück der Individuen in höherem Masse von 
der erfolgreichen Gesellschaftserziehung abhängt. In Zeiten letzterer 
Art erweist sich Willkürmangel, die Ersetzung des Willkürlichen durch 
das Vorschriftsmässige weit gefährlicher. Hier ist es viel notwendiger, 
dass der einzelne als Träger eigenen, nicht als Träger fremden Willens 
sich bewährt; hier zeigt folgsame Voreingenommenheit eine schädliche 
Bedeutung, wie sie ihr in verkehrsarmen Zeiten nicht eigen ist. 

Diesen Unterschieden entsprechend ist auch das Vorhandensein 
der Fähigkeit zu rationeller, erziehungsdienlicher Willensbildung, das 
Vorhandensein der Gerechtigkeitsqualifikation, der persön- 
lichen Gerechtigkeit des einzelnen von verschiedener Bedeutung, bald 
mehr, bald minder für die individuellen Daseins- und Glückszwecke 
wichtig. Die persönliche Gerechtigkeitseigenschaft, die Rechtsfindigkeit 
gewinnt in demselben Masse an Wert, an Lebens Wichtigkeit, in dem 
ihr Erfolg — das Gerechte — bedeutsamer wird. Sie spielt also 
in jenem Zeitalter des Verkehrs gleichfalls eine wichtigere Rolle. 

Da zeigt sich nun, dass dieses Verkehrszeitalter, in dem es 


62 


auf Nützlichkeitszüchtung und Gerechtsein mehr ankommt, zusammen- 
fällt mit der oben erwähnten Zeit, in der das Gerechtsein erschwert 
ist, die Erziehungsschwierigkeiten in höherem Masse hervortreten, 
mit jener Zeit der Erfindungen, in der an den einzelnen die Ver- 
suchung zur Ungerechtigkeit, zur kulturschädlichen Persönlichkeits- 
behandlung vielfältig herantritt und in der es deshalb einer voll- 
kommeneren Gerechtigkeitsqualifikation bedarf, wenn der einzelne 
nicht die socialen, kulturellen Vorbedingungen seines wirklichen, 
echten Lebensglücks zerstören helfen, als ein schlechter Egoist sich 
erweisen soll. 

In demselben Masse also, wie im Zeitalter des Verkehrs ent- 
sprechend der höheren Bedeutung des Gerechten die Gerechtigkeits- 
qualifikation überhaupt an Bedeutung gewinnt, wird hier auch das 
Vorhandensein eines bestimmten höheren Grades persön- 
licher Gerechtigkeit, einer höheren Fähigkeit zur Rechtsfindung 
bedeutsam, wie sie durch die Steigerung der Erziehungsschwierigkeiten 
bedingt ist. In einer solchen Zeit ist ein bestimmter höherer Grad 
von Fähigkeit und Willigkeit zum kulturdienlichen Lohnen und 
Strafen von grösster Wichtigkeit, während er in Zeiten des Köhler- 
glaubens keineswegs eine derartige Rolle spielt. 

Es zeigt sich auch insofern, wie die Eigenschaften — auch die 
Vorstellungen — des menschlichen Individuums den verschiedenen 
Lebensbedingungen anpepasst sein müssen. Im Verkehrszeitalter 
spielt hochgradige Erziehungstüchtigkeit, stark entwickelte Rechts - 
findigkeit des einzelnen eine so wesentliche Rolle, wie sie etwa in 
anderen Zeiten lediglich den Tugenden der Kampffähigkeit und der 
Tapferkeit zufällt. Wenn Menschen aus einem anderen Zeitalter unter 
derartige Lebensbedingungen geraten, so werden sie wegen der er- 
höhten Bedeutung der Gesellschaftserziehung notwendiger als früher 
eines bestimmten Masses von Fähigkeit und Willigkeit zum Gerecht - 
sein bedürfen, ähnlich wie ein Robinson, der unter andere sociale 
Zustände gerät, eine andere Eigenart sich aneignen muss. Geht in 
einer Zeit des Verkehrs den Beteiligten jene Anpassung, jenes 
höhere Mass von Gerechtigkeitsqualifikation ab, dann sind sie den 
Lebens- und Glücksbedingungen nicht gewachsen, dann geht es mit 
ihrer Zufriedenheit, ihrer Lebensfreude bergab. 

Solcherweise tritt entsprechend der Bedeutung des Gerechten 
hier die Bedeutung eines bestimmten Masses der Fähigkeit und 
Willigkeit zur rationellen Erfüllung des Erzieherberufs zu Tage. Un- 
klarheit und Unvernunft und was sonst erziehungsunfähig macht, hat 
dementsprechend in der einen Zeit mehr, in der anderen weniger, 
in einem Zeitalter des Verkehrs aber sehr viel schädliche Bedeutung. 
Andererseits fällt unter den in einem solchen Zeitalter gegebenen 
Lebensbedingungen alles das viel mehr ins Gewicht, w T as zur Ent- 


63 


stehung jenes höheren Masses von Rechtsfindigkeit Anlass giebt, 
zur Mehrung des Gerechtseins dienlich ist. Das Vorhandensein 
von Gerechtigkeitserziehung ist in demselben Masse von Wichtig- 
keit, in dem das kulturdienliche Lohnen und Strafen in einer Zeit 
für das Dasein und das Glücklichsein der Individuen bedeutsam sich 
erweist. 

Jenes Verkehrszeitalter, in dem es in höherem Grade der 
Nützlichkeitszüchtung bedarf, bringt aber auch diejenigen Lebens- 
bedingungen mit sich, die es dem einzelnen unmöglich machen, bei 
der Gestaltung seiner Willkür, bei der Bildung seines Rechtsurteils 
ohne weiteres an andere sich anzulehnen. Es herrscht hier jene 
Mannigfaltigkeit der Erziehungsvoraussetzungen , mit der sich die 
Notwendigkeit verbindet, dass der einzelne auch selbständig urteilt. 
Wo die Gerechtigkeitserziehung von erhöhter Bedeutung ist, da 
spielt hier also auch das Vorhandensein von Selbständigkeits- 
erziehung eine entsprechend wichtigere Rolle. 

Ebenso kommt es in dem gleichen Grade, wie auf das Vor- 
handensein von Rechtsordnung, von persönlicher Gerechtigkeit, von 
Selbständigkeit, in einem Zeitalter des Verkehrsreichtums weit mehr 
als in Zeiten der Verkehrsarmut auf das Vorhandensein von 
Vernünftigkeit der Gesellschaftsteilhaber an. Dass diese Eigen- 
schaft, auf deren Entwickelung die Entwickelung der Rechtsfindigkeit 
angewiesen ist, zur Entstehung und Ausbildung gelangt, ist in verkehrs- 
reicher Zeit von höchster Bedeutung für die Erfüllung der individuellen 
Lebenszwecke. Unter gewissen Umständen — wie sie in einer solchen 
Zeit vorliegen — hängt von einem bestimmten Masse der Vernünftig- 
keit in der Gesellschaft alles aus dem Grunde ab, weil in dem be- 
treffenden Falle alles Wohlbefinden bedingt ist durch rationelle Per- 
sönlichkeitsbehandlung, durch gerechtes Lohnen und Strafen im 
täglichen Verkehrsleben. 

Wegen der erhöhten Bedeutung des Gerechtseins ist in einem 
Verkehrszeitalter die Eigenschaft des einzelnen als homo sapiens, 
insbesondere sein Socialverständnis, seine Erkenntnis der socialen und 
kulturellen Vorbedingungen der Zufriedenheit von entscheidender 
Wichtigkeit. Unter den hier gegebenen Lebensbedingungen bedeutet 
ein Manko an der zu solcher Erkenntnis befähigenden Vernünftigkeit, 
ein Mangel an Unbefangenheit und Wahrheit einen Niedergang der 
Kultur und der Zufriedenheit. Aufklärungsmangel hat hier Un- 
gerechtigkeit und diese wieder die Entstehung einer Gesellschaft zur 
Folge, in welcher der einzelne nicht bewahrt bleibt vor schädlichen 
Bedürfnissen und nicht der wahrhaft nützlichen, seiner Individualität 
angemessenen Befriedigung teilhaftig wird und in der dann trotz ge- 
wissen Güterreichtums Wert- und Glücksarmut herrscht. In einer 
solchen Zeit bedeutet eben Einfalt keine Unschuld, da bezeugt der 


64 


geringere Grad von nüchterner Vernünftigkeit, dass es an Anpassung 
der individuellen Eigenschaften an die Gebote der in den Einzelfällen 
lebendigen Natur fehlt. Da ist dann auch das Vorhandensein 
von Vernünftigkeitspflege von grösster Lebens Wichtigkeit, da hat 
ein Mangel an solcher die Unbefangenheit, die geistige Freiheit 
mehrenden, den Blick schulenden und schärfenden Erziehung jene 
Kultursünden in der Gesellschaft zur Folge, die zum Niedergang der 
Zufriedenheit und des Lebens wertes Anlass geben. 

Soviel über die Bedeutung, über den Wert des Gerechten und 
der seiner Entstehung zu Grunde liegenden Zustände und Vorgänge; 
soviel insbesondere über die Rolle, die das Gerechtsein und das Ge- 
rechtwerden in einem Zeitalter des Verkehrs in Sachen des Daseins 
und des Glücklichseins der Individuen spielt. 


Das etwa wäre es, was über die Eigentümlichkeiten des der Nütz- 
lichkeitszüchtung förderlichen Lohnens und Strafens, über seine 
Eigenschaften, sein Ergebnis, seine Entstehung und seine Bedeutung 
zu sagen ist. 

Durch Beachtung dieser Eigentümlichkeiten haben wir — nach 
dem, was im ersten Abschnitt unserer Studie über die einzuhaltende 
Methode ausgeführt wurde, — eine klare Vorstellung von dem zweck- 
mässigen Gerechtigkeitsideal uns zu verschaffen. Die Beantwortung 
der Gerechtigkeitsfrage in dem Sinne, wie wir uns dieselbe zur Auf- 
gabe gemacht haben, hat durch die Klarstellung jener Eigentüm- 
lichkeiten zu erfolgen; eine andere Antwort auf die Frage: „Was 
ist gerecht?“ kann hier nicht geboten werden. Wenn wir uns klar 
darüber sind, durch welche Eigenschaften das Gerechte sich aus- 
zeichnet, welches Ergebnis ihm eigen ist, wie seine Entstehung vor 
sich geht und welche Bedeutung es besitzt, dann ist das erreicht, 
was im Wege einer theoretischen Beschäftigung mit der Gerechtigkeits- 
frage dazu beigetragen werden kann, dass ein zweckmässiges Be- 
handlungsideal, ein nützlicher Massstab der Persönlichkeitsbehandlung, 
eine den vernünftigen Interessen der Beteiligten förderliche Verkehrs- 
tendenz in der Gesellschaft zur Geltung kommt. 

Diesem letzteren Zweck gegenüber müssen wir uns hier mit der 
im zweiten Abschnitt unserer Studie gewonnenen Erkenntnis be- 
gnügen, dass das Gerechte, dessen Bedeutung für das Dasein 
und das Glücklichsein der Individuen besonders im Zeit- 
alter des Verkehrs eine sehr erhebliche ist, in einer der 
Erzeugung einer vielseitigen Gesamtnützlichkeit der uns 
interessierenden Gesellschaft förderlichen den sämtlichen 
erziehungswesentlichen Voraussetzungen des Einzelfalles 


65 


angepassten Verwertung von Gunst und Ungunst, insbeson- 
dere aber in einem dementsprechenden Lohnen und Strafen 
besteht, das als etwas nur Relatives und etwas derklassen- 
mässigen Verallgemeinerung Unzugängliches sich erweist, 
dessen Ergebnis eine äusserst mannigfaltige, lebendige, der 
klassenmässigen Abgrenzung, wie der Starrheit ermangelnde 
Besitzordnung ist und dessen Vorhandensein sich gründet 
auf ein durch Anpassung an die Gesamtnatur des Einzel- 
falles ausgezeichnetes, von Schablonenmässigkeit freies 
willkürliches Wollen der Individuen, welch letzteres in 
einem Zeitalter des Verkehrs und der Erfindungen ein hohes 
Mass von persönlicher Qualifikation und eine dement- 
sprechende Selbständigkeit und Vernünftigkeit pflegende 
Gerechtigkeitserziehung zur Voraussetzung hat. 


Bischoff, Echte und falsche Gerechtigkeit. 


5 


III. 


Die sociale Frage als Gerechtigkeitsproblem. 

Individualistische und socialistische Lösung. 

In der Gesellschaft, wie sie heute in Deutschland und in manchen 
anderen Ländern sich vorfindet, herrscht Mangel an dem, was wir 
im vorigen Abschnitt als das Gerechte gekennzeichnet haben. Es 
ist in unserer Gesellschaft nicht .dasjenige Mass von Ge- 
rechtigkeit vorhanden, dessen es unter den gegebenen 
Lebensbedingungen zur Abwehr erheblicher Unzufrieden- 
heit und Lebensentwertung bedarf. 

Die Lebensbedingungen, um die es sich hier handelt, sind 
in mancher Beziehung wesentlich andere als diejenigen früherer Zeit. 
Neue Voraussetzungen für die Gestaltung des individuellen Daseins 
und Wohlbefindens haben sich im Laufe unseres Jahrhunderts heraus- 
gebildet. 

Wir leben in einem „Zeitalter der Erfindungen und des 
Verkehrs,“ wie solches im Vorauf gehenden mehrfach in Betracht 
gezogen und gekennzeichnet wurde. Die Benutzung der Dampfkraft 
und der Elektrizität und ähnliches mehr wirkt auf unser heutiges 
sociales Leben ein und verleiht demselben ein wesentlich anderes 
Gepräge, als ihm in früherer Zeit eigen war. Die Verkehrsfähigkeit 
des einzelnen ist hier eine viel grössere; die Ausbildung der Verkehrs- 
mittel, auch die Entwickelung des Schulunterrichts, hat den Aus- 
tausch der Leistungen und der Gedanken ausserordentlich erleichtert 
und vervielfältigt. 

Diese Wandlungen bedeuten einen Wandel der Voraus- 
setzungen des individuellen Schicksals, sie ergeben für den 
einzelnen ein ganz anderes Bild seines Erdendaseins. Es herrscht 
hier eine andere Art des Zusammenlebens; der einzelne ist nicht 
mehr lediglich oder im wesentlichen Glied einer engbegrenzten Lebens- 
gemeinschaft, er ist zum Teilhaber einer weit über die Erde erstreckten 
Gesellschaft, einer viele Millionen umfassenden Verkehrsgemeinschaft 
geworden. Das ergiebt für ihn eine sehr veränderte Lage. 


67 


Diese Änderung der Lebenslage hat auch eine Änderung der- 
jenigen Bedingungen mit sich gebracht, von deren Erfüllung die 
Zufriedenheit des einzelnen abhängt, deren Nichterfüllung Unzufrieden- 
heit im Gefolge hat. Es bewahrheitet sich in unserer Zeit dasjenige, 
was wir bezüglich der Glücksvoraussetzungen im ersten Abschnitt 
unserer Studie über eine verkehrsreiche Zeit im Verhältnis zu einer 
Zeit des Köhlerglaubens bemerkt haben. Im Laufe unseres Jahr- 
hunderts ist infolge der erwähnten Veränderungen der Bedürfnis- 
reichtum in der Gesellschaft erheblich gewachsen. Auch 
der Wunsch, von irrationeller Zurücksetzung verschont zu bleiben, 
hat sich dabei in dieser Zeit des vermehrten Gedankenaustausches 
stark entwickelt. Gläubiger Verzicht auf ein für möglich und an 
sich unschädlich gehaltenes Geniessen spielt eine erheblich geringere 
Rolle als früher; gegenüber der zur Herrschaft gelangten Zweifel- 
sucht ist die zum Verzichten führende Vorstellung, dass es um eines 
nachirdischen Glückes willen geboten sei, irdischem Glück zu ent- 
sagen, vielfach in Fortfall gekommen. 

So stehen wir also in unserer Zeit einer erheblich grösseren 
Begehrlichkeit gegenüber. Auch unvernünftige Wünsche spielen dabei 
eine nicht geringe Rolle; die in der verkehrsreichen Zeit vorhandene 
Verführung äussert in dieser Richtung mannigfach ihre Wirkung. 

Das gläubige Hoffen andererseits, das früher für manche Be- 
friedigungslosigkeit entschädigte, von einer fernen, unkontrolierbaren 
Zukunft das erwartete, was die Gegenwart versagte, findet unter den 
vorerwähnten socialen Verhältnissen in viel geringerem Masse seine 
Daseinsbedingungen erfüllt. 

Das sind für die Zufriedenheitsentwickelung erhebliche Thatsachen 
unserer Zeit. Man mag diese Thatsachen bedauern oder nicht, — 
in jedem Falle muss man sich mit ihnen abfinden. Da genügt es 
nicht, den einzelnen, der als „Kind seiner Zeit“ mit zahlreichen — 
vielleicht auch mit unvernünftigen — Wünschen hervortritt, abfällig 
zu kritisieren. Jene Begehrlichkeit der Mitmenschen ist eine nüchterne 
Thatsache, die für unser eigenes Schicksal von erheblicher Bedeutung 
sich erweist, denn Avir sind ja von den Eigenschaften der anderen — 
auch von ihrer Unvernunft — bei der Wahrnehmung unserer Interessen 
vielfältig abhängig. Das Jammern über die „Schlechtigkeit“ der Zeit- 
genossen kann uns bei solcher Sachlage nichts nützen; hier heisst es: 
verstehen und, was etwa schlecht ist, ändern. 

Die hervorgehobene Veränderung des Standes der Bedürfnisse 
und Wünsche einerseits und des Hoffnungsstandes andererseits bringt 
die Gefahr mit sich, dass dem einzelnen schädliche, seiner Individualität 
und seiner jeweiligen Lage nicht angemessene Bedürfnisse und Wünsche 
beschieden werden. Weit mehr als früher kommt hier ein Bedürfen 
und Wünschen in Frage, dem die Befriedigung — auch die vor- 

5 * 


68 


läufige Stillung durch Hoffnung — versagt bleibt. Hier ist auch 
mehr mit schädlichen Bedürfnissen jener Art zu rechnen, deren 
Befriedigung hinterher befriedigungslose Bedürftigkeit hervorruft und 
solcherweise dem Lebensglück mehr schadet als nützt. 

Ausser durch diese Gefahr der Befriedigungslosigkeit 
wird in unserer Gesellschaft die Zufriedenheit des einzelnen auch 
noch dadurch in höherem Masse bedroht, dass die Unzufriedenen — 
auch die Unvernünftigen — in der verkehrsreichen Zeit zu gemein- 
samer Bethätigung ihres Unmuts sich vereinigen und mit vereinten 
Kräften die Voraussetzungen der Zufriedenheit ihrer Mitmenschen 
zerstören können. Hie Störung der Lebensfreude durch den „Neid 
der Besitzlosen“ spielt hier eine viel grössere Rolle. 

In mehrfacher Hinsicht also haben wir es in unserer (rbsellschaft 
mit einer erheblichen Gef ah r der Unzufriedenheitsentwickelung 
und dementsprechender Lebensentwertung zu thun. 

Mit der Grösse dieser Gefahr wächst auch die Notwendigkeit 
ihrer Abwehr, die Notwendigkeit der Beseitigung bezw. Ver- 
hinderung schädlicher Bedürfnisse und Wünsche. 

Wieweit schädliche, lebenentwertende Bedürfnisse und Wünsche 
vermieden werden, das aber hängt, wie wir sahen, mit von der Qualität, 
von der Nützlichkeit der Gesellschaft ab. Diese Nützlichkeit 
der Gesellschaft also hat entsprechend den vorerwähnten 
Wandlungen in unserer Zeit sehr an Bedeutung gewonnen, 
sie ist bei uns an der fin de siede in weit höherem Masse zur Ab- 
wehr von Unzufriedenheit, zur Erfüllung der Verheissung „Friede auf 
Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ erforderlich als in den 
Zeiten unserer Grossväter und Urgross väter. 

Die Änderung der Zufriedenheits- und Unzufriedenheitsvoraus- 
setzungen macht heute das Vorhandensein einer Gesellschaft zur Not- 
wendigkeit, die in hohem Masse geeignet ist, den einzelnen vor 
schädlichen, befriedigungslosen Bedürfnissen und Wünschen zu be- 
wahren, und ihm in höherem Grade, als es früher geboten war, eine 
nützliche, seiner Individualität und jeweiligen Lage angemessene 
Befriedigung zu teil werden lässt. Weil mit der früheren Bedürfnis- 
armut nicht mehr zu rechnen ist, muss die Gesellschaft von der Art 
sein, dass sie mehr Wertvolles, mehr Glücksdienliches für ihre Teil- 
haber mit sich bringt. Der Wertvorrat, bei dem man sich früher 
bescheiden konnte, genügt nicht mehr, um den Niedergang der 
Lebensfreude zu verhindern; mehr Wert der Menschen für einander 
ist heute hierzu erforderlich. 

Aber nicht nur ist in solcher Weise eine Wandlung der Zu- 
friedenheitsbedingungen in unserer Zeit eingetreten; auch die Er- 
ziehungsbedingungen haben sich im Laufe unseres Jahr- 
hunderts wesentlich geändert. Die Voraussetzungen für die 


69 


Entstehung cler ebenerwähnten Gesellschaftsnützlichkeit sind ganz 
andere geworden, zeigen heute im Gegensatz zu früher jene Eigen- 
tümlichkeiten, die wir im vorhergehenden Abschnitt als Erziehungs- 
schwierigkeiten eines Yerkehrszeitalters hervorhoben. 

Die Züchtung von Menschenwert, von Nützlichkeit der Individuen 
für einander ist mit der Entwickelung der Erfindungen und des 
Yerkehrslebens erheblich schwieriger geworden. Die Unübersichtlichkeit 
der Yerkehrsbeziehungen, in denen der einzelne steht und seine Lohn- 
mittel erzieherisch verwertet, hat sich sehr gesteigert. Ein jeder hat 
täglich teil an einem Leistungsaustausch, einem Warenhandel, der ihn 
mit völlig unbekannten, unkontrolierbaren Persönlichkeiten in Be- 
rührung bringt, die er durch Zuwendung des Kaufpreises und anderen 
Lohnes irgendwie begünstigt. Die Lohnmittelverwertung hat insofern 
gegen früher ihren Charakter wesentlich geändert, gleicht in höherem 
Masse einem blinden Lohnspiele. 

Nicht minder erheblich ist diejenige Wandlung der Erziehungs- 
voraussetzungen , die durch arbeitersparende Erfindungen mit sich 
gebracht ist. Für die Erfüllung zahlreicher Bedürfnisse sind auf 
solche Weise in unserer Zeit die einzelnen Mitmenschen und ihr guter 
Wille, insbesondere die Teilhaber unseres Nächstenkreises entbehr- 
licher geworden als früher. Sie sind ersetzt durch Maschinen und 
Automaten. Uns ist dabei die Möglichkeit erschlossen, auch unter 
Missachtung der Erfordernisse wirklicher Nützlichkeitserziehung — 
unter Missachtung beispielsweise des Arbeitsrechtes unserer Nächsten — 
in erziehungsschädlicher Weise uns Befriedigung der fraglichen ein- 
seitigen Bedürfnisse zu verschaffen. Die Verführung zu ungerechter, 
erziehungsschädlicher, die kulturellen Voraussetzungen der Zufrieden- 
heit missachtender und zerstörender Lohnmittelverwertung spielt in 
unserer Zeit eine viel grössere Rolle als in den Tagen unserer Gross- 
väter und Urgrossväter. 

Und auch insofern haben sich die für den einzelnen in Betracht 
kommenden Erziehungsvoraussetzungen gegen jene frühere Zeit ge- 
wandelt, als heutzutage weit weniger eine Anlehnung an andere bei 
Einrichtung des täglichen Lohnens und Strafens zweckmässig ist. 
Die einzelnen Teilhaber der heutigen Millionen umfassenden Ver- 
kehrsgemeinschaft sehen sich wenig gleichförmigen , unendlich ver- 
schiedenartigen Verkehrs- und Lohnmittelverwertungsmöglichkeiten 
gegenüber; der eine kauft hier, der andere da, bevorzugt heute die 
eine, morgen die andere Bezugsquelle. Da kann bei der Beteiligung 
des einzelnen an der Gesellschaftserziehung viel weniger davon die Rede 
sein, dass einer an dem Beispiel anderer zweckmässigen Anhalt findet. 

Soviel über die Wandlung der Lebensbedingungen in 
unserer Zeit, soviel über die in unserer heutigen Gesellschaft gegebenen 
Zufriedenheits- und Erziehungsvoraussetzungen. 


70 


Mit dem Eintreten der erwähnten neuen Lebensbedingungen ist in 
unseren Tagen zur Abwehr von Unzufriedenheit und Lebensentwertung 
das Gerechte, das der Nützlichkeitszüchtung förderliche 
Lohnen und Strafen in höherem Masse erforderlich geworden. 
Die Natur unserer jetzigen Gesellschaft gebietet insofern ein anderes, als 
die Verhältnisse der „guten alten Zeit“ es erforderten; mit der Wirklich- 
keit haben sich auch deren Erfordernisse gewandelt, es sind die Anforde- 
rungen des socialen Lebens in Sachen der Gerechtigkeit gewachsen. 

Wir bedürfen unter den heutigen Lebensbedingungen, unter 
denen es mehr als je auf die wirkliche Nützlichkeit der Gesellschaft 
ankommt, in höherem Masse der Rationalität der täglichen Lohn- 
mittelverwertung, als es für unsere Urgrossväter zum Zweck der Ver- 
meidung von Unzufriedenheit erforderlich war; eine bessere, gerechtere 
Lebensführung ist insofern für uns geboten. 

Um der Erfüllung der Lebenszwecke willen ist heute in höherem 
Masse eine vernünftige Lohnmittelverwertung notwendig. Alle Arten 
dieser Mittel wollen hier in höherem Grade dem Erziehungszweck 
angemessen verwendet sein. Mehr als je tritt das richtige Haus- 
halten mit diesen Mitteln als Vorbedingung der Zufriedenheitsent- 
wickelung in den Vordergrund. Mehr als je ist für uns jene richtige 
an die Erziehungsvoraussetzungen des Einzelfalls angepasste, relativ 
und sporadisch bemessene Verwendung unserer Gunst und Ungunst 
von entscheidender Bedeutung. Mehr als je haben wir uns bei der 
Wahrnehmung unserer Interessen mit dem Gebot „Einem jeden das 
Seine!“ erfolgreich abzufinden. 

Unsere Zeit verlangt mehr von jener wirklichen Rechts- 
ordnung, die wir oben gekennzeichnet haben; sie verträgt weniger 
Unrecht. Der Mangel an Rechtsordnung rächt sich hier in höherem 
Masse dadurch, dass er Unzufriedenheit heraufbeschwört, eine Ver- 
ringerung der Lebensfreude und des Lebenswertes in der Gesell- 
schaft zur Folge hat. 

Wie auf das Gerechte selbst, so kommt es heute unter den 
veränderten Lebensbedingungen in der Gesellschaft auch in höherem 
Grade auf dasjenige an, das dem der rechten Gesellschafts- 
erziehung förderlichen Lohnen und Strafen als Grundlage 
dient. 

Mehr als in der „guten alten Zeit“ fällt bei der Erfüllung 
unserer Lebenszwecke der rechte Inhalt des Individual willens , jenes 
lebendige der Gleichförmigkeit entbehrende Wollen ins Gewicht, das 
wir oben als Quelle des Gerechten und der Rechtsordnung bezeich- 
neten. Die rechte Willkür hat in unseren Tagen erheblich an 
Bedeutung gewonnen; ihr Vorrat muss am Ende unseres Jahrhunderts 
grösser sein als er zu Beginn desselben notwendig sich erwies. 
Mangel an vernünftiger Eigenwilligkeit rächt sich heute mehr als je. 


71 


Die erwähnte Änderung der Lebensbedingungen hat es dem- 
entsprechend auch bewirkt, dass die Gerechtigkeitsqualifikation, die 
Fähigkeit und Willigkeit zur rationellen Lohnmittelver- 
wertung im Laufe unseres Jahrhunderts erheblich an Wichtigkeit 
gewonnen hat. Und nicht nur in dem Masse, wie Nützlichkeit der 
Gesellschaft und Vorhandensein von Rechtsordnung höhere Bedeutung 
erlangten, ist jene persönliche Gerechtigkeit, jene zum Gerechtsein 
Anlass gebende Erziehertugend bedeutsamer geworden, — die An- 
forderungen in dieser Hinsicht sind überdies in dem Masse gewachsen, 
wie die Erziehungsschwierigkeiten im Vergleich zu denen der „guten 
alten Zeit“ sich vermehrt haben. 

Entsprechend der geschilderten Erschwerung der Erfüllung des 
Erzieherberufs bedarf es heute in der Gesellschaft zur zweckmässigen 
Interessenwahrnehmung mehr Tugend, mehr Tüchtigkeit als früher. 
Die Entwickelung des individuellen Rechtsbewusstseins muss hier 
eine vollkommenere sein. Mehr Rechts Wahrheit muss uns unter 
den heutigen Lebensbedingungen vor Unzufriedenheit bewahren. 

Das erforderliche Mass von Rechts Wahrheit aber kann in der 
heutigen Millionen umfassenden Verkehrsgemeinschaft der einzelne 
in viel geringerem Masse, als es unter früheren Lebensbedingungen 
der Fall war, von anderen entlehnen. Mit der höheren Gerechtig- 
keitsqualifikation macht sich deshalb in unseren Tagen auch eine 
grössere Selbständigkeit notwendig, als in den Zeiten der Ur- 
grossväter. Selbständige Rechtsfindung ist hier in höherem Masse 
geboten. Auf das Konventionelle und das Traditionelle kann sich 
heute einer zum Zweck des Gerechtseins viel weniger verlassen. Die 
früheren Autoritäten vermögen ihm in zahlreichen Fällen des jetzigen 
Verkehrslebens keinen verlässlichen Anhalt zu gewähren; standen sie 
doch wesentlich anderen Lebensbedingungen gegenüber, denen ihre 
Urteile und Vorstellungen sich angepasst haben. Wer in dieser Zeit an ein 
entlehntes Rechtsdogma sich klammert, den zieht dasselbe hinab ins Un- 
recht; er handelt im Rechtswahn, übt Pseudogerechtigkeit. Auch der 
„allgemeine Wille“, der an die früheren Lebensbedingungen sich an- 
schliesst, das Konventionelle, das sich vererbt hat, erweist sich hier 
vielfältig als Unrecht, vermag den einzelnen nicht zur rationellen Be- 
handlung der ihm unter den jetzigen Lebensbedingungen begegnenden 
Einzelfälle zu befähigen. Hier ist Urteilsfortschritt unerlässlich. Hier 
heisst es im Strome des veränderten socialen Lebens aus eigener 
Kraft schwimmen, die eigenen zum Urteilen befähigenden Eigen- 
schaften, die eigene Rechtsfindigkeit gebrauchen und schulen. 

Unter solchen Umständen ist im geschilderten Wandel der Ver- 
hältnisse heutzutage die der Rechtsfindigkeit als Grundlage dienende 
Vernünftigkeit der Gesellschaftsteilhaber viel notwendiger, 
in viel höherem Masse erforderlich geworden. In unseren Tagen 


72 


wird der Gesellschaftsbau nicht mehr „durch Hunger und durch 
Liebe“ zusammengehalten; er geht in die Brüche, wird zur Erfüllung 
der menschlichen Lebenszwecke untauglich, wenn nicht ein höherer 
Grad menschlicher Vernunft bei seiner Herrichtung und seiner Er- 
haltung zur Geltung kommt. Unvernunft und Blindheit erweist 
sich hier, was die individuelle Fürsorge für den Gesellschaftsbau 
anbetrifft, viel schädlicher als vor hundert Jahren. 

Mit der Änderung der Lebensbeöingungen ist im Laufe unseres 
Jahrhunderts ein reichlicheres Mass von Social- und Kultur- 
verständnis zur Notwendigkeit geworden. Mehr als früher muss 
der einzelne Verständnis für die komplizierten Zufriedenheitsvor- 
bedingungen des socialen Lebens bewähren; um seiner Rolle als animal 
sociale zu genügen, muss er über klarere Vorstellungen von dem 
Individuum und von der Gesellschaft verfügen. Unbefangene Menschen- 
kenntnis und Gesellschaftsanschauung sind heute zu wichtigen Requi- 
siten eines Gesellschaftsteilhabers geworden. 

Insbesondere bedarf es in unserer Gesellschaft weit mehr als 
früher des Verständnisses für Wesen und Bedeutung des 
täglichen Erzieh erb er ufs und für die gegebenen Voraussetzungen 
der Nützlichkeitszüchtung. Da spielt das unbefangene Beurteilen der 
erziehungs wesentlichen Natur des Einzelfalles eine ganz andere Rolle als 
in der „guten alten Zeit“. Da hat der einzelne in viel höherem Masse 
Wahrheitsliebe, Erkenntniseifer zu bethätigen, w 7 enn ihm die Wahr- 
nehmung seiner Interessen im socialen Leben gelingen soll; Philosophie 
— nicht als gelehrte Wissenschaft, sondern als schlichte, unbeirrte 
Weisheitsliebe — muss hier den Gesellschaftsbau Zusammenhalten helfen. 

Unsere Anpassung an die neuen Lebensbedingungen erheischt 
in solcher Weise eine höhere Ausbildung der individuellen 
Rechtsfindigkeit. Die Ausübung der ars boni et aequi erfordert, 
wie schon bemerkt, heute mehr Tugend als früher. Da kommt es 
also in unseren Tagen dementsprechend auf mehr Gerechtigkeits- 
erziehung an. Die Eigenschaften, die zum rationellen Lohnen und 
Strafen befähigen, wollen weit mehr als früher gepflegt sein, wenn 
schlechter Egoismus und Erziehungssünden vermieden bleiben sollen. 
Die Selbsterziehung und die Erziehung anderer zur Gerechtigkeit 
ist unter den neuen Lebensbedingungen zu einer bedeutungsvollen 
Notwendigkeit geworden; die Nichterfüllung dieses Erziehungsgebots, 
die früher nicht erheblich zu schaden vermochte, beschwört unter 
Lebensbedingungen, wie sie heute bei uns in Rechnung zu ziehen sind, 
eine grosse Unzufriedenheitsgefahr über die Gesellschaftsteilhaber herauf. 

Soviel über die gesteigerte Bedeutung und das erforder- 
liche höhere Mass des Gerechten, der persönlichen Gerechtigkeit 
und der Gerechtigkeitserziehung unter den veränderten heutigen 
Lebensbedingungen. 


73 


Ist nun das im zweiten Abschnitt unserer Studie gekennzeichnete 
Gerechte in dem erforderlichen Masse in der jetzigen Gesell- 
schaft vertreten? Ist entsprechend der Wandlung der Lebensbedin- 
gungen in unserer Zeit die Gerechtigkeit in der Gesellschaft ge- 
wachsen? Finden wir den Zustand des Lohnens und Strafens im 
täglichen Yerkehrsleben dem oben erörterten Ideal entsprechend an- 
genähert? 

Wenn wir hier den heutigen Stand der Gerechtigkeit 
uns klar zu machen suchen, haben wir die Art der in unseren Tagen 
üblichen Lohnmittelverwertung und die erzieherische Wirksam- 
keit derselben, wie sie unter den gegebenen Lebensbedingungen 
sich vollzieht, ins Auge zu fassen. 

Bei der Würdigung der herrschenden Lohnmittelverwertung aber 
handelt es sich nicht um die Verwendung nur des einen oder des 
anderen dieser Mittel, vielmehr um sämtliche als Lohn in Betracht 
kommenden Zuwendungen. In welcher Weise gelangen diese sämt- 
lichen Lohnmittel in der heutigen Gesellschaft zur Verwertung, welche 
Tendenzen beherrschen das Lohnen aller Art? — Das ist die 
nächste Frage. 

Dabei beschäftigen wir uns nicht mit diesen und jenen ver- 
einzelten Abweichungen, sondern richten unser Augenmerk auf die 
herrschenden, in der Lohnmittelverwertung ausschlag- 
gebenden Tendenzen. Die in einer gewissen Allgemeinheit auf- 
tretenden Lohngebräuche interessieren uns hier. 

Da ist als weitaus wichtigste Lohntendenz die Neigung hervor- 
zuheben, die am wohlfeilsten erscheinende Befriedigung gewisser Be- 
dürfnisse und Wünsche für die Verwertung der Lohnmittel ent- 
scheidend sein zu lassen. Wo einer mit dem geringsten Opfer an 
Lohnwerten zu der betreffenden Befriedigung gelangt, da legt er 
seine Mittel zur Erlangung dieser Befriedigung an. Wer für die 
gleiche Leistung mehr von ihm verlangt, der muss im allgemeinen 
zurückstehen, dem bleibt seine — des Lohnenden — Gunst vorent- 
halten. Die möglichst sparsame Verwendung der Lohnmittel zum 
Zweck der Befriedigung einiger bestimmter Bedürfnisse und Wünsche 
ist in dieser Weise für die Behandlung der Mitmenschen entscheidend. 
Man lässt die Mitmenschen konkurrieren und prämiiert 
denjenigen, der mit dem wohlfeilsten Angebot Sieger blieb. 

In solchem Sinne wird vor allem das Geldausgeben eingerichtet. 
Die Billigkeit der Leistung, die Möglichkeit, wohlfeile Ware zu 
liefern, giebt hier im täglichen Leben den Behandlungsmassstab ab. 
Dabei ist nicht gesagt, dass jene Billigkeit, jene Wohlfeilheit von 
dem Lohnenden, dem Preisrichter des Wettbewerbes durch sein ver- 
gleichendes Urteil immer richtig ermittelt wird; der Betreffende richtet 


74 


die Verwendung seiner Gunst und Ungunst ein nach der Vorstellung, 
die er sich von der Preis Würdigkeit der fraglichen Ware oder 
sonstigen Leistung macht. 

In solcher Weise reguliert sich unter dem Einfluss des Angebots 
und der Nachfrage die Lohnmittely er Wertung nach Massgabe des ver- 
gleichenden Preiswürdigkeitsurteils der Gesellschaftsteilhaber. 

Auch die Bequemlichkeit des Angebots freilich spielt 
hierbei eine Rolle. Es wird unter Umständen derjenige bevorzugt, 
der zwar seine Ware nicht so preiswert wie ein anderer anbietet, 
aber die Befriedigung der betreffenden Nachfrage in bequemerer 
Form gewährt. Da wird dann etwa für diese eine Werterhöhung 
der Ware bedeutende Leistungsform eine Lohnerhöhung angebracht er- 
achtet, so dass im Grunde auch hier die Wohlfeilheit einer bestimmten 
Bedürfnisbefriedigung für die Lohnmittelverwertung ausschlaggebend 
ist. In diesem Sinne wendet etwa einer Gunst und Geld einem all- 
umfassenden „Warenhaus“ oder einem grossen Versandgeschäft zu, das 
ihm die Ware nach der illustrierten Preisliste franko ins Haus liefert. 

Auch die Arbeitsverteilung vollzieht sich in unserer Gesell- 
schaft in weitem Umfange nach dem gleichen Massstab. Das Lohn- 
mittel der Gewährung befriedigender Arbeitsgelegenheit wird dem- 
jenigen zugewendet, der eine bestimmt qualifizierte Arbeit für das 
geringste Entgelt liefert, so dass der Lohnende sein vorerwähntes 
Sparsamkeitsinteresse dabei am besten gewahrt erachtet. In 
diesem Sinne unternimmt man etwa Submissionen, oder es wendet 
einer der grossen Aktiengesellschaft die Arbeit zu weil der Hand- 
werker, der in seiner Nähe wohnt, für die gleiche Arbeitsleistung 
mehr Lohnmittel in Anspruch nimmt. 

Die gleiche Tendenz äussert sich auch darin, dass man darauf 
bedacht ist, die Arbeit von lohnverlangenden Mitmenschen 
überhaupt zu ersparen, den betreffenden Lohnanteil in der eigenen 
Tasche zu behalten. Man bevorzugt in diesem Sinne vor den mensch- 
lichen Arbeitsleistungen diejenigen der Maschinen und Automaten, 
man sucht die Bezahlung anderer durch die Gründung von Konsum- 
vereinen zu ersparen u. s. w. 

Eine nicht unerhebliche Rolle spielt ferner in unserer Gesell- 
schaft die spielmässige Verwertung der Lohn- und Erziehungs- 
mittel. Man vertraut grosse Lohnmittelbeträge dem Zufall zur Ver- 
wertung an; die Zufallsschickung gilt hier als Lohnmassstab. 
In solchem Sinne vollzieht sich die Teilnahme an Spekulationen und 
Lotterien aller Art. 

Was die Verwertung der neben Geld und Geldeswert in Betracht 
kommenden Lohnmittel betrifft, so nimmt dieselbe in unserer Gesell- 
schaft in weitem Umfange die Thatsache des Geldbesitzes als 
Massstab. 


75 


Die Arbeitsleistung, die der einzelne als Lohnmittel zu ver- 
geben hat, wird überwiegend demjenigen zugewendet, der den höchsten 
Geldlohn bietet. Aber auch die Verwertung von Achtung und 
ähnlichen Anwartschaften auf spätere Gunstzuwendung reguliert sich, 
soweit sie in Frage kommt, in unseren Tagen vielfältig nach Mass- 
gabe des Geldbesitzes. Wo Geldreichtum vorhanden zu sein scheint, 
da ist ohne weiteres auch jene Gunst zahlreicher Mitmenschen vor- 
handen. 

In solcher Weise vollzieht sich, so weit allgemeiner herrschende 
Tendenzen in Frage kommen, bei uns die Verwertung des über- 
wiegenden Teiles der verschiedenartigen Lohnmittel im täglichen 
Verkehrsleben. 

Diese Art der Lohnmittelverwertung kennzeichnet sich durch 
eine bestimmte erzieherischeWirksamkeit. Diese Wirksamkeit des 
fraglichen Lohnverfahrens aber ist eine verschiedene je nach der Art 
der im übrigen in der betreffenden Zeit obwaltenden Lebensbedin- 
gungen; sie nimmt unter den heutigen socialen Verhältnissen eine 
andere Gestalt an, als ihr solche in der „guten alten Zeit“ eigen war. 

Die angedeuteten Lohntendenzen haben im wesentlichen auch 
in früherer Zeit gewirkt. Die spielmässige Verwertung eines be- 
trächtlichen Teiles der Lohnmittel war freilich zur Zeit der Urgross- 
väter noch nicht in Mode. Aber der Wunsch, mit einem möglichst 
geringen Lohnaufwand gewisse alltägliche Bedürfnisse zu befriedigen, 
die Bevorzugung des wohlfeilsten und bequemsten Angebots war auch 
in jener Zeit durchaus an der Tagesordnung. 

Diese letztere Tendenz wirkte damals im allgemeinen nicht 
kulturschädlich. Es kam dabei zu einer für die vorhandenen 
Lebensbedingungen und Zufriedenheitsvoraussetzungen ausreichenden 
Nützlichkeitserziehung in der Gesellschaft. Der Inhalt des Könnens 
und Wolleris der Gesellschaftsteilhaber erfuhr trotz jener Lohnart 
eine solche Kultivierung, dass sich eine ausreichende Nützlichkeit 
der Gesellschaftsteilhaber für einander ergab. Das Bestreben, an 
Lohnmitteln möglichst viel zu ersparen, durchkreuzte hier nicht diesen 
Erziehungserfolg. 

Es bestand für den einzelnen keine Entbehrlichkeit seiner 
Nächsten; wollte er seine Bedürfnisse befriedigt erhalten, so war 
er gezwungen, für diese Nächsten Lohnaufwendungen zu machen. Die 
Möglichkeit, bei der Bedürfnisbefriedigung dieses Lohnen, diese der 
socialen Nützlichkeitserziehung dienliche Behandlung zu ersparen, 
war nicht gegeben. Es fehlte an Maschinen und Automaten, durch 
welche die Arbeit der Mitmenschen entbehrlich gemacht wäre , es 
fehlte an der Möglichkeit des Grossbetriebes und des Massenabsatzes, 
bei der gleichfalls der Wert des einzelnen Mitmenschen für eine 
gewisse Bedürfnisbefriedigung und der Zwang, den Betreffenden ge- 


recht zu lohnen, sich verringert hätte. Der Verkehr war überdies 
erschwert und beschränkt, so dass es dem einzelnen nicht möglich 
war, seine Bedürfnisbefriedigung ausserhalb des Nächstenkreises zu 
suchen, die Mitglieder des letzteren als unnütze Möbel zu behandeln. 

Hier vollzog sich die Lohnmittelverwertung überwiegend im 
Nächstenkreise. Das Recht der Nächsten auf Arbeit gelangte 
trotz der Vorliebe für das wohlfeilste und bequemste Angebot hin- 
reichend zur Erfüllung. Die Missachtung desselben konnte dem 
einzelnen mangels sich bietender anderweitiger Befriedigungsmöglichkeit 
gar nicht in den Sinn kommen; ohne viel Nachdenken wurde der 
Betreffende hier zum Vollstrecker des Gebotes „Leben und leben 
lassen ! “ 

Dabei blieb die Sesshaftigkeit der Gesellschaft in hohem 
Masse gewahrt. Weil man gezwungen war, die Nächsten leben zu 
lassen, ihnen einen gewissen Lohn, eine gewisse Befriedigung zu ver- 
statten, blieben dieselben sesshaft bei einander. Es erhielt sich auf 
diese Weise ein Kreis von Personen, denen von jeher zahlreiche 
Lebensbedingungen gemein waren, in dem der eine mit des anderen 
Individualität und sonstigen Zufriedenheitsvoraussetzungen vertraut 
war. Es erhielt sich dabei der in dieser Eigenart begründete Wert 
der Menschen für einander. In diesem Kreise vollzog sich auch trotz 
der fraglichen Lohntendenz eine gewisse Gesellschaftspolizei. Der 
Verkehr fand statt unter Persönlichkeiten, die einander kannten und 
zu beurteilen vermochten. Dem einzelnen war überdies die Möglichkeit, 
dem Kreise seiner Nächsten zu entweichen und etwa mit seiner minder- 
wertigen Persönlichkeit irgend einen anderen Kreis zu beglücken, ver- 
hältnismässig beschränkt. Unter solchen Umständen konnte sich im Ver- 
kehrsleben eine gewistee Persönlichkeitskorrektur vollziehen; man wirkte 
auf gewisse Mängel der Persönlichkeit durch socialen Zwang bessernd 
ein, brachte die persönlichen Eigenschaften auf solche Weise mehr 
oder minder in Einklang mit der Vorstellung, die man sich von der 
erforderlichen Bürgertugend machte. In diesem Sinne spielte etwa 
im Nächstenkreise, unter den einander bekannten Individuen trotz 
der fraglichen Lohntendenz die erzieherische Verwertung von Achtung 
und Verachtung eine Rolle. 

In solcher Zeit bildeten sich ferner bei dem allgemeinen Streben 
nach billigster Ware keine allzu grossen Kontraste in der 
Lohnmittelverteilung heraus. Der Bedürfnisbefriedigung konnte 
es damals nicht nützen, dass man einen zum Millionär machte; bei 
dem Mangel an Grossbetriebsmöglichkeit war, wenn die betreffenden 
individuellen Bedürfnisse befriedigt werden sollten, eine gleichmässigere 
Verwendung der Lohnmittel unvermeidlich. 

Die erwähnte Lohntendenz rief hier demnach keine nur ein- 
seitige Nützlichkeit der Gesellschaft hervor. Es konzentrierte sich 


77 


hier die erzieherische Wirkung der Lohnmittelverwertung nicht auf 
die Züchtung technischer, geschäftsmännischer, kapitalistischer Fähig- 
keit, auch die sonstige nützliche Eigenart der Gesellschaftsteilhaber 
gelangte zur Ausbildung, so dass an ihr unter den gegebenen Lebens- 
bedingungen im allgemeinen kein Mangel herrschte. Von einer Zer- 
störung z. B. der besonderen Nützlichkeit der Bauern, der Hand- 
werker, der Zwischenhändler, der Frauen, die mit ihrer Eigenart im 
Nächstenkreise dem einzelnen — wenn er sich dessen auch vielfach 
nicht klar bewusst ist — zu gute kommen, konnte damals trotz 
des Verlangens nach billigster Ware nicht die Rede sein. Die Mög- 
lichkeit, dass bei dieser Art der Befriedigung gewisser Bedürfnisse 
die Bauern und Handwerker zu Fabrikarbeitern, die nützlichen Haus- 
frauen zu Frauen des Erwerbslebens und nutzarmen Mannweibern 
hätten werden können, bestand damals nicht. Die echte Nützlichkeit 
dieser Mitmenschen, ihre wertvolle Sonderart blieb erhalten und ent- 
wickelte sich trotz jener Lohntendenz. 

Auch dasjenige, was wir den Familiencharakter der Gesellschaft 
nannten, kam dabei nicht zu Schaden, die in dieser Hinsicht in 
Betracht kommende Fähigkeit und Willigkeit wurde durch die Be- 
vorzugung billigsten Angebots in ihrer Entwickelung nicht durch- 
kreuzt. Solidaritätsbewusstsein und Brudereigenschaften konnten sich 
hier entwickeln. Auch die Ausbildung einer gewissen Lebensweisheit 
war nicht beeinträchtigt; von einer Erziehung zu geistesbeschränkender 
Einseitigkeit, z. B. zu blosser Gelderwerbsfähigkeit, konnte unter den 
geschilderten Umständen nicht die Rede sein. Ebenso war eine 
gewisse Erziehung zur Gerechtigkeit gegeben; von einer Zerstörung 
dieser Eigenschaft, von einer Ungerechtigkeitserziehung war im Ver- 
kehrsleben nichts zu spüren, ein Zwang zur ungerechten Behandlung 
der Mitmenschen wurde hier durch die Bevorzugung des billigsten 
Angebots nicht hervorgerufen. 

Auch insofern war es um die nützliche Eigenart der Gesellschafts- 
teilhaber hier bei der erzieherischen Wirksamkeit jener Lohntendenz 
verhältnismässig gut bestellt, als die richtige Anpassung jener Eigenart 
an die Voraussetzungen des Einzelfalls, insbesondere an die Interessen 
der beteiligten Persönlichkeiten, sich entwickelte, die richtige Indi- 
vidualisierung jener Nützlichkeit sich ergab. Es wurde ein Können 
und Wollen in der Gesellschaft grossgezogen, wie es die verschieden- 
artigen Individuen gerade bei ihrer Eigenart und ihrer Lage be- 
nötigten. 

So stellte sich denn in der Zeit unserer Grossväter und Ur- 
grossväter trotz der fraglichen Lohntendenz, wie schon bemerkt, eine 
ausreichende Gesellschaftserziehung heraus. Die Entwickelung eines 
schädlichen Inhalts des Könnens und Wollens blieb hinlänglich ver- 
mieden, ein dem individuellen Wünschen und Geniessen förderlicher 


78 


Inhalt der Eigenart der Menschen und ihres Zusammenlebens gelangte 
zur Entwickelung, es entwickelte sich in beträchtlichem Umfange der 
Wert der Individuen für einander. 

Bei dem Bevorzugen der billigsten Leistung und ähnlichen 
Lohngrundsätzen ergab sich hier keine erzieherische Verwahr- 
losung in der Gesellschaft, keine nutzarme Vergeudung der Lohn- 
mittel. Die Verwertung der Lohnmittel aller Art blieb dabei ver- 
hältnismässig zweckdienlich, die Persönlichkeitsbehandlung hinlänglich 
rationell. Es herrschte relative, unter den gegebenen Lebensbedingungen 
leidlich zureichende Gerechtigkeit und Rechtsordnung; die Besitzordnung 
war trotz jener Lohngrundsätze den erziehungswesentlichen Voraus- 
setzungen der Einzelfälle entsprechend angepasst. 

Ganz anders gestaltet sich die erzieherische Wirksam- 
keit der fraglichen Lohntendenzen in unserer Zeit, unter 
den heute gegebenen Lebensbedingungen. 

Manche nützliche Eigenschaften freilich gelangen heute wie 
früher dabei zur Züchtung. So wirkt das Lohnverfahren auf die 
Entwickelung von Arbeitsamkeit, von technischer Fähigkeit, von 
geschäftsmännischer Routine und ähnlicher Eigenschaften nach wie 
vor förderlich ein; zum Teil ist in dieser Beziehung sogar eine viel 
schärfere Züchtung und ein viel weiter fortgeschrittenes Erziehungs- 
ergebnis vorhanden. In vielen und wichtigen anderen Punkten da- 
gegen ist die Einwirkung der erwähnten Lohntendenzen auf die 
Gesellschaftserziehung, auf den Kulturstand heute sehr verschieden 
von derjenigen früherer Zeiten. 

In erheblichem Umfange züchten wir heute bei der Bevorzugung 
des wohlfeilsten Angebotes Eigenschaften, deren Entwickelung früher 
nicht in Frage kam, beeinflussen wir die Entfaltung des Könnens 
und Wollens der Mitmenschen durch solches Lohnen mit wesent- 
ich anderem Erfolge, als unsere Voreltern es thaten. 

Um die von uns gelohnte Fähigkeit zur billigsten Leistung ist 
es heutzutage ganz anders bestellt als in den Zeiten unserer 
Grossväter und Urgrossväter. Es spielt heute mehr und mehr die 
Verwendung von Maschinen, die Möglichkeit des Grossbetriebes, die 
Gelegenheit des Massenabsatzes eine Rolle. Da ist derjenige, der 
Maschinen besitzt, über die Mittel zum Grossbetrieb verfügt, an jener 
Leistungsfähigkeit unter im übrigen gleichen Voraussetzungen über- 
legen; seine Überlegenheit wächst im allgemeinen mit der Grösse 
seines Besitzes an Produktionsmitteln, mit der Ausdehnung seines 
Grossbetriebes. 

Indem wir die wohlfeilste Leistung prämiieren, bevorzugen wir 
also hier — bewusst oder unbewusst — den Besitzer jener Produktions- 
mittel, den Kapitalisten. Dadurch schaffen wir für unsere Mit- 
menschen den erzieherischen Zwang, Kapitalisten zu werden, möglichst 


% 


— 79 — 

viel Produktionsmittel in ihrer Hand zu vereinigen, damit sie nicht 
in der Konkurrenz um unsere Gunst unterliegen, von uns nicht un- 
gerecht benachteiligt werden. Wir schaffen für die Gesellschafts- 
teilhaber hier die Notwendigkeit, wie sie in dem Amerikanerwort 
gekennzeichnet ist: Make money, honestly if you can, but make 
money; mache Geld, ehrlich wenn du kannst, aber mache Geld! 

Wir züchten bei der fraglichen Lohntendenz unter den heutigen 
Lebensbedingungen , im Zeitalter der Maschinen und des leichten 
Verkehrs, Geldmacher, bringen Kapitalerwerbsfähigkeit durch 
unser Preisrichten zur Entwickelung. Da wirken wir beispielsweise' 
darauf hin, dass einer durch Zusammengeizen, durch Darben der 
Kapitalwerbung sich befleissigt, lassen Leute mit Chineseneigenschaften 
und ähnlicher Persönlichkeit zu Konkurrenzsiegern w r erden. Die 
ungerechte Benachteiligung der Mitmenschen, die kulturwidrige Spar- 
samkeit wird von uns bei jenem Zwang zum Kapital werben gezüchtet, 
denn sie macht ja grossbetriebs- und konkurrenzfähiger. Spekulations- 
fähigkeit und ähnliches mehr wird unter jenem von uns gehandhabten 
Gebot des Geldmachens zur Entwickelung gebracht. Die Entfaltung 
des Könnens und Wollens der Gesellschaftsteilhaber wird hier mehr 
und mehr einseitig in eine Richtung getrieben, die der Kultur- 
entwickelung früher fremd war. 

Als wichtigste zur Kapitalbildung befähigende Eigenschaft 
kommt unter den fraglichen Umständen wiederum der Kapital- 
besitz, der Besitz von Produktionsmitteln zur Geltung. Die ihn 
konkurrenzfähig machenden Produktionsmittel erwirbt der einzelne von 
anderen als Lohn; wir aber gewähren ihm solchen Lohn, weil er 
Kapitalist und als solcher grossbetriebsfähig ist. So führt also unter 
heutigen Lebensbedingungen unsere Neigung, nach Massgabe sparsamster 
Befriedigung unserer Bedürfnisse und Wünsche unsere Lohnmittel zu 
verteilen, vor allem zu einer Züchtung von Grosskapitalisten, von 
Personen, in deren Händen sich der Besitz der Produktionsmittel 
mehr und mehr konzentriert. In diesem Sinne treiben wir bei 
unserer Lohnmittelverwertung heute Gesellschaftserziehung. 

Die erzieherische Einwirkung der in Rede stehenden Lohntendenz 
auf das Können und Wollen der Gesellschaftsteilhaber äussert sich 
heute ferner in der Entwickelung gewisser Eigenschaften, die lediglich 
dazu dienen, den Nachteil kapitalistischer Konkurrenzunfähigkeit aus- 
zugleichen. Um einer ungerechten Benachteiligung durch uns zu 
entgehen, sind diejenigen Mitmenschen, die an Produktionsmittelbesitz 
und Grossbetriebsfähigkeit zurückstehen, gezwungen, sich darauf zu 
verlegen, die Unzulänglichkeit unseres Urteils über die Preiswürdig- 
keit des Angebots, über die Konkurrenzfähigkeit der Leistung sich 
zu Nutze zu machen. Wir kultivieren somit die Fähigkeit und 
Willigkeit zum unlauteren Wettbewerb, die es bewirkt, dass 




— 80 — 

einer seine Leistung an den Mann bringt, obgleich er weiss, dass 
das Interesse, das der Empfänger an sparsamster, wohlfeilster Be- 
friedigung der betreffenden Nachfrage hat, dabei zu kurz kommt. 
In diesem Sinne wird auch unter dem Einfluss der fraglichen Lohn- 
tendenz, in der durch die Bevorzugung des wohlfeilsten Angebots 
heutzutage geschaffenen Zwangslage jene Fähigkeit zur Entwickelung 
gebracht, uns unwerte Wünsche zu erwecken, unser Werturteil durch 
das Aufschwatzen einer Ware zu betrügen. Auch die Reklame - 
fähigkeit und ähnliches helfen wir unter heutigen Lebensbedingungen 
bei dem herrschenden Lohnverfahren grossziehen; wer nicht schon 
die Konkurrenzfähigkeit seines Angebots für sich sprechen lassen 
kann, der ist gezwungen, durch sein empfehlendes Geschrei uns zu 
bestimmen, an seine Konkurrenzfähigkeit zu glauben. 

Die Züchtung derartiger Wettbewerbsfähigkeiten spielt aber im 
Vergleich zu derjenigen der Kapitalisteneigenschaft auf die Dauer 
eine immer geringere Rolle. Das Urteil des Lohnenden, des Kaufenden 
über die billigsten Bezugsquellen klärt sich trotz aller Gegenmanöver 
im Laufe der Zeit mehr und mehr, so dass das thatsächlich wohl- 
feilere Angebot des Kapitalkräftigeren doch immer mehr den Vorzug 
erhält; überdies ist dem an Kapitalbesitz Überlegenen auch in 
höherem Masse die Möglichkeit zur Entfaltung von Reklamefähigkeit 
und ähnlichen lohnwerbenden Eigenschaften gegeben. 

Die erzieherische Wirksamkeit der in Rede stehenden Lohn- 
tendenz ist also von der Art, dass sie die Gesellschaftserziehung auf 
der einen Seite immer mehr zur Züchtung von kapitalkräftigen und 
kapitalkräftigsten Persönlichkeiten werden lässt, einen immer grösseren 
Teil der Lohnmittel diesem Erziehungszwecke dienstbar macht und 
dabei immer schärfere Kapitalbesitzkontraste, eine immer grössere 
Lohnübermässigkeit einzelner hervorruft. Als der Höchstprämiierte, 
als die Krone des Erziehungswerkes tritt hier etwa der Monopolist 
hervor, derjenige, der die Fähigkeit besass, mit seinen Gelderwerbs- 
künsten uns so viel abzulocken, dass er alle vorhandenen Produktions- 
mittel einer bestimmten Art in seiner Hand zu vereinigen vermochte. 

Die erzieherische Wirksamkeit der Verwertung von Achtung 
und ähnlichen Lohnmitteln wirkt dieser Kulturentwickelung 
heute nicht entgegen. Zum Teil sind in der verkehrsreichen, beweg- 
lichen Gesellschaft, in der Millionen von Individuen in mehr oder 
minder lockere Lebensbeziehungen zu einander treten und die richtige 
Wertschätzung der Gesamtpersönlichkeit weniger möglich ist, die Lohn- 
mittel der fraglichen Art überhaupt entwertet; mehr und mehr kommt 
hier als Anwartschaft auf künftige Dienste nicht mehr Achtung und 
ähnliches, sondern nur noch Geld und Geldeswert in Betracht. 

Wo aber noch jene anderen Werte als Erziehungsmittel eine 
Rolle spielen, da werden sie, weil sich die Gesamtpersönlichkeit 


81 


mangels genügender Kenntnis nicht beurteilen lässt, vielfach wieder 
nach der Grösse des Kapitalreichtums verteilt. Man zollt etwa dem 
Spieler, dem Jobberer Achtung, wenn er nur durch Geldbesitz sich 
auszeichnet. Auch hier wirkt der erzieherische Einfluss also wieder 
auf Kapitalistenzüchtung hin; auch diese Lohnmittel werden mehr 
und mehr bei jenen Günstlingen der nach wohlfeilster Leistung 
richtenden Menschen konzentriert. Auch hier verwirklicht sich bei 
der erzieherischen Wirksamkeit der letzteren einfach der Grundsatz: 
Wer da hat, dem wird gegeben. 

Der Verkehr, die Loh nmittelver Wertung vollzieht sich in unserer 
Zeit in weitem Umfange zwischen Unbekannten, zwischen Personen, 
die von einander nur ihre Zahlungsfähigkeit und ihre Fähigkeit zum 
wohlfeilen Angebot kennen. Da geht eine unkontrolierte Züchtung 
unbekannter Erziehungsobjekte vor sich. Da wird etwa von 
uns der Fremde, der in der Ferne, unter anderen Himmelsstrichen 
günstigere Produktionsbedingungen ausbeutet, die ihm der Zufall gab, 
blindlings bevorzugt. Wir wenden unsere Gunst dem unbekannten 
Aktionär zu, der hinter dem billigstliefernden Grossbetriebe steckt, 
oder, indem wir uns an spielmässiger Verwertung der Erziehungs- 
mittel beteiligen, demjenigen, den der Glückszufall als den Lohn- 
würdigsten auserkor. 

Wir lassen es uns genügen, wenn einer nachweisen kann, dass 
er in der Billigkeitskonkurrenz etwas leistet. Von jener Gesell- 
schaftspolizei, deren wir als eines Requisites der „guten alten 
Zeit“ Erwähnung thaten, ist da in unserer beweglichen Gesellschaft 
nicht die Rede. Die Ausübung des Censoramts beschränkt sich bei 
dem einzelnen auf jenes Richten über die Wohlfeilheit der Leistung. 
Überdies ist der einzelne, den die gesellschaftliche Censur irgendwo 
straft, vielfach ohne weiteres in der Lage, mit seiner minderwertigen 
Person anderwärts sein Heil zu versuchen; man nimmt ihn anderswo 
mit offenen Armen auf, wenn er nur billiges Angebot mitbringt. 
Hier heisst es: Billig währt am längsten. Eine sonstige Persönlichkeits- 
korrektur kommt in unserer Gesellschaft immer weniger in Frage. 

Die Nützlichkeitserziehung der Gesellschaft entwickelt 
sich demnach unter dem Einfluss der fraglichen Lohn- 
tendenzen höchst einseitig; nur einige wenige nützliche Eigen- 
schaften der Gesellschaft gelangen hier zur Entwickelung, allerdings 
zum Teil zu einer ausserordentlich hohen Entwickelung. Die be- 
treffende Lohnart lässt aus der Gesellschaft eine höchst leistungs- 
f ähige Produktionsgemeinschaft werden, bringt aber unter heutigen 
Lebensbedingungen einen erheblichen Mangel an der erforder- 
lichen sonstigen Nützlichkeitserziehung mit sich. 

Da findet beispielsweise keine Pflege des nützlichen Nächsten- 
kreises statt. Die Nächsten — deren Eigenart zu so grosser Nlitz- 

Bischoff, Echte und falsche Gerechtigkeit. 6 


82 


lichkeit entwickelt werden kann , wenn auch ihre Fähigkeit zum 
billigsten Angebot nicht „auf der Höhe der Zeit“ stehen sollte, — 
sind, wie wir sahen, für die Befriedigung zahlreicher Bedürfnisse 
und Wünsche entbehrlich geworden, der einzelne ist insofern nicht 
mehr von ihnen abhängig. Das führt dahin, dass heute bei der 
fraglichen Lohntendenz die Erfüllung des Rechts der Nächsten auf 
Arbeit, die rechte Verwirklichung des Grundsatzes „Leben und 
leben lassen!“ im Nächstenkreise verabsäumt wird. Da gelangt 
dann die Nützlichkeit, die ein solcher Kreis zu bieten vermag, nicht 
zur Ausbildung, für die Sesshaftigkeit der Menschen bei einander 
wird nicht gesorgt. 

Ferner mangelt es bei dem erwähnten Lohn verfahren heute an 
der Pflege jener von uns hervorgehobenen familiären Eigenschaften, 
die der einzelne um seines Wohlbefindens willen in der Gesellschaft 
finden muss; von der Rücksichtnahme auf die Erhaltung des Familien- 
charakters der Gesellschaft, von der Fürsorge für Brüderlichkeit 
und ähnliches ist da nicht die Rede. Ebenso ist es um die Pflege 
der Menschenliebe, um die Ausbildung jener dem individuellen Lebens- 
glück so notwendigen Freiwilligkeit anderer unter dem heutigen 
Einfluss der erwähnten Gunstverwertungsgrundsätze schlecht bestellt. 
Diese Grundsätze lassen es heute immer weniger dahin kommen, 
dass wir zu rechter Zeit, an rechter Stelle Liebe säen. Wo wir mit 
unserer Menschenliebe zu Platz kommen, da haben wir meist zuvor 
durch unsere nach billigster Leistung lüsterne Rücksichtslosigkeit 
selbst zur Stiftung des Unheils beigetragen, da gleichen wir einer 
Feuerwehr, die einen Brand zu löschen sucht, den sie selbst ent- 
facht und geschürt hat, und die dann doch nur Trümmer zu retten 
vermag. 

Nicht minder schlecht steht es bei dem fraglichen Lohnverfahren 
um die Erziehung zur Weisheit und Wahrheit. In der Richtung 
dieses Erziehungszweckes wirkt jene Kapitalistenzüchtung gar wenig; 
sie häuft hier die Lohnmittel nicht bei denen, die durch unbefangenes 
Denken, durch Wahrheitserfolge hervorragen, sie adelt ganz andere 
„Tugenden“. Da werden Grossbetriebs- und Spekulationsfähigkeiten 
und dergleichen mehr prämiiert; für die Züchtung schlichter Lebens- 
weisheit bleibt immer weniger übrig. Auch auf die Ausbildung von 
Gerechtigkeit, von socialer Verantwortlichkeit und ähnlichen Eigen- 
schaften wirkt jenes heutige Erziehungsverfahren des Verkehrslebens 
nicht hin. 

Ebensowenig zielt dieses Erziehungsverfahren auf die Erhaltung 
und Pflege der nützlichen Eigenart ab, die bei den Landwirten, den 
Handwerkern, den Zwischenhändlern, den Hausfrauen als solchen in Be- 
tracht kommt; auf dieses Erziehungserfordernis wird bei demselben keine 
Rücksicht genommen. Auch vollzieht sich hier die Nützlichkeits- 


83 


erziehung der Gesellschaft nicht in dem Sinne, dass der Inhalt des 
Könnens und Wollens dabei individualisiert, der Sonderart der Einzel- 
fälle angepasst würde; man sorgt nicht für eine Anpassung des Er- 
ziehungsresultats — d. i. der Eigenart der Individuen und ihres 
Zusammenlebens — an die Individualität derer, die mit ihrem Wohl- 
befinden von dem Ausfall dieses Resultats abhängen. 

In dieser und anderer Weise tritt also bei der heutigen Wirk- 
samkeit jener Lohntendenzen, jener Gunstverwertungsgrundsätze ein 
Mangel an Züchtung nützlicher Eigenschaften hervor. 

Weiter aber handelt es sich bei dieser erzieherischen Wirk- 
samkeit heute sogar um die Ausbildung zahlreicher schädlicher 
Gesellschaftseigenschaften. 

So wird beispielsweise die nützliche Eigenart des Nächsten- 
kreises nicht nur nicht gepflegt, es bewirkt das betreffende Lohn- 
verfahren unter den heutigen Lebensbedingungen eine Sprengung, eine 
Auflösung dieses Kreises. Die Nächsten werden vielfach durch die 
Missachtung ihres Rechts auf Arbeit zum Wandern gezwungen, sei 
es zunächst auch nur, dass sie in ein anderes Viertel der Grossstadt 
ihren Wohnsitz verlegen. Wir züchten ein Nomadentum in der 
Gesellschaft, das die wahre Nützlichkeit der Gesellschaftsteilhaber 
für einander mehr und mehr herabmindert. Der Familiencharakter 
der Gesellschaft, Brüderlichkeit, Solidaritätsbewusstsein und ähnliches 
wird nicht nur nicht gepflegt, vielmehr zerstört, in sein Gegenteil 
verwandelt. Jenes auf Kapitalistenzüchtung gerichtete Lohnverfahren 
ruft ein bellum omnium contra omnes, einen Krieg aller gegen alle 
in der Gesellschaft hervor, entfesselt eine rücksichtslose Konkurrenz - 
wut, ein wahnsinniges Wettrennen nach dem grössten Kapitalbesitz, 
das auch die Völker miteinander verfeindet und den Klassenhass und 
Rassenhass in der menschlichen Gesellschaft immer mehr wachsen lässt. 

Die Bevorzugung billigsten Angebots führt heute dahin, das3 
wir die nützliche Eigenart unserer Bauern, Handwerker und Klein- 
händler zerstören, an die Stelle dieser Mitmenschen Fabrikarbeiter 
setzen, die einer geisttötenden Maschinenarbeit zum Opfer fallen und 
deren Gesamtnützlichkeit geringer ist als diejenige jener anders 
gestellten Mitmenschen, aus deren Kreisen uns gesunder Menschen - 
und Ideennachwuchs zu teil wird. Wir lassen dabei auch die Frauen, 
die in der Ehe und im Haushalt so viel Nutzen der Gesellschaft zu 
stiften vermögen, zu Mannweibern werden, die am Erwerbsleben, an 
der Produktion sich beteiligen; wir verringern die Möglichkeit eines 
beglückenden Familienlebens, treiben und locken Frauen und Kinder 
in die Fabriken. Diese erzieherische Wirksamkeit unseres Lohn- 
verfahrens rächt sich auf die Dauer mehr und mehr, führt zu einer 
Verschlechterung der Gesellschaftsqualität, die freilich erst unsere 
Söhne und Enkel zum Vollen auszukosten haben werden. 


6 * 


84 


Statt Weisheit ferner züchten wir bei jener Lohnordnung Ein- 
seitigkeit, Urteilsschwäche, Oberflächlichkeit; Eigenschaften dieser Art 
entwickeln sich beispielsweise bei jenem Protzentum, das wir als 
Preisrichter adeln. Befangenheit und Wahrheitsmangel gelangt bei 
dieser Art der Prämiierung vielfach zur Herrschaft. Statt der indivi- 
dualisierten, auf die wirkliche Natur des Einzelfalls zugeschnittenen 
Nützlichkeit ferner kommt unter jenen erzieherischen Einflüssen, bei 
jener einseitigen Züchtung Schablonenmässigkeit, Mangel an Eigenart 
zur Entwickelung; bei jener einseitigen Pflege von Grossbetriebs - 
fähigkeit und Geldmachereigenschaften entsteht Charaktermangel in 
der Gesellschaft. Nicht minder bedeutsam ist es, dass nicht nur 
keine Gerechtigkeitserziehung bei der fraglichen Lohnart heute Platz 
greift, vielmehr sogar vielfach Verführung und Zwang zur Ungerechtig- 
keit bei der Kapitalistenzüchtung zu Tage tritt. Es wird hier Un- 
gerechtigkeit grossgezogen , so dass eine verhängnisvolle Wechsel- 
wirkung in der Gesellschaft sich zeigt: Man übt schlechte Erziehung 
und macht dabei die Mitmenschen mehr und mehr zu schlechten 
Erziehern. 

In dieser und ähnlicher Weise ist also heute das geschilderte 
Lohnverfahren, die geschilderte Art der Gunstverwertung von einer 
kulturverschlechternden Wirkung begleitet, gelangen dabei 
schlechte Gesellschaftseigenschaften vielfach zur Entwickelung, während 
gute vielfach unkultiviert gelassen werden. Bei den in Rede stehenden 
Lohntendenzen ergiebt sich unter den heutigen Lebensbedingungen 
eine erzieherische Verwahrlosung in der Gesellschaft. Es wird 
hier nicht eine Kultur gepflegt, bei der der einzelne eines relativ 
nützlichen Könnens und Wollens seiner Mitmenschen teilhaftig wird, 
es herrscht vielmehr eine gegenteilige Kulturpflege, die es dahin 
kommen lässt, dass die socialen Vorbedingungen für das Vorhanden- 
sein möglichst weniger relativ schädlicher Bedürfnisse und Wünsche 
und möglichst reicher relativ nützlicher Befriedigung sich nicht erfüllen. 

Ein wenig Lebensbeobachtung kann einen jeden über diesen 
Sachverhalt aufklären; man muss sich nur gewissen glänzenden 
Errungenschaften und grossen Zahlen gegenüber die zur klaren, 
nüchternen Anschauung erforderliche Unbefangenheit bewahren. 

Es ergiebt sich demnach bei den in unserem täglichen Verkehrs- 
leben herrschenden Lohntendenzen heute ein Mangel an ver- 
nünftiger Gesellschaftserziehung. Es tritt eine Unzweckmässig- 
keit der gesamten Lohnmittelverwertung zu Tage. Es mangeln 
unserer Gunstverwertung, unserem Lohnen und Strafen die oben 
gekennzeichneten Gerechtigkeitseigenschaften. 

Wir sind, indem wir die fraglichen Lohnprinzipien blindlings 
befolgen, der Ungerechtigkeitsversuchung, die uns das Erfindungs- 
zeitalter bescherte, erlegen. Die Benutzung der hier gebotenen Be- 


85 


friedigungsmöglichkeiten bringt für uns Erziehungssünden mit 
sich, giebt zu kulturschädlichem Verhalten Anlass. Uns missrät die 
Anpassung unseres Verhaltens an die kulturwesentlichen Voraus- 
setzungen, die Erziehungserfordernisse des Einzelfalles. Wir ver- 
geuden unsere Gunst, unsere Lohnmittel aller Art, halten nicht 
vernünftig mit ihnen Haus. 

Es fehlt bei unserer Teilnahme am Verkehrsleben die wirkliche 
Nützlichkeitsproduktion, die Erzeugung des rechten Wertes der Persön- 
lichkeiten für einander. Wo wir einen mit Millionen lohnen, da ist 
von einem entsprechenden Wachstum der Nützlichkeit des Betreffenden 
- und der Gesellschaft keineswegs die Rede, wird vielmehr ein gegen- 
teiliger socialer Erziehungseffekt hervorgerufen. Statt wahre Nütz- 
lichkeit der Gesellschaftsteilhaber für einander zu pflegen, zerstören 
wir, wie aus dem Gesagten hervorgeht, bei der Verwirklichung jener 
Lohngrundsätze unter den heutigen Lebensbedingungen diese Grund- 
lage der individuellen Zufriedenheit. 

Die Lohnmittelverwertung ist also keineswegs so, wie es unter 
jetzigen Lebensbedingungen notwendig sich erweist, dem oben er- 
mittelten Ideal angenähert. Es fehlt an Rechtsordnung; statt sich 
zu mehren, hat sich die Gerechtigkeit, die Erziehungsdienlichkeit der 
Besitzordnung in unserer Zeit mehr und mehr gemindert. „Mit all’ 
unserem Fortschritt in den güterhervorbringenden Gewerben,“ bemerkt 
Henry George in seinen „Socialen Problemen“ treffend, „haben wir 
keinen Fortschritt darin gemacht, eine gerechte Verteilung der Güter 
herbeizuführen“. Das heute erforderliche Mass gerechter Persön- 
lichkeitsbehandlung ist demzufolge in unserer Gesellschaft nicht gegeben, 
es herrscht eine immer unzulänglicher werdende Lohn- 
ordnung, es tritt immer mehr Unrecht im Verkehr der Menschen 
zu Tage. In dieser Meinung stimmen wir mit den socialistischen 
Kritikern überein, die gegen die heutige Ungerechtigkeit zu Felde 
ziehen. 

Soviel über den Gerechtigkeitsstand, den Stand des der Nütz- 
lichkeitserziehung förderlichen Lohnens und Strafens in 
unserer heutigen Gesellschaft. 


elches nun sind die Ursachen jener Unzulänglichkeit der indivi- 
duellen Lohnmittelverwertung und der Besitzordnung in unserer 
Gesellschaft? Worauf gründet sich das bei der Güterverteilung hervor- 
tretende Unrecht? 

Wir bemerkten an anderer Stelle, dass das Gerechte und die 
Rechtsordnung sich gründet auf ein individuelles Wollen, von der 
Qualität dieses Wollens abhängig ist. Hier ist dementsprechend 
hervorzuheben, dass auch jene Unzulänglichkeit, der Mangel an einer 


86 


der Nützlichkeitserziehung förderlichen Lohnmittelverwertung ver- 
ursacht ist durch den im täglichen Leben sich bekunden- 
den Willen der einzelnen Gesellschaftsteilhaber; letztere 
kommen hier als die Urheber der bei der Güterverteilung den 
einzelnen Persönlichkeiten zu teil werdenden Behandlung, als Schöpfer 
und Erhalter der Unrechten Verteilungsordnung in Betracht. Die Un- 
zweckmässigkeit des betreffenden Willensinhalts, die Bethätigung 
schlechter Lohnmotive erweist sich hier als die Grundlage des frag- 
lichen Unrechts. Die Qualität, die Zweckmässigkeit jenes Wollens 
hat sich, was die socialen Beziehungen des einzelnen und dessen 
socialen Beruf anbetrifft, in unserer Zeit nicht gebessert, sondern 
verschlechtert. 

Dabei handelt es sich nicht um die Qualität, um die mangelnde 
Zweckmässigkeit vorschriftsmässigen Wollens. Der einzelne, der 
in der geschilderten Weise Erziehungssünden begeht, handelt dabei 
nicht als Träger, als Werkzeug eines fremden Willens. Nicht aus 
Folgsamkeit — nicht aus Gesetzlichkeit oder Sittlichkeit — ist er 
ungerecht, nicht Gebote oder Verbote sind die Ursache seiner Ver- 
fehlung, so wenig wie etwa das Vorhandensein von „Institutionen“ 
die Ursache der Begünstigung und des Vorankommens der Juden 
bildet. Der Gesetzgeber ist für die schlechte Behandlungsordnung, 
für den Mangel an Rechtsordnung nicht verantwortlich zu machen.*) 

Auch die Anerkennung der in Geltung befindlichen Eigentums- 
vorschriften vermag keineswegs die erwähnten Mängel unserer 
Lohnmittelverwertung zu erklären. Trotz jener Vorschriften brauchen 
wir keine Kapitalisten zu züchten, keine einseitige Erziehung dieser 
Art zu üben. Die anerkannten Eigentumsgrundsätze schaffen an 
sich durchaus keine derartige Notwendigkeit; auch im Bereich dieser 
Grundsätze stehen sich vielmehr die Gesellschaftsteilhaber in Wirklich- 
keit beim Gerechtsein besser als beim Ungerechtsein. 

Durch die Eigentums Vorschriften werden die Gesellschaf tsteil - 
haber nicht gezwungen, in der geschilderten Weise die wohlfeilste 
Leistung blindlings zu lohnen. Jene Vorschriften bringen für sie 
noch nicht die Notwendigkeit mit sich, ihre Arbeit dem Kapitalisten 
für dessen Meistgebot zu verkaufen, so wenig wie es dabei not- 
wendig ist, dem Besitzenden lediglich um seines Besitzes willen 
Achtung zu zollen. 


*) Bellamy (Gleichheit, Stuttgart u. Leipzig, 1898, S. 341) sagt von 
der heutigen Gesellschaftsordnung: „Auf die schlechtesten Regungen des 
Menschenherzens war ein für allemal ein Preis gesetzt.“ — Das ist gewiss 
in mancher Hinsicht zutreffend. Aber diese und andere ungerechte 
Prämiierung ging keineswegs von dem Gesetzgeber oder von dem Urheber 
sittlicher Institutionen aus. 


87 


Trotz der Eigen tumsanerkennung ist das Gerechte, das der 
rechten Gesellschaftserziehung förderliche Lohnen und Strafen aller 
Art für die Gesellschaftsteilhaber durchaus möglich. In einer das 
Privateigentum an Produktionsmitteln anerkennenden Gesellschaft kann 
an sich sehr wohl eine zur Erziehung hochgradiger Nützlichkeit der 
Persönlichkeiten für einander dienliche Lohn- und Besitzordnung 
herrschen. Die Gestattung des Privatkapitalismus braucht keines- 
wegs kulturschädlich, unrechtstiftend zu wirken. Ja, die Anerkennung 
des Eigentums an Produktionsmitteln, durch welche dem einzelnen 
die Möglichkeit einer freien, von dem Dreinreden anderer unabhängigen 
Entfaltung seiner Individualität verstattet wird, kommt sogar als 
wertvolles Lohn- und Erziehungsmittel in Betracht.*) 

Der Kapitalist, auch der Eigentümer von Grund und Boden, 
ist unter der Herrschaft des Privateigentums an sich keineswegs dem 
erzieherischen Einfluss der übrigen entrückt. Von diesen übrigen, 
von ihrem guten Willen ist er täglich abhängig. Wenn die Betreffenden 
ihm ihre Arbeit, ihre Achtung, ihren Verkehr vorenthalten, — was 
ihnen trotz des Privateigentums in weitem Masse möglich ist, — 
dann wirkt auch auf den Kapitalisten erzieherische Notwendigkeit 
ein; sein Kapitalbesitz allein kann ihm nicht nützen. Auch da ist 
also — wie in gewisser Hinsicht auch Streik und Boykott uns 
lehren — den Gesellschaftsteilhabern die Möglichkeit erzieherischen 
Zwanges, die Ausübung der Gesellschaftspolizei sehr wohl verstattet; 
sie können gegen Ungerechtigkeit einschreiten , gerechten Ausgleich 
bewirken, wenn sie nur von der ihnen durch die Eigentumsvorschriften 
nicht benommenen Möglichkeit, die verschiedenen Lohnmittel zweck- 
mässig zu verwerten, miteinander den rechten Gebrauch machen. 
Nur, wenn sie einen solchen Gebrauch nicht machen, ist z. B. ein 
Petroleummonopol möglich; die in Geltung befindlichen gesetzlichen 
und sittlichen Vorschriften bieten an sich noch durchaus keine Er- 
klärung für derartige unvernünftige Erziehungsthatsachen. Trotz 
dieser Vorschriften ist zweifellos eine weit bessere Behand- 
lungs- und Besitzordnung denkbar. Unter vernünftigen Menschen 
z. B., unter denen Socialverständniss, Verständnis für die — zumal 
in einer Zeit wie der- unserigen — hochbedeutsamen socialen Vor- 
bedingungen von Zufriedenheit und Lebenswert und dementsprechend 
auch für die Notwendigkeit und den Beruf zweckmässiger Gesellschafts- 
erziehung herrscht, unter solchen Menschen entwickelt sich auch bei 
den jetzt geltenden Eigentumsvorschriften die Behandlungs- und Be- 
sitzordnung in der Richtung auf das von uns gekennzeichnete Ideal. 

*) Auch die Verstattung der Vererbungsbefugnis, der Möglichkeit, 
über den eigenen Tod hinaus anderen Lohn in Aussicht zu stellen, kann 
kulturdienlich wirken, der Gesellschaftserziehung förderlich sein. Sie er- 
weitert den Wirkungsbereich der Lohnmittel. 


88 


Da besitzt selbst der mit einem Übermass von Produktionsmitteln 
Gelohnte schliesslich weder die Macht noch das Interesse, gegen 
andere ungerecht, dem Zweck der Gesellschaftserziehung zuwider 
sich zu verhalten, „Ausbeutung“ zu betreiben. In einer Gesell- 
schaft solcher Menschen besteht auf die Dauer kein Zwang zur 
ungerechten Bevorzugung jener Privateigentümer, da ist keiner ge- 
nötigt, von letzteren sich „ausbeuten“ zu lassen. Da stellt trotz der 
Eigentumsvorschriften die herrschende Fürsorge für Gesellschafts- 
erziehung den einzelnen vor solcher „Ausbeutung“ sicher, da lässt die 
Gesellschaftspolizei, in der die Gesamtheit ihre Gerechtigkeit be- 
thätigt, dem Privateigentümer nicht die Möglichkeit ungerechter, 
kulturwidriger Benutzung der ihm verstatteten Eigentümerbefugnis ; 
vollends aber ist hier der Eigentümer nicht, wie unter der Herrschaft 
des jetzigen Lohnverfahrens, gezwungen, das Recht anderer zu miss- 
achten. Da auch wird dem reichen Erben gegenüber das Gebot 
geachtet: Was du ererbt von deinen Vätern hast, verdiene es, um 
deines Erbes froh zu werden! In solcher Gesellschaft übt also 
die Anerkennung des Privateigentums keinen schlechten Einfluss auf 
die Lohnordnung, auf die Güter- und sonstige Gunstverteilung aus. 
Wo die Menschen sich des Wertes und der Erfordernisse einer 
guten Gesellschaftserziehung allgemein bewusst sind, entwickelt sich 
trotz der den „Privatkapitalismus“ zulassenden Gesetze eine gute 
Gesellschaftsordnung. In einer Gesellschaft unvernünftiger, des Social- 
verständnisses ermangelnder Menschen dagegen bedarf es zur Ent- 
stehung einer Unrechtsordnung, wie sie jetzt vorhanden ist und immer 
schärfer sich ausprägt, unter den im übrigen heute gegebenen Vor- 
aussetzungen gar nicht erst der bestehenden Eigentumsvorschriften. 
Damit die Menschen schlechte Gesellschaftserziehung treiben, dazu 
ist nicht erst eine bestimmte den Privatkapitalismus gestattende Gesetz- 
gebung erforderlich. Der Wegfall jener aus Gesetzestreue befolgten 
Vorschriften würde also an sich noch nicht die geringste Garantie 
für die Entstehung einer zweckdienlichen Ordnung der güterverteilenden 
Persönlichkeitsbehandlung gewähren, würde einen Mangel an rationeller 
Lohnordnung keineswegs verhindern. 

Wenn das Lohnen und die Lohnordnung mangelhaft sind, so 
hat das seinen Grund in dem Gerechtigkeitsmangel des Eigengewollten ; 
es fehlt an der rechten Willkür. Nicht ein „ehernes Lohn- 
gesetz,“ sondern ein Lohnen, ein Gunstverteilen nach menschlicher 
Willkür spielt hier die entscheidende Rolle. Nicht als Träger fremden, 
sondern als Träger eigenen Willens begehen wir die Kultursünden. 
Wenn keine ungerechte Willkür vorhanden wäre, dann würde trotz 
der bestehenden Vorschriften ausreichende Gerechtigkeit herrschen. 
Nicht urteilslose Folgsamkeit, sondern falsche Lohnprinzipien, falsches 
Urteil verhindern es, dass uns die erforderliche „constans et perpetua 


89 


voluntas“*) innewohnt, die einem jeden das Seine zukommen lässt. 
Die Willkür geistig unfreier Menschen bildet die Ursache des Un- 
rechts. Und zwar spielt dabei nicht sowohl das „Gewinnsystem“ und 
das „Konkurrenzsystem“ der Kapitalisten, als vielmehr das unver- 
nünftige Lohnsystem der Kapitalistenzüchter unter den Ursachen der 
ungerechten Ordnung die entscheidende Rolle. Nicht das Konkurrieren, 
sondern das falsche Lohnen giebt zur Entstehung des fraglichen 
Unrechts Anlass. Der Privatkapitalismus, d. h. die Benutzung der 
durch die Gesetzgebung nicht verwehrten Möglichkeit, über Produktions- 
mittel im Privatinteresse ausschliesslich zu verfügen, bildet nicht die 
Grundlage der jetzigen kulturwidrigen Güterverteilung. Die Un- 
gerechtigkeit der Kapitalisten als solcher kommt nur sekundär in 
Betracht; ohne die Verlockung und den Zwang, wie sie das Lohn- 
system mit sich bringt, spielte sie überhaupt keine Rolle. Nicht 
um die Willkür der Kapitalisten als solcher, die das Lohnsystem 
sich zu nutze machen, sondern um die Willkür der Lohnenden 
handelt es sich bei der fraglichen Ungerechtigkeit. Das Urteil 
dieser Lohnenden giebt Anlass zur Entwickelung jener mangel- 
haften Gesellschaftsordnung. Die Betreffenden, mögen sie Kapitalisten 
sein oder nicht, überschätzen den Besitz materieller Güter — den 
„Mammon“ — , bewerten z. B. die Lohnersparung und das auf solche 
Weise Gesparte zu hoch, während sie die Bedeutung der von uns 
gekennzeichneten Gesellschaftserziehung und der dieser Erziehung 
dienlichen Gerechtigkeit unterschätzen. Dieser kurzsichtige Mammonis- 
mus**), nicht der Kapitalismus erweist sich als der der Rechts- 
entwickelung hinderliche Gegensatz wirklicher Gerechtigkeit. An 
diesem Mammonismus, dieser Kurzsichtigkeit gegenüber den socialen 
und kulturellen Vorbedingungen des individuellen Lebensglücks leidet 
der Nichtkapitalist ebenso wie der Kapitalist und ist insofern nicht 
minder schuldig. Wenn jener Urteilsstand, jene Art der Willkür 
nicht auch in hohem Masse bei Nichtkapitalisten gegeben wäre, würde 
die heutige Unrechtsentwickelung nicht vorhanden sein. Insofern 
können wir der Meinung Bellamys***), dass „das Unrecht der 
Kapitalisten grösser als irgend eine andere Schuld auf Erden“ sei, 
nicht beipflichten. 

*) Justitia est constans et perpetua voluntas ius suum cuique tribuens, 
die Gerechtigkeit ist der unbeirrte und beständige Wille, der einem jeden 
sein Recht zukommen lässt, lautet die Definition in Justin ians Institutionen. 

**) Jene Art des Lohnens ist es, in der sich der „Mammonscharakter 
unseres Zeitalters“, den Bebel (Die Frau und der Socialismus, 27. Aufl. 
S. 331) erwähnt, thatsächlich offenbart. Nicht der Kapitalismus, sondern 
das Lohnverfahren ist der Ausdruck dieses „Zeitcharakters“. Dieser 
mammonistische, nicht der kapitalistische Charakter unseres „Zeitalters“ 
ist bei Beurteilung des heutigen Unrechts zu beachten. 

***) A. a. 0. S. 453. 


90 


Bei der Befolgung der geschilderten Lohnprinzipien, insbesondere 
bei der Neigung, die wohlfeilste Leistung blindlings zu bevorzugen, 
handelt es sich aber um keinen unvermeidlichen Naturtrieb. Die 
betreffende unzweckmässige Gestaltung unseres Urteils ist nicht etwas 
ein für allemal Angeborenes. Die Menschen sind nicht dazu ver- 
dammt, Mammonisten zu sein, als Götzendiener das tägliche Verkehrs- 
leben der Vernunft zuwider zu gestalten; sie können an sich z. B. 
ebenso auch als vernünftige, im Einklang mit den Naturgeboten, 
den Zufriedenheitserfordernissen der Wirklichkeit bleibende Egoisten 
ihr Verhalten gegen andere auswählen. Die fragliche Unrichtigkeit 
unseres Zweckmässigkeitsurteils bildet sich bei uns erst im Laufe 
unseres Erdendaseins heraus. Insbesondere fällt dabei das Beispiel 
anderer ins Gewicht; dasselbe ist vielfach für die Gestaltung des 
Rechtsurteils entscheidend. 

So kommt bei der Erklärung des geschilderten Gerechtigkeits- 
mangels statt der bestehenden Vorschriften vielmehr das auf die 
Gestaltung der Willkür des einzelnen ein wirkende allgemeine Bei- 
spiel, der allgemeine Lohngebrauch als entscheidend in Betracht. Das 
allgemeine Rechtsurteil, die allgemeinen Behandlungsgrundsätze 
sind von grösster Bedeutung für die Gestaltung des eigenen, der 
Gesetzlichkeit und Sittlichkeit baaren Behandlungswillens der einzelnen 
Individuen. Nicht selten auch zwingt dabei der eine den anderen. 
Indem wir bestimmte Lohnprinzipien verfolgen — z. B. Kapitalisten, 
Geldmacher züchten — , zwingen wir, wie schon oben bemerkt wurde, 
in vielen Fällen andere, entsprechenden Grundsätzen zu huldigen, 
z. B. mit allen Mitteln auch ihrerseits auf Kapitalbildung Bedacht 
zu nehmen, damit sie und die Ihrigen in der von uns ausgeschriebenen 
Billigkeitskonkurrenz bestehen können. Insbesondere aus dem Vor- 
handensein gewisser allgemeiner Lohngebräuche erwächst vielfältig 
für den einzelnen die Notwendigkeit, andere ungerecht zu behandeln; 
diese Notwendigkeit bestimmt dann sein Urteil und den Inhalt des 
Verhaltens, für das er sich entscheidet. So entwickelt sich durch das 
ungerechte Verhalten der Gesellschaftsteilhaber ein Zwang zur Un- 
gerechtigkeit. Aber dieser Zwang hat an sich nichts mit der 
Befolgung von Vorschriften zu thun, er gründet sich auf individuelle 
Willkür, nicht auf Loyalität oder Moralität. 

Die allgemeinen Lohngebräuche werden auch nicht durch die 
in Vorschriften, in gesetzlichen und sittlichen Institutionen gegebene 
Anregung hervorgerufen. Eher ist das Umgekehrte der Fall. Nicht 
Vorschriften also sind hier, bei dem Einfluss der Mitmenschen — der 
Gesellschaft — auf das Urteil und die Willkür des einzelnen, ent- 
scheidend, sondern vorschriftslose, willkürliche Rechtsvorstellungen. 

Die allgemeinen Vorstellungen, die das Urteil und das Ver- 
halten des einzelnen im Verkehrsleben beeinflussen, auf sein Lohnen 


91 


und Strafen gestaltend einwirken, sind vielfach ererbt, an frühere 
Erfahrungen angelehnt. Es fehlt ihnen dabei mannigfach die An- 
passung an die gegenwärtigen Lebensbedingungen. — So gründet 
sich etwa die Anwendung der die wohlfeilste Leistung bevorzugenden 
Lohntendenz auf die Erfahrung, dass früher diese Tendenz unschäd- 
lich war, zu keiner erheblichen Unzufriedenheitsentwickelung Anlass 
gab. Da wird dann die früher unschädliche Sparsamkeit, die auf 
möglichst geringe Belohnung anderer hält, auch heute ohne weiteres 
als eine Tugend gepriesen. Ebenso schliesst man sich bei der Achtung 
vor dem Geldbesitz an Erfahrungen an, die einer Zeit entstammen, 
in der die Verteilung des Geldlohnes verhältnismässig zweckmässig 
war, also ohne Schaden auch als Richtschnur für die Verwendung 
der übrigen Lohnmittel mit verwendet werden konnte. Die aus 
solcher Zeit entnommene, damals unschädliche Geldverehrung ist dann 
aber in unserer Zeit zu jenem schädlichen Mammonismus geworden, 
der dem Geldbesitz einen selbständigen Wert zuerkennt und das 
Rechtsurteil trübt.*) Insofern kommt der Glaube, dass das Sittliche, 
das Überkommene unter allen Umständen gut sei und zur Tugend 
genüge, als kulturschädlicher Faktor, als Ursache der mangelhaften 
Gunstverwertung zur Geltung. 

Die Anlehnung an frühere Erfahrungen hat in dieser und 
ähnlicher Weise einen mangelhaften Bewusstseinszustand, ein fehler- 
haftes allgemeines Zweckmässigkeitsurteil heraufbeschworen , hat es 
bewirkt, dass die Gesellschaft falschen Idealen huldigt, unzweckmässige 
Behandlungsmassstäbe zur Anwendung bringt. Man verharrt so 
gewohnheitsmässig im Dienste eines Gerechtigkeitsideals, nach welchem 
z. B. die Verteilung der Lohnmittel gemäss der Wohlfeilheit der 
Leistung als ohne weiteres richtig und selbstverständlich erscheint. 
Ohne jene allgemeinen Urteilsmängel gäbe es trotz der bestehenden 
Eigentumsvorschriften und trotz des Privatkapitalismus nicht die jetzige 
unzweckmässige Lohn- und Besitzordnung. 

Es mangelt, wie jene herrschenden, den Willen des einzelnen 
beeinflussenden Rechtsvorstellungen, jene ausschlagenden Behandlungs- 
grundsätze erkennen lassen, in unserer Gesellschaft allgemein an der 
Erziehertugend der persönlichen Gerechtigkeit, an der Rechtsfindigkeit, 
von der wir oben sprachen. Solche Tugend kommt bei den Lohn- 
gebräuchen zu wenig zur Geltung. Die Qualifikation für den 
Erzieherberuf, für die Rechtsfindung ist nicht gewachsen, 
wie es unter den veränderten Lebensbedingungen nötig war. Die 
Klärung des Rechtsbewusstseins hat nicht entsprechende Fortschritte 
gemacht. Mangel an Zweck- und Zweckmässigkeitsbewusstsein er- 


*) Vergl. hierüber Adam Ego, Die sociale Frage und ihre Lösung 
(Bremen 1898), S. 228 ff. 


92 


scheint hier als die Ursache jenes schlechten Egoismus, der im heutigen 
Lohnverfahren sich bekundet. 

Es fehlt an Social- und Kulturverständnis in unserer Ge- 
sellschaft. Man ist sich hier nicht bewusst, dass die Gesellschafts - 
teilhaber sich bei dem Gerechten, bei der der Nützlichkeitserziehung 
förderlichen Lohnmittelverwertung besser stehen als bei der Verwirk- 
lichung der jetzigen Lohntendenzen. Wäre eine solche allgemeine 
Einsicht vorhanden, so gäbe es trotz der bestehenden Vorschriften 
keine Monopole und ähnliche Kultur errungenschaften. Da beherrschten 
zweckmässigere Ideale, kulturdienlichere Behandlungsmassstäbe das 
Verkehrsleben. 

Es mangelt insofern in unserer Gesellschaft an Wahrheit, an Ver- 
nünftigkeit. Nicht Gehorsam, sondern Unvernunft giebt die Ur- 
sache ab für das vorhandene, im Wachstum begriffene Un- 
recht. Nicht die Herrschaft des „allmächtigen Dollars,“ auf die 
Bellamy alles Unheil zurückführt, sondern die Herrschaft mensch- 
licher Irrtümer, die Herrschaft des Mangels an Verständnis für Wesen 
und Wert zweckmässiger Gesellschaftserziehung und echter Gerechtig- 
keit ruft jene unvernünftige Behandlungsordnung hervor. Blindheit 
und Wahn kommen hier zur Geltung, verschlechtern die Willkür und 
das Haushalten mit den Lohnmitteln, geben zur Entstehung der un- 
gerechten Güterverteilung Anlass. 

Die persönliche Gerechtigkeit der Gesellschaftsteilhaber erscheint 
somit nicht angepasst an die veränderten Lebensbedingungen, an die 
gewachsenen Erziehungsschwierigkeiten. Wir sind nicht vorbereitet 
auf den zweckmässigen Gebrauch der neuen Genuss- und Lohn- 
möglichkeiten, die uns das Zeitalter der Erfindungen und des Ver- 
kehrs beschert hat; wir sind nicht gewappnet gegen die Ungerechtig- 
keitsversuchung, die diese Zeit mit sich bringt. 

Diese mangelhafte Anpassung aber, die als Ursache der 
Erziehungssünden eine entscheidende Rolle spielt, ist nicht Natur - 
anlage, die fragliche Unvernunft ist so wenig wie das Unrechte 
Urteil und der Unrechte Wille ein angeborenes Übel. Die in dieser 
Hinsicht in Frage kommenden Mängel sind vorhanden, weil es bei 
den Gesellschaftsteilhabern an Gerechtigkeitserziehung, an erziehe- 
rischer Ausbildung jener persönlichen Erziehertugend fehlt. 

Die Gerechtigkeitserziehung hat sich nicht an die 
jetzigen Lebensbedingungen und Gerechtigkeitserforder- 
nisse angepasst; sie ist nicht entsprechend fortgeschritten. Die 
Selbsterziehung und die Erziehung anderer hat es daran fehlen lassen, 
uns in einem den heutigen Anforderungen entsprechenden Masse 
gerechter, zu besseren Egoisten, zur Wahrnehmung unserer socialen 
Interessen fähiger zu machen. 

Es fehlt in dieser Hinsicht hier an Selbständigkeitspflege. Unsere 


93 


Vernünftigkeitserziehung, unsere Aufklärung hat nicht die erforder- 
lichen Fortschritte gemacht. Wir sind nicht erzieherisch gewappnet 
worden gegen Blindheit und Wahn, nicht zur Freiheit, zur Unbefangen- 
heit erzogen, nicht durch unsere Erziehung bewahrt vor dem 
Mammonismus und ähnlichen Irrtümern. Das Kulturverständnis, 
die Erkenntnis ihres socialen Berufs ist bei den Gesellschafts- 
teilhabern nicht in der rechten Weise gepflegt, ihr Zweck- und 
Zweckmässigkeitsbewusstsein hat nicht die entsprechende Klärung 
erfahren. Nicht ist der philosophische Geist — vielmehr statt dessen 
etwa ein historisches, an die Traditionen sich anklammerndes Interesse 
— geweckt, nicht forschende Wahrheitsliebe denen, die in die Gesell- 
schaft hineingeboren wurden, von Jugend auf anerzogen. Es mangelt 
an dieser rechten Sorge für die eigene Bechtsf indigkeit 
der Gesellschaftsteilhaber; ihre Fähigkeit und Willigkeit zur 
eigenen Beurteilung des Einzelfalles und seiner erziehungswesentlichen 
Voraussetzungen ist nicht gemehrt worden. 

Mangel an wirklicher Gerechtigkeitserziehung tritt 
insofern schliesslich als Quelle der in unserem heutigen 
Verkehrsleben bekundeten Ungerechtigkeit, als Ursache 
des vorhandenen Unrechts zu Tage. Dieser Mangel erklärt uns 
zuguterletzt die Entstehung jener schlechten auf den Individual- 
willen gegründeten Gesellschaftsordnung, von der Bebel*) sagt: „Es 
haben alle gesellschaftlichen Übel ohne Ausnahme ihre Quelle in 
der socialen Ordnung der Dinge“. Wenn genügende Gerechtigkeits- 
erziehung herrschte, wenn die Menschen für ihren Beruf zur Gesell- 
schaftserziehung, wie er unter den heutigen Lebensbedingungen sich 
gestaltet, richtig vorbereitet würden, dann gäbe es trotz der vor- 
handenen „Institutionen“ keine derartigen Erziehungssünden und 
Erziehungsergebnisse, dann kämen statt der Neigung, die wohlfeilste 
Leistung blindlings, gedankenlos zu bevorzugen, und ähnlicher Lohn- 
tendenzen vernünftigere Lohngrundsätze, zweckmässigere Behandlungs- 
ideale zur Geltung, dann entwickelte sich eine bessere „sociale Ordnung 
der Dinge“ trotz der bestehenden Eigentumsvorschriften und trotz 
des Privatkapitalismus. 

Soviel über die Ursachen der Unzulänglichkeit der heutigen 
Lohnmittelverwertung und der heutigen Besitzordnung. 

"W elches sind die Folgen jenes Mangels an einer die wirkliche, 
allseitige Nützlichkeit der Individuen für einander fördernden Lohn- 
mittelverwertung und Besitzordnung? Wie wirkt jene Unzulänglich- 
keit der Gesellschaftserziehung, der erzieherischen Beeinflussung des 


*) A. a. O. S. 334. 


94 


Könnens und Wollens der Gesellschaftsteilhaber auf die Gesellschaft 
und auf den einzelnen von der Gesellschaft abhängigen Menschen ein? 

Die erwähnten im täglichen Verkehr hervortretenden Erziehungs- 
mängel geben zu einer Unzulänglichkeit des Kulturstandes 
in unserer Gesellschaft Anlass. Dem Zwecke, Unzufriedenheit, be- 
friedigungsloses Bedürfen und Wünschen der beteiligten Persönlich- 
keiten zu verhüten, wie er unter heutigen Lebensbedingungen sich 
gestaltet, ist der Erziehungsstand der Gesellschaft nicht angepasst. 
Die auf Grund jenes Lohnverfahrens vorhandene Nützlichkeit der 
Gesellschaftsteilhaber für einander reicht zur Erfüllung dieses 
Zweckes bei weitem nicht aus; sie hat sich nicht mit der Wandlung 
der Lebensbedingungen entsprechend gesteigert, ist vielmehr unter 
dem erzieherischen Einfluss der erwähnten Lohntendenzen noch 
zurückgegangen und immer unzulänglicher geworden. 

Die Qualität unserer Gesellschaft, der Kulturstand der fin de 
siede weist, was jene Nützlichkeit anbetrifft, eine hochgradige Ein- 
seitigkeit auf. 

Die Verwirklichung der geschilderten Lohngrundsätze hat, wie 
zu erwarten war, dahin geführt, unsere Gesellschaft zu einer ausser- 
ordentlich leistungsfähigen Produktionsgemeinschaft, einem höchst 
ergiebigen Warenerzeugungsverband werden zu lassen. Technische 
und geschäftsmännische Fähigkeiten und Leistungen sind in hohem 
Masse grossgezogen. Auch manche Zweige der Wissenschaft hat man 
dabei durch entsprechende Prämiierung zu hoher Entwickelung ge- 
bracht. In dieser Hinsicht also ist für den einzelnen bei seinen 
Genossen in hohem Masse ein gewisses nützliches Können und Wollen 
gegeben, ist Nützlichkeit der Gesellschaftsteilhaber für einander vor- 
handen. 

Neben diesen bestechenden Seiten der Qualität unserer Gesell- 
schaft aber fällt hier dem ernsten, unbefangenen Beobachter ein 
erheblicher Mangel an nützlicher Eigenart des heutigen Zusammen- 
lebens, an Nützlichkeit der gegenseitigen Beziehungen der beteiligten 
Persönlichkeiten ins Auge. Er hat es hier mit den Folgen jenes 
Mangels an Pflege nützlicher Eigenschaften und jenes Vorhandenseins 
einer Züchtung schädlicher Eigenart zu thun, dessen w r ir oben im 
einzelnen Erwähnung thaten. Er vermisst hier demnach z. B. das, was 
wir oben als Familiencharakter der Gesellschaft zusammenfassten, jene 
nützlichen Eigenschaften des Zusammenlebens, die einer sich klar 
machen kann, indem er das überdenkt, was ein gutes Familienleben zum 
Wohlbehagen des einzelnen beizusteuern vermag. Diese, vielleicht 
unscheinbaren, aber in Sachen der Zufriedenheit hoch wichtigen Eigen- 
schaften, diese wahrhafte Nützlichkeit der einen Persönlichkeit für 
eine andere weist die heutige Gesellschaft in verhältnismässig sehr 
geringem und immer geringer werdendem Grade auf. Es fehlt ihr 


95 


mehr und mehr die Sesshaftigkeit der Individuen, die jene Nütz- 
lichkeit des einen für den anderen erhöht, die Kenntnis der beider- 
seitigen Lebens- und Glücksbedingungen fördert. Auch die rechte 
Brüderlichkeit, diejenige Eigenart, vermöge deren einer dem anderen 
soviel zu nützen imstande ist, wie es unter leibhaftigen Brüdern, 
wo gesunde Verhältnisse herrschen, möglich ist, gehört nicht zu den 
Bestandteilen der heutigen Kultur. Ebenso ist jene echte Freiwillig- 
keit, jene das Interesse des anderen auch ohne persönliche Gegen- 
leistung wahrnehmende Nächstenliebe, die, wie wir oben bemerkten, 
in der Gesellschaft zum Wohlbefinden der einzelnen so ausserordent- 
lich viel beizutragen vermag, in unserer Gesellschaft wenig entwickelt. 
Lebensweisheit und Wahrheitsliebe ferner spielen unter den Ergebnissen 
der im heutigen Verkehrsleben waltenden Erziehung eine geringe Bolle, 
ebenso kommt die Gerechtigkeit unter den hier gezüchteten Eigen- 
schaften immer weniger in Betracht. Alles das auch, was z. B. die 
besondere Eigenart der Frauen bei entsprechender Berücksichtigung 
und Pflege in der Gesellschaft zum Glücklichwerden der Beteiligten 
beizutragen vermag, — diese besondere Nützlichkeit ist im Er- 
ziehungsstande unserer Gesellschaft infolge des mangelhaften Er- 
ziehungsverfahrens immer weniger vertreten. 

In solcher und anderer Hinsicht — wie aus dem oben über 
die erzieherische Wirksamkeit der heutigen Lohntendenzen Gesagten 
im einzelnen zu folgern ist — mangelt es bei den heutigen Kultur- 
stande vielfältig an nützlichen Eigenschaften, an Nützlichkeit des 
Zusammenlebens. Das Können und Wollen und die gegen- 
seitige Beziehung der Gesellschaftsteilhaber lässt es in- 
sofern an wirklicher, der Individualität, dem Wünschen 
und Genie ss en des einzelnen zu gute kommender Zweck- 
mässigkeit fehlen. 

Andererseits verbinden sich mit dem vorhandenen Erziehungs- 
ergebnis vielfach schädliche Eigenschaften, Schädlichkeit der Per- 
sönlichkeiten für einander. — Nomadentum z. B. hat sich unter dem 
Einfluss der unzulänglichen Lohnmittelverwertung in unserer Gesell- 
schaft entwickelt, die Menschen sind einander dabei entfremdet, stehen 
sich interesselos oder interessearm gegenüber. Feindseligkeit nistet sich 
mehr und mehr unter den Gesellschaftsteilhabern ein. Auch findet 
bei dem heutigen Erziehungsstande nicht nur keine gegenseitige 
Unterstützung mit echter Lebensweisheit statt, — es sind auf Grund 
des unzulänglichen Lohnens und Straf ens, das an Stelle des Denkers 
den Geldmacher adelte und zum gesellschaftlichen Beispiel, zum Führer 
der grossen Menge machte, falsche Wertanschauungen, Protzentum, 
Oberflächlichkeit, thörichter Götzendienst mannigfach zur Herrschaft 
gelangt, so dass die Gesellschaft bei ihrer Einwirkung auf die Lebens- 
weisheit des einzelnen hier nicht Nützlichkeit, sondern Schädlichkeit 


96 


offenbart. Auch die Eigenschaft der Ungerechtigkeit spielt beispiels- 
weise bei der Eigenart unserer heutigen Gesellschaft eine grosse Rolle. 

Schädliche Eigenschaften mannigfachster Art haben sich solcher- 
weise bei der geschilderten Erziehungsart dem Zusammenleben der 
Gesellschaftsteilhaber ein gefügt. Eine der Individualität, dem 
Wünschen und Geniessen des einzelnen zum Nachteil ge- 
reichende Schädlichkeit anderer tritt bei dem fraglichen 
Kulturzustande zu Tage. 

Dabei ist sowohl der Mangel an nützlichen Eigenschaften, als 
auch der Bestand an schädlichen Eigenschaften in unseren Tagen 
im Wachstum begriffen. Die Unzulänglichkeit des Erziehungs- 
standes unserer Gesellschaft, des Könnens und Wollens der Gesell- 
schaftsteilhaber bildet sich von Tag zu Tage mehr heraus. 

Die Wirkung dieses Kulturzustandes auf die einzelne 
Persönlichkeit tritt in unseren Tagen vielfältig hervor; die Folgen 
der unzulänglichen Gesellschaftserziehung können wir an den einzelnen 
von der Gesellschaft abhängigen Menschen täglich studieren. 

Die Gesellschaft bietet dem einzelnen heute mehr als je Reich- 
tum an Waren und ähnlichen Leistungen. In dieser Hinsicht ist 
eine weitgehende Befriedigungsmöglichkeit erschlossen. Aber mit 
dem Warenreichtum ist noch nicht ein Wertreichtum gewährleistet, 
sind noch nicht die Vorbedingungen der individuellen Zufriedenheit 
erfüllt. Wir sahen oben, wie es in Sachen der Zufriedenheit und 
der Unzufriedenheit bei den einzelnen auf den gesamten Stand der 
Bedürfnisse und Wünsche einerseits und der Befriedigung anderer- 
seits ankommt. 

Der Kulturstand unserer Gesellschaft nun bringt für den einzelnen 
keine Klärung seiner Bedürfnisse und Wünsche, die in der heutigen 
verkehrsreichen Zeit immer zahlreicher sich einstellen, mit sich. Im 
Gegenteil! Der sociale Einfluss innerhalb der nach heutigen Lohn- 
grundsätzen erzogenen Gesellschaft, die Einwirkung der Gesellschafts - 
genossen ruft bei den einzelnen — die etwa nach dem Beispiel der 
meistgelohnten Geldmacher sich richten — schädliche, befriedi- 
gungslose Bedürfnisse und Wünsche hervor. Bei dem Mangel 
an Mitmenschen, die der jeweiligen Glücksvoraussetzungen kundig 
sind, und bei dem schlechten Beispiel anderer verfallen die einzelnen 
auf ein Wünschen, das sich mit ihrer Individualität und den sonst 
in Rechnung kommenden Vorbedingungen der Zufriedenheit nicht 
verträgt. Man gerät mit seinem Begehren unter den Einfluss falscher, 
ohnmächtiger Ideale und Ziele. Ein verflachtes Werturteil über- 
kommt den einzelnen in solcher Gesellschaft und lässt ihn im 
Mammonismus und Materialismus Befriedigung suchen. Modethor- 
heiten und schlechter Geschmack behelligen hier seine Zufriedenheit. 
Das Fehlen glücksdienlicher und das Vorhandensein glücksschädlicher 


97 


Ideale, Lebensziele, Interessen und Wünsche tritt in der schlecht 
erzogenen Gesellschaft, wie ein fleissiger Beobachter unschwer wahr- 
nehmen kann, mehr und mehr zu Tage. 

Andererseits erweist sich die Befriedigung, welche die Gesell- 
schaft bei ihrem heutigen Erziehungsstande, welche das im jetzigen 
Lohnverfahren gezüchtete Können und Wollen der Mitmenschen all 
jenen Bedürfnissen und Wünschen gewährt, durchaus unzulänglich. 

Es mangelt da beispielsweise an derjenigen im menschlichen 
Leben schwer ins Gewicht fallenden Befriedigung, die Ruhe, Sicher- 
heit, Friede dem einzelnen gewähren. Die Abhängigkeit von der 
Wohlfeilheit, der Konkurrenzfähigkeit seiner Leistung lässt den 
Gesellschaftsteilhaber nicht zur Ruhe kommen. Die Rücksichts- 
losigkeit des Konkurrenzlebens, der Mangel an echter Nächstenliebe 
entzieht ihm die friedliche Grundlage seines Wohlbefindens. Der 
Kampf ums Dasein stellt in der unter den heutigen Lohnprinzipien 
erzogenen Gesellschaft keinen erziehungsdienlichen friedlichen Wett- 
streit, kein vernünftiges Hand in Hand arbeiten dar, sondern einen 
Vernichtungskampf, der seine Teilhaber nicht zu glücksdienlicher 
Befriedigung gelangen lässt. 

Der einzelne auch steht inmitten der solchergestalt kultivierten 
Gesellschaft wie in einer fremden Welt allein, es fehlt ihm hier das- 
jenige, was unter gesunden Verhältnissen uns das „Vaterland“ lieb 
und wert macht. Eine solche Gesellschaft, ein solcher Stand des 
Könnens und Wollens der Mitmenschen bietet nicht die Befriedigung, 
die ein echtes Vaterland dem einzelnen zum Wohlergehen beiträgt. 
Der isolierte, in höchstem Masse auf sich allein inmitten entfremdeter 
Mitmenschen angewiesene Gesellschaftsteilhaber verbraucht hier die 
Kraft seiner Nerven, opfert die gesundheitlichen Vorbedingungen 
seines Wohlbefindens. 

Auch das Familienleben gewährt bei den durch das heutige 
Lohnverfahren hervorgerufenen socialen Verhältnissen geringere Be- 
friedigung. Schon die rechte Gattenwahl ist unter dem Einfluss der 
kapitalistenzüchtenden Lohnmittelverwertung mannigfach auf falsche 
Bahnen gedrängt, so dass sich in der Ehe nicht mehr diejenigen 
zusammenfinden, die einander mit ihrer Eigenart glücksdienlich er- 
gänzen und deshalb zusammengehören; Kapitalrücksichten vergiften 
hier mehr als je das Ehe- und Familienleben. Auch die Unsicher- 
heit der Existenz und der Zukunft von Weib und Kind, die Not- 
wendigkeit der Mitarbeit der letzteren und ähnliches trägt in unserer 
Gesellschaft viel dazu bei, die dem Familienleben anhaftende Be- 
friedigung zu verringern. 

So stellt sich in mehrfacher Hinsicht infolge der heutigen 
Qualität des Zusammenlebens, des heutigen Erziehungsstandes der 
Mitmenschen für den einzelnen Mangel an Befriedigung heraus. 

Bischof f, Echte und falsche Gerechtigkeit. 7 


98 


Wo hier aber Befriedigung in Frage kommt, da ist sie vielfach 
nicht die rechte, der Zufriedenheit in Wirklichkeit dienliche. Es 
mangelt an Individualisierung der Befriedigung, an Anpassung 
derselben an die persönlichen und sonstigen jeweiligen Glücksvoraus- 
setzungen. Die Differenzierung dieser Voraussetzungen aber, die 
Sonderart, die Verschiedenheit der Menschen hat sich gerade in 
unserer Zeit in mannigfacher Hinsicht schärfer herausgebildet. Dieser 
Mannigfaltigkeit entspricht nicht die Behandlung, die dem einzelnen 
zu teil wird und ihm Befriedigung gewähren soll. 

Es herrscht vielfältig eine nur schablonenhafte Befriedigung, 
wie sie von Fremden gegen Geldlohn zu erzielen ist, es mangelt 
dabei an einer Verständnis- und liebevollen Berücksichtigung der 
Individualität. Der Genuss der Befriedigungsmittel ist hier dann 
um so weniger wirkungsvoll. 

Auch die Verteilung der Arbeit, die das Einzeldasein erfüllt, 
ist in unserer Gesellschaft vielfältig unter dem Einfluss der fraglichen 
Lohngrundsätze falsch geraten, so dass sie sich den jeweiligen Vor- 
bedingungen der Zufriedenheit wenig anpasst. Das werkthätige 
Schaffen wird dabei dem einzelnen vielfach, statt ihn zu befriedigen, 
zu einer freudeleeren Danaidenarbeit, zur Strafe. 

In dieser und anderer Hinsicht tritt die Wahrheit zu Tage, 
dass die Menschen in unserer Gesellschaft bei dem ge- 
gebenen Erziehungsstande vielfältig nicht dasjenige finden, 
was sie unter jetzigen Lebensbedingungen zum Dasein und 
zum Glücklichsein gebrauchen. Wir brauchen die in dieser 
Beziehung in Betracht kommenden Einzelheiten nicht näher aus- 
zuführen; wer ernstlich beobachtet, der kann die angedeuteten Mängel 
unserer socialen Verhältnisse täglich wahrnehmen. Die Glücksdien- 
lichkeit des Zusammenlebens ist bei dem vorhandenen Kulturstande 
offensichtlich unzulänglich; dieser Kulturstand bringt eine wachsende 
„ Verelendung“ der Menschen in dem Sinne mit sich, dass er letztere 
einer befriedigungslosen Bedürftigkeit preisgiebt. 

Die weitere Folge dieser auf die Einrichtung unserers täglichen 
Lohnens und Strafens zurückzuführenden Entwickelung ist die Ent- 
stehung von Unzufriedenheit in der Gesellschaft. 

Bei dem Kulturstande, bei dem Stande des Könnens und Wollens 
und der gegenseitigen Beziehungen der Gesellschaftsteilhaber, wie wir 
ihn schilderten und wie er sich bei der Unzulänglichkeit der Gunst- 
verteilung, der Lohnmittel Verwertung immer schärfer herausbildet, 
können die Individuen in der Gesellschaft ihres Lebens nicht wahr- 
haft froh werden. Ein derartiges Zusammenleben ist nicht geeignet, 
das Wort, dass Friede herrschen und es den Menschen Wohlgefallen 
soll auf Erden, zur Wahrheit werden zu lassen. Da stellt vielmehr 
in steigendem Masse Mangel an Lebensfreude sich ein; der einzelne 


99 


kann unter solchen Umständen nicht zufrieden sein mit dem Er- 
gebnis seiner Lebensarbeit. Der Wert, die Schätzung des Lebens 
schwindet dahin. 

Thatsächlich können wir diese Erscheinung in unserer Gesell- 
schaft beobachten. Wer sich einmal umsieht im täglichen Leben 
und ein offenes Auge, unbefangenen Blick besitzt für die „Zeichen 
der Zeit,“ der gewahrt, wie Unzufriedenheit in hohem Masse unter 
den Gesellschaftsteilhabern zu Hause ist und offenbar seit geraumer 
Zeit ein stetiges Wachstum erkennen lässt. Seit der „guten alten 
Zeit“ ist in dieser Hinsicht eine erhebliche Veränderung vor sich 
gegangen. Trotz des grösseren Reichtums an gewissen Gütern — 
die etwa als die „materiellen“ bezeichnet werden — hat sich das 
Glücksgefühl der Gesellschaftsteilhaber, die Behaglichkeit in der 
Gesellschaft, der Lebenswert nicht gemehrt, sondern wesentlich ge- 
mindert. 

Man verfügt im Rahmen der Kultur der fin de siede über 
zahlreiche „Genüsse“, aber das betreffende Geniessen bewährt sich 
vielfach als keine echte, unenttäuschbare Freude, erweist sich als ein 
Talmiglück. Dem beglückenden Rausch, der zeitweise über die 
Unruhe und das wenig anheimelnde Wesen des heutigen socialen 
Lebens hinwegtäuscht, folgt hier eine ungemütliche Ernüchterung, 
eine befriedigungslose Bedürftigkeit, das Gefühl der Leere, so dass 
am Ende dem einzelnen mit jenen glänzenden Kulturspenden that- 
sächlich viel weniger gedient ist, als es auf den ersten Blick den 
Anschein haben könnte. 

Nicht Optimismus, nicht Lebensfreudigkeit hat sich mit jener 
güterreichen Kultur bei uns eingestellt, sondern das Gegenteil. Der 
zunehmende Pessimismus, der sich nicht selten — nicht nur 
bei den Hungrigen, sondern auch bei den Übersättigten — zur 
Selbstmordstimmung zuspitzt, ist eines jener „Zeichen der Zeit,“ das 
bei der Würdigung der heutigen Gesellschaftsqualität beachtet sein 
will. Die Gesellschaftsteilhaber verzweifeln inmitten des geschilderten 
Zusammenlebens vielfach an ihrem Beruf, glücklich zu werden. Es 
stellt sich bei ihnen Hoffnungslosigkeit ein. 

Mit der Verschlechterung der socialen Kultur geht, wie schon 
bemerkt, eine Entwertung des Lebens vor sich. Dem einzelnen ist 
sein Dasein weniger wertvoll, weil er sich dessen weniger in Ruhe und 
Frieden freuen kann. Der Optimismus, der aus der „guten alten Zeit“ 
sich vererbt hat und zu einer höheren Bewertung des Lebens Anlass giebt, 
weicht unter dem Einfluss des Wachstums der erwähnten Kultur- 
mängel immer mehr zurück; einer nach dem anderen — mag er 
auch noch so sehr nach Straussenart vor den Eindrücken der Alltags- 
wirklichkeit flüchten — wird durch die socialen Verhältnisse er- 
nüchtert, zumal wenn ihm einmal die Stunde kommt, in der er 

7 * 


100 


ernst und unbefangen das künftige Schicksal seiner Kinder sich 
klar macht. 

Auch die Günstlinge des jetzigen Lohn Verfahrens, die bei der 
herrschenden Gunstverwertung Bevorzugten, die Besitzenden, die 
an den fraglichen Kulturspenden Überreichen werden in unserer 
Gesellschaft von der Unzufriedenheitsentwickelung keineswegs ver- 
schont.*) Der heutige Mangel an Gemeinwohl, an Zufriedenheit in 
der Gesellschaft tritt auch bei ihnen zu Tage. 

Wo der geschilderte Mangel an echter Nützlichkeit der Gesell- 
schaftsteilhaber für einander herrscht und statt dieser Nützlichkeit 
mehr und mehr Schädlichkeit sich herausbildet, da ist auch der 
Geldbesitz und ähnliches entwertet, in seiner Beglückungsfähigkeit 
wesentlich vermindert. Die Ideale, denen man mit seiner Lebens- 
arbeit diente und die sich in Gestalt eines solchen Reichtums ver- 
wirklichten, erweisen sich als falsche, ohnmächtige, beglückungs- 
unfähige; der Erfolg lehrt am Ende, dass die betreffenden Gesell- 
schaftsteilhaber mit ihrem Glück Götzen zum Opfer gefallen sind. 
Auch diese Günstlinge haben somit kein vernünftiges Interesse an 
der Aufrechterhaltung der jetzigen Gunstverwertungsordnung, die 
für sie so wenig echte Lebensfreude im Gefolge hat. 

Mehr noch aber als bei den Besitzenden tritt die unzufrieden 
machende Wirkung der unzulänglichen Gesellschaftserziehung bei 
denen hervor, die als die im heutigen Lohnverfahren Zurückgesetzten 
erscheinen, bei den vom Preisrichter übergangenen Kon- 
kurrenten. 

Auch bei diesen zum grossen Teil ungerecht, irrationell Be- 
nachteiligten entwickelt sich unter dem Einfluss der schlecht kultivierten 
Gesellschaft Begehrlichkeit und Befriedigungslosigkeit. Sie verfügen 
grossenteils über viel mehr Genussmittel als die Weniger- und 
Wenigstbesitzenden früherer Zeiten; insofern kann bei ihnen von 
einer steigenden „Verelendung“ gar keine Rede sein. Aber trotz 
der Befriedigung mannigfaltiger Bedürfnisse und Wünsche entwickelt 
sich bei ihnen in der jetzigen Gesellschaft eine hochgradige Un- 
zufriedenheit. Der höhere Lohn, den sie im Verhältnis zu jenen 
Wenigerbesitzenden früherer Zeiten anscheinend erhalten, beglückt 
nicht in entsprechendem Masse, zumal in einer an echter Nützlichkeit 
armen Gesellschaft, wie schon bemerkt, die Lohngüter, die Anwart- 
schaften auf den Nutzen anderer entwertet erscheinen. 

In den Kreisen dieser bei unserem Lohnen mit Unrecht oder 


*) „Ein Gefühl der Unbehaglichkeit, der Unsicherheit und der 
Unzufriedenheit hat sich aller Kreise bemächtigt, der höchsten wie der 
niedersten,“ bemerkt Bebel (a. a. O. S. 287) treffend. Dieser leben- 
entwertende Zustand, diese Verelendung reicht hinauf bis zu den amerika- 
nischen Geldfürsten. 


101 


mit Recht Minderbedachten kommen manche Wirkungen der un- 
zulänglichen socialen Verhältnisse in erhöhtem Masse zur Geltung. 
Hier tritt beispielsweise vielfach in verschärftem Grade jene Un- 
sicherheit der Existenz und jene Hoffnungslosigkeit zu Tage, deren 
wir Erwähnung thaten. Den Nichtkapitalisten bezw. Nichtgross- 
kapitalisten z. B. ist mehr und mehr die Möglichkeit abgeschnitten, 
an dem Wettbewerb um unsere nach Massgabe der Wohlfeilheit der 
Leistung verteilten Gunst siegreich teilzunehmen; das Gebiet ihrer 
Wettbewerbsaussichten engt sich mehr und mehr ein. 

Gegenüber den vermehrten Existenzmängeln reicht dann das 
den in der Konkurrenz Unterliegenden gewährte Mass von Rausch - 
mittein, von materiellen Genüssen nicht aus, um jenes „Sinnenglück“ 
zu ermöglichen, das in gewissem Grade über den Mangel an echter 
Lebensfreude hinweghilft; es bleibt hier trotz der gemehrten Genüsse 
eine immer grössere Leere bestehen. 

Ausserdem kommt in diesen Kreisen die Nichtbefriedigung des 
Wunsches, der irrationellen, grundlosen Zurücksetzung ledig zu werden, 
vielfach als Unzufriedenheitsmoment in Betracht. Häufig wird sogar 
— von den Benachteiligten selbst und von anderen — jene Zurück- 
setzung als die einzige oder doch als die wesentliche Ursache der 
Unzufriedenheitsentwickelung betrachtet. Nicht die Gesellschafts - 
qualität, nicht der Mangel an wirklicher Nützlichkeit der Gesellschafts - 
teilhaber für einander, der schädliche Bedürfnisse und Wünsche und 
ein Fehlen echter Befriedigung zur Folge hat, erscheint den Be- 
treffenden als die Grundlage des Unzufriedenseins. Der einzelne 
wähnt hier, dass seiner Unzufriedenheit abgeholfen sei, wenn er nur 
einen grösseren Lohnanteil, mehr Geld zugewendet erhielte. Es 
mangelt dabei an klarer Erkenntnis der socialen Vorbedingungen der 
Zufriedenheit, sowie der Vorgänge, durch die, auch wenn der Be- 
nachteiligte mehr Geld in die Hände bekommt, in unserer Zeit eine 
wachsende Unzufriedenheit heraufbeschworen wird. Der Nichtbesitzende 
würde des durch seine Individualität und jeweilige Lage bedingten 
glücksdienlichen Wünschens und Geniessens in hohem Masse auch 
dann ermangeln, wenn er einen grösseren Teil der in der Gesellschaft 
vorhandenen Güter besässe; ihn träfe auch in diesem Falle, wie alle 
Beteiligten, der Mangel an Wert der Individuen für einander, der 
in dieser Gesellschaft herrscht. 

Die geschilderten Lohnvorgänge und ihre erzieherischen 
Wirkungen kommen als die wesentlichen Ursachen auch der in den 
Kreisen jener Benachteiligten grassierenden Unzufriedenheit in Be- 
tracht; nur wirkt die unzulängliche Lohnordnung hier nicht lediglich 
mittelbar, sondern auch unmittelbar auf den Zufriedenheitsstand der 
betreffenden Gesellschaftsteilhaber ein. 

Die Zahl dieser benachteiligten Gesellschaftsteilhaber, bei denen 


102 


die Unzufriedenheit am raschesten sich entwickelt, nimmt unter der 
Herrschaft der erwähnten Lohngrundsätze täglich zu. Mehr und 
mehr haben wir es mit einem grossen Heer dieser Unzufriedensten 
zu thun. 

Die vorhandene Unzufriedenheit nun zeitigt mannigfache Folgen. 
Verschiedenartige Eruptionen derselben können wir in unseren Tagen 
beobachten. Die Ziele dieser Unzufriedenheitsausbrüche und 
-bewegungen sind verschiedene; in dem einen Falle richtet sich die 
Bewegung gegen diese, in dem anderen gegen jene Personen und 
Zustände je nach der Vorstellung, die man sich von der Ursache 
dessen macht, mit dem man unzufrieden ist. 

Als eine solche Unzufriedenheitseruption kommt vor allem die 
sogenannte Arbeiterbewegung in Betracht, bei der zahlreiche un- 
zufriedene Individuen, die man unter der Bezeichnung „Arbeiter“ 
zusammenfasst, organisiert werden zum Kampfe gegen bestimmte Zu- 
stände und Einrichtungen, mit deren Beseitigung man die Grundlage 
grösserer Zufriedenheit zu erobern meint. 

Als Wirkungen des erwähnten Pessimismus erklären sich ferner 
auch die Bestrebungen jener Desperados, die sich zerstörungswütig 
an der menschlichen Gesellschaft für die ihnen zu teil werdende 
Misshandlung rächen möchten. 

Auch wo sich heutzutage die Wut gegen die Juden richtet, 
haben wir es mit Äusserungen jener Unzufriedenheit zu thun; die 
antisemitische Armee rekrutiert sich aus den Unzufriedenen, die in 
unserer Gesellschaft unter dem Einfluss unzulänglicher Kultur ent- 
stehen. Nicht minder kennzeichnet sich der sonstige Nationalitäten- 
hader, der als Zeichen der Zeit Beachtung erheischt, vielfach als 
eine Folge jener Unzufriedenheit. Man wendet sich gegen die einer 
anderen Nation angehörenden Gesellschaftsteilhaber in dem Wahn, 
dass das Zusammenleben mit ihnen, wie es bislang war, die Ursache 
abgiebt für den Mangel an Lebensfreude, dem man sich gegenübersieht. 

So entwickelt sich auf der Grundlage der unzulänglichen Kultur 
Klassenhass und Rassenhass in der Gesellschaft und macht das 
Dasein des einzelnen noch unerquicklicher. Wäre keine Unzufrieden- 
heit vorhanden, wäre der rechte Erziehungsstand der Gesellschaft 
gepflegt, dann kämen jene hasserfüllten Bestrebungen nicht in Frage. 
So aber wachsen dieselben mit der Unzulänglichkeit der Gesellschafts- 
erziehung alle Tage. Sie werden zu einer furchtbaren Gefahr, die 
auf dem einzelnen, zumal wenn er die Zukunft seiner Kinder über- 
denkt, wie ein Alpdruck lastet. 

Mit den Erziehungssünden und der Kulturverschlechte- 
rung wächst die Unzufriedenheit und die Gefahr der Ge- 
sellschaftsexplosion, des grossen „Kladderadatsches“, von 
dem keiner etwas Gutes sic-h versprechen darf. Die Vor- 


103 


bedingungen individuellen Daseins und Glücklichseins geraten auf 
diesem Wege täglich mehr in Gefahr. Nur leichtherzige, kurzsichtige 
Optimisten können das in Abrede stellen; bei ruhiger, nüchterner, 
gründlicher Beobachtung muss einem jeden das Wachstum der Un- 
zufriedenheit und der socialen Gefahr klar werden. 

Uber die Ursachen dieser heutigen Entwickelung, dieses 
zunehmenden Mangels an Gemeinwohl aber darf man sich nicht 
täuschen. Nicht zu geringe Produktivität der Arbeit und ähnliches 
vermag als Erklärung für jene erschreckliche Thatsache zu dienen. 
Nicht der privatkapitalistische Charakter der Produktionsordnung 
giebt als solcher die entscheidende Ursache ab für die Entstehung 
des Zufriedenheitsmangels und seiner Folgen. Der Privatkapitalismus 
an sich erweist sich keineswegs in solcher Weise als mit dem Gemein- 
wohl, mit der Entwickelung möglichst grosser Zufriedenheit der 
Gesellschaftsteilhaber unverträglich. 

Jene Unzufriedenheitsentwickelung und jene sociale Gefahr ist 
vielmehr als eine Folge der Nichterfüllung der socialen Vorbedingungen 
des rechten Wünschens und Geniessens zu betrachten. Jene Er- 
scheinungen wären nicht vorhanden, wenn nicht dem einzelnen die 
geschilderte mangelhafte Gesellschaftsqualität das Glücklichwerden 
verwehrte. Als Ursache dieser Gesellschaftsqualität und damit auch 
als Quelle jener Folgen derselben ist die schlechte Gesellschafts- 
erziehung, die unzweckmässige Lohnordnung, die Unrechte Güter- 
verteilung anzusehen. Nicht die privatkapitalistische Produktions - 
Ordnung, sondern die mammonistische, der rechten Gesellschafts- 
erziehung nicht achtende Verteilungsordnung kommt hier als das 
Entscheidende in Betracht. 

Wo die Unzufriedenheit und deren Folgen sich in steigendem 
Masse geltend machen, da bewahrheitet sich das Wort: Unrecht schlägt 
seinen eigenen Herrn. Wenn die Güterverteilung gerecht, kultur- 
dienlich wäre und die Eigenart der Individuen und des Zusammen- 
lebens infolgedessen eine solche, dass der einzelne seine Wünsche und 
seine Befriedigung glücksdienlich, den individuellen Vorbedingungen 
entsprechend gestaltet erhielte, dann gäbe es nicht die jetzige Un- 
zufriedenheitsentwickelung und nicht die sociale Gefahr, ohne dass 
es einer Steigerung der Warenproduktion bedürfte. Es handelt sich 
da nicht um das Quantum des Warenvorrates, sondern um das 
Quantum des Wertes, den die Menschen für einander besitzen. 

Die unzweckmässige Gesellschaftsqualität aber, die der individuellen 
Zufriedenheit unter den heutigen Lebensbedingungen nachteilige Eigen- 
art der Menschen und ihres Zusammenlebens entwickelt sich, wie schon 
bemerkt wurde, in immer höherem Masse, solange das jetzige Lohn- 
verfahren geübt wird; bei der Fortdauer dieses Verfahrens der Güter- 
verteilung und der in derselben gelegenen Persönlichkeitsbehandlung 


104 


muss für die Zukunft immer mehr mit einer Gesellschaft gerechnet 
werden, in welcher der einzelne der seinen individuellen Glücksvoraus- 
setzungen angemessenen Mitmenschennützlichkeit entbehrt. Ohne 
Änderung im Gerechtigkeitsstande nimmt die Kulturunzulänglichkeit, 
die Unzulänglichkeit des Wertes der Persönlichkeiten für einander 
immer mehr zu, mag Kapitalkonzentration oder Güterarmut dabei 
zunehmen oder nicht. Als eine Folge dieser andauernden Ungerechtig- 
keit müssen wir dann die zu Tage tretende stetige Steigerung 
der Unzufriedenheit und der socialen Gefahr betrachten. 

Soviel über die Folgen der Unzulänglichkeit der heutigen 
Lohnmittelverwertung und der aus dieser sich ergebenden Besitzordnung, 
soviel über die Wirkung des wachsenden Unrechts. 

Hier sind wir nun mit unseren Erörterungen an der Schwelle der 
sogenannten socialen Frage angelangt. 

Die Beseitigung der eben erwähnten Folgezustände, die Beseitigung 
der wachsenden Unzufriedenheit und der aus dieser sich ergebenden 
socialen Gefahr bildet den Gegenstand unserer wichtigsten allgemeinen 
Zeitfrage. Um diese Aufgabe, um dieses Zufriedenheitsproblem dreht 
sich im Grunde jene sociale Frage, die in unseren Tagen eine so 
grosse Bolle spielt. Es handelt sich um die Kettung der 
Individuen vor der in der Entwickelung begriffenen Un- 
zufriedenheit und um die Bettung der um der individuellen 
Lebenszwecke willen erforderlichen Gesellschaft vor der 
Gefahr, durch die Unzufriedenheitseruptionen zertrümmert 
zu werden. 

Es kommt hier eine „sociale“ Frage in Betracht, es steht bei 
der betreffenden Aufgabe die Beseitigung socialer Ursachen der 
schädlichen Zustände, die Beseitigung von Ursachen in Frage, die 
in der Qualität der Gesellschaft und in der Art der Beteiligung des 
einzelnen am Zusammenleben gegeben sind. Insofern ist es berechtigt, 
unsere wichtigste Zeitfrage als eine sociale, als eine mit der Gesell- 
schaft, mit dem Zusammenleben der Individuen sich beschäftigende 
zu bezeichnen. 

Unrichtig ist es, diese Zeitfrage — wie es nicht selten geschehen 
ist — als eine „Magenfrage“ zu behandeln. Nach dem, was wir 
im Vorhergehenden klargelegt haben, kann es nicht zweifelhaft sein, 
dass durch weitere Magenfüllung die Unzufriedenheit und die sociale 
Gefahr sich nicht beschwören lässt. Mit dem Magen haben das 
Unzufriedensein und seine Folgen wenig oder gar nichts zu thun; 
eine Verelendung im Sinne des Hungerleidens kommt dabei, wie wir 
bemerkten, keineswegs ausschlaggebend in Betracht. Wer der An- 
sicht ist, es handele sich hier im wesentlichen um den Kampf um 


105 


Futterplätze und Futteranteile, der hat das Unzufriedenheitsphänomen 
nicht gründlich erfasst, der denkt zu klein von seinen unzufriedenen 
Zeitgenossen und von der socialen Frage. 

Auch die häufig vertretene Ansicht, der Eduard von Hart- 
mann*) in seiner Definition „Die sociale Frage besteht in dem An- 
spruch der niederen Klassen auf eine bessere wirtschaftliche Stellung, 
auf einen grösseren Besitz von Genussmitteln und grössere Bequem- 
lichkeit des Lebens“ Ausdruck giebt, kann nach unseren bisherigen 
Ausführungen nicht zutreffend erscheinen. Es kommt bei der socialen 
Frage nicht eine „Klasse“, sondern die Gesellschaft als solche in 
Kechnung. Die Lösung jener Frage ist kein „Geschäft“ für die 
eine oder die andere Klasse; damit, dass eine solche Klasse finanzielle 
Vorteile erkämpft, erkämpft sie noch keine Zufriedenheit, noch keinen 
Lebenswert. Durch die blosse unterschiedslose Begünstigung der als 
„Arbeiter“ zusammengefassten verschiedenartigen Individuen, durch 
die Mehrung ihres Lohnanteils u. s. w. können keineswegs die socialen 
Ursachen der Missstände beseitigt, kann die wachsende Unzufrieden- 
heit und die sociale Gefahr nicht beschwichtigt werden. 

Bei letzterer Aufgabe muss, wie bereits angedeutet, die Un- 
zufriedenheit und die Gefahr als Folge der von uns erörterten 
socialen Vorgänge und Zustände ins Auge gefasst werden. Um 
die Beseitigung dieser socialen Ursachen handelt es sich hier, ohne 
ihre Berücksichtigung kann die sociale Frage nicht richtig gedeutet 
werden. 

Da kommt die Beseitigung der Unzulänglichkeit der 
Gesellschaftsqualität als Aufgabe in Betracht. Der Mangel an 
wirklicher Nützlichkeit der Individuen für einander spielt in Sachen 
der socialen Frage eine entscheidende Rolle. Das von uns gekenn- 
zeichnete wahrhaft nützliche Können und Wollen der Persönlichkeiten, 
aus denen sich die Gesellschaft zusammensetzt, steht hier als Gegen- 
stand des Nachdenkens in Frage, ebenso wie die Schädlichkeit, die 
in unserer Gesellschaft die Individuen mehr und mehr gegeneinander 
bewähren. Die sociale Frage dreht sich hier um jenen — nütz- 
lichen oder schädlichen — Einfluss, den die Gesellschaft auf die 
Gestaltung des individuellen Bedürfens und Wünschens einerseits und 
auf diejenige der individuellen Befriedigung andererseits ausübt. 

Es steht demgemäss bei unserem wichtigsten Zeitproblem weiter 
der Mangel an Gesellschaftserziehung und die Beseitigung 
dieses Mangels in Frage. Ohne Beseitigung der Unzulänglichkeit 
der Gesellschaftserziehung ist die Abwehr der Unzufriedenheit, der 
Lebensentwertung und der socialen Gefahr nicht möglich. 

Da handelt es sich um eine Berichtigung der güterverteilenden 


; ) Eduard v. Hart mann, Die socialen Kernfragen (Leipzig, 1894), S. 1. 


106 


Persönlichkeitsbehandlung in der Gesellschaft, um eine entsprechende 
Besserung der Gunstverwertungs- und Lohnordnung. Aber 
mit einer blossen Änderung der Ordnung, mit einer blossen Mehrung 
des Anteils gewisser Menschengruppen — z. B. der als „Arbeiter“ 
zusammengefassten verschiedenartigen Persönlichkeiten — ist es nicht 
gethan; es muss eine Besserung sein. 

Wird nicht die Zweckmässigkeit, die Gerechtigkeit der Lohn- 
ordnung in der Gesellschaft bei der Änderung gemehrt, dann ist 
auch dem einzelnen, dessen Anteil dabei gewachsen ist, nicht geholfen, 
denn mit der Ungerechtigkeit wächst, wie wir gesehen haben, die 
Wertarmut in der Gesellschaft und dementsprechend auch die Wert- 
losigkeit des Lohnanteils. Es genügt hier nicht, dass eine „Klasse“ 
mehr erhält, es kommt darauf an, dass die Frage, wieviel die 
verschiedenen einzelnen Gesellschaftsteilhaber jeweils an Lohn und 
Strafe besitzen müssen, besser gelöst wird. Es kann beispielsweise 
aucht nicht nützen, dass dieser oder jener Millionär — freiwillig 
oder unfreiwillig — seines Güterbesitzes sich entäussert und letzterer 
dann ohne Rücksicht auf den Zweck rechter Gesellschaftserziehung 
anderweitig zur Verwertung gelangt. Mit der blossen Beseitigung 
von Ungleichmässigkeiten und Kontrasten ist nicht für bessere 
Gesellschaftserziehung gesorgt, ist nicht die Entwickelung der Ge- 
sellschaft zu einer Heimstätte der Zufriedenheit gefördert. Es kann 
die Güterverteilung gleichmässiger und trotzdem ebenso oder noch 
mehr ungerecht, kulturschädlich sein. Als massgebliches Ziel kommt 
bei der socialen Frage immer wieder die Züchtung einer Gesellschaft 
in Betracht, die den einzelnen zu einem den jeweiligen — durch die 
Eigenart der Persönlichkeiten und der sonstigen Verhältnisse be- 
stimmten — Zufriedenheits Vorbedingungen angemessenen Wünschen 
und Gemessen gelangen lässt. 

Die Erziehungsdienlichkeit der Lohnordnung will gemehrt 
sein; mehr als bisher muss einem jeden das Seine entsprechend den 
erziehungswesentlichen Voraussetzungen der Einzelfälle zu teil werden. 
Mit schablonenhafter klassenmässiger Abgrenzung grösserer Lohn- 
quoten ist in Sachen der socialen Frage nicht voran zu kommen; 
hier handelt es sich um das Wachstum wirklicher Rechtsordnung, 
um die Annäherung der Lohnordnung an das von uns gekennzeichnete 
Ideal. Nur unter diesem Gesichtswinkel ist die sociale Frage richtig 
zu erfassen. 

Und wie hier die erziehungsdienliche, echte Nützlichkeit stiftende 
Lohnordnung und ihre Herstellung in Frage steht, so bildet weiter 
auch die rat ioneile Lohnmittelverwertung durch die einzelnen 
Gesellschaftsteilhaber den Gegenstand des in Rede stehenden 
Zeitproblems. Das Gerechte, das der wirklichen Nützlichkeitserziehung 
förderliche Lohnen und Strafen ist hier in Rücksicht zu ziehen; die 


107 


Annäherung dieses täglichen erzieherischen Einflusses, den ein jeder 
im socialen Leben ausübt, an das oben von uns skizzierte Ideal 
kommt bei jenem Kettungsproblem wesentlich in Rechnung. 

Wo es die Rettung vor der wachsenden Unzufriedenheit und 
vor der socialen Gefahr gilt, da haben wir es nicht etwa mit einer 
Mildthätigkeits- , sondern mit einer Erziehungsfrage zu thun, da 
kommt es nicht auf das Schenken, sondern auf das Gerechtsein 
an, das hier durch nichts ersetzt werden kann. Durch die unent- 
geltliche Hingabe von Gütern — etwa von Nahrungs-, Kleidungs-, 
Feuerungsmitteln, von persönlichen Dienstleistungen und ähnlichem, — 
durch die Errichtung von Volksküchen, Wärmestuben, Spitälern und 
dergleichen mehr, verhelfen wir den Unzufriedenen noch nicht zu 
einer wahrhaft nützlichen Gesellschaft, zu einer Heimstätte des Friedens 
und des Wohlgefallens, entschädigen wir sie noch nicht dafür, dass 
sie in der Gesellschaft den rechten Familiencharakter, das echte 
Vaterland und die sonstige wahre Nützlichkeit entbehren müssen. 
Die sociale Frage ist demnach keine Frage der Barmherzigkeit, 
sondern eine nüchterne Rechtsfrage. Bei ihr heisst es: Einem 
jeden das Seine, nicht mehr, und nicht weniger! Ohne Gerechtigkeit 
keine zweckmässige Gesellschaftserziehung, keine Zufriedenheit, keine 
Lösung der socialen Frage! 

Wo infolge des herrschenden Unrechts das Hungerleiden und 
ähnliches Bedürfen jetzt als Unzufriedenheitsursache in Frage steht, 
da schwindet auch dieses bei der auf vollkommenere Gerechtigkeit, 
auf bessere Gesellschaftserziehung gerichteten Änderung der Güter- 
verteilung und der in ihr gelegenen Persönlichkeitsbehandlung. 
Richtet sich aber diese neue Regelung der Lohn- und Besitzordnung 
lediglich auf die Beseitigung jener specifischen Bedürftigkeit, sucht 
man bei dem Versuch der Lösung der socialen Frage nur oder doch 
hauptsächlich die infolge der jetzigen Ungerechtigkeit mangelnde 
Befriedigung der betreffenden materiellen Bedürfnisse herbeizuführen, 
so bleibt der Kern der socialen Frage unberührt, bleibt die wirk- 
liche Ursache der Unzufriedenheit, die mangelhafte, dem 
einzelnen nicht förderliche Gesellschaftsqualität, der unzulängliche 
Erziehungsstand, das Fehlen der erforderlichen die gegen- 
seitige Nützlichkeit begründenden Eigenart der Menschen 
und ihrer socialen Beziehungen unbeseitigt, wird dem wachsenden 
Zufriedenheitsmangel und der Lebensentwertung kein Einhalt gethan. 
Auf solchem Wege, auf dem Wege der Versorgung der Unzufriedenen 
mit den betreffenden materiellen Gütern gelangt man gegenüber der 
socialen Frage niemals zum Ziel; da leitet ein falsches Zielbewusstsein 
vom rechten Rettungswege ab. Die in dieser Richtung zur Beseitigung 
der Unzufriedenheit und ihrer Ursachen unternommenen vielfältigen 
Versuche haben denn auch thatsächlich keineswegs den erhofften Er- 


108 


folg gehabt, haben es noch keineswegs bewirkt, dass Friede und 
Wohlgefallen sich in unserer Gesellschaft wieder mehrten. 

So wenig wie als Wohlthätigkeitsfrage darf die sociale Frage 
als Produktionsfrage aufgefasst werden. Die „Organisation der 
Arbeit“ und ähnliches ist hier keineswegs das Entscheidende. Wo es 
heute anWert der Individuen für einander mangelt, da lässt sich durch 
eine Vervollkommnung des Arbeitsmechanismus nicht Rat schaffen. 

Wo Gerechtigkeit, gute Gesellschaftserziehung waltet, wird auch 
die Produktivnützlichkeit der einzelnen kultiviert, z. B. auch durch 
Fürsorge für ein leistungsfähiger machendes Hand in Hand arbeiten 
gefördert, aber man lässt sich dort nicht diese Art der Kulturpflege 
genügen, sondern nimmt auf die Pflege der gesamten Nützlichkeit 
der Persönlichkeiten für einander Bedacht. Mit einer auf blosse 
Produktionssteigerung abzielenden Änderung der Behandlungsordnung 
ist es bei der socialen Frage nicht gethan; durch eine ergiebigere 
und bequemere Produktion kann hier nicht der Nutzen zweckmässiger 
Gesellschaftserziehung ersetzt werden. Wo im übrigen eine schlechte 
Gesellschaftsqualität, Mangel an Menschen wert , an Nützlichkeit der 
Persönlichkeiten für einander herrscht, da wird durch die ertrags- 
reichste Arbeit die Lebensentwertung nicht verhindert; mit der 
Produktivität der Individuen ist noch keineswegs jene Nützlichkeit 
derselben gegeben, die anderen zum rechten, der Natur des Einzel- 
falls angemessenen Wünschen und Geniessen verhilft. 

In solcher Weise zeigt es sich, dass wir es bei der in Rede 
stehenden wichtigsten Zeitaufgabe durchaus nicht mit einer blossen 
Produktions-, einer blossen Wirtschaftsfrage zu thun haben. 

Auch nicht als Schutzfrage lässt sich unser Rettungsproblem 
verstehen; mit irgend welchen Massregeln zum Schutz der in der 
Konkurrenz Unterliegenden, der von dem Preisrichter, dem schlechten 
Gesellschaftserzieher Misshandelten lässt sich die Unzufriedenheits- 
entwickelung und die sociale Gefahr nicht aufhalten. — Jedenfalls 
käme nicht ein Schutz gegen die Kapitalisten, sondern nur ein Schutz 
gegen die Mammonisten in Frage. Als „Grundursache“ des Unheils 
spielt hier nicht, wie Bellamy*) vermeint, der „Zwang, den die 
Kapitalisten auf das Volk ausüben“, die entscheidende Rolle. Der 
des Social- und Kulturverständnisses ermangelnde Preisrichter ist es, 
der der Konkurrenz ihre Nützlichkeit nimmt und dieselbe als Quelle 
des Ungemachs erscheinen lässt; Schutz gegen seinen Rechtsunverstand 
käme als Inhalt der socialen Frage in Betracht, wenn man diese 
als Schutzfzage auffassen will. — Ebensowenig wie ein Schutz gegen 
die Kapitalisten vermag gegen die Entwickelung der Unzufriedenheit 
und gegen die sociale Gefahr das Dreinschlagen auf die Unzufriedenen, 


*) A. a. O. S. 898. 


109 


die totschlagsfreudige Verteidigung dessen, was einer für seine heiligsten 
Güter hält, etwas auszurichten. Solange die socialen Ursachen fort- 
dauern, erweist sich alles Schützen und Verteidigen als ein ohn- 
mächtiges Beginnen. Bei der socialen Frage handelt es sich immer 
und immer wieder um gerechteres Lohnen und Strafen, um rationellere 
Persönlichkeitsbehandlung, um bessere Gesellschaftserziehung. 

Wo es um die sociale Frage in dieser Weise bestellt ist, dreht 
sich dieselbe also weiter um eine Besserung des Individual- 
willens, welcher der Lohnmittel Verwertung und damit der Gesell- 
schaftserziehung als Grundlage dient. Der Mangel an dem rechten 
Individualwillen kommt,- wie aus dem früher Gesagten hervorgeht, 
bei der socialen Frage als Quelle der Unzufriedenheitsentwickelung in 
Betracht; um die Beseitigung dieses Mangels lässt sich hier nicht 
hinwegkommen. 

Das grosse Zeitproblem ist insofern auf Eigenschaften, auf 
Willensthatsachen der einzelnen Individuen zurückzuführen. Nicht 
aus komplizierten, der wirklich klaren Vorstellung mehr oder minder 
unzugänglichen Erscheinungen — die vielleicht mit ihrer vieldeutigen 
Bezeichnung Eindruck machen, aber keine Aufklärung bieten — ist 
die sociale Frage zu erklären, es tritt vielmehr als der greifbare 
Urheber der dabei zu würdigenden Vorgänge und Zustände der 
einzelne Zeitgenosse, auch unser eigenes Ich zu Tage. 

Wir haben es in Sachen der socialen Frage mit einem Ver- 
schulden der Individuen zu thun. Auch die Unzufriedenen selbst 
leisten alle Tage in Erziehungssünden ein reichliches Mass. Sie 
schliessen sich etwa verzweifelungsvoll zu gefährlichen, nutzlosen 
Unzufriedenheitsthaten zusammen, huldigen aber dabei um nichts 
weniger schädlichen, gesellschaftsverschlechternden, Unzufriedenheit 
züchtenden Gunstverwertungsprinzipien; sie lohnen blindlings das 
wohlfeilste und bequemste Angebot, fröhnen einer kulturschädlichen 
Sparsamkeit, gründen ihre Konsumvereine, machen ihre Lotterien 
mit u. s. w. Da kommt nicht die mystische „Macht des Kapitals“, 
aus der man so gern die Missstände erklären möchte, nicht das 
kapitalistische Wirtschaftssystem, von dem Bellamy*) sagt, es sei ein 
„Ungeheuer, das die Welt an der Kehle gepackt hat“, sondern ein 
mangelhafter Individual wille als entscheidende Ursache in Rechnung; 
nicht die „Verhältnisse“, vielmehr das individuelle Verhalten fällt 


*) A. a. O. S. 261. — Auch Bebel (a. a. O. S. 288) argumentiert 
beispielsweise mit der Behauptung: „Das Kapital geht einher ,wie ein 
brüllender Löwe und sucht, welchen es verschlinge/ “ Unseres Erachtens 
thut man, im Interesse klarer Vorstellungen, besser daran, die Personen 
ans Licht zu ziehen, die sich das Unrecht zu Schulden kommen lassen, 
und dabei zunächst im eigenen Verhalten nach Recht und Unrecht zu 
forschen. 


110 


hier ins Gewicht, wo die erforderliche Gesellschaftserziehung ver- 
nachlässigt wird. 

Die in Frage kommenden Einzelheiten des individuellen Wollens, 
die von den einzelnen verwirklichten Lohngrundsätze aber sind, wie 
wir gesehen haben, etwas Willkürliches. Es handelt sich um die 
Herrschaft allgemein üblicher, die Willkür, das Urteilen, das Wählen 
des einzelnen beeinflussender Behandlungsideale. Die Beseitigung 
von Institutionen, von gesetzlichen oder sittlichen Vorschriften 
steht nicht in Frage, wo es die Beseitigung der wachsenden Un- 
zufriedenheit und der socialen Gefahr gilt. Die Abschaffung z. B. 
der das Privateigentum an Produktionsmitteln gestattenden Gesetze 
kommt nach dem, was wir über die Unzufriedenheitsursachen ermittelt 
haben, als Gegenstand der socialen Frage nicht in Betracht. Nicht 
als Träger fremden, sondern als Träger eigenen Willens steht uns 
in Bachen dieses Zeitproblems das Individuum gegenüber; nicht mit 
seinem urteilslosen Gehorsam, sondern mit seiner irrigen Willkür 
ist hier abzurechnen. 

Wo es an der rechten Willkür fehlt, da aber kommt, wie wir 
oben bemerkten, ein Mangel an jener Erziehertugend der 
Gerechtigkeit zur Geltung. Mit diesem Mangel und seiner Be- 
seitigung haben wir es also gleichfalls bei der socialen Frage zu 
thun; ohne Berücksichtigung dieses Faktors lässt sich letztere Frage 
nicht verstehen. Wenn ausreichende Fähigkeit und Willigkeit zur 
Rechtsfindung vorhanden wäre, gäbe es die heutige sociale Frage 
nicht. Ohne Beseitigung der mammonistischen Kurzsichtigkeit und 
ähnlicher Urteilsunfähigkeit ist die Lösung der socialen Frage un- 
denkbar. Es fällt hier ein Mangel an Anpassung der Gesellschafts - 
teilhaber an die veränderten Lebensbedingungen, eine Unzulänglich- 
keit ihrer persönlichen Eigenart ins Gewicht; mit der Beseitigung 
dieses Anpassungsmangels befasst sich also das uns interessierende 
Zeitproblem. 

Jene Unzulänglichkeit, jener Mangel an persönlicher Gerechtig- 
keitsqualifikation ist, wie wir ausführten, verschuldet durch einen 
Mangel an Gerechtigkeitserziehung. Es fehlt an der erforder- 
lichen Ausbildung der betreffenden persönlichen Eigenschaften. — 
Auch dieses Manko an Gerechtigkeitserziehung spielt demnach in 
Sachen der socialen Frage eine Rolle, will, wenn der Inhalt dieser 
Frage klar erfasst werden soll, berücksichtigt sein. 

Der Mangel an Züchtung der Fähigkeit und Willigkeit zur 
Rechtsfindung, zum Urteilen nach der Natur der Einzelfälle ist, wie 
wir feststellten, als letzte Ursache der Unzufriedenheitsentwickelung 
zu betrachten. Die Beseitigung dieses Mangels bildet also notwendiger- 
weise den Gegenstand jener Rettungsfrage, die wir die sociale Frage 
nennen. Wenn die Beteiligten zur Gerechtigkeit erzogen, als Gesell- 


111 


schaftserzieher ausgebildet wären, gäbe es diese mit der Rettung der 
individuellen Zufriedenheit sich beschäftigende Frage nicht. Ohne 
Beseitigung des Mangels an Gerechtigkeitserziehung wird sich unter 
den gegebenen Lebensbedingungen der Unzufriedenheitsentwickelung 
und der socialen Gefahr nicht begegnen lassen. Die sociale 
Frage erweist sich hier schliesslich als eine Frage der 
Gerechtigkeitserziehung. 

In solcher Weise wird durch unsere Beantwortung der Frage 
„Was ist gerecht?“ unsere Auffassung von der socialen Frage ge- 
klärt; unsere Beschäftigung mit der Frage nach Wesen und Wert 
der Gerechtigkeit erschliesst uns den Kern jenes grossen Problems, 
vereinfacht unsere Vorstellung von dem Inhalt dieser Zeitfrage. 


AV\e ist jene Frage der Gerechtigkeitserziehung zu lösen? Wie hat 
sich diese Erziehung zu vollziehen? 

Das ist das Problem, mit dem wir uns abzufinden haben, wenn 
wir um die Lösung der socialen Frage, um die Abwehr der 
wachsenden Unzufriedenheit und der socialen Gefahr uns bemühen. 

Wo jene Lösung der socialen Frage uns beschäftigt, da kann, 
wie aus den voraufgehenden Ausführungen hervorgeht, nicht Schimpfen 
und nicht Kämpfen nützen, da ist mit dem Nachweis, dass die 
Gegner „schlechte Menschen“ sind, nicht aus der Stelle zu kommen. 
Auch auf dem Wege der „Reaktion“ lässt sich die Lösung jenes 
Zeitproblems nicht bewirken. Die Beseitigung der veränderten Lebens- 
bedingungen, die Vernichtung der Erfindungen und der Verkehrs- 
möglichkeit, die Austreibung des Bedürfnisreichtums kann als Mittel 
zur Abwehr der Unzufriedenheit und der Gefahr nicht ernstlich in 
Frage kommen, an eine Rückkehr zur „guten alten Zeit“ unter 
Preisgabe der den Zeitgenossen bekannten Errungenschaften, die bei 
vernünftiger Verwertung sehr viel zum Wohlbefinden beizutragen ver- 
mögen, ist hier nicht zu denken. Die Wendung zum Besseren kann 
nur darin bestehen, dass die einzelnen dahin gelangen, von den ihnen 
durch die Erfindungen erschlossenen Verkehrs- und Behandlungs- 
möglichkeiten einen zweckmässigeren, einen gerechteren Gebrauch zu 
machen. Die Gerechtigkeit ist dasjenige Ideal, in dessen Dienst 
allein heute die Menschen der jetzt mangelnden Hoffnung und 
Lebensfreude teilhaftig werden können; nur im Dienst dieses Ideals 
verspricht heute unsere gemeinsame Lebensarbeit fruchtbar zu werden, 
winkt dem Sinnen und Trachten, das unser Dasein erfüllt, ein be- 
glückendes Ziel, gewinnt jenes Dasein neuen Wert. Das zu lösende 
Problem erscheint also auch hier wieder in Gestalt der Frage: Wie 
ist die erforderliche Gerechtigkeitserziehung zu bewirken, wie sind 
die Menschen für den Dienst jenes rettenden Ideals zu gewinnen? 


112 


Es handelt sich hei dieser der Unzufriedenheit und der socialen 
Gefahr begegnenden Erziehung, wie wir sahen, um eine Fürsorge 
für einen gerechteren Inhalt des Individualwillens und für die zu 
solcher Willensbildung erforderlichen persönlichen Eigenschaften. 
Wo die Lösung der socialen Frage ins Auge gefasst wird, 
da gilt es, Menschen und menschliches Wollen zu ändern, 
zu bessern. Die Annäherung des Wollens an das oben von uns 
gekennzeichnete Ideal, die Vervollkommnung der Erziehertugend der 
Gerechtigkeit will hier betrieben, die bessere Anpassung der Gesell- 
schaftsteilhaber an die jetzigen Lebensbedingungen auf solche Weise 
bewerkstelligt sein. 

Ohne dass in dieser Richtung Fortschritte gemacht werden, 
ist mit der Lösung der socialen Frage unter keinen Umständen 
voranzukommen. Die gegenteiligen Behauptungen, die uns in Theorie 
und Praxis begegnen, beruhen auf einer unklaren Vorstellung von 
dem Inhalt jener wichtigsten Zeitfrage. Einen klaren, überzeugenden 
Beweis dafür, dass die Unzufriedenheit und die sociale Gefahr sich 
abwehren lasse ohne Vervollkommnung des individuellen Gerecht- 
seins haben wir nirgends erbracht gefunden. Man lächelt und spottet 
über die Lehre „Werdet besser, so wird’s besser!“ ohne sich wirklich 
klar darüber zu sein, wie denn anders das vorhandene im mensch- 
lichen Wollen begründete Unrecht und dessen Wirkungen in Fortfall 
kommen und eine Unrechte, unzweckmässige, den vernünftigen An- 
forderungen des Einzelfalles widerstreitende Verteilungsordnung, sowie 
deren Folgen für die Zukunft verhütet werden sollten. 

Bei dem Problem der erforderlichen Gerechtigkeitserziehung nun 
handelt es sich nicht um die erzieherische Beeinflussung eines Ein- 
zelnen oder einiger Weniger. Eine derartig beschränkte Gerechtig- 
keitsfürsorge kann zur Lösung der socialen Frage nicht dienlich sein. 
Es kommt auf die Besserung des allgemeinen Willensstandes an. 
Allgemeine Lohnprinzipien, verbreitete Behandlungsgebräuche sind 
es ja, wie wir bemerkten, die als Unzufriedenheitsursachen eine Rolle 
spielen. 

Der einzelne allein vermag sich nicht in dem erforderlichen 
Masse der Gerechtigkeit, der rechten Gesellschaftserziehung zu be- 
fleissigen. Das Beispiel und der Zwang der übrigen wirkt auf ihn 
ein und hält ihn, wenn bei diesen übrigen das Ungerechte üblich 
ist, vom Gerechtsein ab; die Wirkung seines gesellschaftserziehenden 
Einflusses wird hier durch die ungerechte Einwirkung anderer auf die 
gleichen Erziehungsobjekte zu nichte gemacht. Wollte ein einzelner 
für sich allein die Regeln rationeller Gesellschaftserziehung befolgen, 
so würde er inmitten einer ungerechten Gesellschaft dem Armen- 
haus verfallen, wenn man ihn nicht etwa zuvor entmündigte bezw. 
ins Narrenhaus steckte. 


113 


Die erforderliche Gerechtigkeitserziehung muss demnach in einer 
entsprechenden Beeinflussung zahlreicher Menschen beiderlei Ge- 
schlechts bestehen. 

Bei dieser Gerechtigkeitserziehung spielt sowohl das Selbst- 
erziehungsverfahren als auch die erzieherische Beeinflussung anderer 
eine Bolle. 

Der einzelne selbst, welchem Geschlecht er auch angehören und 
in welcher Lebensstellung er sich auch befinden mag, kann und muss 
sich zum besseren Gesellschaftserzieher erziehen, kann und muss sein 
Gerechtsein vervollkommnen. Wer mit der socialen Frage sich 
beschäftigt, der soll in dieser Weise bei sich selbst anfangen; 
hier mag auch der Unzufriedene beginnen, bevor er auf gefährliche 
Thaten Bedacht nimmt. 

Bei dieser Selbsterziehung handelt es sich darum, dass der 
einzelne durch eigene Bemühung zur vernünftigen Wahrnehmung 
seiner Interessen fähiger und williger wird. Da haben wir mit falschen 
Idealen und Behandlungsgrundsätzen abzurechnen, um von ihnen, die 
uns zu einer schlechten Interessen Wahrnehmung verleiten, frei zu 
werden. Wir müssen uns wappnen gegen die Ungerechtigkeits- 
verführung, die das heutige V erkehrsleben mit sich bringt; grössere 
Vorsicht muss uns hier schützen. Insbesondere bedarf es einer Aus- 
bildung unseres Social Verständnisses; wir müssen es dahin 
bringen, dass wir stets die socialen Vorbedingungen unseres Wohl- 
ergehens und die socialen Folgen unseres Verhaltens beachten und 
würdigen, dass wir nicht lediglich die uns momentan befriedigende, 
sondern die gesamte erzieherische Wirkung der Verwertung unserer 
Gunst und Ungunst berücksichtigen. Dabei handelt es sich um die 
stete Beachtung der erziehungswesentlichen Voraussetzungen des be- 
stimmten Einzelfalls; Massenbeobachtung, Statistik kann uns nicht als 
Unterlage des Bechtsurteils dienen, das Studium des Individuellen 
ist hier von entscheidender Bedeutung. Auch dürfen wir uns nicht 
lediglich mit einer Untersuchung über „die Natur und die Ursachen 
des Wohlstandes der Völker* 4 beschäftigen, haben vielmehr bei Aus- 
bildung unseres Social Verständnisses auf eine Untersuchung der Natur 
und der Ursachen der Zuriedenheit, des individuellen Lebenswertes 
in der Gesellschaft Bedacht zu nehmen. 

Wir müssen die Wahrheit beherzigen, auf die angesichts der 
socialen Frage der Staatssekretär Graf von Posadowsky in der 
Beichstagssitzung vom 27. April 1898 mit Becht hin wies, indem er 
sagte: „das höchste Gut eines Volkes ist nicht die Dividende und 
ist nicht der Beinertrag 44 ; diese Wahrheit darf unter uns nicht eine 
blosse Bedensart bleibem Nicht dürfen wir präsumieren, dass möglichst 
grosser Warenreichtum und möglichst viel Wohlbefinden ein und das- 
selbe ist oder stets Hand in Hand gehen muss. Wir müssen uns 

Bi sch off, Echte und falsche Gerechtigkeit. 8 


114 


bewusst sein, dass als ein höheres Gut, als ein wertvollerer Reichtum 
ein die Zufriedenheit und den Lebenswert in der Gesellschaft er- 
höhender Kulturstand, eine allseitig zureichende Gesellschaftserziehung, 
eine möglichst hohe Nützlichkeit der Gesellschaftsteilhaber für einander 
sich darstellt und dass dieses Gut nur zu erzielen ist durch Gerechtig- 
keit, durch rationelle Persönlichkeitsbehandlung, durch zweckmässige 
gegenseitige Erziehung der Individuen. Auf solche Weise ist unser 
m ammonistischer Egoismus in einen vernünftigeren, die kulturellen 
Vorbedingungen des Lebenswertes achtenden zu verwandeln. 

Vor der Überschätzung der blossen Produktionsfähigkeit und 
des materiellen Reichtums muss uns die Menschenkenntnis, insbesondere 
die Erkenntnis unseres eigenen Ich bewahren. Überhaupt hat die 
unbefangene Selbsterkenntnis den Ausgangspunkt unseres Social- 
verständnisses, unserer selbsterzieherischen Gerechtigkeitspflege zu 
bilden. 

Die Selbsterziehung will bewerkstelligt sein durch fleissiges 
Beobachten, fleissiges Denken. Zum rationellen Lohnen und Strafen 
der Mitmenschen kann uns unter heutigen Lebensbedingungen nur 
die Vernunft hinlänglich befähigen, mit sonstigem „guten Willen“ ist 
es hier nicht gethan. Der Dienst der Wahrheit muss uns von den 
Erziehungssünden, die wir im täglichen Verkehrsleben trotz unserer 
Moralität und Loyalität begehen, erlösen; die Bethätigung forschender 
Wahrheitsliebe ist die Seele jener erforderlichen Selbsterziehung. 
Auch hier aber bewährt sich dann das Wort: Übung macht den 
Meister. 

Im weiteren handelt es sich bei der Lösung der socialen Frage 
um die Gerechtigkeitserziehung durch andere. Da fragt es 
sich, welche der verschiedenen Erziehungsarten, deren wir im zweiten 
Abschnitt unserer Studie Erwähnung thaten, hier bei Lösung des 
Erziehungsproblems sich anwenden lassen. 

Durch Erzeugung und Ausnutzung urteilsloser Folg- 
samkeit lässt sich die erforderliche Mehrung der indivi- 
duellen Gerechtigkeit nicht bewerkstelligen. Die Pflege 
eines derartigen Bewusstseinszustandes kann nicht jene Steigerung 
der Erziehertugend und der erzieherischen Zweckmässigkeit der Lohn- 
mittelverwertung hervorrufen, deren es zur Abwehr der Unzufrieden- 
heit und der socialen Gefahr bedarf. Dadurch, dass die Gesellschafts- 
teilhaber bei sich und bei anderen den Inhalt eines fremden Willens 
zu verwirklichen trachten, kann nicht der notwendige Gerechtigkeits- 
fortschritt in der Gesellschaft erzielt werden. 

Bei der Gerechtigkeitspflege steht, wie aus dem früher Gesagten 
hervorgeht, ein lebendiges, inhaltsreiches Wollen in Frage. Da ver- . 
mag also die Fürsorge für einen schablonenhaften Willensinhalt nicht 
zum Ziele zu führen. Die Vorschriften und das Vorschriftsmässige. 


115 


spielen bei der erforderlichen Gerechtigkeitserziehung keine Rolle, 
sie vermögen nicht die nötige Anpassung des Individualwillens an 
die erziehungswesentlichen Voraussetzungen der Einzelfälle zu be- 
wirken. Mit der Inhaltsarmut des programmmässigen Wollens ist 
hier, wo es auf die Mehrung wirklicher Gerechtigkeit ankommt, 
nicht voran zu kommen, mit der Berücksichtigung sogenannter Durch- 
schnittsfälle ist es hier in Sachen der Züchtung echter Nützlichkeit 
nicht gethan. Die Vorschriftsmässigkeit würde zur Brutalität, zur 
Misshandlung des Individuellen Anlass geben, nicht aber dem Mangel 
an wahrhaft nützlicher Kultur abhelfen. Die Gleichförmigkeit und 
Starrheit des Vorschrifteninhalts würde den urteilslos gehorchenden 
Vorschriften Vollstrecker ungerecht, zum schlechten Erzieher, zum un- 
geschickten Arbeiter am Gesellschaftsbau werden lassen. Eine derartige 
Disziplin kann den einzelnen nicht mit dem gleichen Erfolge zu 
einem guten Gesellschaftserzieher machen, wie sie ihn etwa zu einem 
guten Soldaten macht. 

Nicht eine zweckmässige, erziehungsdienliche Lohnordnung wäre 
die Folge einer mittelst Vorschriften, mittelst Ausnutzung urteilsloser 
Voreingenommenheit betriebenen Gerechtigkeitserziehung, sondern eine 
Unrechtsordnung, bei der das Gebot: „Einem jeden das Seine!“ 
keineswegs zur Durchführung gelangte. Der Erfolg würde hier lehren, 
dass Rechtsvorschrift und wirkliches Recht keineswegs gleich- 
bedeutend sind. 

Auch käme hier schliesslich gar die Wirkung zu Tage, dass 
die erforderliche Rechtsfindigkeit, die Erzieherfähigkeit der Betreffenden 
unter dem Einfluss der Bevormundung mangels Übung verkümmerte. 
Das Gehorsam heischende Reglementieren bewirkt insofern also nicht 
nur keine Förderung, sondern eine Schädigung der bei der Lösung 
der socialen Frage unerlässlichen Gerechtigkeitserziehung. 

Die socialeFrage ist nach alledem keine Gesetzgebungs- 
frage, keine Frage der Politik, obgleich oder besser weil sie eine 
Rechtsfrage ist. Es handelt sich bei ihr nicht um die Findung rechter, 
zweckdienlicher Gesetze, denn Gesetze, die zur Verwirklichung des 
Rechten, des Erziehungsdienlichen, an dem es heute fehlt, Anlass 
geben, können — wie aus dem eben Gesagten hervorgeht dem Wesen 
aller Vorschriften nach hier gar nicht in Frage kommen Wir 
dürfen hier z. B. keineswegs präsumieren, dass das Gesetzgeben, weil 
es früher — vielleicht in weit beschränkteren Verkehrs Verhältnissen, 
in städtischen oder sonst örtlich beschränkten Gemeinwesen — ge- 
wissen Aufgaben gegenüber sich bewährt hat, nun auch gegenüber 
der in unserer Millionengesellschaft vorliegenden Aufgabe, die Ur- 
sachen der jetzigen Unzufriedenheit und der jetzigen socialen Gefahr 
zu beseitigen, zweckmässig sein müsse. Der hier vorliegende Mangel 
an Rechtsordnung will auf anderem Wege beseitigt sein. 


8 


116 


Dadurch, dass man vorhandene Gesetze durch andere ersetzt 
oder ergänzt, ist der Ungerechtigkeit, der den erziehungswesentlichen 
Voraussetzungen der Einzelfälle zuwiderlaufendenLohnmittelverwertung 
nicht beizukommen. Alle Gesetze, sie mögen sein, wie sie wollen, 
lassen dem Mangel an zweckmässigem, der Nützlichkeitserziehung 
förderlichem Lohnen und Strafen stets den weitesten Spielraum, lassen 
die Möglichkeit der Entwickelung nutzarmer Kultur und wachsender 
Unzufriedenheit in weitestem Masse bestehen. Kein „höherer Wille“, 
kein Willensakt der Beschlüsse fassenden Gesellschaft vermag für sich 
einen weitgehenden Mangel an wirklicher Rechtsordnung unmöglich 
zu machen. Gesetze können bei uns daher den drohenden Nieder- 
gang so wenig aufhalten, wie sie — trotz aller grossen Juristen — 
die Kulturmängel des niedergehenden Römerreichs zu reparieren, das 
hier mangelnde in der Gerechtigkeit, der Gesellschaftserziehung ge- 
gebene fundamentum regnorum herzustellen vermochten. 

Im Wege der Staatsaktion, mit Hilfe einer Socialpolitik lässt 
sich die erforderliche Anpassung des individuellen Könnens und 
Wollens an die neuen Lebensbedingungen niemals erfolgreich be- 
treiben. Niemals kann die jetzt mangelnde Erfüllung der kulturellen 
Vorbedingungen der Zufriedenheit von Staatswegen bewerkstelligt 
werden. Regieren kann hier in Sachen der socialen Frage nicht 
nützen. Der Staat ist viel zu unbeholfen, um seine Bürger mit 
Hilfe seiner Autorität zu besseren Erziehern zu machen. Staats- 
autorität wird uns niemals vor den die Unzufriedenheit verschuldenden 
Erziehungssünden bewahren; Parlamente, Gerichte und Schutzleute 
sind unserer Ungerechtigkeit gegenüber unfähige Erzieher. 

Und wie das Schaffen und die Durchführung gesetzlicher Vor- 
schriften zur Gerechtigkeitserziehung, zu der erforderlichen Mehrung 
des individuellen Gerechtseins in der Gesellschaft nicht ausreicht, 
so ist auch durch Moralisierung der Gesellschaftsteilhaber — 
wenn solche bei der Beweglichkeit des heutigen Verkehrslebens 
überhaupt möglich wäre — jene bei Lösung der socialen Frage un- 
erlässliche Erziehung nicht zu bewerkstelligen. Nicht Unglaube, 
sondern Unvernunft ist die Ursache der Ungerechtigkeit und der 
durch diese herauf beschworenen socialen Not. Dadurch, dass die 
Menschen sich blindlings nach diesen oder jenen veränderten sitt- 
lichen Vorschriften richten, erlangen sie niemals die jetzt mangelnde 
Fähigkeit und Willigkeit zur zweckmässigen, den erziehungs wesent- 
lichen Voraussetzungen des Einzelfalles angemessenen Lohnmittel- 
verwertung, werden sie nicht zu Gesellschaftserziehern, die der Un- 
zufriedenheitsentwickelung erfolgreich begegnen. 

Als Vollstrecker sittlicher Pflichten, geheiligter Gepflogenheiten 
kann der einzelne seinen Beruf als Gesellschaftsretter nicht erfüllen. 
Eine Moralisierung z. B., die den von ihr Betroffenen zu Thaten der 


117 


Aufopferung bestimmt, ihn zum opferwilligen Verschenken seiner Lohn- 
mittel veranlasst, ist noch keineswegs dazu geeignet, die Gesellschafts- 
teilhaber von den Erziehungssünden und deren Folgen zu erlösen. Sie 
bewirkt vielleicht das Gegenteil, mindert die Gerechtigkeit, die Er- 
ziehungsdienlichkeit des menschlichen Wollens noch mehr herab. Wir 
vermögen nach den bisherigen Ausführungen die Meinung Löschers, 
dass „die einzige Panacee aller socialen Krankheiten die Hebung 
der wahren, d. h. sittlichen Religiosität im Volke“ sei, nicht zu 
teilen. Es kann einer der moralischste, der sittentreueste Mensch 
und doch ein arger Sünder sein, gegen die Erziehungsgebote der 
im Einzelfalle sich bekundenden Natur aufs schwerste fehlen. Auch 
die höchste Dogmenfestigkeit, der treueste Kadavergehorsam vermöchte 
uns nicht zur Erfüllung dieser Gebote zu befähigen, könnte uns nicht 
von der Ungerechtigkeit erlösen. 

Dass man die Gesellschaftsteilhaber, die jetzt ihren Erzieher- 
beruf nicht erfüllen, gesetzlich oder sittlich dressiert, sie in solcher 
Weise zu unwillkürlichen Handlungen, zu einem des eigenen Rechts- 
urteils haaren Lohnen und Strafen ihrer Mitmenschen bestimmt, kann 
also gegenüber der socialen Frage, in Sachen der Gerechtigkeits- 
erziehung nicht zum Ziele führen. 

Die zur Abwehr der wachsenden Unzufriedenheit und 
der socialen Gefahr unerlässliche Gerechtigkeitserziehung 
durch andere hat sich zu vollziehen im Wege der Pflege 
und der Besserung der individuellen Willkür. 

Nicht der Gemein wiile, nicht der Staatswille, vielmehr der 
eigene Wille des einzelnen ist hier das Besserungsobjekt; das aus 
Zweckmässigkeitserwägung hervorgehende Eigengewollte muss gerechter 
gemacht werden. Es gilt, nicht Vorschriften durch Vorschriften, sondern 
ungerechte Willkür durch gerechte zu ersetzen. 

Bei dieser Gerechtigkeitserziehung spielt auch der Zwang eine 
Rolle. Durch Lohnen und Strafen können wir andere zur Bethätigung 
eines gerechten Willens im Einzelfalle mannigfach veranlassen. Wir 
schaffen hier jeweils für den Betreffenden eine Notwendigkeit bezw. 
Zweckmässigkeit des Gerechtseins. Dabei kommt die erzieherische 
Verwertung der verschiedenartigen Lohn- und Strafmittel zur Geltung. 
Auch unsere Verachtung haben wir gegen die Ungerechten spielen 
zu lassen. Wir üben in solcher Weise lohnende und strafende 
Menschenliebe, nehmen, indem wir auf eine Besserung der Gesellschafts - 
kultur im Einzelfalle unmittelbar und mittelbar hinwirken, auch ein 
vernünftiges Interesse des zum Gerechtsein Gezwungenen wahr. 

Diese Art der Gerechtmachung der Willkür, das Zwingen zum 
Gerechtsein ist aber immer nur in engen Grenzen thunlich. In den 


118 


weitaus meisten Fällen können wir, wenn das Wollen in der Gesell- 
schaft gerechter werden soll, der Freiwilligkeit der Mitmenschen nicht 
entbehren. 

Wir müssen es also vor allem dahin bringen, dass andere, auch 
•ohne durch unser Lohnen und Strafen dazu bewogen zu sein, sich 
des Gerechtseins befleissigen. In diesem Sinne kann nur die Auf- 
klärung wirken. Nur mit ihrer Hilfe ist der Unvernunft, die den 
Kern der heutigen Ungerechtigkeit ausmacht, beizukommen. Klarheit 
über das Naturnotwendige, über das um der menschlichen Lebens- 
zwecke, um der Zufriedenheit willen nach der Natur des Einzelfalles 
Gebotene will hier verbreitet sein, nur sie vermag vor den Erziehungs- 
sünden zu bewahren. Blindheit und Wahn machen heute ungerecht, 
die sie zerstörende Aufklärung muss Erlösung von der Ungerechtig- 
keit bringen. 

In der Richtung auf dieses Ziel muss sich bei der im Bereich 
der socialen Frage erforderlichen Gerechtigkeitserziehung die Be- 
einflussung derer, die in unsere Gesellschaft hineingeboren werden, 
von Anfang an gestalten. Diese Gesellschaftsteilhaber müssen zu 
Gesellschaftserziehern durch Pflege ihrer Eigenschaften erzogen werden. 
Man hat sie fähig und willig zur Erfüllung der kulturellen Vor- 
bedingungen der Zufriedenheit zu machen. Wir haben jenen Zöglingen 
zu richtigen Behandlungsgrundsätzen zu verhelfen. Wie die Kunst 
des richtigen Sprachgebrauchs, so müssen sie die Kunst der richtigen 
Lohnmittelverwertung lernen, die freilich schwieriger ist, weil die 
erziehungswesentlichen Voraussetzungen der Einzelfälle in unserer 
Zeit viel mannigfaltiger, viel individualitätsreicher sind, als die im 
täglichen Leben in Rechnung zu ziehenden Sprachzwecke. 

Zu dem angegebenen Zwecke will die Urteilsfähigkeit der 
Gesellschaftsteilhaber gepflegt sein. Wo es auf die Beseitigung der 
Unzufriedenheitsentwickelung und der socialen Gefahr ankommt, da 
haben wir es unter heutigen Lebensbedingungen mit dem Gebot 
des Dichterwortes zu thun: Sehe jeder, wie er’s treibe! Es besteht 
hier, wie schon an anderer Stelle ausgeführt wurde, die unumgäng- 
liche Notwendigkeit, dass der einzelne selbst urteilt. Nicht ein 
Dogma, sondern das Urteil der Nächstbeteiligten des Einzelfalles 
muss Rettung bringen. 

Da will also Mündigkeit und Selbständigkeit gepflegt sein, damit 
dieses Urteilen nach der Natur des Einzelfalles zum gerechten Wollen 
Anlass giebt. Die Mehrung der Vernünftigkeit des einzelnen, d. h. 
derjenigen Eigenschaften, die es dahin kommen lassen, dass er sich 
des Notwendigen und des Zweckmässigen selbst bewusst wird, die 
Ausbildung seiner Natur als homo sapiens, als ein die Gebote der 
in den Einzelfällen lebendigen Natur vernehmendes Wesen muss hier 
das Ziel jener in Sachen der socialen Frage erforderlichen Gerechtig- 


119 


keitserziehung sein. Es kommt darauf an, die Vernunft zu entfesseln 
und ihre Entwickelung zu fördern. 

Dementsprechend muss durch Anregung zur Selbsterziehung ein- 
gewirkt werden, es will das Bewusstsein wachgerufen sein, dass heute 
Denken die erste Bürgerpflicht ist, dass sich mit beten und arbeiten 
allein der Lebensberuf nicht erfüllen, die rachedrohende Sünde nicht 
vermeiden lässt. Mit Recht hat bei der oben erwähnten Gelegen- 
heit, bei der man im Reichstage mit der socialen Frage bezw. mit 
deren Begleiterscheinungen sich beschäftigte, der Staatssekretär 
Graf von Posadowsky an das „Volk der Denker“ appelliert; nur 
als „Volk der Denker“ können wir mit jenem grossen socialen 
Rätsel unserer Tage erfolgreich uns abfinden. Es ist also denen, 
die die Erziehungssünden begehen, das Gebot zu Gemüte zu führen: 
Quidquid agis, prudenter agas et respice finem; was du auch treibst, 
treibe es mit Vorbedacht und halte dir die Folgen vor Augen! In 
solcher Weise muss Vorsicht, muss Wahrheitsliebe, muss schlichte 
Philosophie bei den Gesellschaftsteilhabern ins Dasein gerufen werden, 
wenn die erforderliche Gerechtigkeitserziehung gelingen, zur Abwehr 
der Unzufriedenheit und der socialen Gefahr dienlich sein soll. 

Es bedarf hier zur Rettung aus dieser Gefahr der Pflege echter 
Freiheit, d. h. der Unabhängigkeit von Irrtümern, von schädlichen 
Vorstellungen, eigenen wie fremden. Ein dementsprechender Freiheits- 
drang muss in der Gesellschaft genährt werden. Sklaven können uns 
das Kunstwerk des Gesellschaftsbaues nicht aufführen; freie Maurer 
müssen es sein. Für Freiheit von falschen Idealen und Götzendienst 
ist bei der Gerechtigkeitserziehung zu sorgen. Es kommt darauf an, 
die Gesellschaftsteilhaber vor Blindheit und Wahn zu bewahren, sie 
gegen Verführung stark und unabhängig zu machen. In diesem Sinne 
muss eine stete Sorge für Unbefangenheit in der Gerechtigkeits- 
erziehung zur Geltung kommen; in diesem Sinne thut uns gegen- 
über der socialen Frage echter Liberalismus, wirkliche Freiheits- 
pflege not. 

Durch aufklärende Lehre ferner will das Wahrheits- und Freiheits- 
streben der einzelnen unterstützt sein. Da kommt es insbesondere 
auf die Förderung des Socialverständnisses unter den Gesell- 
schaftsteilhabern an. Treffend bemerkt Henry George in seinen 
„Socialen Problemen“: „Der Fortschritt der Civilisation erfordert, 
dass den gesellschaftlichen Angelegenheiten mehr und mehr Geistes- 
kraft gewidmet wird und zwar nicht die Geisteskraft der wenigen, 
sondern der vielen.“ Social Verständnis ist heute als Gegenstand der 
allgemeinen Bildung wichtiger als etwa die Kenntnis von Kriegs- 
daten, von Dogmenlehre, von botanischen und zoologischen Einzel- 
heiten und ähnlichem. Die Erkenntnis des Erzieherberufes muss 
verbreitet, das Interesse an der Gesellschaftserziehung gemehrt und 


120 


geklärt werden. Die Menschen müssen begreifen lernen, dass die 
Gesellschaf tserziehung eine Grundlage des Lebens wertes bildet. Es 
ist dann weiter bei der Gerechtigkeitserziehung das Verantwortlich- 
keitsbewusstsein zu wecken; es ist beispielsweise auf die erzieherische 
Wirksamkeit des Geldausgebens aufmerksam zu machen, damit auch 
hier ein jeder sich des respicere finem befleissigt, nach den Folgen 
seines Thuns und Lassens stets sich fragt. Durch Förderung der 
Selbsterkenntnis and der sonstigen Menschenkenntnis müssen dabei 
die Gerechtigkeitszöglinge vor dem Socialismus, vor der Überschätzung 
des Staatswillens gegenüber dem Privatwillen bewahrt werden; jene 
Erkenntnis muss sie auf den Weg der Selbstverantwortung und der 
Selbsthilfe führen. Es ist erforderlich, die Erkenntnis zu verbreiten, 
dass den einzelnen die private Verantwortung für eine vernünftige 
Lohn- und Besitzordnung trifft. 

Es muss den Menschen das Bewusstsein der Notwendigkeit, für 
Rechtsordnung zu sorgen, eingepflanzt werden. Sie sollen einsehen, 
dass das Rechte etwas für sie nützliches ist, dass dagegen Unrecht 
seinen eigenen Herrn schlägt; nicht kann es genügen, bei ihnen 
blosse Voreingenommenheit, blosse Treue für diese und jene Rechts- 
sätze zu pflegen, ohne für ein klares Zweckmässigkeitsurteil zu sorgen. 
Damit Gerechtigkeit sich einstellt, ist die Einsicht zu verbreiten, dass 
der einzelne als Privatmann mit seiner Gerechtigkeit dem Gemeinwohl, 
das mit dem Erfülltsein der Vorbedingungen individuellen Glücks zu- 
sammenfällt, zu dienen hat, dass er als Privatmann durch seine vernünftige 
Behandlung anderer zur Beseitigung des Mangels an Gemeinwohl, 
der bei der socialen Frage eine Rolle spielt, um seiner selbst willen 
beitragen muss. Auf solche Weise will es verhindert sein, dass die 
Menschen ohne weiteres einen möglichst grossen eigenen Lohnmittel- 
anteil und einen möglichst kleinen Anteil anderer, soweit sich dieses 
Verhältnis ohne momentane Schädigung einer bestimmten einseitigen 
Bedürfnisbefriedigung erzielen lässt, für richtig, für zweckmässig, für 
vorteilhaft halten. Es gilt, die Erkenntnis zu pflegen, dass jenes 
Ersparen von Lohn, jene möglichst grosse Fürsorge für den eigenen 
„Mammon“ weniger Vorteil bringt als die rechte Gesellschaftserziehung. 
Durch derartige Interessenklärung verhindern wir es dann auch, dass 
die Menschen in der „Ausbeutung“ der Mitmenschen ihr Heil suchen, 
gleichwie durch diese aufklärende Gerechtigkeitserziehung auch der 
Zwang zu einer solchen Ausbeutung beseitigt wird. Es ist in der 
angegebenen Weise zu bewirken, dass sich der Selbsterhaltungstrieb 
nicht darauf richtet, andere zu vernichten, vielmehr darauf, aus ihnen 
wahrhaft nützliche Mitmenschen zu machen. 

Auf solchem Wege hat sich die Mehrung des Rechts- 
bewusstseins, an dessen Mangel wir heute kranken, in der Gesell- 
schaft zu vollziehen. Die echte Rechtswissenschaft — die rerum 


121 


notitia, die justi atque injusti scientia*) — muss hier durch jene Er- 
ziehung des einzelnen vervollkommnet werden. Die Aufklärung muss 
Rechtswahrheit in der Gesellschaft verbreiten, muss ein klareres 
Behandlungsideal, einen richtigeren Behandlungsmassstab unter den 
Gesellschaftsteilhabern zur Geltung gelangen lassen. Nur so ist es 
zu erreichen, dass in der erforderlichen Weise das Gebot sich erfüllt: 
Einem jeden das Seine! 

Diese Art der Gerechtigkeitserziehung will allerorten geübt sein, 
darf nirgends durchkreuzt werden. Elternhaus und Schule**) haben 
solcherweise ihren erzieherischen Beruf bei der Lösung der socialen Frage 
zu erfüllen. Auch den Freimaurern z. B., die es ja mit der zweck- 
mässigen Ausgestaltung des Gesellschaftsbaues zu thun haben — 
einer Aufgabe, die heute mehr denn je im Argen liegt — , müsste, 
wenn sie nicht Worte und Formen, sondern wahrhaft nützliche Thaten 
pflegen, ihren Bauberuf so erfüllen wollen, dass das Werk den Meister 
lobt, jene Gerechtigkeitserziehung , jene Ausbildung der Erzieher- 
tugend der Gerechtigkeit, deren der Arbeiter am Gesellschaftsbau 
vor allem bedarf, das vornehmste Ziel ihrer Bestrebungen sein.***) In 
dieser Richtung und nach diesem Ziel hin haben sich überhaupt alle 


*) Juris prudentia est divinarum atque humanarum rerum notitia, 
justi atque injusti scientia, Rechtsweisheit ist die auf Göttliches und 
Menschliches sich erstreckende Sachkunde, die Wissenschaft vom Gerechten 
und Ungerechten, heisst es in Justinians Institutionen. 

**) Vergl. Adam Ego, a. a. O. S. 235 ff. 

***) Socialweisheit erscheint heute recht eigentlich als das Gebiet nütz- 
licher freimaurerischer Arbeit. An der Lösung der grossen Zeitaufgabe, 
durch Gesellschaftserziehung für eine Heimstätte der Zufriedenheit zu 
sorgen, will hier mit zielbewusstem Ernst gearbeitet sein. Der einzelne 
Mensch kommt da als Bestandteil der Gesellschaft in Betracht, auf die 
wir mit unserem Glück angewiesen sind; dass ihm eine dementsprechende 
richtige Behandlung zu teil werde, muss unsere Sorge sein. Diese richtige 
Menschenbehandlung zu fördern, ist Sache dessen, der sich die Mitarbeit 
am Gesellschafts-, am Menschheitsbau zur Aufgabe macht. 

Die Freimaurerei hat demnach einer solchen Förderung der Gesellschafts- 
erziehung ihre Arbeit zu widmen. Sie muss also zur Aufklärung über Wesen, 
Wert und Inhalt der Gerechtigkeit beitragen. Ihr kommt es zu, das Ver- 
ständnis für die socialen Beziehungen und den socialen Beruf des einzelnen 
zu pflegen, in gemeinsamer Denkarbeit die Ausbildung des Rechtsbewusst- 
seins zu betreiben. Sie hat auf solche Weise die einzelnen zu tüchtigen 
Arbeitern am Gesellschaftsbau zu machen und so zur Lösung der grossen 
Gesellschaftsfrage beizutragen. Das ist ein hoher, segenvoller Beruf. Ohne 
Erfüllung dieses Berufes, ohne erfolgreiche Anteilnahme an der Gerechtig- 
keitserziehung kann man in unseren Tagen dem Ideal des Menschheits- 
wohles nicht wahrhaft dienen; dieses Wohl, dieses Glück der Menschen 
ist heute in höchstem Masse abhängig von dem Gelingen besserer Ge- 
sellschaftserziehung, von dem Siege der Gerechtigkeit; da hat also vor 
allem unsere Gerechtigkeitsfürsorge einen Bestandteil unserer Menschen- 
liebe, unserer Wahrnehmung der Interessen anderer zu bilden. 


122 


Bestrebungen zu bewegen, die unter heutigen Lebensbedingungen 
die Erhaltung und Förderung des Menschheitswohles bezwecken. Auf- 
klärende Menschenliebe muss solcherweise zur Geltung kommen, wenn 
unsere Gesellschaft vor der Unzufriedenheitsentwickelung und der 
socialen Gefahr errettet werden soll. Auch unsere Dichter mögen sich 
als Gerechtigkeitserzieher bewähren; sie haben ihr Schaffen an die Zeit- 
aufgaben, an die massgeblichen Lebenszwecke anzupassen, wenn sie 
echte, glücksdienliche Kunst pflegen wollen, sie sollen hier den 
Geschmack durch aufklärende Erziehung bessern, nicht dem vor- 
handenen Geschmack fröhnen und in dessen Befriedigung die Kunst 
erblicken. Als wichtigste Kunst sollte ihnen heute die Gerechtigkeits- 
erziehung der Menschen erscheinen.*) 

Bei der Gerechtigkeitserziehung der einen wie der anderen 
Art handelt es sich nicht um die Wirksamkeit eines einzelnen oder 
einiger weniger. Dieses rettende Erziehungswerk kann nur gelingen 
wenn zahlreiche Denker Hand in Hand arbeiten. Schon die Selbst- 
erziehung zur Gerechtigkeit gerät in dem erforderlichen Masse nur, 
wenn unsere Beobachtung durch das Mitdenken anderer unterstützt 
wird. Ebenso ist die Mehrung der rechten Willkür der Mitmenschen 
in der erforderlichen Weise nur durch eine solche gemeinsame 
Wirksamkeit zu erzielen; nur bei Gemeinsamkeit kann der be- 
treffende erzieherische Zwang und die erwähnte Aufklärung den 
nötigen Erfolg zeitigen. Das Bingen nach Bechtswahrheit muss die 
Gesellschaftsteilhaber beisammen finden. Es will daher das Bewusst- 
sein der Notwendigkeit solcher Solidarität, solchen Handinhand- 
arbeitens bei unseren auf Gerechtigkeitserziehung gerichteten Be- 
strebungen gleichfalls allezeit wacherhalten sein.**) Bei jener gemein- 
samen Sorge für Bechtsordnung aber handelt es sich nicht um die 
Wirksamkeit einer Beschlüsse fassenden Personeneinheit, um die 
Konstruierung eines E in heits willens, vielmehr um eine gegenseitige 
Unterstützung mit sich bringende Einigkeit, die dem eigenen Urteil 
und Willen der Individuen zur Gerechtigkeit und zur erzieherischen 
Wirksamkeit gegenüber ungerechten Mitmenschen verhilft. 


*) Auch in der Jugendlitteratur — z. B. in den sogenannten Robinso- 
naden — sollte über Wesen und Wert der Gerechtigkeit aufgeklärt, das 
Socialverständnis gepflegt, zur Gesellschaftserziehung angeleitet werden. 
Bis jetzt geschieht das sehr wenig; man pflegt hier andere — zum teil mit 
jenem Zweck nicht verträgliche — Interessen. — Bei Robinsonaden freilich 
ist zu bedenken, dass die Lage einer kleinen Inselgemeinde und ihrer An- 
gehörigen nicht ohne weiteres als ein zur Beurteilung unserer Lage dien- 
liches Beispiel erachtet werden darf. Die Gleichheit der Lebensbedingungen, 
das Angewiesensein auf einander und demzufolge die Interessenharmonie 
ist hier viel grösser als unter den verschiedenen Angehörigen des bei 
uns in Rechnung zu ziehenden Verkehrslebens. 

**) Vergl. Adam Ego, a. a. O. S. 215 ff. 


123 


Die geschilderte erzieherische Fürsorge für die rechte Willkür der 
Gesellschaftsteilhaber ist der einzige Weg, der in Sachen der 
socialen Frage, gegenüber der wachsenden Unzufriedenheit und der 
socialen Gefahr zum Ziele zu führen, der Gesellschaft Erlösung und 
Rettung zu bringen vermag. Ohne jene Besserung des Egoismus 
ist hier nicht voranzukommen, nur das laisser faire et passer im 
Kreise vernünftiger Menschen kann uns retten. 

Ohne jene Mehrung gerechter Willkür ist unter heutigen Lebens- 
bedingungen eine zweckmässige Rechtsordnung nicht möglich, kann 
der Gesellschaftsbau nicht gelingen. Nur auf jenem Wege der 
Gerechtigkeitserziehung lässt sich die Ungerechtigkeit in der Gesell- 
schaft in dem erforderlichen Masse einengen. Das Gegenteil ist 
wohl behauptet, aber nirgends mit überzeugender Klarheit bewiesen 
worden; bei dem Hinweis auf andere Rettungswege findet sich 
nirgends die Einengung der Ungerechtigkeit und ihrer Folgen, die 
Beseitigung der Unzufriedenheitsursachen phrasenlos dargethan. 

Jene Willkürpflege und ihr Gelingen ist und bleibt im Bereich 
der socialen Frage eine conditio sine qua non. Sie kann hier durch 
nichts ersetzt werden. Nur auf diesem individualistischen Wege, 
wo der Eigenwille des Individuums als Erziehungsgegenstand ins Auge 
gefasst wird, ist jenes grosse Zeitproblem zu lösen, ist die Abwehr 
der Unzufriedenheit und der socialen Gefahr zu bewerkstelligen. 

Wenn aber jene Gerechtigkeitserziehung gelingt, dann ist sie zur 
Erfüllung letzteren Zweckes auch ausreichend. Wo die rechte 
Willkür grossgezogen ist, da kommt auch die erforderliche Gesell- 
schaftserziehung zur Geltung, da entwickelt sich die Nützlichkeit des 
Zusammenlebens und erfüllen sich solcherweise die socialen Vor- 
bedingungen der Zufriedenheit — auch diejenigen z. B., deren Er- 
füllung in dem Verschwinden ungerechten Hungerleidens und ähnlicher 
Bedürftigkeit, in dem Verschwinden grundloser Zurücksetzung und in der 
Erhöhung der Produktivität der Gesellschaftsteilhaber sichbe kündet, — 
da schwindet die Unzufriedenheitsentwickelung und die sociale Gefahr. 

Es fragt sich nun, ob jene erzieherische Besserung der Willkür 
möglich ist. Die Möglichkeit wird von manchen einfach bestritten; 
eine überzeugende, mit Gründlichkeit und Klarheit zu Werke gehende 
Darlegung der Unmöglichkeit, dass die Gesellschaftsteilhaber ent- 
sprechend vernünftiger werden, ist aber unseres Wissens nirgends geboten. 

Sollte diese Unmöglichkeit wirklich bestehen, dann ist der Nieder- 
gang unserer Gesellschaft nicht aufzuhalten. Er vollzieht sich in 
diesem Falle trotz aller Gesetze und sittlichen Vorschriften, trotz 
Loyalität und Moralität. 

Wir aber können nach dem früher Ausgeführten die geschilderte 
Mehrung der persönlichen Gerechtigkeit nicht für unmöglich halten. 


124 


Wir müssen davon ausgehen, dass der herrschende Gerechtigkeits- 
mangel, dass Ungerechtigkeit und Unvernunft, die als Ursache der 
socialen Missstände in Frage kommen, nicht ohne erzieherische Be- 
einflussung der in die Gesellschaft Hineingeborenen zur Entstehung 
gelangt ist. Es kommt hier also zunächst auf die Beseitigung 
schlechter Erziehung an, die an sich gewiss nicht unmöglich ist. 
Dann aber müssen wir, um die Möglichkeit und Unmöglichkeit er- 
folgreicher Gerechtigkeitserziehung zu beurteilen, uns vergegenwärtigen, 
dass auf diesem Wege zur Gesellschaftsrettung noch nichts unter- 
nommen, vielmehr mannigfach das Gegenteil bewirkt worden ist. Bei 
dieser bisherigen Vernachlässigung der Gerechtigkeitserziehung steht also 
jedenfalls zunächst ein weites Versuchsfeld offen, vor dessen Beackerung 
von der Unmöglichkeit erfolgreicher Willkürpflege nicht die Rede 
sein darf. Ganz zweifellos lassen sich auf jenem Wege der Gerechtig- 
keitserziehung mindestens sehr erhebliche Fortschritte erzielen. Ein 
Erfolg in jenem Kampfe gegen Gedankenlosigkeit, Phrasentum, Götzen- 
dienst und Wahn, ein Sieg in jenem Streite für die Wahrheit, durch 
den das grosse Zeitproblem seiner Lösung näher zu bringen ist, will uns 
nach unseren früheren Erörterungen keineswegs undenkbar erscheinen. 

Erziehung hat in der Menschheitsgeschichte schon Grosses ge- 
leistet. Warum sollte sie nicht auch heute die Menschen vernünftiger, 
ihre Willkür gerechter machen können? — Als grossartige Kultur- 
leistung haben wir z. B. die erzieherische Wirksamkeit des Christen- 
tums vor Augen, das bei den Menschen das Behandlungsprinzip der 
Nächstenliebe zur Herrschaft brachte und dadurch eine segensreiche 
Gesellschaftserziehung bewirkte. Seine Lebenskraft lag in seiner 
Gerechtigkeit, seiner Kulturdienlichkeit, seiner Zweckmässigkeit be- 
gründet. Wenn diese Erziehungsthat heute unter den veränderten 
Lebensbedingungen nicht mehr ausreicht, um die Gesellschaftsteilhaber 
zur Pflege der socialen Vorbedingungen der Zufriedenheit fähig zu 
machen, sie vor Erziehungssünden, vor Ungerechtigkeit zu bewahren,*) 
so lässt doch jener Erziehungserfolg um so eher an die Möglichkeit 
glauben, dass auch die heute zweckmässige Behandlungsw T eise, das 
heute zur Gesellschaftserziehung erforderliche bei den Gesellschafts - 
teilhabern erzieherisch ins Dasein gerufen werden kann. 

Ausserdem kommt hier von Tag zu Tag mehr eine gewaltige 
Lehrmeisterin zum Zuge: die Not. 

*) Die blosse Pflege der Nächstenliebe vermag unter den heutigen 
Lebensbedingungen nicht zur Entstehung der erforderlichen Gesellschafts- 
qualität Anlass zu geben, vermag in unseren Tagen nicht eine Gesellschaft 
zu gewährleisten, in der den beteiligten Persönlichkeiten Friede und Wohl- 
gefallen beschieden ist. Die sonstige Gerechtigkeit, das auf Vernünftig- 
keit gegründete Lohnen und Strafen ist heute zu diesem Zwecke un- 
erlässlich; diese gerechte Güterverteilung aber ist noch nicht durch die 
Pflege der christlichen Lehre hervorzurufen. 


125 


Die sociale Not unserer Tage, das Gefühl der Unzufriedenheit 
und des Unbehagens, das sich mit ihr in steigendem Masse ver- 
bindet, ist sehr geeignet, der Gerechtigkeitserziehung, wenn sie einmal 
einsetzt, Nachdruck zu verleihen. Die Not kann die Gesellschafts- 
teilhaber, die heute ihren Erzieherberuf verfehlen, gegen die kulturellen 
Voraussetzungen ihres Lebensglückes sich vergehen, zur Besinnung 
bringen; Not lehrt denken. Da kommt es zunächst nur darauf an, 
die Gefahr und ihre Ursachen den in Not befindlichen zum Bewusst- 
sein zu bringen. 

All jene aufklärende Gerechtigkeitserziehung aber ist durch die 
Verkehrsmöglichkeiten unserer Zeit, z. B. auch durch die Verbreitung 
der Kunst des Lesens und Schreibens und ähnliches, nicht unerheblich 
erleichtert. Diese Zustände, durch die heute, wie wir oben sahen, die 
zweckmässige Lebensführung dem einzelnen in mancher Hinsicht er- 
schwert wird, erweisen sich hier den Zwecken der rettenden Aufklärung 
dienlich. Sie ermöglichen selbst eine internationale Gerechtigkeits- 
erziehung, eine Aufklärung, die von Volk zu Volk dringt und die Nationen 
vernünftiger, zur rationellen gegenseitigen Behandlung fähiger macht/") 

Jene Gerechtigkeitserziehung, die uns retten muss, ist nicht das 
Werk einer kurzen Spanne Zeit. Nur um eine allmähliche Ent- 
wickelung, eine langsame erzieherische Einwirkung kann es sich hier 
handeln. Zunächst lässt sich solcherweise in Sachen der socialen 
Frage nur von einer bestimmten Tendenz reden. 

Nur die Lichtung kann hier angedeutet werden, in der das 
Rettungswerk zu versuchen ist, die Richtung, die eingehalten sein 
will, wenn in der Gerechtigkeit und in der Zufriedenheit nicht 
Rückschritte, sondern Fortschritte bewerkstelligt werden sollen. 

Als diese rettungsdienliche Richtung müssen wir hier jene 
individualistische Erziehungstendenz bezeichnen, die darauf 
abzielt, die Gerechtigkeit der individuellen Willkür zu mehren. Wem 
es gelingt, diese Art der Gerechtigkeitserziehung ins Dasein zu rufen, 
diese Erziehungstendenz in der Gesellschaft erfolgreich zu entfachen, 
der hat die sociale Frage gelöst. 

In solcher Weise lässt uns unsere Beantwortung der Frage: 
„Was ist gerecht?“, unser Nachdenken über Wesen und Wert der 
Gerechtigkeit das Wesen der Lösung der socialen Erage verstehen. 


Jener auf Mehrung der Vernünftigkeit, der Unbefangenheit, der 
Freiheit, der Selbständigkeit der Gesellschaftsteilhaber abzielenden 
Tendenz, von der allein wir uns Rettung aus den jetzigen socialen 
Missständen versprechen dürfen, steht heute vielfach eine gegenteilige 


! ) Vergl. Adam Ego, a. a. 0. S. 209 f. 


126 


Auffassung und Neigung gegenüber. Es ist das diejenige Tendenz, 
die wir im ersten Abschnitt unserer Erörterungen als die socialis- 
tische bezeichneten. Diese spielt im Bereich der socialen Frage in 
unseren Tage eine grosse Bolle. 

Welchen Inhalt hat diese Tendenz? 

Nach den socialistischen Bettungstheorien ist die Änderung der 
Persönlichkeitsbehandlung, die Abstellung der Ungerechtigkeit, die 
Besserung der Verteilungsordnung, die man als Mittel zur Beseitigung 
der wachsenden Unzufriedenheit, als Gegenstand der socialen Frage be- 
trachtet, auf einem anderen, als dem von uns im vorhergehenden an- 
gedeuteten Wege zu betreiben. Man sucht hier das Heil, die 
Bettung aus der socialen Not nicht in der Pflege, der Besse- 
rung der privaten Willkür, vielmehr in der Beschränkung, 
der Ausschliessung der letzteren. Die Gerechtigkeit der Be- 
handlung im Verkehrsleben, die Zweckmässigkeit der Verteilungsordnung 
soll nach dieser Auffassung in der Weise gemehrt werden, dass der 
private, vorschriftsfreie, nicht auf Gesetzlichkeit sich gründende Wille 
von mehr oder minder grossen Gebieten der Güterverteilung aus- 
geschlossen bleibt. Die in dieser Verteilung gelegene Persönlichkeits- 
behandlung will man dadurch gebessert, zweckmässiger gestaltet sehen, 
dass der einzelne in hohem Masse der Abhängigkeit von dem Urteil 
und der privaten Gunst und Ungunst der im Einzelfall ihm gegenüber- 
stehenden Persönlichkeiten entrückt wird, das Seine nicht von den 
Nächstbeteiligten des Einzelfalles auf Grund einer Beurteilung der 
besonderen Natur dieses Falles willkürlich, ohne Gesetzlichkeit, ohne 
Vorschrift zugeteilt erhält. 

Nach den socialistischen Bettungstheorien sollen die Gründe der 
Unzufriedenheit dadurch beseitigt werden, dass man in einem be- 
stimmten Umkreise statt der Privatwillkür den Gesetzeseinfluss, 
z. B. den Einfluss des Einheitswillens der als „Gesellschaft“ in Be- 
tracht kommenden Personenmehrheit, walten lässt. Die sociale 
Frage wird hier als Gesetzgebungsfrage behandelt. An Stelle privater 
Urteils- und Willensbildung soll, wo es die Bettung aus der heutigen 
socialen Not gilt, ein Gemein wille als Lohnordner wirken, soll ein 
Wollen der Gesellschaft zur Verwirklichung zweckmässiger Ordnung 
Anlass geben. Anstatt durch Gerechtigkeitserziehung soll die Ver- 
teilungsordnung durch Socialisierung der Güterverteilung gebessert 
werden. Man will den Mangel an zweckmässiger Ordnung durch 
Schaffung und Vollstreckung von Gesellschaftsbeschlüssen — sei es 
auch nur eines einzigen grossen Gesetzgebungsaktes — beseitigen. 
Statt der individualistischen betreibt man in solcher Weise die socia- 
listische Lösung der socialen Frage. Man gründet seine Hoffnung 
statt auf die Privatverteilung und die Privatgerechtigkeit auf die 
Staatsverteilung und die Staats- und Amtsgerechtigkeit. 


127 


Bei der fraglichen Tendenz handelt es sich darum, in einem 
bestimmten Umkreise einem jeden das Seine von Staatswegen, 
von Amtswegen zukommen zu lassen. Der Träger des Gemeinwillens, 
das Beschlüsse fassende „Volk“ bezw. die beschliessende Majorität 
seiner Vertreter oder ein sonstiger Bevollmächtigter desselben soll 
an Stelle der Nächstbeteiligten des Einzelfalles das Urteil und den 
Willen bilden, nach dem sich die betreffende Behandlung der einzelnen 
Persönlichkeit jeweils richtet.*) Der Lohn — auch die Arbeit, die 
Möglichkeit, sich nützlich zu machen und dadurch etwas zu ver- 
dienen, — soll in bestimmten Grenzen dem einzelnen unmittelbar 
oder mittelbar durch Gesetzgebungsakt zugemessen werden. Durch 
Gesetzgeben, indem man die private Güterverteilung durch eine amt- 
liche ersetzt, trachtet man die Individuen gerechter zu machen, will 
man sie dahin bringen, dass sie ihren einzelnen Mitmenschen eine 
zweckmässigere Behandlung zugestehen. 

Insofern besteht das Charakteristische des Socialismus in 
dem Bestreben, private, willkürliche Lohnmittelverwertung 
durch eine von Gesellschaftswegen regulierte, nach dem 
Staatswillen sich richtende zu ersetzen. Es soll das von den 
einzelnen Produzierte oder sonst Erworbene, seien es Produktions- 
mittel oder sonstige Güter, mehr oder minder in eine der Privat- 
willkür entzogene Verteilung übernommen werden; es handelt sich 
um eine Unterwerfung der Verteilung jener als Lohnmittel bedeut- 
samen Güter unter den Gesellschafts willen. Daran müssen wir allen 
jenen Vergesellschaftungsplänen gegenüber festhalten. Dieses Merk- 
mal ist den verschiedenen socialistischen Bettungstendenzen gemein- 
sam; wo dasselbe fehlt, da ■ haben wir keinen Socialismus vor uns. 

Der Socialismus begegnet uns hier als die Unterwerfung der 
güterverteilenden, Menschenwert zeugenden Persönlich- 
keitsbehandlung unter den Gesellschaftswillen. Mit einer 
Vergesellschaftung der Produktion, wie sie bei den kommunistischen 
Plänen eine Bolle spielt, mit einer „ Socialisierung der Gesellschaft“,**) 


*) So tritt beispielsweise Bellamy (Ein Rückblick aus dem Jahre 2000. 
Leipzig. Reclam. S. 206) dafür ein, „die Funktion der Güterverteilung 
zu nationalisieren;“ an anderer Stelle (Gleichheit S. 402) bezeichnet er 
ein „Wirtschaftssystem“ als notwendig, „bei dem das Volk selbst, zum 
allgemeinen Besten, . . . die Güterverteilung kontrolierte. “ 

**) Der Ausdruck „Socialisierung der Gesellschaft“ kennzeichnet den 
in Betracht kommenden Thatbestand nicht genügend klar. Socialisiert, 
d. h. dem Privatwillen entzogen und dem Gesellschaftswillen unterworfen, 
wird die Güterproduktion oder die Güterverteilung oder beides. Socialis- 
mus nennen wir die Theorie, welche das Socialisieren der einen oder der 
anderen Art für zweckmässig, für der Zufriedenheit förderlich erklärt, 
die Tendenz, welche auf eine solche Socialisierung abzielt, und schliesslich 
auch den durch Socialisierung geschaffenen Gesellschaftszustand. 


128 


wie sie z. B. Bebel im Sinne hat, ist eine solche Unterwerfung, 
eine Verteilung des Produktionsertrages von Gesellschafts wegen not- 
wendig in weitem Masse verbunden: eine solche Produktionsvergesell- 
schaftung ist notwendig in dem erwähnten, die Güterverteilung angehen- 
den Sinne hochgradig socialistisch, schliesst das Gegenteil des Socia- 
lismus, den Individualismus, die dem Privatwillen des einzelnen über- 
lassene Persönlichkeitsbehandlung in hohem Masse von dem Gebiet der 
Güterverteilung aus. Aber nicht die Vergesellschaftung der Pro- 
duktion — - die nicht seiten als das wesentliche der socialistischen 
Theorie betrachtet wird — , sondern die Socialisierung der erzieherisch 
wirksamen Güterverteilung ist das in Sachen der socialen Frage — 
d. h. gegenüber den Ursachen der heutigen Unzufriedenheit — Erheb- 
liche, denn jene Zeitfrage ist, wie wir sahen, keine Frage der Produktion 
(die Unzufriedenheit gründet sich nicht auf unzulängliche Güter- 
produktion, vermehrte Produktion kann uns nicht retten), sondern eine 
Frage der gerechten, die erforderliche Gesamtnützlichkeit der Indivi- 
duen für einander gewährleistenden Güterverteilung. Die Veränderung, 
welche die Güterverteilung bei ihrer Socialisierung erfährt, der 
dabei sich ergebende Stand ihrer Gerechtigkeit, ihrer Zweckmässigkeit 
ist dasjenige, was wir hier bei der Beurteilung der socialistischen 
Kettungstheorie zu beachten haben. 

Indem man der Gesetzgebungsmaschine, dem Einheits willen die 
Fähigkeit zur Beseitigung der Unzufriedenheitsursachen zutraut, setzt 
man seine Hoffnung auf eine klassenmässige Regelung der 
Persönlichkeitsbehandlung. Es soll hier nicht der Beurteilung des 
Einzelfalles, vielmehr der Beurteilung von „Durchschnittsfällen“ zur 
Geltung verholfen werden. Die zweckmässige Behandlung der einen 
Persönlichkeit durch die andere will man — ohne Berücksichtigung 
zahlreicher Besonderheiten der Einzelfälle — schablonenmässig jeweils 
für grosse Gruppen verschiedener Fälle eingerichtet sehen. 

Nicht als Beurteiler des wirklichen Einzelfalles, den er als 
Nächstbeteiligter zu würdigen vermag, sondern als Beurteiler von 
unwirklichen, abstrakten als Durchschnittsfall behandelten That- 
beständen, für die seine Erfahrung nicht zureicht, soll nach dieser 
Lehre der einzelne an der Herrichtung der Rechtsordnung, an der 
Verwirklichung der Gerechtigkeit teilnehmen. Nicht durch Auf- 
klärung und durch Ausübung freien, gesetzlosen Zwanges soll er für 
rationelle Persönlichkeitsbehandlung in der Gesellschaft sorgen, viel- 
mehr durch Wählen und Gesetzgeben. Es wird hier demjenigen, 
dem man es verwehrt, durch eigene Beurteilung des ihn angehenden 
Einzelfalles für Gerechtigkeit zu sorgen, der Beruf zugesprochen, 
als Parlaments Wähler und Gesetzgeber die Rettung der 
Gesellschaft zu betreiben. Nicht die rechte Wahl des Ver- 
haltens gemäss der Natur des Einzelfalles, nicht das Denken, das 


129 


Urteilen nach dieser wirklichen Natur der Sache und ihren Zweck- 
mässigkeitserfordernissen, sondern das Auswahlen von Vormündern 
und das Bevormunden anderer, in deren Sachen man des klaren, 
sachkundigen Urteils gar nicht fähig ist, gilt nach den socialistischen 
Rettungstheorien als „Bürgerpflicht“. 

Mit dieser Pflicht geht hier Hand in Hand die andere des 
Gehorchens. Gehorsam soll nach jener Auffassung der Ge- 
sellschaft Rettung bringen. Nicht Vernünftigkeit hat der 
einzelne hiernach zu bewähren, nicht auf Grund seiner unbefangenen 
Erkenntnis des nach der Natur des Einzelfalles wirklich Notwendigen, 
wahrhaft Zweckmässigen darf er die Behandlung der bestimmten 
Persönlichkeit einrichten; Gesetzlichkeit, blinde Folgsamkeit gegen 
das Vorgeschriebene hat den bestimmenden Einfluss auf sein Verhalten 
gegen die Mitmenschen auszuüben. Von einem gehorsamen, vor- 
schriftsmässigen Giiterverteilen erhofft man die rettende, zweckmässige 
Gesellschaftsordnung. Das folgsame inhaltsarme, der Modifikation 
ermangelnde Wollen, das nach dem Gesetzesbuchstaben sich richtet, 
soll zur Entstehung derjenigen Persönlichkeitsbehandlung Anlass geben, 
bei der sich die Vorbedingungen der Zufriedenheit in der Gesell- 
schaft erfüllen. 

Die vorstehend gekennzeichnete socialistische Tendenz 
wird verschieden weit erstreckt; der Teil der Lohnmittel, von 
dessen Verwendung die Privatwillkür, das gesetzlose Urteil aus- 
geschlossen bleiben soll, wird von dem einen kleiner, von dem anderen 
grösser bemessen. Als Lohnmittel kommen hier in Frage die materiellen 
Güter — insbesondere auch die sogenannten Produktionsmittel — , 
din der einzelne besitzt, die Arbeit, die er anderen leistet, die Er- 
werbsmöglichkeit, die er anderen verstattet. Nach der Auffassung 
mancher Socialisten soll nur ein verhältnismässig kleiner Teil dieser 
zu Erziehungszwecken verwertbaren Mittel von Staatswegen, durch 
den Gemeinwillen den Persönlichkeiten zugemessen werden. In anderen 
Kreisen hingegen hat das socialistische Begehren den Inhalt, dass 
der weitaus grösste Teil jener Lohnmittel, wenn nicht die Gesamtheit 
derselben nach Massgabe willkürfeindlicher Gesellschaftsbeschlüsse 
zur Verwendung gelangen soll. 

Da möchte man etwa dem einzelnen verwehren, die von ihm 
besessenen materiellen Güter an jemand anderen als an den Staat 
abzutreten. Alles, was er an Produktionsmitteln besitzt — sei es,, 
dass er dieselben durch seine Arbeit hergestellt, wertvoll gemacht 
hat, sei es, dass er dieselben als Lohn oder auf anderem Wege er- 
hielt, — soll ein jeder jener „juristischen Person“ zukommen lassen, 
die man „Staat“ nennt. Auch soll er seine Arbeit nur für den 
Staat, nicht aber für Privatpersonen auf wenden dürfen; auf sein 
Schaffen hat jene höchste juristische Person einen Anspruch, dieser 

Bischoff, Echte und falsche Gerechtigkeit. 9 


130 


allein hat der einzelne den Lohn, den sein Arbeitserträgnis darstellt, 
voll und ganz zuzuwenden. Man trachtet hier die Willkür des 
einzelnen in dem Masse zu beschränken, dass letzterer dasjenige, 
womit er lohnen könnte, Privatpersonen gegenüber überhaupt nicht 
bezw. nur nach Anweisung des Staates verwendet. Der Staat ist 
nach dieser extremen Auffassung der einzige, der die von 
dem einzelnen produzierten Werte an die Gesellschafts- 
teilhaber auszuiohnen hat. Er erscheint hier auch als der einzige 
Arbeitgeber; nicht durch Privaturteil, vielmehr lediglich durch Staats- 
urteil soll dem einzelnen die Verdienstgelegenheit zugemessen werden. 

Diesem Inhalt der extremen socialistischen Rettungstheorie 
entspricht seinem Wesen nach auch derjenige der weniger weit gehen- 
den Forderungen der in Rede stehenden Art; nicht um qualitative, 
sondern um quantitative Unterschiede handelt es sich hier in der 
fraglichen Hinsicht. 

Wie der Grad, in dem die Verwendung der Lohnmittel der 
Privatwillkür entzogen und auf den Staat übertragen werden soll, 
verschieden bemessen ist, so bestehen auch Unterschiede bezüglich 
des Massstabes, der bei Durchführung dieser socialistischen Mass- 
regel ins Auge gefasst werden, dem Gemein willen als Richtschnur 
dienen soll. Zum Zweck der Beseitigung der socialen Miss- 
stände und ihrer Folgen möchte der eine diesen, der 
andere jenen Verteilungsgrundsatz socialistisch verwirk- 
licht sehen. 

Nach der einen Auffassung erscheint als Gegenstand des Socialis- 
mus die Armenpflege; als entscheidend für die staatliche Güter- 
verteilung soll hier die blosse Thatsache einer bestimmten Armut 
betrachtet werden, die Beseitigung einer bestimmten Bedürftigkeit 
wird hier als das in Sachen der socialen Frage einzuhaltende Ziel 
jener der Privatwillkür entzogenen Verteilung anerkannt. Andere 
wollen als Massstab für die gesetzlich zu regelnde Lohnmittel - 
Verteilung die Befriedigung gewisser Bedürfnisse der von ihnen als 
„Arbeiterklasse“ zusammengefassten Persönlichkeiten betrachtet wissen. 
Sie präsumiern z. B. für die Angehörigen dieser Klasse das Be- 
dürfnis, in Krankheitsfällen oder nach Erreichung einer bestimmten 
Altersgrenze bestimmte Zuwendungen zu erhalten, und plädieren 
dafür, dass die Befriedigung dieses Bedürfnisses von der Privatwill- 
kür unabhängig sei, dass für die Zuwendung der betreffenden Lohn- 
mittel von Staatswegen gesorgt werden soll. In anderen Fällen wird 
als rettungsdienlicher Verteilungsgrundsatz die „Fürsorge für die 
Landwirtschaft“ proklamiert; man möchte hier die staatliche Regu- 
lierung der Lohnmittelverteilung auf gewisse Bedürfnisse zugeschnitten 
sehen, die von den Vertretern der betreffenden Forderungen bei den 
Mitgliedern der Landwirtsklasse vorausgesetzt werden. 


131 


Wo man zum Zweck der Gesellschaftsrettung mehr oder 
minder die gesamte Lohnmittelverteilung verstaatlichen, es dem 
Privatmann völlig verwehren möchte, die von ihm geschaffenen 
Lohnwerte willkürlich zur Beeinflussung anderer Persönlichkeiten 
— abgesehen von der Staatspersönlichkeit — zu verwerten, da 
ist es dieser oder jener allumfassende Yerteilungsgrundsatz, dessen 
Verwirklichung als Ziel ins Auge gefasst wird, nach dem die durch 
den Staat regulierte Persönlichkeitsbehandlung eingerichtet werden 
soll. So zielt etwa die fragliche Tendenz auf die Verwirklichung 
des allgemeinen Grundsatzes ab, dass die Verteilung dessen, was dem 
Staat als einzigem Arbeitgeber von seiten aller einzelnen an Lohn- 
mitteln zufliesst, sich zu richten habe lediglich nach dem Wert der 
Arbeit, nach einer bestimmten Produktivität der Lohnempfänger. 
Man schätzt etwa diesen Wert einheitlich ab, ohne Rücksicht auf 
die individuelle Eigenart etc., von der es abhängt, ob und wie weit 
etwas wirklich nützt oder schadet, geht von der Annahme einer 
Allerweltsnützlichkeit aus und will nach dem, was der Arbeit an 
solcher Nützlichkeit anhaftet, einem jeden das Seine von Staats- 
wegen zugemessen sehen. Bei dieser Bestimmung von Wert und 
Lohnwürdigkeit wird kein Gewicht gelegt auf die bei dem Nutz- 
niesser des zu lohnenden Verhaltens jeweils vorliegenden Zufrieden- 
heitserfordernisse. Man legt etwa statt des wirklichen Wertes, des 
Nutzwertes, einen „Kostenwert“ zu Grunde, bemisst den als Massstab 
für die Güterverteilung benutzten Wert etwa nach der aufgewendeten 
Arbeitszeit,*) lässt den Arbeitstag als „.Werteinheit“ gelten. In 
Wirklichkeit kann, wie wir bei unseren früheren Erörterungen ge- 
sehen haben, der jeweilige Wert der Arbeit und ihre Lohn Würdigkeit 
trotz gleicher Quantität und Qualität und trotz gleichen Aufwandes 
von Arbeitszeit ein sehr verschiedener sein. 

Wie der Wert der Arbeitsleistung, so kommen als generelle 
Gesichtspunkte der gesetzlichen Lohnverteilung z. B. auch Staats- 
examina, Anciennität und ähnliches in Frage. Andere wiederum 
wählen als allgemeinen Bemessungsanhalt für die staatliche Regelung 
der Lohnordnung einfach die vorhandenen oder die von ihnen für 
vernünftig gehaltenen Bedürfnisse; ein jeder soll nach Massgabe seiner 
Bedürfnisse durch die Gesellschaft, durch den Träger des Gemein- 
willens belohnt werden. Was die einzelnen Mitmenschen ihm von 
dem durch sie Erarbeiteten zugestehen müssen, das soll sich darnach 

*) Es wird bei Bemessung der dem einzelnen gebührenden Güter- 
quote etwa die Marx’sche Wertlehre als Massstab genommen, welche be- 
sagt: „Es ist nur das Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeit oder 
die zur Herstellung eines Gebrauchswertes gesellschaftlich notwendige 
Arbeitszeit, welche seine Wertgrösse bestimmt/ — Unseres Erachtens er- 
giebt die vernünftige Wertschätzung in Wirklichkeit ein mit diesem 
Rechnungsgrundsatz nicht zu vereinbarendes Resultat. 


9 * 


132 


richten, wessen er jeweils zu seiner Befriedigung bedarf; der einzelne 
hat hiernach den betreffenden Lohn deshalb zu erhalten, weil ihm 
das betreffende Bedürfnis eigen ist. So etwa gestaltet sich die 
Güterverteilung nach dem sogenannten Gothaer Programm der Social- 
demokraten, in dem verlangt wird: „bei allgemeiner Arbeitspflicht 
nach gleichem Recht jedem nach seinen vernunftgemässen Bedürf- 
nissen!“ Nicht selten auch ist als Massstab für die socialistische 
Güterverteilung der andere Grundsatz aufgestellt, dass alle Gesell- 
schaftsteilhaber den gleichen Lohnmittelanteil zu erhalten haben. 

In welchem Sinne, nach welchen Gesichtspunkten der Gemein- 
wille und seine Vollstrecker die Gunstverteilung gestalten, die Zu- 
wendung des von dem einzelnen Erarbeiteten an dessen Mitmenschen 
regeln sollen, das ist in solcher Weise Gegenstand mannigfaltig ver- 
schiedener Ansichten. Der Inhalt der staatlich zu gewährleistenden 
Menschenrechte, das einem jeden von Staats wegen Gebührende wird 
von den einen so, von den anderen anders gekennzeichnet.*) Gemein- 
sam aber ist den verschiedenen socialistischen Rettungs- 
theorien die Ansicht, dass der Staat sich bei der Lohn- 
mittelverteilung eines Massstabes bedienen soll, der zu 
einer kl assenmässigen, nach wenigen Gesichtspunkten ge- 
regelten Ordnung Anlass giebt; in diesem wichtigen Punkte 
gleichen die socialistischen Verteilungsgrundsätze einander, ohne jenen 
Grundsatz könnte man auch mit staatlicher Regelung der Persön- 
lichkeitsbehandlung gar nicht rechnen. Nicht das individuelle Inter- 
esse dessen, von dem das Lohnmittel herrührt, und nicht die jeweilige 
gesamte Individualität dessen, dem der Lohn zu teil wird, kommt 
bei der befürworteten staatlichen Bemessung in Betracht, nicht der 
Gesamtnatur — auch den Besonderheiten — des Einzelfalles soll 
die Lohnordnung angepasst werden. Der Lohnurheber wird hier 
vielmehr nur als Glied einer Vielheit, von der die Lohnmittel gemein- 
sam geschaffen sind, und der Lohnempfänger nur als Glied einer 
Vielheit, die durch einige wenige gleichförmige Merkmale gekenn- 
zeichnet ist, betrachtet und behandelt; die übrige, die besondere 
Natur der Persönlichkeit und des Einzelfalles spielt in den ver- 
schiedenartigen Reglementierungsplänen keine Rolle. Es handelt sich 
bei den socialistischen Rettungstheorien nicht um Behandlung der 
Persönlichkeit durch die Persönlichkeit, sondern um eine Gunst r 
Verteilung von Klasse zu Klasse bezw. um ein Lohnen der 
Gesamtheit an die Gesamtheit. 


*) Eine einzige bestimmte und für alle Zeit feststehende Verteilungs- 
ordnung ist keineswegs ein wesentlicher Bestandteil des Socialismus. „Es 
ist ganz utopistisch gedacht“, bemerkt Kautsky (Das Erfurter Programm, 
Stuttgart 1892, S. 158), „wenn man meint, es gälte ein besonderes System 
der Verteilung auszutifteln, das dann für ewige Zeiten massgebend sein solle 


133 


Das am Socialismus wesentliche und uns hier interessierende ist 
nicht der besondere Massstab, nach dem der Güteranteil des einzelnen 
bestimmt wird, vielmehr der oben erwähnte Umstand, dass die Güter- 
verteilung dem Privatwillen entzogen ist und dass ihr der Charakter 
staatlicher Regelung anhaftet. Dieser Umstand kommt hier überall 
in Betracht, mag nun das Staatsgesetz allen die gleiche güterverteilende 
Behandlung zusichern oder eine Behandlung gemäss der als ver- 
nünftig approbierten Bedürfnisse vorschreiben oder irgend eine sonstige 
Behandlungsregel aufstellen. Die Beseitigung bezw. Ein- 
schränkung der privaten Güterverteilung und des in der- 
selben gelegenen privaten erzieherischen Zwanges — mag 
nun diese Privaterziehung einer staatlichen, amtlichen Erziehung oder 
einer ohne Rücksicht auf Erziehungszwecke vor sich gehenden 
gemeinwilligen Güterverteilung Platz machen — ist die bei der 
Gerechtigkeitsfrage , bei der Frage der Gesellschaftserziehung und 
damit auch bei der heutigen socialen Frage uns interessierende 
Quintessenz des Socialismus. Dieses eine müssen wir hier vor allem 
beachten: Man will bei der Socialisierung eine Verwertung der Lohn- 
mittel einführen, bei welcher der erzieherische Zwang in einen staat- 
lichen und amtlichen verwandelt (die individualistische Gesellschafts - 
erziehung durch eine socialistische ersetzt) oder aber ganz beseitigt ist. 

Soviel über den Inhalt der auf die Beseitigung der herrschen- 
den socialen Missstände und ihrer Folgen abzielenden socialistischen 
Tendenz. An eine erschöpfende Wiedergabe dieses Inhalts kann hier 
im Rahmen unserer Studie über die Gerechtigkeitsfrage natürlich 
nicht gedacht werden;*) es ist hier von jener Theorie nur dasjenige 
hervorgehoben, was für unsere Gerechtigkeitsbetrachtung ins Ge- 
wicht fällt. Indem wir in der socialen Frage ein Gerechtigkeits- 
problem erblicken, kommt hier der Socialismus für uns nur in seiner 
Beziehung zur Güterverteilung und Gesellschaftserziehung in Betracht. 


*) Auch die Bezugnahme auf Äusserungen der socialistischen Litteratur 
kann sich gegenüber den von uns ins Auge gefassten Zwecken auf ein 
geringes Mass beschränken. Wenn insbesondere auf Bellamy Bezug 
genommen wird, so geschieht das lediglich deshalb, weil dieser Vertreter 
des Socialismus ganz besonders bemüht gewesen ist, die Verwirklichung 
der socialistischen „ Gerechtigkeit“ zu veranschaulichen, während bei 
manchem anderen der Nutzen der socialistischen „ Rechtsordnung“ nur 
kühn behauptet, nicht aber in seinem Werdegang offenbart ist. Bellamy, 
indem er eine „ ausführliche und abgerundete Übersicht der Institutionen 
in der neuen Welt“ (Gleichheit, S. 462) uns vorführt, lässt es sich, wie 
wohl kaum ein zweiter, angelegen sein, die Wirkung der Socialisierungs- 
massnahmen auf die Entwickelung der Zufriedenheit der beteiligten Persön- 
lichkeiten sich und anderen im einzelnen klar zu machen, um so die 
Richtigkeit, die Zweckmässigkeit, die Glücksdienlichkeit, die Gerechtigkeit 
der socialistischen Ordnung und der auf ihre Herrichtung abzielenden 
Bestrebungen nachzuweisen. 


134 


^Voraus nun erklärt sich jene socialistische Abhilfe -Theorie? Was 
giebt zu ihrer Entstehung Anlass? 

Wir bemerkten bereits im ersten Abschnitt unserer Erörterungen, 
dass der Tendenz, die wir die socialistische nannten, eine besondere 
Gerechtigkeitsvorstellung zu Grunde liegt, ohne welche sich die frag- 
liche Neigung nicht erklären lässt. Eben diese Gerechtigkeits- 
vorstellung nun bietet auch die Erklärung für jenes Bestreben, die 
sociale Frage socialistisch zu lösen, die Ursachen der Unzufriedenheit 
vermittelst des Staatswillens zu beseitigen. 

Die von den Socialisten gegenüber der socialen Frage eingehaltene 
Tendenz, die auf einen anderen als den von uns dargelegten Ausweg 
hinausläuft, wird hervorgerufen durch die Vorstellung, die man 
sich hier von der bei der Lösung der socialen Frage er- 
forderlichen Gerechtigkeit macht. 

Auch die Socialisten betrachten jene grosse Zeitaufgabe als ein 
Gerechtigkeitsproblem, als eine Rechtsfrage. Ihre Vorstellung aber 
von der bei der Lösung der socialen Frage gebotenen veränderten 
Persönlichkeitsbehandlung und Rechtsordnung weicht von der unserigen 
wesentlich ab. Auch die Socialisten erblicken in jener Zeitfrage ein 
Zufriedenheitsproblem, auch ihnen ist es bei der Beschäftigung mit 
der socialen Frage darum zu thun, die heutige Unzufriedenheits- 
entwickelung zu unterbinden und zwar mittelst einer besseren Gesell- 
schaftsordnung. Ihre Ansicht über die der individuellen Zufriedenheit 
in der Gesellschaft förderliche Persönlichkeitsbehandlung und Ordnung 
aber deckt sich nicht mit dem, was wir im zweiten Abschnitt über 
die Eigenschaften, das Ergebnis und den Ursprung des Gerechten 
gesagt haben. Der Socialist ist nicht der Ansicht, „dass das Ge- 
rechte in einer der Erzeugung einer vielseitigen Gesamtnützlichkeit 
der uns interessierenden Gesellschaft förderlichen den sämtlichen 
erziehungswesentlichen Voraussetzungen des Einzelfalles angepassten 
Verwertung von Gunst und Ungunst, insbesondere aber in einem 
dementsprechenden Lohnen und Strafen besteht, das als etwas nur 
Relatives und etwas der klassenmässigen Verallgemeinerung Unzu- 
gängliches sich erweist, dessen Ergebnis eine äusserst mannigfaltige, 
lebendige, der klassenmässigen Abgrenzung, wie der Starrheit er- 
mangelnde Besitzordnung ist und dessen Vorhandensein sich gründet 
auf ein durch Anpassung an die Gesamtnatur des Einzelfalles aus- 
gezeichnetes, von Schablonenmässigkeit freies willkürliches Wollen 
der Individuen“. Einer derartigen Gerechtigkeit misst er nicht, 
wie wir, eine entscheidende Bedeutung für die individuelle Zufrieden- 
heit bei und erblickt demnach auch nicht in der Herrichtung einer 
solchen Behandlung und Rechtsordnung das Mittel zur Lösung der 
socialen Frage, zur Beseitigung der heutigen Unzufriedenheits- 


135 


entwickelung. Eine gegenteilige Gerechtigkeitsanschauung kommt 
hier zur Geltung und giebt zur Entstehung jener socialistischen 
Rettungsbestrebungen Anlass. 

Die Socialisten gehen mit einer Rechtsvorstellung zu Werke, 
nach der das Individuelle, die Sonderart des Einzelfalles rechtlich 
unerheblich ist, für die Gestaltung der zweckmässigen Lohnordnung 
keine wesentliche Bedeutung besitzt. Man präsumiert z. B. einfach 
ohne zureichende Beweisführung, dass „das social Wichtige die Ver- 
teilung nach den Klassen der Gesellschaft ist.“*) „Nicht auf jedes 
Individuum“ — sagt Schmoller**) — „sondern auf die Familien, 
ferner auch nicht auf jede einzelne Familie, sondern mehr auf den 
Durchschnitt ganzer Gesellschaftsklassen kommt es an, wenn davon 
die Rede ist, ob eine Eigentums- und Einkommensverteilung im grossen 
und ganzen gerecht sei.“ Die individuelle Eigenart und ihr Anspruch 
auf Berücksichtigung wird hier als im grossen und ganzen unberechtigt 
behandelt; man beachtet nicht den Wert der fortschreitenden Diffe- 
renzierung in der menschlichen Gesellschaft und die Zweckmässig- 
keit einer die Sonderart berücksichtigenden Behandlung. Auch die 
Anpassung der Behandlung an die jeweilige Individualität des Be- 
handelten erscheint bei der socialistischen Rechtsanschauung nicht 
erforderlich. 

Man stellt sich hier — im Gegensatz zu dem von uns in Sachen 
der Gerechtigkeit Ermittelten — das Wesen der Gerechtigkeit, die 
Eigentümlichkeit einer zweckmässigen Lohnordnung so vor, dass eine 
klassenmässige Ordnung gerecht, die Nichtberücksichtigung der be- 
sonderen Natur des Einzelfalles nicht ungerecht, die Übergehung der 
Individualinteressen des Lohnurhebers — bez. dessen, dem die Ver- 
wertung der Lohnmittel nützen soll, — und des Lohnempfängers 
gerechtfertigt erscheint. Das Gerechte hält man für etwas der 
Gleichförmigkeit in hohem Masse Fähiges, in Vorschriften, 
die für zahlreiche Fälle auf lange Zeit hinaus gelten, Darstellbares. 

Als Quelle der Gerechtigkeit, wie der Ungerechtigkeit werden 
hier ferner die Vorschriften, die Institutionen betrachtet. Insofern 
macht man sich bei jener Theorie eine der unserigen entgegengesetzte 
Vorstellung von der Entstehung der Lohnordnung. Man betrachtet 
als „das ewige Grundprinzip alles staatlichen und gesellschaftlichen 
Lebens“ die „Gerechtigkeit bestimmter Rechtssätze und Wirtschafts- 
institutionen“.***) Es besteht demgemäss z. B. die Meinung, die vor- 
handenen Eigentum svorschriften seien einzig schuld an der ungerechten 
Lohnordnung, letztere habe sich unter dem Einfluss der betreffenden 

*) Schmoller, Zur Social- und Gewerbepolitik (Leipzig 1890), S. 225. 

**) Schmoller, Über einige Grundfragen des Rechts und der Volks- 
wirtschaft (Jena 1875), S. 63. 

***) Schmoller, a. a. 0. S 19. 


136 


Gebote und Verbote unbedingt so entwickeln müssen. Oder man ist 
doch der Ansicht, die Schuld liege in der Benutzung der gesetzlich 
verstatteten Möglichkeit des Privateigentums an Produktionsmitteln, 
im Privatkapitalismus. 

So erblickt z. B. Bellamy die Ursache der heutigen Ordnung 
in jenem System, bei dem es keine Grenze gab, „bis zu welcher ein 
Mensch sich die Erde und ihre Güter, den Boden zur Bebauung 
und die Erzeugnisse der Arbeit aneignen durfte;“ für ihn handelt 
es sich um die „Verteidigung der Menschenrechte gegen die Tyrannei 
des Kapitals“. Ähnlich begründet beispielsweise Kautsky das 
Vorhandensein der jetzigen Ordnung, indem er ausführt: Mit dem 
Privateigentum ist die Möglichkeit gegeben, unermessliche Reich - 
tümer zu erwerben; das Privateigentum bedeutet für jedermann die 
Möglichkeit, Produktionsmittel zu erwerben, aber auch die Möglich- 
keit, in völlige Armut zu versinken,*) — und indem er dann folgert: 
„Arbeitsloser Erwerb — unermessliche Reichtümer der einen — 
völlige Armut der anderen — diese Züge zeigt uns das kapitalistische 
Gesicht des Privateigentums“. „Diese Eigentumsordnung aufrecht 
erhalten zu wollen, heisst“, wie Kautsky**) meint, „jeden weiteren 
gesellschaftlichen Fortschritt unmöglich machen, heisst die Gesellschaft 
zum Stillstand, zur Verwesung verurteilen“. Bellamy***) erblickt 


*) Kautsky a. a. O. S. 9. — Nicht die Rede ist hier von der durch 
die Eigentumsanerkennung zugelassenen Möglichkeit, den einzelnen un- 
ermesslich reich zu machen, ihn zum Besitzer eines von anderen ihm 
zugelohnten Güterübermasses werden zu lassen. Und nicht die Rede 
ist von dem, was zur Benutzung der zugelassenen Möglichkeit 
Anlass giebt. Mit der blossen Anführung von Möglichkeiten ist 
aber doch noch nicht eine bestimmte „Entwickelung“ erklärt, ist noch 
nicht die Behauptung einer bestimmten „Naturnotwendigkeit“ gerecht- 
fertigt. Eine derartige Kritik des Privateigentums langt so wenig zu wie 
etwa der Versuch, dafür, dass ein Mann, der mit einer Säge auf einem 
Baumast sitzt, diesen Ast absägt, den Besitz der Säge als die entscheidende 
Ursache zu betrachten. Diese Säge ist an und für sich ein nützliches 
Instrument. Wenn der Besitzer derselben damit den ihn tragenden Ast 
abschneidet, so ist das lediglich auf Rechnung seiner Unvernunft zu setzen; 
die durch den Besitz der Säge gebotene Möglichkeit ist hier keines- 
wegs das Entscheidende. In solchem Falle wäre es nicht richtig, den 
Übeln Folgen dadurch zu wehren, dass man — nach Art radikal-socialisti- 
scher Methode — dem Manne die Säge fortnimmt und dieselbe zerbricht 
oder dass man — nach Art des auf halbem Wege stehenbleibenden Socia- 
lismus — die Säge stumpf zu machen sucht. Wir meinen, man thut in einem 
solchen Falle besser daran, den Betreffenden darauf hinzuweisen, welche 
Bedeutung der Ast für ihn hat, und ihn zu einem vernünftigeren Gebrauch 
der Säge zu bestimmen. Das möchte doch zweckmässiger sein als ein 
Experiment, bei dem man abwartet, wie der Mann ohne Säge oder mit 
einer stumpfen Säge auf dem Baume fertig wird. 

**) A. a. O. S. 104. 

***) Gleichheit, S. 429. 


137 


in dem Privatkapitalismus „die Quelle und den Inbegriff aller 
Schlechtigkeiten“ und hält dafür, „dass die Menschheit sich jeden 
Tag einer Todsünde schuldig macht, an dem sie ihn noch duldet“. 

Es wird hier jene oben erwähnte Thatsache verkannt, dass eine 
gerechte Verteilung der verschiedenartigen Lohnmittel trotz der frag- 
lichen Vorschriften und trotz des Privatkapitalismus in weitestem 
Masse möglich ist, dass auch unter der Herrschaft jener Gebote und 
Verbote die Gerechtigkeit der Persönlichkeitsbehandlung weit mehr, 
als es thatsächlich der Fall ist, zur Geltung zu kommen vermag. 
„Der Mensch beherrscht nicht das Eigentum, das Eigentum beherrscht 
ihn,“ meint Bebel;*) von der Unvernunft des willkürlichen Ver- 
haltens, von den Sünden der Kapitalistenzüchter sagt er nichts. Man 
schiebt hier auf Eigentumsvorschriften und auf die blosse Thatsache 
der Benutzung der durch diese Vorschriften verstatteten Möglichkeit 
des Privateigentums an Produktionsmitteln dasjenige, was man auf 
die allgemeine Unvernunft, auf unvernünftige Gewohnheiten — deren 
Dasein auf keinerlei Vorschriften angewiesen ist — schieben sollte. 
Nicht diese Unvernunft, sondern die heute anerkannte Eigentums- 
ordnung und die blosse Thatsache des Privatkapitalismus wird bei 
der Beurteilung der heutigen „ökonomischen Entwickelung“ und ihres 
Unrechts als entscheidende Voraussetzung in Betracht gezogen. Die 
herrschende durch die Eigentumsordnung zugelassene privatkapita- 
listische Produktionsweise, nicht die „ herrschenden Rechtsanschauungen“ 
hält man, wie das beispielsweise bei Kautsky**) zu Tage tritt, hier für 
das die Verteilung der Güter Bestimmende. Das heisst also: Mögen die 
allgemeinen Rechtsanschauungen sein, wie sie wollen, mag man die 
blinde Bevorzugung des wohlfeilsten Angebots oder aber die Rück- 
sichtnahme auf die von uns gekennzeichnete zweckmässige Gesellschafts - 
erziehung allgemein für richtig halten, — in jedem Falle muss die 
blosse Thatsache, dass die Warenerzeugung privatkapitalistisch betrieben 
wird, zur Entstehung einer Verteilungsordnung der jetzigen Art Anlass 
geben. Kautsky***) argumentiert, „dass in letzter Linie die Ge- 
schichte der Menschheit nicht durch die Ideen der Menschen, sondern 
durch die ökonomische Entwickelung bestimmt wird, welche unwider- 
stehlich fortschreitet, nach bestimmten Gesetzen“. Mit anderen Worten : 
Das Haushalten, die Ökonomie vollzieht sich unabhängig von den 
Ideen der Beteiligten — auch der Lohnenden — nach Gesetzen, 
die mit den Rechtsanschauungen der letzteren, mit ihrer Vernunft 
und Unvernunft nichts zu thun haben. 

Wie man solcherweise fälschlich die heutige unzweckmässige Lohn- 
ordnung nicht auf Willkür, sondern im Wesentlichen auf Gesetzgebung 


*) A. a. O. S. 33. 

**) A. a. 0. S. 156. 

***) A. a. O. S. 138. 


138 


und wirtschaftliche Institutionen zurückführt, so irrt man bei der so- 
cialistischen Rechtstheorie weiter darin, dass die Besserung jener Ord- 
nung, die Entstehung von Gerechtigkeit als lediglich auf Rechts- 
vorschriften, auf Gesetzlichkeit angewiesen erachtet, die Willkür, das 
ohne Folgsamkeit gegen Gesetz oder Sitte wirksame Wollen, dagegen 
als Rechtsgrundlage ohne weiteres verworfen wird. Man gründet 
seine Besserungshoffnungen auf eine „ objektive, nach mechanischen 
aber sichern Regeln wirkende Gerechtigkeit,“*) auf „die gleichmässige 
sichere Durchführung der einmal für alle gleichmässig festgestellten 
Regeln“.**) In solcher Weise wird bei den socialistischen Rettungs- 
theorien die Entstehung des Gerechten vorgestellt. Man präsumiert hier 
ohne zureichende Beweisführung, dass die Willkür stets auf Ungerech- 
tigkeit, auf unzweckmässiges Lohnen und Strafen sich richte, in diesem 
Punkte unverbesserlich sei. Man giebt jenen blinden Egoismus, der 
in Verkennung der obwaltenden vernünftigen Interessen die Persön- 
lichkeitsbehandlung ohne weiteres nach der Wohlfeilheit der ange- 
botenen Ware und ähnlichem einrichtet, für etwas mit der Menschen - 
natur untrennbar Verbundenes aus, erklärt es wegen dieser Unvernunft, 
deren Anerziehung als unvermeidlich vorausgesetzt wird, für aus- 
geschlossen, dass Willkür die Quelle der rationellen Gesellschaftsordnung 
sein könne. Da wird dann z. B., wie bei Marx, gefolgert, dass die 
„Konzentration des Besitzes“ ein „immanentes Gesetz“ sei; man 
gründet seine Schlussfolgerungen ohne weiteres auf die Annahme des 
Vorhandenseins „ökonomischer Entwickelungsgesetze“ , wie sie in 
Wirklichkeit nur in einer Gesellschaft unvernünftiger, des Social- 
verständnisses und der Gerechtigkeit ermangelnder Individuen unter 
Umständen Geltung haben, keineswegs aber etwas den „mensch- 
lichen Verhältnissen“ als solchen Immanentes sind, vielmehr in einer 
Gesellschaft gerechter Menschen ohne Schädigung des Gemeinwohls***) 
unerfüllt gelassen werden. Man treibt dort „historische Beweisführung“ 
unter Zugrundelegung der Annahme, dass eine Änderung der in der 
Gesellschaft herrschenden Motive und Tendenzen, mögen diese auch 
noch so unvernünftig sein und unter den veränderten Lebens- 
bedingungen noch so schädlich wirken, noch so sehr gegen das ver- 


*) Schmoller, Über einige Grundfragen etc., S. 45. 

**) Schmoller, Zur Social- und Gewerbepolitik, S. 234. 

***) Auch der arbeitsteilige Grossbetrieb, soweit er in überwiegendem 
Masse dem Wohlbefinden der an der Gesellschaft beteiligten Individuen 
förderlich sein kann, hat, wie aus dem früher (S. 87) Gesagten hervorgeht, 
in einer gerechten Gesellschaft trotz des Privatkapitalismus keine Lohn- 
übermässigkeit der Kapitalisten, keine Ausbeutung, keine Verelendung zur 
Folge. Es zeigt sich hier, dass sich die Verelendung nicht „gesetz- 
massig“, programmmässig entwickelt, vielmehr in ihrem Sein und Nicht- 
sein von den in der Gesellschaft herrschenden Rechtsanschauungen ab- 
hängig ist. 


139 


nünftige Interesse der Beteiligten verstossen, nicht in Frage kommt. 
Man argumentiert ohne weiteres mit einer „ historischen Entwickelung*, 
die thatsächlich nur bei dem unveränderten Fortwirken bestimmter 
seit längerer Zeit herrschender Motive und Tendenzen angenommen 
und zum Beweis herangezogen werden darf. Mit einer die heutige 
schädliche Entwickelung verhütenden Gerechtigkeit der Individuen, 
der Privatleute wird nicht gerechnet. Dass es „irgend ein Mittel 
gegeben hätte, die natürliche Entwickelung des Privatkapitalismus 
zu verhindern, die dahin führt, dass der kleine Kapitalist von dem 
grösseren erdrückt wird“, wird z. B. von Bellamy*) ohne weiteres 
geleugnet. Für ihn sind und bleiben die Teilhaber der privat- 
kapitalistischen Gesellschaft auf alle Fälle blinde Kapitalistenzüchter. 
Es wird hier einfach der Individualismus mit dem Mammonismus 
identificiert. 

In solcher Weise irrt man bei den socialistischen Bettungs- 
bestrebungen über Wesen und Quelle der zweckmässigen und der 
unzweckmässigen Lohnordnung, legt man den socialistischen Forde- 
rungen eine mangelhafte Gerechtigkeitsvorstellung zu Grunde. 

Woher nun rührt die irrige Gerechtigkeitsvorstellung? Wie 
kommt es, dass die Frage „Was ist gerecht?“ eine derartige, von 
der unserigen abweichende Beantwortung gefunden hat? 

Die irrige Vorstellung von dem, was gerecht ist, ist 
das Ergebnis einer falschen Forschungsmethode. Die Er- 
mittelung des zweckmässigen, zufriedenheitsdienlichen Behandlungs- 
massstabes ist hier nicht auf dem Wege betrieben, den wir oben 
eingehalten haben. 

Man geht bei den socialistischen Bestrebungen von gewissen Ge- 
rechtigkeitsanschauungen aus, die ohne weiteres der in einem gewissen 
Kreise herrschenden Meinung entlehnt, aus der Sprachweise dieses 
Kreises herausdefiniert sind. „Wir fordern,“ heisst es da, „dass die 
Komplexe von Kegeln der Sitte und des Kechts, welche Gruppen 
zusammen arbeitender und zusammen lebender Menschen nach be- 
stimmten Seiten hin beherrschen, in ihren Kesultaten mit denjenigen 
Idealvorstellungen der Gerechtigkeit im Einklang bleiben, welche auf 
Grund unserer sittlichen und religiösen Vorstellungen die heute 
herrschenden oder zur Herrschaft gelangenden sind. “ **) Man wendet 
sich an den „Genius der Sprache“, um zu erfahren, was gerecht ist. 
Es wird hier präsumiert, dass die in dem fraglichen Kreise ererbte 
Vorstellung die richtige, die zweckmässige sein müsse. Bei dieser 
Unvorsichtigkeit verfällt man dann auf Gerechtigkeitsanschauungen, 
die unter anderen Lebensbedingungen sich entwickelt haben, den 


*) Gleichheit, S. 397. 

**) Schmoller, a. a. O. S. 240. 


140 


heutigen Voraussetzungen des individuellen Daseins und Glücklich- 
seins nicht angepasst sind. 

Auf solche Weise kommt in der socialistischen Kettungstheorie 
eine Grundanschauung von der Gerechtigkeit zur Geltung, die einer 
früheren Zeit entstammt, in der — wie in der Zeit des Köhler- 
glaubens — die Nützlichkeit der Gesellschaft von geringerer Bedeu- 
tung und Schädlichkeit weniger zu befürchten w r ar, in der ferner 
Ungerechtigkeit weniger in Frage stand und von geringerer Trag- 
weite sich erwies. In einer solchen Zeit, in der es keine sociale 
Frage im heutigen Sinne gab, in der die Nützlichkeit der Gesell- 
schaft, soweit sie zur Abwehr von Unzufriedenheit erforderlich war, 
unter beschränkten Verkehrsverhältnissen ohne viel Schwierigkeit 
und ohne allgemeine Erörterungen im täglichen Leben zur Ent- 
wickelung gebracht wurde, — in einer solchen Zeit hatte die Be- 
schäftigung mit der Gerechtigkeitsfrage einen ganz anderen Zweck 
und einen ganz anderen Inhalt, als es heute angesichts der jetzigen 
Lebensbedingungen und Missstände der Fall ist. In jener Zeit mochte 
die betreffende Frage gegenüber den damals allein auf der Tages- 
ordnung stehenden Problemen zweckmässig dahin beantwortet werden, 
es sei eine gleichförmige, nur einige wenige Nützlichkeitsbeziehungen 
kultivierende Persönlichkeitsbehandlung gerecht; für gerecht, für 
zweckmässig mochte man in Anbetracht der damals die gemeinsame 
Gedanken- und Sprachbildung beherrschenden Zwecke — unter denen 
etwa der siegreiche Kampf des eigenen Volkes gegen andere Völker 
und ähnliche politische Interessen die hervorragendste Bolle spielten 
— etwas halten, was der einheitlichen, gesetzlichen Regelung in allen 
Teilen zugänglich sei. Die unter solchen Umständen entwickelte 
herrschende Gerechtigkeitsanschauung ist dann ohne weiteres als 
Massstab zweckmässiger Persönlichkeitsbehandlung den socialistischen 
Bestrebungen zu Grunde gelegt, sie bildet den Grundstock der frag- 
lichen Rechtsvorstellung.*) 

Man gelangt bei dieser Methode zu der Annahme, dass bei der 
Gerechtigkeit ein Gleichmässigkeitsinteresse den Ausschlag gäbe, dass 
unter allen Umständen, gegenüber allen Aufgaben des socialen Lebens 
eine gewisse Gleichförmigkeit der Behandlung das Richtige sei. Man 
nimmt auf Grund der überkommenen Begriffsentwickelung an, das 
Gerechte sei etwas der klassenmässigen Abgrenzung fähiges. Auf 
diese Annahme gründet sich dann die Vorstellung, die in der Gesell- 
schaft erforderliche Gerechtigkeit könne Staats- und Amts- 
gerechtigkeit sein, die rechte, die zweckmässige Behandlungs- 

*) Bei Bellamy ist vielfach zu beobachten, wie er sich die rechte 
Gesellschaftsordnung nach Art der rechten Heeresordnung vorstellt. Er 
exemplifiziert zur Erklärung der Gerechtigkeit seines Idealstaates sehr gern 
auf militärische Organisation und Soldaten tugend. 


141 


Ordnung könne allgemein oder doch in weitem Umfange durch Er- 
mittelung und Ausführung von Gesetzen, von gemeingültigen Rechts- 
wahrheiten verwirklicht werden. Im Anschluss an die ererbte 
Gerechtigkeitsvorstellung präsumiert man, dass die Kunst der Rechts- 
findung — die ars boni et aequi — in der Ermittelung gemein- 
gültiger, unveränderlicher Rechtswahrheiten bestehe und von dem 
Staate, von dem Träger des Einheitswillens der Gesellschaft erfolg- 
reich ausgeübt werden könne. Man gelangt hier zu einer Über- 
schätzung des jenem Einheitswillen entstammenden Rechtsdogmas, 
nimmt ohne zureichende Begründung an, dass auch auf dem Gebiet 
der Güterverteilung die Staatsweisheit dem beschränkten Unterthanen- 
verstand überlegen sei. Während wir davon ausgehen, dass das von 
uns gekennzeichnete Gerechte nicht Gegenstand des Social willens, 
sondern nur Gegenstand des Privatwillens sein kann, lässt die hier 
in Rede stehende Definitionsmethode die Vorstellung auf kommen, eine 
socialisierte Güterverteilung könne wirklich gerecht, der Staat könne 
Träger jener constans et perpetua voluntas sein, die einem jeden das 
Seine zukommen lässt. Auf jenem Wege der Gerechtigkeitsforschung 
stellt sich die Annahme ein, dass dem einzelnen in der Gesellschaft 
das gerade für ihn jeweils Erforderliche auch dann zu teil wird, wenn 
er nicht in der Lage ist, andere durch private Güterverteilung zu 
beeinflussen, dass also mit seinem Wohlbefinden die Socialisierung der 
Güterverteilung so wenig kollidiert, wie etwa bei gewissen von jeher 
der einheitlichen Leitung und Regelung unterworfenen Aufgaben die 
obwaltenden vernünftigen Interessen mit der Staats- und Amts- 
gerechtigkeit in erheblichen Konflikt geraten sind. 

Auf solche Weise erklärt sich denn schliesslich die Thatsache, 
dass das Socialisieren, die Unterwerfung der Güterverteilung unter 
den Gesellschaftswillen ohne weiteres für einen Akt der Gerechtigkeit 
ausgegeben wird, durch die man die sociale Frage lösen, die Un- 
zufriedenheit beseitigen möchte. 

Es mangelt sonach bei der social istischen Rechts- 
grundlegung an jener Selbständigkeit der Zweckmässig- 
keitsbegründung, die wir oben als ein notwendiges Requisit 
der gegenüber der Gerechtigkeitsfrage einzuhaltenden Methode be- 
zeichneten. Man verlässt sich hier in Sachen der socialen Frage 
auf eine hergebrachte, den Staatswillen als Rechtsquelle betrachtende 
Gerechtigkeitsanschauung. 

Aber nicht nur bei der Ermittelung jenes Grundstockes der 
Gerechtigkeitsvorstellung geht man hier unvorsichtig zu Werke, auch 
die Ergänzung jenes Grundstockes, der Ausbau, die Erweiterung 
jener Grundanschauung zu der speziellen Gerechtigkeitsvorstellung, 
die dem einzelnen Zweige der socialistischen Theorie eigen ist, voll- 
zieht sich auf irrigen Wegen, gründet sich nicht auf die von uns 


142 


als notwendig bezeiclinete unbefangene Zvveckmässigkeitsbeobachtung. 
Man verfällt bei jener weiteren Ausmittelung des Gerechten einer 
irreführenden Einseitigkeit. Auf solche Weise ist jene Vorstellung 
zu Wege gebracht, bei der lediglich in der Befriedigung vorhandener 
Bedürfnisse der Zweck erblickt wird, durch dessen Erfüllung das 
Gerechte gekennzeichnet sei, bei der man diejenige Persönlichkeits- 
behandlung für zweckmässig erklärt, bei der gewisse Bedürfnisse der 
Behandelten, die man etwa als die vernünftigen bezeichnet, Befrie- 
digung finden. 

Nur die eine Wirkung der momentanen Befriedigung wird hier 
als Kennzeichen des Gerechten, als Charakteristikum der verlangten 
Lohnmittelverteilung betrachtet. Man präsumiert hier etwa einfach, 
dass lediglich die Nichtbefriedigung gewisser allgemeinerer Bedürfnisse 
als Unzufriedenheitsursache in Betracht komme. Es haben die 
Anhänger dieser Theorie nicht Klarheit über die wirklichen Vor- 
bedingungen der Zufriedenheit erlangt; man ist sich hier der von 
uns beobachteten Erziehungsnotwendigkeit, der wirklichen Bedeutung 
der Nützlichkeit der Gesellschaft nicht bewusst geworden. Man hat bei 
der eingehaltenen Methode verabsäumt, den Erziehungserfolg der Be- 
handlung, der Lohnmittelverteilung in Anschlag zu bringen. Man be- 
achtet hier — wie so vielfach in der Volkswirtschaftslehre — nicht, 
dass die Güter nicht lediglich Produktions- und Befriedi- 
gungsmittel, sondern auch Erziehungsmittel darstellen und 
auch als solche — zumal in unserer Zeit, in der der Lebenswert in 
so hohem Masse durch das Vorhandensein nützlicher Kultur, zweck- 
mässiger Gesellschaftserziehung bedingt ist — notwendiger Weise 
richtig verwertet werden müssen. 

Man berücksichtigt hier bei der Gerechtigkeitsforschung nicht 
jenen indirekten Einfluss, den die Güterverteilung als erzieherische 
Persönlichkeitsbehandlung ausübt. Der Wert einer der rechten Ge- 
sellschaftserziehung dienlichen Güterverteilung wird hier nicht in Be- 
tracht gezogen, die sociale Frage nicht in ihrer Eigenschaft als Gesell- 
schaftserziehungsproblem erkannt. Die Verwendung der Güter als 
Erziehungsmittel wird etwa für überflüssig gehalten, nicht als Lohn- 
ordnung, sondern nur als Befriedigungsordnung glaubt man in Sachen der 
socialen Frage die Verteilungsordnung behandeln zu sollen. Hier kommt 
dann bei dem Aufbau der Gerechtigkeitsvorstellung die Präsumtion 
zur Geltung, die Beseitigung der auf Erziehung abzielenden Ver- 
teilungsordnung überhaupt vertrage sich mit der Gerechtigkeit, die 
man der socialen Frage gegenüber anruft. 

Statt der von uns gekennzeichneten Gesellschaftserziehung wird 
bei dem Aufbau der socialistischen Gerechtigkeitsvorstellung als 
Kriterium der rechten Verteilungsordnung vielfach lediglich der 
Zweck ins Auge gefasst, dass die Gesellschaftsteilhaber mit möglichst 


143 


wenig Arbeitsaufwand möglichst viel produzieren. Die auf diesen 
Zweck am besten zugeschnittene Güterverteilung identifiziert man 
ohne weiteres mit der Gerechtigkeit, deren es zur Abwehr der heutigen 
Unzufriedenheit bedarf. Man präsumiert hier ohne zureichende Be- 
gründung, dass der Zustand der Produktion die entscheidende Un- 
zufriedenheitsursache sei, dass Fürsorge für ertragsreiche Produktion und 
Fürsorge für die fehlende individuelle Zufriedenheit Zusammenfalle. 
Die sociale Frage, in der man ein Gerechtigkeitsproblem erblickt, 
wird bei dieser Methode als ein Produktionsproblem behandelt. Nicht 
die Mehrung des Menschenwertes, nicht die Hebung der Gesamt- 
nützlichkeit der Individuen für einander gilt hier als der entscheidende 
Zweck; man glaubt auch ohnedies, auch bei weiterem Niedergang 
jener von uns gekennzeichneten Gesamtnützlichkeit das Gemeinwohl 
retten zu können, wenn nur eine bessere Produktionsweise Platz 
greift. Man präsumiert ohne genügende Beweisführung, dass die 
möglichst grosse Arbeitsersparnis unter allen Umständen in über- 
wiegendem Masse dem Wohlbefinden der an der Gesellschaft beteiligten 
Individuen förderlich, niemals nur um einen zu hohen Preis er- 
kaufbar sei, niemals mit überwiegend schädlichen Begleiterscheinungen 
und Folgen sich verbinde. 

Auf diesem Wege beweislosen, beobachtungsarmen Präsumierens 
gelangt man etwa dahin, als eine Forderung der Gerechtigkeit, der 
zweckmässigen Gesellschaftsordnung die Ersetzung der Privatproduktion 
durch die Socialproduktion, des Privatkapitalismus durch den Social- 
kapitalismus zu betrachten. Man geht davon aus, dass die Indivi- 
dualisierung der Produktion die Ursache der heutigen Lebens- 
entwertung bildet und gründet auf diese Annahme die Gerechtig- 
keitsvorstellung , in deren Namen die Socialisierung der Produktion 
verlangt wird. Als Gerechtigkeit erscheint hier der Gemeinbesitz 
der Produktionsmittel und etwa die Verteilung der sonstigen Lohn- 
werte nach Verhältnis der Produktionsleistung des einzelnen. 

Der gleiche Beobachtungsmangel kommt beispielsweise auch 
bei jener in manchen socialistischen Bestrebungen wirksamen Ge- 
rechtigkeitsvorstellung zur Geltung, bei welcher man die Zweckmässig- 
keit der Behandlung in deren Gleichheit erblickt, nach welcher es 
gerecht erscheint, dass alle die gleiche Lohnmittelquote erhalten. 
Hier geht man bei Beurteilung der heutigen Missstände und ihrer 
Ursachen von der Annahme aus: „nichts anderes ist schuld daran 
als die ungleiche Verteilung des Besitzes“*) und gründet auf diese 
Präsumtion die Vorstellung von der erforderlichen Gerechtigkeit. Ein 
Hauptvertreter dieser Gerechtigkeitsauffassung ist Bellamy. Er 
bezeichnet in seinem „Rückblick aus dem Jahre 2000“ das „Prinzip der 


*) Bellamy, Gleichheit S. 166. 


144 


materiellen Gleichstellung aller als „die allein humane und vernünftige 
Grundlage der Gesellschaft.“*) Er argumentiert dabei : „Der Rechtstitel 
des einzelnen auf die gleiche Güterquote ist sein Menschentum. Sein 
Anspruch ruht auf der Thatsache, dass er ein Mensch ist.“ Das heisst 
mit anderen Worten: Der gleiche Anspruch eines jeden auf die 
Leistungen der Mitmenschen ist deshalb richtig, deshalb gerecht, weil 
der Betreffende — er mag im übrigen sein, wer er wolle, — eben 
Mitglied der menschlichen Gesellschaft, ein Zeitgenosse jener übrigen 
auch als Menschen bezeichneten Wesen ist.**) 

In dem einen wie in dem anderen Falle fehlt der bei Aus- 
mittelung der socialis tischen Gerechtigkeitsvorstellungen 
eingehaltenen Methode ein unbefangenes gründliches Über- 
denken der wirklichen Zwecke, denen die Persönlichkeits- 
behandlung zu dienen hat, und der Art und Weise, wie sie 
diesen Zwecken zu genügen vermag. Man hat die zu Grunde 
gelegte Gerechtigkeitsvorstellung zu wenig durch die Frage kontroliert : 
Warum ist denn nun die in Vorschlag gebrachte Persönlichkeits- 
behandlung zweckmässig? Entspricht sie wirklich den in Sachen der 
individuellen Zufriedenheit massgeblichen Zwecken? 

Wo aber bei Begründung der socialistischen Rechts- und Ret- 
tungstheorien nach Zwecken gefragt ist, da hat man nicht jene 
mannigfaltigen und wechselvollen Erfordernisse des Daseins und des 
Glücklichseins von Ichmenschen, von sonderartsreichen Persönlich- 
keiten in’s Auge gefasst, die wir oben als einzig massgeblich be- 
zeichneten. Die socialistische Methode irrt darin, dass sie 
die Bedeutung des Individuellen bei der Zweckmässigkeits- 
frage unterschätzt, mit Typen, mit individualitätsarmen 
Normalmenschen ihre Rechnung anstellt, wo in Wirklichkeit 
nur das Ich mit seiner unendlichen Mannigfaltigkeit vorhanden ist 
und als Gradmesser aller Zweckmässigkeit eine entscheidende Rolle 
spielt. Man legt bei dem Aufbau der Gerechtigkeitsvorstellung nicht 
die Erkenntnis zu Grunde, wie für die zweckmässige Persönlichkeits- 

*) Bellamy bezeichnet (Gleichheit S. 874) als „das Hauptstück des 
ganzen Programms“ die „gleiche Verteilung von Arbeit und Besitz“. Ihm 
kommt es darauf an (a. a. O. S. 86), „die wirtschaftlichen Verhältnisse 
mit der Hauptsache, dem gleichen Wert aller Menschen, in Einklang zu 
bringen“. Er präsumiert (a. a. O. S. 241), „dass die gleiche Verteilung 
der Güter unter alle Glieder der Gesamtheit nicht nur die Produktions- 
kraft aufs höchste steigert, sondern auch die grösste Summe von Menschen- 
glück erzeugt“. Nur jene Gleichheit, nimmt er an (a. a. O. S. 25), „giebt 
die notwendige und einzig genügende Bürgschaft für die Sicherung unserer 
drei Geburtsrechte, auf Leben, Freiheit und Glück“. 

**) Bellamy (a. a. O. S. 115) ist der Meinung, „dass es der Mühe 
nicht lohnen würde, die verschiedenen Leistungen und Ansprüche an das 
Gesamtvermögen abzuschätzen, auch wenn es möglich wäre, sie annähernd 
richtig zu berechnen“. 


145 


behandlung jenes Individuelle von entscheidender Bedeutung ist, das bei 
einer Güterverteilung lediglich nach dem Bedürfnis oder nach dem Arbeits- 
quantum des Güterempfängers keineswegs zu seinem Rechte kommt. 

Das etwa sind die methodischen Mängel, die zur Entstehung 
der den socialistischen Rettungsvorschlägen zu Grunde liegenden 
Gerecht]’ gkeits Vorstellungen Anlass geben. 

Woher rühren diese Mängel? Wie kommt es, dass bei der Aus- 
mittelung eines zweckmässigen Behandlungsmassstabes in solcher Weise 
der rechte Weg verfehlt wird? 

Die unzulängliche, irreführende Methode, die man 
gegenüber der Gerechtigkeitsfrage einschlägt, ist das Er- 
gebnis einer gewissen in unserer Gesellschaft herrschenden 
Erziehungsart. Die betreffende Erziehung giebt Anlass dazu, dass 
man sich damit begnügt, den Grundstock der Gerechtigkeitsvorstellung 
einfach von anderen zu entlehnen, die weiteren Eigenschaften des Be- 
handlungsmassstabes ohne die erforderliche gründliche Zweckmässigkeits- 
kritik ausmittelt und die Bedeutung des Individuellen dabei verkennt. 

Man entlehnt von früheren Generationen die Vorstellung von 
dem Gesetzescharakter des Rechts, von der Gleichförmigkeit und 
Starrheit der zweckmässigen Ordnung, weil man zu einem Glauben 
an das Hergebrachte, an die Zweckmässigkeit des Traditionellen er- 
zogen worden ist. Es wird in unserer Gesellschaft das Urteil dahin 
beeinflusst, dass der Einzelne mehr oder minder zu der Meinung 
gelangt, es gäbe unwandelbar zweckmässige, richtige Vorstellungen 
und Gebräuche, ein für allemal feststehende Wahrheiten dieser Art. 
Man pflegt auch einen Bewusstseinszustand, in welchem ohne eigenes 
Zweckmässigkeitsurteil der Einzelne den überkommenen Begriffen und 
Sitten nachachtet, von denen man annimmt, dass sie für alle Zeiten, 
für alle Umstände etwas wirklich rechtes vorschreiben. Man be- 
trachtet diese für gemeingültig gehaltenen Vorstellungen und Vor- 
schriften etwa als den Ausdruck eines höheren unwandelbaren 
Willens, in dessen Erfüllung der Lebenszweck aller als Menschen 
bezeichneten Wesen erblickt wird, verbreitet die Lehre von einer 
starren, sich gleichbleibenden göttlichen Rechtsordnung, die keine 
wandelbaren Rechtsvoraussetzungen und keinen Wandel der Rechts- 
gebote kennt. 

In solcher Weise wird das Traditionelle in den Ruf des Zweck- 
mässigen gebracht oder gar geheiligt, der Beurteilung, der Kritik 
entrückt. Schon das Interesse der älteren Generation, die als Lehrerin 
der jüngeren auftritt, neigt dahin, den eigenen, der Vergangenheit 
angepassten Erfahrungsstand einfach für das einzig Wahre zu halten 
und zu Grunde zu legen. Da ist es dann um so erklärlicher, dass die 
neuen Lebensbedingungen bei der erzieherischen Fortpflanzung der 
Zweckmässigkeitsvorstellungen weniger Beachtung und Berücksichtig- 

Bischoff, Echte und falsche Gerechtigkeit. 10 


146 


ung finden. Es bildet sich in der Erziehung eine Vererbung von 
Vorstellungen heraus, der stillschweigend die Annahme zu Grunde 
gelegt ist, als ob die Lebens- und Glücksbedingungen in der mensch- 
lichen Gesellschaft unwandelbar seien.*) 

Aber nicht nur dieser allgemeine Charakter der Erziehung 
trägt zur Entstehung jener unzulänglichen Forschungsmethode bei. 
Insbesondere kommt zur Erklärung der letzteren in Betracht die 
Art und Weise, in der sich die heutige Erziehung gerade mit der 
Gesetzesvorstellung befasst. Das Gesetz wird als das Recht, als 
das Zweckmässige hingestellt; man predigt den Gesetzesinhalt als ein 
Rechtsdogma. Der Ursprung des Gesetzeswillens wird auf den Träger 
der höchsten Weisheit zurückgeführt, sei es dass man in ihm die vox 
populi oder die Entscheidung eines durch Gottes Gnade erkorenen 
Volksführers verehrt. Die Wahrnehmung des Herrschaftsinteresses, 
auf die unsere Erziehung mit abzielt, die dabei erforderliche Pflege des 
Autoritätsbewusstseins bringt leicht eine solche Beeinflussung der Vor- 
stellungen mit sich. Einfluss und Wert der rechtlichen Institutionen 
werden hier im Vergleich zu dem der individuellen Willkür sehr hoch 
veranschlagt und in diesem Sinne geschildert. Im ganzen bringt dann 
diese Unterthanener ziehung die Vorstellung von dem Gesetzes- 
charakter des Rechts zuwege, nährt sie den Glauben, dass die 
Gerechtigkeit auf der Gesetzesgrundlage aufgebaut- werden könne, 
nicht dagegen auf Willkür sich gründen lasse. Man lernt die Gerechtig- 
keit — die „Justiz“ — lediglich als eine Befolgung von Gesetzen, 
als eine Verwirklichung genereller Vorschriften würdigen. 

Weiter fehlt es bei der fraglichen Erziehungsart an einer Pflege 
der Selbständigkeit. Nicht wird hier das Selbstbewusstsein gestärkt, 
nicht zur Selbsthilfe angespornt. Dem Unterthanen führt man vor 
allem seine Unselbständigkeit, seine Abhängigkeit zu Gemüte, es 
wird ihm die Vorstellung erweckt, dass er mit seinem beschränkten 
Verstände zu origineller Rechtsanschauung doch nicht fähig sei. Man 
regt hier nicht an zum selbständigen Forschen, sorgt nicht für Ur- 
teilsschulung und Rechtskritik; es überwiegt die Gedächtnispflege, die 
Dressur. Da kommt dann die geschulte eigene Beobachtung von 
Folge und Wirkung in Fortfall; Befangenheit und Vorurteil stellen 
sich dem Forschen hindernd in den Weg. 

Diese Unselbständigkeitserziehung hat zur Folge, dass jene 
Kritiklosigkeit sich einstellt, die bei der Ausfindung der weiteren 


*) Man präsumiert, dass Sitte und Sittentreue überall zweckmässig 
sei. Man erblickt in dem Guten etwas Sittliches oder identifiziert über- 
haupt beides, während in sehr vielen Fällen das Gute thatsächlich nicht 
Inhalt von Sitte und Sittlichkeit sein kann und geheiligte Gepflogenheiten 
thatsächlich sehr wohl schlecht sein und schädlich wirken können. Es 
herrscht hier eine Überschätzung der Moral und ihrer Zweckmässigkeit. 


147 


Eigenschaften, mit denen man bei den socialistischen Rechtstheorien 
die überkommene Gerechtigkeitsvorstellung ergänzt hat, eine Rolle 
spielt. Sie giebt Anlass dazu, dass man hier vergisst, den Kultur- 
effekt, die Erziehungsfolgen der Persönlichkeitsbehandlung zu über- 
denken und bei Ermittelung der Zweckmässigkeit in Rechnung zu 
ziehen. Sie bringt es mit sich, dass man bei der betreffenden Zweck- 
mässigkeitsprüfung der Unbefangenheit, des klaren Blickes ermangelt, 
statt dessen mit Einseitigkeit und unvorsichtigen Präsumtionen zu 
Werke geht. 

Dieser Mangel an Unbefangenheit und kritischer Aufmerksam- 
keit tritt auch bei der erwähnten Nichtachtung des Individu- 
ellen zu Tage und erweist sich auch hier als eine Folge heutiger 
Erziehungsart. Im Rahmen unserer Schuldoktrin kommt das Indi- 
viduelle mit seiner rechtsbestimmenden Bedeutung nicht zur Geltung, 
spielt es eine ihm nicht gebührende untergeordnete Rolle. Da sieht 
sich alles so gleichmässig an, da herrscht Abstraktion, da wird mit 
Typen und Durchschnittsfällengerechnet. Das dient dem Lehrinteresse ; 
für den Lehrenden und den Lernenden ist es offenbar am förder- 
lichsten, wenn er nur mit Gleichförmigem und Gleichbleibendem zu 
thun hat. Eine Vereinfachung von Vorstellungen in diesem Sinne 
kann, wie schon im ersten Abschnitt unserer Erörterungen hervor- 
gehoben wurde, unter Umständen gewiss nützlich und ohne Schaden 
sein — das Bedenkliche aber ist, dass daneben versäumt wird, darauf 
hinzuweisen, wie das schulmässige System, die schulgerechte Definition 
nur etwas zu Lehrzwecken Erfundenes ist, keineswegs aber mit der 
wirklichen Welt in eins zusammenfällt, dass über dem Studium des 
Abstrakten das Verständnis für Wesen und Bedeutung des Konkreten 
unentwickelt bleibt und sich verliert. Dieser Umstand, diese Ver- 
wirklichung des Wortes „non vitae, sed scholae discimus“ giebt mit 
Anlass zu jener Unterschätzung des Individuellen, die bei Entstehung 
der socialistischen Gerechtigkeitsanschauungen zur Geltung kommt. 
Auf Grund jener Schulerziehung proklamiert man in Sachen der 
Gerechtigkeit den Grundsatz: „Der Mensch muss nach seinen Denk- 
gesetzen das Mannigfaltige zur Einheit zusammenfassen und damit 
einheitlichen Massstäben unterwerfen“.*) 

Die Tendenz, die Individualität zu missachten, Gleichförmigkeit 
als das Berechtigte anzuerkennen, hat aber in manchen Kreisen noch 
eine andere Unterlage. Gewisse naturwissenschaftliche Entdeckungen 
haben dahin geführt, in grossen Kreisen die Vorstellung zu erwecken, 
es habe sich das menschliche Individuum im Laufe der Zeit aus dem 
tierischen entwickelt. Man gelangt bei dieser Vorstellung dann da- 
hin, den Unterschied zwischen menschlichen und tierischen Eigen- 


*) Schmoller, a. a. O. S. 245. 


10 * 


148 


schäften als nur gering zu präsumieren und zu unterschätzen. Auf 
diesem Wege stellt sich auch die Anschauung ein, dass eine mensch- 
liche Gesellschaft, ein Zusammenleben von menschlichen Persönlich- 
keiten im Wesentlichen ähnlich sei dem Zusammenleben von 
Exemplaren einer bestimmten Tierart. Man misst der bestimmten 
menschlichen Gesellschaft in dieser Weise mehr oder minder einen 
Viehherdencharakter bei. 

Da wird verkannt, dass das Zusammenleben von Menschen und 
insbesondere dasjenige, das zu den zweckmässigsten Leistungen, zu 
den grössten Fortschritten auf dem Wege der individuellen Lebens- 
und Glückserhaltung fähig macht, sich auszeichnet durch weitgehende 
bezw. weitgehendste Differenzierung seiner einander ergänzenden Teil- 
haber, durch grosse bezw. grösste Mannigfaltigkeit der Individualität. 
Man giebt sich der Vorstellung hin, als ob in der leistungsfähigsten 
heutigen Gesellschaft kaum mehr individuelle Sonderart vorhanden 
sei und zweckmässig sich erweise, als in einer Gruppe von Tier- 
exemplaren. In solcher Weise hat eine naturwissenschaftliche Rich- 
tung, die mit der Naturgeschichte der Arten, nicht aber mit der- 
jenigen der Individuen sich beschäftigte, indem sie falsch verstanden, 
einseitig gewürdigt wurde, mit dazu beigetragen, jene Unterschätzung 
des Individuellen ins Dasein zu rufen, ohne welche die socialistischen 
Rechtsvorstellungen sich nicht zu entwickeln vermöchten. 

Es stellt sich also in der einen wie in der anderen Beziehung 
die von den Urhebern der socialistischen Rettungstheorien bei Er- 
mittelung des zweckmässigen Behandlungsmassstabes eingehaltene un- 
zulängliche Methode als eine Folge heutiger Erziehungszustände 
heraus. Gewisse Erzieh ungs Vorgänge erscheinen schliesslich als 
die Ursache jener methodischen Irrtümer und ihrer Folgen, als die 
Quelle jener von unserer Definition abweichenden Ge- 
rechtigkeitsvorstellungen und der andiese sich anschliessen- 
den socialistischen Rettungstheorien und -tendenzen. 

Soviel über den Ursprung, über Aufbau und Grundlage des 
socialistischen Planes einer Lösung der socialen Frage. 

W elches nun sind die Folgen der socialistischen Tendenz? 

Dieser Frage gegenüber haben wir hier zunächst unseren Be- 
urteilungsstandpunkt zu präzisieren. 

Wenn wir hier nach den Folgen des Socialismus fragen, so 
handelt es sich dabei um die Beantwortung der Frage: Ist der 
Socialismus geeignet, die Lösung der socialen Frage zu bewirken? 
Dabei fragt es sich dann: Vermögen auf socialistischen! Wege die 
Ursachen der heutigen Unzufriedenheit beseitigt zu werden? Wie 
wirkt überhaupt der Socialismus auf die Entwickelung der Zufrieden- 


149 


heit ein, kennzeichnet sich seine Gerechtigkeit durch diese Wirkung 
als die echte, die zweckmässige, die dem individuellen Wohlbefinden, 
dem Gemeinwohl förderliche? 

Bei dieser Beurteilung der Folgen des Socialismus werden wir 
die thatsächlichen Vorbedingungen jenes individuellen Wohlbefindens 
zu beachten und zu fragen haben, wie sich die socialistische Rettungs- 
tendenz zu diesen Vorbedingungen und deren Erfüllung verhält. Da 
dürfen wir z. B. nicht auf der Voraussetzung fussen, es sei die Zu- 
friedenheit in der Gesellschaft schon dann gewährleistet, wenn man 
es dahin brächte, dass die Produktion bei möglichst weniger und 
möglichst bequemer Arbeit möglichst ergiebig sich gestaltete. Trotz 
dieses Produktionszustandes kann hochgradige Unzufriedenheit und 
Lebensentwertung herrschen. Die längere Arbeit und der geringere 
Warenvorrat ist am Ende noch nicht das grösste Übel, jener gegen- 
teilige Produktionsstand noch nicht das wertvollste Ideal der mensch- 
lichen Persönlichkeiten. Vieles andere fällt, wie ein jeder bei un- 
befangener Beobachtung sich vergegenwärtigen kann, für unser Ich 
mindestens ebenso schwer und unter Umständen noch viel schwerer 
ins Gewicht. Dass dieses andere, dass all’ das sonst zum individuellen 
Glück dienliche sich mit einem Produktionsparadies, in dem der 
einzelne etwa nur drei Stunden täglich zu arbeiten braucht, kom- 
binieren lässt, dürfen wir nicht ohne weiteres voraussetzen. Insofern 
will bei Erwägung des Glückszieles, im Verhältnis zu welchem wir 
den Erfolg des Socialismus beurteilen, eine vernünftige, die mensch- 
liche Wirklichkeit berücksichtigende Bescheidenheit beobachtet sein. 
Wir dürfen nicht einfach annehmen, dass mit der Erfüllung jener 
hochgespannten Produktionserwartungen sich auch das Vorhandensein 
der übrigen Glücks Voraussetzungen verbände, so dass also für die 
Menschen ein in jeder Hinsicht vollkommener Glückszustand in 
Fräge käme. 

Wir haben hier bei der Beurteilung der Wirksamkeit des Socia- 
lismus erst noch die Erfüllung der sonstigen Glücksvorbedingungen 
zu beachten und zu prüfen, ob mit letzteren jene ideale Produktions- 
weise vereinbar ist, ob jene Produktionsweise, wenn sie durchführbar 
wäre, also wirklich für die Individuen und ihre vernünftigen Inter- 
essen sich schickte. Wenn wir den Socialismus nach seinen Folgen 
bewerten, so beachten wir hier auch seinen Einfluss auf die von uns 
als erforderlich bezeichnete Gesellschaftserziehung, machen uns 
klar, wie sich unter jenem Einfluss der Wert, die Gesamtnützlichkeit 
der Individuen für einander entwickelt.*) Wir halten uns dabei 

*) Kautsky (a. a. 0. S. 160) meint: „Unsere Gegner hätten nur dann 
ein Recht, aus der Gleichheit der Einkommen auf die Undurchführbarkeit 
der socialistischen Gesellschaft zu schliessen, wenn es ihnen gelänge, nach- 
zuweisen, dass diese Gleichheit mit dem Fortgang der Produktion unter 


150 


gegenwärtig, wie die praktischere und bequemere Einrichtung der 
Arbeit, die Erhöhung des Produktionsertrags, die Minderung der 
Arbeitszeit u. s. av. unter Umständen sehr wohl der rechten Gesell- 
schaftserziehung förderlich zu sein vermag, aber mit dieser letzteren 
noch lange nicht identisch ist. Wir behalten im Auge, w T ie es 
bei der Pflege der rechten, vielseitigen Nützlichkeit der Individuen 
für einander darauf ankommt, dass der einzelne bei anderen, auf die 
er angewiesen ist, ein bestimmtes Interesse findet, das dahin führt, 
dass das Können und Wollen dieser anderen in einem für ihn, für 
seine Individualität nützlichem Sinne sich entwickelt. Dieses Interesse, 
das den einzelnen Mitmenschen für uns nützlich werden lässt, rufen 
Avir durch die Verwendung unserer Gunst und Ungunst ins Dasein, 
auf seine Erzeugung zielen wir bei unserer Gesellschaftserziehung ab. 
An jenem der Nützlichkeit der Menschen für einander zu Grunde 
liegenden Interesse und seiner Pflege fehlt es heute, dieser Mangel 
bildet die Quelle der bei der socialen Frage in Betracht kommenden 
Unzufriedenheit. Wir haben also hier bei Betrachtung der Folgen 
des Socialismus uns zu fragen, ob letzterer der Entstehung 
desjenigen Interesses, das zur Entwickelung der echten, 
allseitigen Nützlichkeit der Individuen für einander An- 
lass giebt, förderlich oder hinderlich ist. Wenn in dieser 
Beziehung der Socialismus wirkungslos ist oder gar schädlich Avirkt, 
dann ist er als Mittel zur Lösung der socialen Frage zu A T erwerfen, 
mag er nun eine im übrigen praktischere Produktionsweise mit sich 
bringen oder nicht. 

Soviel über den hier einzuhaltenden Beurteilungsstandpunkt. 

Als zufriedenheitsfördernd haben sich die socialistischen Be- 
strebungen bislang nicht erwiesen; die Verwirklichung der Verheissung, 
dass Friede herrschen und es den Menschen Avohl gefallen soll auf 
Erden, hat unter ihrem Einfluss noch keine sichtlichen Fortschritte 
gemacht. Die Behaglichkeit in der Gesellschaft, die Zufriedenheit 
der an letzterer beteiligten Persönlichkeiten ist nach Avie vor — trotz 
all’ des socialistischen Eifers — eher in der Abnahme als in der 


allen Umständen unvereinbar sei“. Unseres Erachtens genügte zur Be- 
gründung jenes Urteils schon der Nachweis, dass die Gleichheit mit der 
rechten, den Individualinteressen angemessenen Gesellschaftserziehung 
unvereinbar ist. Die entscheidende Frage bei der Beurteilung der socia- 
listischen Bestrebungen ist die, ob ohne privates Lohnen und Strafen, 
unter der Herrschaft socialisierter Güterverteilung eine Gesellschaft sich 
entwickelt, in der die einzelne Persönlichkeit mehr als jetzt die Vor- 
bedingungen ihrer Zufriedenheit, die Vorbedingungen des für sie jeweils 
angemessenen Wünschens und Geniessens erfüllt findet. Wenn nicht in 
dieser Weise dem Menschenglück, dem Gemeinwohl genützt Avird, dann 
sind die fraglichen auf die Lösung der socialen Frage abzielenden Be- 
strebungen mindestens Avertlos. 


151 


Zunahme begriffen. Die nützlichen Folgen des Socialismus, deren 
es zur Abwehr der Unzufriedenheit, zur Lösung der socialen Frage 
bedürfte, sind einstweilen nicht zu Tage getreten. 

Die Wirkung der socialistischen Rettungsbestrebungen zeigt sich 
dort, wo den betreffenden Plänen Verwirklichung beschieden ist. 
Sie würde am schärfsten hervortreten in dem Zukunftsstaat, der 
eine Verwirklichung jener oben erwähnten extremen socialistischen 
Forderung brächte, nach der die gesamte Lohnmittelverteilung ver- 
staatlicht werden soll. Wie verhält es sich mit der Zweckmässigkeit 
einer solchen neuen Gesellschaftsordnung? 

Der betreffende Zukunftsstaat, wie er z. B. auch bei einer Vergesell- 
schaftung der gesamten Produktion sich gestalten muss, kennzeichnet 
sich durch eine bestimmte Art der Gesellschaftserziehung. Die 
Züchtung der Nützlichkeit der Gesellschaftsteilhaber für einander 
vollzieht sich hier in anderen Bahnen als bisher. 

Die private Abhängigkeit des Einzelnen, vermöge deren letzterer 
erzieherisch beeinflusst werden konnte, ist in jenem Zukunftsstaat, in 
dem es, wie der socialdemokratische Wahlaufruf vom April 1898 
sagt, „keine Herrschaft des Menschen über den Menschen giebt“, 
beseitigt. Die Socialisten gehen irrtümlich davon aus, dass private 
Abhängigkeit und wirkliche Freiheit einander ausschliessen, und be- 
trachten die private Abhängigkeit des einen vom anderen ohne 
weiteres als schlecht und überflüssig,*) während sie in Wirklichkeit 
durchaus kein Übel zu sein braucht, vielmehr um der Kultur- und 
Giückszwecke willen erforderlich, im Verkehr vernünftiger Menschen 
unendlich nützlich, dem Gemeinwohl unendlich förderlich ist. Der 


*) Bebel (a. a. O. S. 6) plädiert dafür, „alle Schranken zu beseitigen, 
die den Menschen vom Menschen .... abhängig machen“, er ist (a. a. O. 
S. 234) der Ansicht: „Der Fortschritt der Menschheit besteht darin* alles 
zu beseitigen, was einen Menschen von dem anderen .... in Abhängigkeit 
und Unfreiheit erhält“. Bellamys Idealstaat ist bewohnt von Männern 
und Frauen, die „nie Furcht vor einem Nebenmenschen oder Abhängigkeit 
von seiner Gunst gekannt;“ es ist hier erreicht, „dass kein Individuum 
mehr von irgend einem anderen abhängig ist“ (Gleichheit, S. 336). „Die 
Wurzel alles Übels“, meint der genannte Autor (a. a. 0. S. 167), „war das 
System, welches gestattete, dass menschliche Wesen zu einander in ein 
Verhältnis von Herrschaft und Dienstbarkeit gerieten.“ Er behauptet 
(Rückblick, S. 213): „Dass irgend eine Person in ihren Mitteln zum Lebens- 
unterhalt von einer anderen abhängig sein sollte, würde das moralische 
Gefühl verletzen und auch auf Grund keiner vernünftigen Socialtheorie 
zu verteidigen sein“. „Nach unseren Ansichten“, heisst es an anderer 
Stelle (a. a. O. S. 71), „ist kaufen und verkaufen in allen seinen Folgen 
gesellschaftsfeindlich.“ „Dass man menschliche Wesen der Willkür ihrer 
Mitmenschen überlässt“, wird von Bellamy in solcher Weise scharf ver- 
urteilt. Er bezeichnet (Gleichheit, S. 481) als „eine der grössten Wohl- 
thaten, welche die wirtschaftliche Gleichheit dem Menschen gewährt, seine 
Befreiung von jeglichem Zwange“. 


152 


Erziehungseinfluss des Privatmannes auf seine Mitmenschen ist im 
Socialistenstaate dementsprechend lahm gelegt, die private Er- 
ziehung im Yer kehrsleben ist unterdrückt. Die in der Güter- 
verteilung gelegene gegenseitige Behandlung ist der Privatwillkür 
entzogen. Dem einzelnen fehlt es an der Möglichkeit, andere um 
seine Privatgunst konkurrieren zu lassen,*) sich auf solche Weise 
relativ nützliche Mitmenschen zu erziehen, das Können und Wollen 
der letzteren seinen Interessen gemäss zu beeinflussen. Die Mit- 
menschen sind hier Staatssöldlinge, die, wo die Bedürfnisbefriedigung 
in Staatsregie übernommen ist, von privater Gunst und Ungunst 
nicht berührt werden. Die öffentliche Arbeitsbesoldung und ähnliches 
ist zur einzigen Einkommensform geworden. Die Gunst des einzelnen 
Mitmenschen ist entwertet, wo von Staatswegen die Güter gemäss 
der als vernünftig approbierten Bedürfnisse oder nach sonstigem Staats- 
ermessen den Gesellschaftsteilhabern zur Verfügung gestellt sind und 
die Arbeit wie das Arbeitsprodukt des einzelnen vom Staate mit Be- 
schlag belegt ist. 

Die Sorge für relativ nützliche Mitmenschen ist dem 
Staate, d. h. der Gesellschaft als Trägerin eines Einheits- 
willens, überlassen, wo „die Kegierung selbst die Oberleitung des 
Wirtschaftssystems hat, nach welchem Arbeit und Unterhalt verteilt 
werden“.**) Staatliches Lohnen und Strafen tritt an die Stelle der 
jetzt im Verkehrsleben sich bethätigenden Privaterziehung. Auch mit 
dem Produktionsmonopol erhält der Staat von selbst ein solches Er- 
ziehungsmonopol und damit die Verantwortung für eine Entwickelung 
des Könnens und Wollens der Individuen, die dahin führt, dass die 
einzelne Persönlichkeit in der Gesellschaft bei den Mitmenschen je- 
weils dasjenige findet, was ihr gerade zu einem glücksdienlichen 
Wünschen und Gemessen verhilft; der Staat muss hier für die Motive 
sorgen, auf Grund deren sich jene Nützlichkeit der Individuen für 
einander entwickelt. Die Verantwortlichkeit für die zweckmässige 
Persönlichkeitsbehandlung ist solcherweise auf eine juristische Person 
übertragen, die natürlichen Personen, die verschiedenartigen Menschen, 
die mit ihrem Wohlergehen auf die Gesellschaft angewiesen sind, hat 
man in Sachen der Gesellschaftserziehung zur Unselbständigkeit ver- 

*) Bellamy (Gleichheit, S. 406) meint: „Die Kapitalisten haben das 
System des freien Wettbewerbs zerstört, stellt es nicht wieder her, sondern 
dankt ihnen dafür, dass sie die Arbeit gethan haben“. 

**) Bellamy, Gleichheit, S. 25. An anderer Stelle (Rückblick, S. 72) 
führt er aus: „Die Nation verbürgt die Ernährung, die Erziehung und den 
behaglichen Unterhalt eines jeden Bürgers, von der Wiege bis zum Grabe". 
Da nun, wie wir gesehen haben, das Wohlbefinden eines jeden in hohem 
Masse von einer bestimmten Eigenart der ihn umgebenden Persönlichkeiten 
und des Zusammenlebens abhängt, so muss also die „Nation" auch für 
diese sorgen. 


153 


dämmt. Sie sind entmündigt. Der Gesetzesdiener, der Vollstrecker 
des die Güterverteilung regelnden „Volks willens“, der hier das Lohnen 
und Strafen vornimmt, hat nach der ratio nicht zu fragen. In 
solcher Weise wird der einzelne nicht nur, soweit er der Ge- 
rechtigkeit — der Fähigkeit und Willigkeit zur rationellen Persönlich- 
keitsbehandlung — ermangelt, sondern auch dort, wo er, wenn man 
ihn gewähren liesse, Gerechtigkeit üben würde, als Unmündiger be- 
handelt. Für alle — für Gerechte und Ungerechte, für Vernünf- 
tige und Unvernünftige — heisst es hier: stat pro ratione voluntas. 
Ihre Vernunft hat im Einzelfalle nicht mitzusprechen, sie sind nicht 
Richter, nicht Rechtsfinder, sondern nur Nachrichter, Vollstrecker 
eines fremden Willens; dem privaten Rechtsurteil ist der Einfluss auf 
die jeweilige Lohnmittelverwertung abgeschnitten, das Lohnen und 
Strafen nach dem Urteil der Sachverständigen des Einzelfalles hört 
auf. Statt privater wirkt amtliche Wertbestimmung auf die Gestaltung 
der Verteilungsordnung und der in ihr gelegenen Persönlichkeits- 
behandlung ein. 

Nur auf dem Umwege über die Gesetzgebung wird die Ver- 
teilungsordnung hier von dem einzelnen beeinflusst. Unser Preis- 
richteramt ist beschränkt auf die Anteilnahme an Staatsaktionen, an 
der Bildung und Verwirklichung des Staatswillens. Die Grundzüge 
der Lohnverteilung werden etwa durch Majoritätsbeschlüsse fest- 
gelegt, das die Gesellschaftserziehung beherrschende Urteil tritt hier 
vielleicht in zusammengeschacherten Kompromissen zu Tage. Mit 
seiner wirklichen Sachkunde, seiner Kenntnis der Natur des Einzel - 
falles kommt dabei der Einzelne nicht zur Geltung, sondern nur als 
Teilhaber eines höchst oberflächlichen generalisierenden Rechtsurteils. 

In solcher Weise giebt da etwa das sogenannte allgemeine 
Wahlrecht das Fundament der Lohnordnung ab, wird diese Ordnung 
berührt durch Wahlumtriebe und deren Früchte. Der einzelne ist 
als Wähler wie als Erwählter zur Erfüllung eines Berufes verurteilt, 
zu dessen Ausübung er seiner Natur nach gar nicht befähigt ist: 
Er soll die rechte Verteilungsordnung in Gesetzesform, in Gestalt 
eines Einheitswillens der Gesellschaft beschliessen helfen, was ein 
Ding der Unmöglichkeit ist. Sein staatsbürgerliches Streben er- 
schöpft sich hier in nutzloser, unfruchtbarer Arbeit. 

Der, den man solcherweise zum Mitinhaber der Souveränität, 
zum Mitträger des Staatswillens macht, ist dabei nicht freier, sondern 
unfreier geworden. Dieser Mitbeherrscher des Volkes ist ein Sklave 
des in der staatlichen Verteilungsordnung zu Tage tretenden Rechts- 
irrtums. Tausendfältig ist es ihm durch diese Ordnung verwehrt, das 
Rechte zu thun, während die Möglichkeit der Ungerechtigkeit in der Ge- 
sellschaft keineswegs verringert, vielmehr gar in hohem Masse für Straf- 
losigkeit zahlreichen Unrechts gesorgt ist. Der einzelne ist hier im 


154 


Einzelfalle vielfältig einem Zwang zum Widernatürlichen und Un- 
vernünftigen unterworfen; er muss es mit ansehen, wie das wahre 
Recht, die vernünftige Ordnung mit Füssen getreten wird. 

So wirken die Gesellschaftsteilhaber bei jener den socialistischen 
Zukunftsstaat kennzeichnenden Einrichtung der Gesellschaftserziehung 
nicht als tüchtige Bürger, als gute Erzieher, vielmehr als unfreie 
Werkzeuge und als Teilhaber einer erziehungsunfähigen Reglemen- 
tierungsarbeit. 

Die Wirkung dieser Art der Gesellschaftserziehung 
kann nicht zweifelhaft sein. Es tritt hier ein schlechtes Haushalten 
mit den Erziehungsmitteln zu Tage, es macht sich der kulturschäd- 
liche Einfluss eines irrigen Ordnungsideals geltend. Nicht wirkliche 
Nützlichkeitserziehung kommt als Massstab zur Geltung. Erziehungs- 
loses und erziehungswidriges Lohnen ist an der Tagesordnung. Das 
Gebot: „ Einem jeden das Seine!“ bleibt unerfüllt, keiner erhält bei 
jenem „ohne Ansehung der Person“ gehandhabten „gleichen Recht 
für alle“, jener formellen, mechanischen „Gerechtigkeit“ das wirklich 
Rechte, das reell Zweckmässige, das ihm jeweils um der Mehrung 
echter Nützlichkeit willen Gebührende.*) Die Entwickelung der Rechts- 
ordnung, der zweckmässigen Besitzordnung ist unterbunden; statt 
dessen greift eine Unrechtsordnung Platz. 

Es unterbleibt bei der amtlichen Lohnmittelverteilung die er- 
zieherische Anpassung des Könnens und Wollens der Güterempfänger 
an die vernünftigen Interessen, an die erziehungswesentlichen Voraus- 
setzungen des Einzelfalles. Das vernünftige Kulturinteresse kommt 
hier noch weit weniger, als es heute der Fall ist, zu seinem Recht; 
die Unzweckmässigkeit der gegenseitigen Persönlichkeitsbehandlung 
ist hier grösser denn je zuvor. Von salomonischer Weisheit ist unter 
der Herrschaft jenes Vergesellschaftungssystems im Verkehr der 
Individuen nichts zu spüren. Es herrscht hier vielmehr eine 
krasse Rohheit der Lohnmittelverwertung. Die Staatspensionäre er- 
fahren eine Reglementserziehung, bei der Schablonenmässigkeit in 
schlimmster Weise sich geltend macht, Typenzüchtung vorherrscht. 
Nach „Durchschnittsfällen“ wird die Verwendung der Erziehungs- 

*) Bellamy (Gleichheit, S. 472) meint, dass in seinem Idealstaat 
„jedes Verdienst seinen gerechten und angemessenen Lohn findet". In Wirk- 
lichkeit würde bei jener der Privatwillkür entzogenen Verteilungsordnung 
die Thatsache keineswegs ihre Rechnung finden, dass das wirkliche Ver- 
dienst in seinem Dasein und seiner Grösse abhängig ist von dem Einzel- 
fall und von den in letzterem vertretenen Individualinteressen. Bei der 
staatlichen Wertschätzung käme unter allen Umständen eine erhebliche, 
das wahre Verdienst nicht würdigende Rohheit zu Tage. — An anderer 
Stelle (Gleichheit, S. 115) bekundet Bellamy, dass in seinem Staats- 
wesen mit dem Lohnbegriff gänzlich aufgeräumt sei, es herrscht hier die 
„wirtschaftliche Gleichheit, bei der es keinen grossen und keinen kleinen 
Lohn mehr giebt“ (Gleichheit, S. 461). 


155 


mittel hergerichtet, um die herrschende Sonderart kümmert man sich 
nicht. Mit bureaukratischer Unbeugsamkeit wird hier der Einzel- 
fall, in dem es auf Gesellschaftserziehung ankommt, nach dem Gesetzes- 
buchstaben, nach dem „allgemeinen Willen“ gerichtet. Von einer 
naturgemässen Behandlung desselben kann dabei nicht die Kede sein. 
Schutzmannslogik beherrscht die Gesellschaftserziehung, ein unver- 
nünftiger, inhaltsarmer Gemeinwille meistert die vielgestaltige Wirk- 
lichkeit, lehnt sich auf gegen die natürlichen Erziehungserfordernisse. 

Bellamys Meinung, dass, wo die von ihm vorgeschlagene 
Socialisierung eingeführt ist, „Vernunft und Gerechtigkeit“ zur Herr- 
schaft gelangt sind, ist keineswegs zutreffend. Der die Persönlichkeits- 
behandlung hier regulierende Gesellschaftswille harmoniert thatsächlich 
in sehr geringem Masse mit dem jeweiligen vernünftigen eine be- 
stimmte Art der Gesellschaftserziehung verlangenden Interesse der 
einzelnen Persönlichkeiten, deren Wohlergehen das Gemeinwohl aus- 
macht. Jene auf diese Interessen zugeschnittene echte Gerechtigkeit, 
die wir oben geschildert haben, hat im Sociaiistenstaat keine Stätte; 
eine derartige Erziehungsordnung wäre mit der Socialisierung der 
Güterverteilung nicht zu vereinbaren. Jene echte Gerechtigkeit ver- 
trägt sich ja, wie wir gesehen haben, nicht mit Gleichförmigkeit, jene 
constans et perpetua voluntas, die einem jeden das ihm jeweils Ge- 
bührende zu teil werden lässt, kann nicht Staats-, sondern muss 
Privatwille sein. 

Die juristische Person, der man im Socialistenstaate die Erziehungs- 
verantwortung aufgeladen hat, sieht sich überdies alle Tage durch ihre 
Zöglinge betrogen. Letztere nutzen die Plumpheit jenes Erziehers aus. 
Sie hegen keine Liebe für den Staat, der sich bei der Güterverteilung 
etwas anmasst, was er nicht versteht, und dabei, statt gemeinnützig 
zu sein, gemeinschädlich wirkt. Die Hoffnung auf die Staatsbelohnung 
und die Furcht vor der Staatsrache erweist sich als erzieherisch 
wenig wirksam. Da heisst es: „Der Himmel ist hoch und der Zar 
ist weit“. Der einzelne gewahrt, wie dem Staat, dem „Gemeinwesen“ 
durch Betrügen und Stehlen eher etwas abzujagen ist, als durch wahr- 
haft lohnwertes Verhalten. Hoffnungs- und freudlose Arbeit ist, 
wo dem Privatmann das Lohnen verwehrt ist, vielfach das Los des 
einzelnen, für dessen Persönlichkeit der Staat und die Vollstrecker 
des Staatswillens kein Verständnis und kein Interesse besitzen. Da 
sind diejenigen Erziehungsbedingungen gegeben, unter denen die Lust 
am Faulenzen sich entwickelt, der Diebstahl, die Ausbeutung des 
Erziehungsmonopolisten- „Staat“ allgemein wird. 

Eine erzieherische Verwahrlosung schlimmster Art tritt hier zu 
Tage.*) Die Gesellschaftserziehung nimmt hier allgemein einen Charakter 

*) Bellamy (Gleichheit, S. 470) meint: „Was die Welt einbüsste, als 
sie das Jagen nach Erwerb und den Privatkapitalismus aufgab, war nur 


156 


an, wie er etwa der erzieherischen Wirksamkeit unserer staatlichen 
Armenpflege eigen ist, über die Schmolle r* *) bemerkt: „Unser 
Armenrecht ist das wichtigste Stück Socialismus, das unsere Gesell- 
schaftsordnung in sich birgt; es ist ein Stück Socialismus, das wir 
zur Zeit nicht entbehren können, weil wir nichts Besseres an die 
Stelle zu setzen, der unabweislichen Forderung der Gerechtigkeit, 
jeden Volksgenossen vor dem Hungertode zu schützen, bis jetzt nicht 
anders, durch vollkommenere Institutionen nachzukommen wissen. 
Die Schattenseite aber dieses Armenrechts ist die vollständige Un- 
möglichkeit, eine formell und materiell gerechte Handhabung durch- 
zuführen: Willkür, Zufall, äusserliche Schablone herrschen darin, und 
daher wirkt die Armenunterstützung vielfach auch psychologisch so 
ungünstig, erzieht zur Faulheit und niedrigen Gesinnung“. Diese 
„Schattenseite“ tritt nicht nur bei der heutigen staatlichen Armen- 
pflege, sondern in einem gewissen — bald mehr, bald minder be- 
trächtlichen — Grade überhaupt bei der staatlichen Lohnmittel- 
verwertung, bei der Unterwerfung der güterverteilenden Persönlich- 
keitsbehandlung unter den Gesellschaftswillen hervor und macht sich 
in dem socialistischen Zukunftsstaat, in dem die Güterverteilung staat- 
lich monopolisiert ist, in schlimmstem Masse geltend. 

Jene staatliche und amtliche Behandlung der Menschen verfehlt 
ihr Ziel, bewirkt das Gegenteil des erforderlichen Erziehungserfolges. 
Es zeigt sich, dass das staatliche Lohnen und Strafen keineswegs 
Ersatz zu bieten vermag für die private Erfüllung des Berufs zur 
Gesellschaftserziehung, vielmehr in hohem Grade der erforderlichen 
Gemeinnützigkeit ermangelt. 

Es fehlt hier an der rechten Sorge für dasjenige Interesse 
der einzelnen Gesellschaftsteilhaber, auf Grund dessen die Betreffenden 
für den, der auf ihr Können und Wollen angewiesen ist, wahrhaft 
nützliche Mitmenschen abgeben. Dieses Interesse, das durch private 
Güterverteilung hervorgerufen werden kann, wird in dem erforder- 
lichen Masse durch das staatliche Lohnen und Strafen unter keinen 
Umständen hervorgerufen. Das ist die grosse Schwäche jener Socia- 
lisierung, durch die letztere in Widerspruch gerät mit dem mass- 
geblichen individuellen Lebenszwecken. Die Gesellschaft, die sich 
hier entwickelt, bietet, weil jene Interessenfürsorge fehlt, dem einzelnen 
nicht die seinen individuellen Glücksvoraussetzungen genügende Eigen- 
art der ihn interessierenden Mitmenschen. Die rechte Nutzbar- 
machung der Menschen gelingt bei der socialisierten Verteilung nicht, 


die allgemeine Armut und das Gewinnsystem“. Er übersieht, dass die 
Gesellschaft hier das im privaten Lohnen und Strafen bestehende Er- 
ziehungssystem eingebüsst hat. Diese Thatsache unterschätzt er völlig. 

*) A. a. 0. S. 236 f. 


157 




wenn es selbst gelänge, ihre Produktivität zu erhöhen. Die Kultur, 
die sich hier einstellt, das Können und Wollen der Staatszöglinge 
ist nicht auf die Sonderart der Einzelfälle zugeschnitten, aus denen 
das sociale Leben sich zusammensetzt, ist nicht den in der Indivi- 
dualität und der Lage des einzelnen Nützlichkeitsinteressenten ge- 
gebenen Erfordernissen angepasst und deshalb nutzarm. Die Indi- 
viduen stehen einander infolge des Mangels an Privat- 
erziehung interesse- und nutzarm gegenüber. 

In jenem Zukunftsstaate entwickelt sich solcherweise Mangel an 
der oben von uns gekennzeichneten Nützlichkeit der Gesellschaft. 
Da gelangt nicht das erforderliche relativ nützliche Können und 
Wollen zur Züchtung. Da ist z. B. von echter Brüderlichkeit und ähn- 
lichen Eigenschaften keine Bede. Armselige Klassenmässigkeit und 
Einseitigkeit ist unter derartigen Erziehungsumständen den Gesell- 
schaftsteilhabern eigen. 

Von einer Y olkserhöhung ist unter dem Einfluss der Produktions- 
vergesellschaftung, der bedürfnismässigen oder gleichmässigen oder 
sonstigen amtlichen Lohnmittelverteilung und ihrer Folgen wahrlich 
nichts zu spüren. Eine der salus publica förderliche Gesellschafts- 
erziehung kommt hier nicht in Frage; statt dessen wird jene socia- 
listische Staatsordnung unfehlbar zu einer Quelle schlechter, schädlicher 
Eigenart. Jene socialisierte Persönlichkeitsbehandlung liefert eine 
noch schlechtere Gesellschaftsqualität als das im heutigen Verkehrs- 
leben übliche Erziehungsverfahren. Der Staat, der den Socialisten 
als „das grossartigste sittliche Institut zur Erziehung des Menschen- 
geschlechts“*) erscheint, erweist sich hier in Wirklichkeit als ein 
vollständig unfähiger Erzieher und Gesellschaftsretter. Es zeigt 
sich, dass die Verantwortung für die Behandlungsordnung, die Bechts- 
ordnung nicht von dem Privatmann auf die Gesellschaft abgewälzt 
werden kann. Es offenbart sich die Thatsache, dass der Staat nicht 
in der Lage ist, durch seine Gerechtigkeit den Gesellschaftsbau zum 
Wohle seiner Insassen zu fördern. 

Jener minderwertige Kulturstand, der die notwendige Folge der 
Beseitigung privater Lohnmittelverwertung bildet, wirkt dann auf das 
Dasein und das Glücklichsein derer, die an der Gesellschaftsqualität 
interessiert sind, in schädlichster Weise ein. Nur ein winziger Teil 
des wahrhaft nützlichen Wünschens und Geniessens ist hier zu er- 
warten. Der einzelne bleibt in solcher Gesellschaft weit weniger noch 
als jetzt bewahrt vor schädlichen Bedürfnissen und Wünschen. Jener 
Erziehungszustand hat erst recht eine Verwahrlosung des Werturteils 
zur Folge. Die Staatsaktion vermag dem einzelnen nicht die Klärung 
seiner Wertanschauungen, die Erkenntnis dessen, was gemäss der 


! ) Schmoller, a. a. O. S. 9. 


158 


Individualität des Einzelfalls nützlich oder schädlich ist, zu gewähr- 
leisten, bewirkt vielmehr das Gegenteil. Da leidet, wo er andere 
nicht für seine Persönlichkeit zu interessieren und zur Ergründung 
des für seine Individualität und jeweilige Lage Wünschenswerten zu 
bewegen vermag, der einzelne mehr noch als heute Mangel an glücks- 
dienlichen Idealen und Interessen, fällt er mit seinem Lebensglück 
falschen Wertvorstellungen und Wünschen zum Opfer, verschwendet 
er sein Sinnen und Trachten auf Götzendienst. Von einer Beseitigung 
der jetzigen glücksschädlichen Bedürfnismängel ist da nicht zu reden, 
Mangel an vernünftiger Bedürfnisklärung und Bescheidenheit be- 
einträchtigt in jenem Zukunftsstaat mehr denn je die Zufriedenheit 
und den Lebenswert. 

Dabei sieht sich der einzelne hier mit seinen Bedürfnissen und 
Wünschen Staatssöldlingen gegenüber, die er nicht zu bestimmen 
vermag, ihm der Individualität des Einzelfalles entsprechend Be- 
friedigung zu gewähren, Staatssöldlingen, die nicht nur, wie unsere 
jetzigen Beamten, auf staatlichen Geldlohn, sondern direkt auf 
alle erforderlichen vom Staate dargebotenen Befriedigungs- 
mittel — Dienstleistungen und Waaren — Anspruch haben*) 
und deshalb auf die Gunst der einzelnen Mitmenschen in 
keiner Weise — abgesehen von dem Einfluss, den die Betreffenden 
mit Hilfe des Staates bezw. in ihrer Eigenschaft als Miturheber des 
Gesellschaf tswillens auf sie ausüben können, — angewiesen sind. 
Diese Staatssöldlinge sollen ihm hier nicht nur, wie unsere jetzigen 
Staatsbeamten, einen geringen, auf bestimmtgeartete Bedürfnisse be- 
schränkten Teil dessen, was er an Nutzen anderer zum rechten 
Geniessen benötigt, leisten, sie sind hier, wo alle Mitmenschen nur 
vom Staate abhängen, die ausschliesslichen Träger der uns zur Ver- 
fügung stehenden Mitmenschennützlichkeit. Von dem einzelnen in 
seinem Verhältnis zu den Übrigen, die auf seine Nützlichkeit an- 
gewiesen sind, sagt Bellamy**): „Er ist in keiner Weise von ihnen 
abhängig. Es ist immer die Nation, der er dient“. Die „Nation“ 

*) „Ein jeder hat vollen Anspruch auf die Befriedigung jedes Be- 
dürfnisses, soweit die Nation im stände ist, dieselbe bei der sparsamsten 
Verwaltung sämtlicher Quellen des nationalen Wohlstands, allen Volks- 
gliedern in gleichem Masse zu gewähren“, bemerkt Bellamy über die 
Insassen seines Zukunftsstaates. 

Ähnlich sagt Cal wer (Einführung in den Socialismus, Leipzig 1896, 
S. 168): „Gegen ein gewisses Mass täglicher Arbeit, das allerdings eine 
Pflicht des einzelnen Individuums ist, hat der Betreffende den ökonomischen 
Anspruch, aus der Menge der produzierten Güter sich bis zu einer gewissen 
Höhe seinen Bedarf beliebig frei auszuwählen“. 

**) Rückblick, S. 127. — Wie sehr die Menschen in seinem Zukunfts- 
staat von einander unabhängig, wie wenig sie aneinander interessiert sind, 
das kennzeichnet beispielsweise auch die Bemerkung Bellamy s (Gleichheit, 
J3. 155), „dass Geschenke im allgemeinen im zwanzigsten Jahrhundert 


159 


ist hier der einzige Herr, aber auch der einzige Diener. Wo ihm 
ein privates Zwangsmittel den Mitmenschen gegenüber fehlt, da 
vermag der einzelne zum Zweck seiner individuellen Befriedigung 
sich immer nur an den Staat und dessen Organe zu halten. Er 
muss sich begnügen mit dem, was diese juristische Person, die etwa 
seine besonderen Bedürfnisse für „unvernünftig“ und der Befriedigung 
unwürdig erklärt, weil sie mit dem staatlichen Gleichmässigkeits- 
interesse nicht vereinbar sind, zur Befriedigung seiner jeweiligen 
Wünsche zu leisten und zu gebieten fähig und willig ist. Er ist 
auf die ihm von Amtswegen gewährte Befriedigung angewiesen. 

Die Meinung, dass die Individuen im Socialistenstaate gut be- 
handelt werden, auch ohne dass sie auf die sie Behandelnden einen 
direkten erzieherischen Einfluss auszuüben vermögen, erweist sich hier als 
ein Irrtum. Die Lage des einzelnen gleicht in einer solchen Gesellschaft 
der eines schlecht behandelten Sklaven. Er gelangt nicht zu wahr- 
haft freier Wahrnehmung seiner vernünftigen individuellen Interessen, 
ermangelt vielmehr in hohem Masse solcher Freiheit. Ihm fehlt die 
Unabhängigkeit von ihm schädlichen Vorstellungen. Er ist mit 
seinem Dasein und seinem Glücklichsein einer unvernünftigen 
juristischen Person in Obhut gegeben, wird vor lauter staatlicher 
Fürsorge seines Lebens nicht froh. 

Bellamy* *) sagt zwar von seinem Idealstaat: „Freiheit ist das 
erste und das letzte Wort unserer Zivilisation“. In Wirklichkeit aber 
kann in einer auf socialisierte Güter Verteilung gegründeten Gesell- 
schaft, wie er sie schildert, von echter Freiheit gar keine Rede sein. 
Indem man uns die Möglichkeit privaten Zwanges gegen 
andere raubt, raubt man uns die Freiheit, die Möglichkeit, 
unsere vernünftigen Interessen aufs beste wahrzunehmen. Von Freiheit 
kann bei uns nur die Rede sein, wo es uns nicht verwehrt ist, bei 
anderen das der uns nützlichen Entwickelung ihres Könnens und 
Wollens förderliche Interesse hervorzurufen. Frei fühlt sich nur der, 
der in solcher Weise sein Lebensglück entsprechend den Voraus- 
setzungen des Einzelfalles erzieherisch, durch Einwirkung auf andere 
fördern kann; nur unter dieser Voraussetzung erscheint ihm das 
Leben aussichtsvoll. Bellamy**) definiert: „Freiheit — das heisst 
das Recht, nicht nur zu leben, sondern in persönlicher Unabhängig- 
keit von andern zu leben“. Das ist eine mangelhafte, einseitige Auf- 


(d. h. in dem von ihm prophezeiten socialistischen Zeitalter) ihren Wert 
verloren haben“. — Auch Liebe, Freundschaft und was sonst Anwartschaft 
auf künftige Dienste gewährt, ist dort, wo das Gemeinwesen die Be- 
friedigung der individuellen Bedürfnisse bis ans Lebensende des einzelnen 
übernimmt, entwertet und spielt keine Rolle als Erziehungsmittel. 

*) Gleichheit, S. 322. 

**) Gleichheit, S. 102. 


160 


fassung, die auch sonst vielfach den socialistischen Theorien als Unter- 
lage dient. Man präsumiert hier, dass es zum Glücklichsein unter 
allen Umständen der Unabhängigkeit von dem Privatwillen anderer 
bedürfe und das dies zur Freiheit genüge. Man verkennt, dass die 
Abhängigkeit von vernünftigen, mit keinen für uns schädlichen An- 
sichten und Absichten behafteten Mitmenschen keineswegs dem in 
Wirklichkeit erreichbaren Lebensglück entgegensteht, keineswegs die 
im socialen Leben überhaupt mögliche Freiheit des einzelnen ein- 
schränkt. Es kommt bei jener einseitigen Auffassung ein Standpunkt 
zur Geltung, der überhaupt der socialistischen Betrachtungsweise 
vielfach eigen ist: Man stellt sich immer nur auf den Standpunkt 
dessen, der behandelt wird, und trachtet lediglich darnach, dem 
einzelnen bei der Güterverteilung ein besseres Behandeltwerden 
zu sichern. Man hält unser Behandeln anderer für eine wertlose 
Befugnis, beachtet nicht das Interesse des Behandelnden, das im 
Bereiche des Gemeinwohls eine entscheidende Rolle spielt. In 
Wirklichkeit bedarf es zum Glücklichwerden nicht nur des rechten 
Behandeltwerdens, sondern auch des rechten Behandelns anderer: 
ohne letzteres ist auch ersteres nicht zu erwarten. Wir haben daher 
auch vom Standpunkte derer , die in ihrem vernünftigen Interesse 
und zum Nutzen des Gemeinwohls auf die Behandlung anderer Be- 
dacht nehmen, die socialistische Ordnung zu würdigen. Da aber 
zeigt es sich, dass hier an wirklicher Freiheit grosser Mangel 
herrscht. 

Die „gerechte und freudenreiche Lebensführung“, die Bellamy*) 
in Aussicht stellt, würde keineswegs vorhanden sein. Unzufriedenheit 
und Lebensentwertung entwickelt sich in jenem Zukunftsstaat mehr 
denn je, Selbstmord ist die Quittung derer, die der Socialist auf seine Art 
glücklich machen wollte. Es zeigt sich, wie das Glück der Erdenkinder 
in der Persönlichkeit ruht, es zeigt sich, wie die Missachtung dieser 
Persönlichkeit, dieser menschlichen Ichnatur und ihrer Bedeutung für 
die wirkliche Rechtsordnung sich furchtbar rächt. Der Zukunfts- 
staat verfällt der Rache der Natur;**) die Wirklichkeit, wie sie in uns und 
um uns lebt, zeitigt bei jener Art der Persönlichkeitsbehandlung nicht 
eine Erhöhung, sondern einen Niedergang des Glücksgefühls und der 
Lebenslust in der Gesellschaft. Davon kann sich ein jeder über- 
zeugen, der sich im Geiste einmal mit seinem Ich in die Verhält- 
nisse hinein versetzt, wie sie unter dem Einfluss einer allumfassenden 


*) Gleichheit, S. 285. 

**) Die Socialisten bezwecken zwar, die Gesellschaftsordnung mit den 
„ Naturgesetzen“ in Einklang zu bringen, übersehen aber, dass die Natur, 
die in den Einzelfällen lebt, eine der jeweiligen Individualität angemessene 
Gesellschaftsqualität zur Notwendigkeit macht; sie legen insofern ihren 
Plänen eine mangelhafte Naturanschauung zu Grunde. 


161 


staatlichen Lohnmittelverwertung, einer weitgehend socialisierten Güter- 
verteilung sich im Kreise der Menschen, wie diese nun einmal sind, 
entwickeln. Das wird einem jeden klar, der sich vorstellt, wie er 
im Socialistenstaat bezüglich alles dessen, was ihm jetzt — und weit 
mehr noch in einer gerecht erzogenen Gesellschaft — von Privat- 
leuten an Nutzen erwiesen wird, auf den Gemeinwillen und dessen 
Funktionäre angewiesen wäre. 

So zeigt es sich, dass das Fehlen wahrer Nützlichkeit 
der Persönlichkeiten für einander im Socialistenstaat die 
Individuen unglücklich, das Lehen wertlos werden lässt. 
Die in dem socialdemokratischen Wahlaufruf vom April 1898 ent- 
haltene Behauptung, dass bei jener der Privatabhängigkeit und der 
Privaterziehung baren Ordnung „das Wohlsein aller als oberster 
Grundsatz aller menschlichen Ordnung anerkannt“ sei, erweist sich 
als ein verhängnisvoller Irrtum, als eine unerwiesene, auf mangel- 
hafte Menschenkenntnis gegründete, durch den Erfolg widerlegte 
Präsumtion. Diese Behauptung ist so wenig begründet, wie jene 
Bellamys, die von ihm geplante Zukunftsgesellschaft sei ein „Paradies 
ler Ordnung, der Gerechtigkeit und des Glückes“. Jene Meinung, 
dass das Gemeinwohl — die möglichst grosse Zufriedenheit der Be- 
teiligten — am besten durch das „Volk“ wahrgenommen werden 
könne, wird hier durch den Erfolg lügen gestraft. Bei dem Mangel 
an privater Abhängigkeit und privatem Zwang wird die Gesellschaft 
thatsächlich zu einer Heimstätte des Glücksmangels, zu einer Gemein- 
schaft, in der die Vorbedingungen der Zufriedenheit der am Gemein- 
wohl beteiligten Persönlichkeiten unerfüllt bleiben; denn mit der 
Beseitigung der Abhängigkeit des einzelnen von der privaten Gunst 
und Ungunst anderer schafft man eben nicht auch seine Abhängig- 
keit von der Eigenart, von dem Erziehungsstande der Mitmenschen 
aus der Welt. Nicht gemeinnützig, sondern gemeinschädlich würde 
jene Socialisierung wirken; auch den bei der jetzigen Verteilungs- 
ordnung Benachteiligten gereichte sie nicht zum Segen, sondern zum 
Unsegen. 

Jene Socialisierung der Güter Verteilung, der Lohn- 
mittelverwertung schickt sich nur für eine Gesellschaft 
von unterschiedslosen Engeln, für die es auf die von 
uns gekennzeichnete eigenartige Gesellschaftsnützlichkeit 
nicht ankommt, die auch ohne rationelle Gesellschafts- 
erziehung von Unzufriedenheit verschont bleiben, oder 
für eine Gesellschaft von Wesen, die ohne wirkliche 
^Gerechtigkeit, ohne rationellen Zwang, unabhängig von 
rechtem Lohn und rechter Strafe zur Entfaltung des er- 
forderlichen wahrhaft nützlichen Könnens und Wollens ge- 
langen. Für solche Phantasiewesen mag eine Utopia, eine Republic 

Biechoff, Echte und falsche Gerechtigkeit. 11 


162 


of the golden Rule, in der das private Lohnen und Strafen mit seiner 
unersetzlichen erzieherischen Wirksamkeit beseitigt ist, ihren Zweck 
erfüllen. Von dem socialistischen Paradies mag man etwa sagen, 
was Plato nach bitterer Erfahrung schliesslich über den von ihm 
erdachten Staatsplan bemerkte: es passt nur für „Götter und 
Göttersöhne“. Wirklichen menschlichen Persönlichkeiten gegenüber 
ist dagegen in solchen Gesellschaftsgebilden der Zweck des Glücklich- 
werdens sehr schlecht aufgehoben. Unter diesen Menschen ist die 
Gerechtigkeit, die rechte Gesellschaftsordnung mit der Aufhebung 
der privaten Abhängigkeit unverträglich. Da ist, wenn die socialen 
Vorbedingungen der Zufriedenheit sich erfüllen sollen und unter den 
heutigen Lebensbedingungen das Dasein für den einzelnen Wert be- 
sitzen soll, die private Güterverteilung in ausgedehntestem Masse er- 
forderlich. Da bedarf es des erzieherischen Zwanges und zwar des 
privaten Zwanges dieser Art, der hier durch keinen staatlichen und 
amtlichen erzetzt werden kann. Die wirkliche menschliche Gesell- 
schaft, wie wir sie täglich vor Augen haben, geht bei jenem Socia- 
lisierungsexperiment mit ihrer Gesundheit, ihrer Lebenskraft, ihrem 
Glück an den Erziehungsmängeln, an dem Fehlen echter Gerechtig- 
keit, wirklicher Rechtsordnung elend zu Grunde. In dieser Gesell- 
schaft heisst es: Ohne private Willkür keine Freiheit, keine 
Gerechtigkeit, keine Zufriedenheit. 

Durch den schliesslichen Erfolg wird die dem Socialismus eigene 
Annahme, dass trotz des Fehlens privaten Lohnens und Strafens das 
glücksdienliche, dem individuellen Wünschen und Gemessen in der 
erforderlichen Weise förderliche Können und Wollen unter uns 
egoistisch veranlagten Menschen sich entwickeln, dass einer dem 
anderen in hohem Masse nützlich sein würde, als ein Irrtum erwiesen. 
Der Ausgang jenes Vergesellschaftungsexperiments würde die That- 
sache bestätigen, dass ohne eine bestimmtgeartete, nur im Wege des 
privaten Wollens herstellbare güterverteilende Persönlichkeitsbehand- 
lung aus den Menschen unter heutigen Verhältnissen niemals das wird, 
was aus ihnen werden muss, wenn in unserer Gesellschaft Zufrieden- 
heit sich entwickeln, der Lebenswert sich erhalten und erhöhen soll. 

Wer die sociale Frage socialistisch lösen will, schaffe 
zunächst Menschen, die für einander ohne privates Lohnen 
und Strafen wahrhaft nützliche Mitmenschen abgeben, 
Menschen, bei denen sich ohne rationellen Zwang die heute 
erforderliche Kultur entwickelt! Aus Wesen dieser Art be- 
steht unsere Gesellschaft einstweilen nicht. Die Menschen, wie wir 
sie bis jetzt kennen gelernt haben, werden, wenn der eine von des 
anderen privater Gunst und Ungunst unabhängig gemacht ist, in 
einer Zeit, in der auf einen zur Selbstlosigkeit Anlass gebenden 
Gläubigkeitszustand nicht gerechnet werden kann, keineswegs einander 


163 


in der erforderlichen Weise nützlich sein. Für den einzelnen wird 
es hier tausendfältig nutzlos, ja schädlich sein, wenn er das Interesse 
des anderen, dessen Gunst und Ungunst ihn nicht berührt, wahr- 
nimmt; er wird sich also keineswegs in seinem Verhalten den jeweiligen 
Zufriedenheitserfordernissen des anderen anpassen. 

Wir müssen uns, um den geschilderten Erfolg des Socialisierungs- 
experiments zu verstehen, hier gewisse im Vorhergehenden verschiedent- 
lich gestreifte Thatsachen vor Augen halten, in deren unzulänglicher 
Würdigung der wesentliche Irrtum der Socialisten besteht: 

Damit einem Menschen dasjenige Können und Wollen anderer, 
an dem er jeweils interessiert ist, zu teil wird, muss bei jenen Mit- 
menschen ein entsprechendes, dem seinigen gleichgestimmtes Interesse 
vorhanden sein. Dieses Interesse rufen wir, wie an früherer Stelle 
bereits hervorgehoben wurde, durch unser Lohnen und Strafen hervor. 
Unabhängig von einer solchen Beeinflussung entwickelt sich die 
Interessengleichheit im allgemeinen keineswegs in dem erforderlichen 
Masse. In gewissen Fällen freilich ist das Interesse des einen für 
den anderen auch ohne Lohnen und Strafen gegeben und damit 
auch ohnedies eine gewisse Nützlichkeit der Menschen für einander 
gewährleistet. So etwa verhält es sich unter Umständen im Familien- 
leben, wo die Familiengenossen nicht selten ohnehin zahlreiche Inter- 
essen mit einander gemein haben und der eine durch des anderen 
Wohl und Wehe vielfältig, was sein eigenes Lebensglück anbetriff't, 
berührt wird. Ähnlich können die Verhältnisse z. B. bei einer kleinen 
Inselgemeinde — wie etwa auf der Insel Tristan da Cunha — liegen, 
wo unter der kleinen Zahl der Genossen die Interessendiflerenzen 
verhältnismässig gering sind und gegenüber den Naturschwierigkeiten, 
mit denen einer wie der andere zu kämpfen hat, der eine den anderen 
ohnehin als nützlichen Mitkämpfer wertschätzt. Da braucht der einzelne 
nicht erst bei den Mitmenschen das für ihn erforderliche Interesse 
durch entsprechende Verwertung seiner Gunst und Ungunst hervor - 
zurufen. Da kann also auch das Fehlen des privaten Lohnens 
und Strafens unschädlich, der Socialismus ohne Nachteil für die auf 
das rechte Mitmenscheninteresse angewiesene individuelle Zufrieden- 
heit sein. 

Ganz anders aber verhält sich die Sache unter Lebensbedingungen, 
wie sie bei uns unter den jetzigen Verkehrsverhältnissen gegeben sind. 
Wer die Anteilnahme des einzelnen an einer grossen Verkehrs- 
gemeinschaft nicht verhindern will oder verhindern kann — eine 
solche Massnahme, wenn sie gelänge, wäre übrigens dem Individual- 
glück keineswegs förderlich — , der muss damit rechnen, dass der 
einzelne in der Gesellschaft keineswegs bei anderen ohne 
weiteres das Interesse findet, dessen es für ihn bedarf. 
Diese anderen, die wie er Teilhaber einer grossen Verkehrsgemein- 

11 * 


164 


schaft sind, sind an sich an seinem Wohlergehen und seinem guten 
Willen nicht in der für ihn erforderlichen Weise interessiert, wenn 
er sie nicht mit seiner Gunst und Ungunst beeinflusst, keine Ge- 
rechtigkeit ihnen gegenüber übt. Hier muss erst in solcher Weise 
das erforderliche Interesse besonders geschaffen werden, hier muss 
die Erwartung von Lohn oder von Strafe das ihrige thun. 

Der Erfolg würde die Annahme der Socialisten, jenes für die 
einzelne Persönlichkeit jeweils erforderliche Interesse käme im Socialisten - 
staate zur Entstehung, als einen Grundirrtum erweisen. An dem 
Mangel dieses Interesses geht hier das Gemeinwohl zu 
Grunde. Der Erfolg widerlegt die Präsumtion, dass in der „socia- 
lisierten Gesellschaft“ nicht erst durch entsprechendes Lohnen und 
Strafen das Interesse des mit seinem Wohlbefinden auf einen be- 
stimmten anderen angewiesenen mit dem Interesse dieses anderen 
identisch gemacht zu werden braucht. Dieser Irrtum wird zum teil 
dadurch hervorgerufen, dass die Socialisten lediglich mit einem allen 
Gesellschaftsteilhabern gemeinsamen Interesse ihre Rechnung an- 
stellen, um dann zu behaupten, mit diesem „Gemeininteresse“ stimme 
in ihrer Zukunftsgesellschaft das Individualinteresse überein. Man 
geht, wie Bellamy*), von der Annahme aus: „Die Bedürfnisse der 
Menschen entstehen aus derselben natürlichen Konstitution und sind 
wesentlich die gleichen“. In Wirklichkeit aber haben wir es, wo 
das Gemeinwohl in Frage steht, jeweils mit Individualinteressen zu 
thun, die jener Gleichheit durchaus ermangeln. Mit diesen wirk- 
lichen Interessen des einzelnen gerät das Interesse derer, auf die 
letzterer jeweils angewiesen ist, keineswegs in Harmonie, wenn eine 
solche Übereinstimmung selbst — analog der Interessengleichheit, 
wie sie etwa gegenüber kriegerischen Aufgaben besteht, — bezüglich 
einiger ein allgemeineres Interesse berührender Aufgaben vorhanden 
sein sollte. Insofern irrt Bebel**), wenn er von den Bürgern seines 
Zukunftsstaates sagt: „Kein einzelner hat ein anderes Interesse als 
die Allgemeinheit, das darin besteht, alles aufs Beste, Zweckmässigste 
und Vorteilhafteste für alle einzurichten und herzustellen“, und der 
Meinung Ausdruck giebt***): Der „Gegensatz der Interessen ist in 
der socialistischen Gesellschaft beseitigt. Jeder entfaltet seine Fähig - 


*) Gleichheit, S. 240. 

**) A. a. O. S. 397. — Das „Beste, Zweckmässigste und Vorteilhafteste“ 
ist etwas Relatives, durch die Art der jeweiligen Individualinteressen Be- 
dingtes, nicht etwas Gemeingültiges. 

***) A. a. O. S. 346. Ähnlich lässt Bellamy (Gleichheit, S. 276) den 
Bürger seines Idealstaates sagen: „Unser einziges Interesse besteht in der 
möglichst grossen Wohlfahrt der Gesamtheit“. Er meint (a. a. O. S. 386), 
dass bei dem von ihm empfohlenen Gesellschaftszustande „das Privat- 
interesse mit dem allgemeinen Interesse Hand in Hand geht“. Das „all- 


165 


keiten, lim sich zu nützen, und indem er dieses thut, nützt er zu- 
gleich dem Gemeinwesen“. Thatsächlich unterbleibt hier tausend- 
fältig der wahre, der Natur des Einzelfalls angepasste Nutzen, weil 
der einzelne, wo privater Lohn und private Strafe nicht in Frage 
kommt, sich durch die betreffende Entfaltung seiner Fähigkeiten 
nicht nützt und sich dadurch auch nicht zu nützen glaubt. 

Zumal unter Menschen, bei denen thatsächlich infolge der die 
Gläubigkeit störenden Verkehrsbeziehungen und sonstigen glaubensfeind- 
lichen Erziehungszustände nicht der Glaube an die lohnende und 
strafende Gerechtigkeit, das vergeltende Eingreifen eines überirdischen 
Machthabers, nicht die Erwartung nachirdischen Lohnes und die 
Furcht vor nachirdischer Strafe oder ähnliche religiöse Vorstellungen 
erzieherisch wirken — das Verhalten der Individuen und die Nützlich- 
keit derselben für einander, wenn auch nur in einer heute keineswegs 
zureichenden Weise, beeinflussen — , bedarf es, wenn die Gesellschaft 
eine Heimstätte des Wohlbefindens sein, als Grundlage des Lebens- 
w^ertes sich bewähren soll, unbedingt jenes privaten Lohnens 
und Strafens, ohne welches die erforderliche Persönlichkeitsbehand- 
lung, die echte menschliche Rechtsordnung nicht denkbar ist. In 
einer solchen Gesellschaft, wie sie manche Socialisten bei ihren 
Zukunftsplänen vor Augen haben, darf diese erzieherische Benutzung 
der privaten Abhängigkeit um so weniger durch Staatsfürsorge, 
durch gemein willig geregelte Güterverteilung entnervt und ersetzt 
werden. 

Jenes nüchterne Interessenkalkül macht einen Strich durch die 
ganze schöne Rechnung, die uns Bellamy und andere Socialisten bezüg- 
lich der Nützlichkeit* *) liefern, die nach ihrer Meinung die jetzigen, 

gemeine Interesse“ setzt sich zusammen aus dem Interesse von Individuen. 
Es wird hier also angenommen, dass schon infolge der Socialisierung die 
wirklichen Individualinteressen in der erwünschten Weise miteinander 
harmonieren. 

*) Das, was die „ Republik der goldenen Ordnung“ eines Bellamy, 
die „Utopia“ eines Morus und ähnliche Schilderungen erträumter socialer 
Zustände auf den ersten Blick verlockend erscheinen lässt, ist ja die ge- 
schilderte hochgradige Nützlichkeit der Beteiligten für einander, die dem 
einzelnen ausserordentlich nützliche Gesellschaftsqualität, der nutzbringende 
Erziehungsstand der einzelnen, die einander mit ihrem Können und Wollen 
angeblich in höchstem Masse zum Glücklichwerden dienlich sind. Wegen 
dieser Besserung der Menschen, wegen der Vervollkommnung ihrer Er- 
ziehung und ihres Könnens und Wollens erscheint bei den von den 
Socialisten geschilderten Idealzuständen die sociale Frage überwunden. 
Es fragt sich nur, ob und weshalb denn eine derartige, den individuellen 
Glücksvorbedingungen in so hohem Masse genügende Gesellschaftserziehung 
in Wirklichkeit auf dem geplanten kommunistischen Wege sich einstellen 
wird. Auf letztere Frage bleiben uns die Propheten des Socialismus eine 
mit nüchterner Klarheit und Gründlichkeit motivierte Antwort schuldig. 
Jenen wundersamen Erziehungsvorgang hat uns noch keiner wirklich be- 


166 


egoistisch veranlagten Menschen in einer mit staatlichem Lohnmittel- 
verwertungsmonopol bedachten Gesellschaft für einander besitzen werden. 
Thatsächlich fehlt es in einer solchen Gesellschaft trotz des staatlichen 
Lohn- und Strafverfahrens an hinreichenden Motiven zu einem den 
Nutzen der Persönlichkeiten für einander begründenden Verhalten. 
Die blosse „Ehre“, auf deren Erziehungswirkung Bellamy* *) so viel 
giebt, wird hier wirkungslos, da sie aufhört, eine Anwartschaft auf 
die notwendige Gunst der Mitmenschen zu sein; der uneigennützige 
„Gemeinsinn“, auf den man die Nützlichkeit der Menschen für 
einander gegründet sehen möchte, darf, solange mit den jetzigen 
Menschen zu rechnen ist, keineswegs vorausgesetzt werden, auch die 
Thatsache, dass man für gemeinsame Rechnung produziert, 
würde noch keineswegs die Menschen bestimmen, einander 
denjenigen Nutzen zu gewähren, an dem es jetzt fehlt und 
ohne den von Zufriedenheit und Lebenswert nicht die Rede 
sein kann. Es ist eine irrige, nirgends zureichend begründete An- 
nahme, dass infolge Sociaiisierung der Produktion der einzelne stets 
oder doch meistens sein eigenes Interesse dadurch wahrnähme, dass 
er das den Mitmenschen nützliche Verhalten einschlägt, ohne von der 
Gunst der betreffenden Mitmenschen abhängig zu sein. Auch bei 
einer derartigen Produktionsordnung, auch im Produktionsparadies 
müsste für die Motive, die zur Entwickelung der erforderlichen 
Nützlichkeit der Individuen für einander führen, noch erst auf irgend 


greif lieh gemacht. Über diesen socialistischen Voraussetzungen waltet 
einstweilen ganz und gar das Dunkel der Unklarheit und der Illusion. 

*) „Die Dividende ist an Stelle der Besoldung getreten. Unser Lohn 
ist allein die Ehre,“ lässt Bellamy (Gleichheit, S. 115) den Bürger seines 
Idealstaates sagen. Er hält (Rückblick, S. 224) die von ihm empfohlenen 
Einrichtungen für solche, „welche auf das wahre Selbstinteresse einer ver- 
nünftigen Selbstlosigkeit begründet sind und an die socialen und edlen 
Instinkte der Menschen appellieren“. Er meint (Gleichheit, S. 330), dass 
in seiner Zukunftsgesellschaft „die sociale Gerechtigkeit eine allgemeine 
brüderliche Liebe erzeugt“. Seine neue Welt wird sein „gereinigt durch 
Gerechtigkeit und beglückt durch brüderliche Liebe“ (Rückblick, S. 268). 
Er prophezeit (Gleichheit, S. 332) ein „leidenschaftliches Erwachen gegen- 
seitiger Liebe und opferfroher Hingabe für das allgemeine Wohl“. Der 
Bürger seines Idealstaates teilt uns mit (Rückblick, S. 78): „Der Arbeiter 
wird, wie zu Ihrer Zeit der Soldat, durch Patriotismus und Liebe zur 
Menschheit angetrieben“. „Indem man die Ehre zum einzigen Lohn für 
jedes tüchtige Werk gemacht, hat man allen Dienstleistungen jene Aus- 
zeichnung mitgeteilt, welche zu meiner Zeit denen des Soldaten eigen- 
tümlich war“, erzählt uns unser in den Idealstaat Bellamys hineingeschlafener 
Zeitgenosse (Rückblick, S. 128). Es ist bei letzterer Auffassung still- 
schweigend die Annahme zu Grunde gelegt, dass die erforderliche Nütz- 
lichkeit der Individuen für einander etwas ebenso Gleichförmiges sei, wie 
die Soldatentugend, dass also das der Züchtung von Soldatentugend dien- 
liche für die Gesellschaftserziehung überhaupt angebracht sei. 


167 


eine Weise gesorgt werden. Wer mit einer gegenteiligen Annahme 
argumentiert, der kennt sich und seine Zeitgenossen nicht genügend. 

Es müsste derjenige, der den Socialismus predigt und 
einen dementsprechenden Gerechtigkeitsstandpunkt ver- 
tritt, seine Rettungstheorie mit dem Beweise beginnen, 
dass die Menschen, wie sie jetzt sind, unter der Herr- 
schaft des von ihm geplanten die private Abhängigkeit 
der Persönlichkeiten von einander preis geben den Lohn- 
ver fahre ns einander das zum Lebensglück Erforderliche 
beitragen, dass auch bei amtlicher Güter Verteilung die 
hierzu erforderlichen Motive sich entwickeln werden. Er 
mag sich in erster Linie mit der Frage abfinden: Würden bei 
socialisierter Güterverteilung die in die Gesellschaft Hineingeborenen, 
die von Geburt an nur vom Staate, vom Socialwillen abhängig, von 
privater Gunst und Ungunst dagegen unabhängig wären, sich so 
entwickeln und verhalten, dass die einzelne Persönlichkeit in der 
Gesellschaft das für sie jeweils erforderliche Können und Wollen 
anderer vorfände; würden jene Genossen so nützlich sein, wie sie bei 
Privatabhängigkeit und gerechter Verwertung derselben wären? — 
Er mag dabei auch sich selbst fragen, ob denn er in dem 
Masse, wie es heute der Fall ist, oder gar in dem Masse, 
wie es der Fall sein sollte, den einzelnen Mitmenschen 
gegenüber das seine Nützlichkeit für diese begründende 
Verhalten einschlagen würde, wenn er weder durch die 
Gunst, noch durch die Ungunst der Betreffenden in ent- 
sprechendem Sinne interessiert, wenn er als Kostgänger 
des Staates von privater Verteilung der Güter und der 
Leistungen unabhängig wäre; er mag sich daraufhin prüfen, ob 
ihm dann ein entsprechendes Interesse innewohnen würde. Kann er 
er jenen Beweis nicht liefern, kann er diese Fragen nicht rückhaltlos 
bejahen, dann ist seine Theorie verfehlt. Die Unmöglichkeit eines 
solchen Beweises ist die schwache Seite jener Socialistenlehre. Hier 
strafen die Thatsachen, hier straft der bei dem Socialisierungs versuch 
sich einstellende Erfolg jene Lehre lügen. Gegenüber jenen ent- 
scheidenden Fragen offenbart sich die Unhaltbarkeit der socialistischen 
Rettungstheorie. 

Übrigens würde sich auch die fragliche socialistische Verteilungs- 
ordnung sehr bald als undurchführbar erweisen . Diese Ordnung kann 
sich, da sie mit dem wirklichen Naturgebot, mit dem thatsächlich Zweck- 
mässigen nicht zusammenfällt, vielmehr mit demselben arg kontrastiert, 
nicht auf die Vernünftigkeit ihrer Anhänger, sondern nur auf deren 
Gläubigkeit stützen. Diese Grundlage aber gerät alsbald ins Wanken, 
auf die Dauer ist jene Sanktionierung des Unrechts nicht wirksam. 
Die sich einstellende verzweiflungsvolle Glücksarmut, die unausbleib- 


168 


liehe Not dieser Art ernüchtert auch den Gläubigsten, lässt jenen 
socialistischen Gesetzesaberglauben in sich zusammenfallen, raubt jener 
Rechtsphrase ihre Wirkung. Der Glaube an die Heiligkeit der 
gesetzlichen Verteilungsordnung schwindet dahin. Es lösen sich die 
„Bande frommer Scheu“, es stellt sich dem unvernünftigen Lohn- 
reglement gegenüber alsbald ein passiver Widerstand gegen die Staats- 
gewalt ein; das thörichte Gesetz bleibt wegen des Streiks seiner 
Vollstrecker ein toter Buchstabe. 

In einem solchen Zustande der Anarchie flüchten dann angesichts 
der durch die im Socialistenstaat heran wachsende Unzufriedenheit 
heraufbeschworenen Gefahr der Gesellschaftszertrümmerung etwa die 
Teilhaber der Staatssouveränität, die sich zuvor auf ihre politische 
Allmacht so sehr gefreut hatten, unter den Schutz eines Diktators, 
den man ausserhalb jener Gesetze schalten lässt und bei dem 
man Hilfe sucht gegen die Thorheit der „socialisierten Gesellschaft“, 
die es sich angemasst hat, das Recht, die erziehungsdienliche Ordnung 
in Monopol nehmen und der vernünftigen Willkür entziehen zu wollen. 
Da nimmt sich am Ende ein Despot der Unmündigen an und zer- 
trümmert ohne Schwierigkeit die von den Gläubigen verlassene papierne 
Ordnung des Engelstaates, dem jene Grundlage fehlt, von der in dem 
Worte „Justitia fundamentum regnorum“ die Rede ist. 

Die Mündigkeit aber der Menschen, ihre Rechtsfindigkeit ist 
dann arg heruntergekommen. Der Socialistenstaat wirkt auf den 
Niedergang der persönlichen Gerechtigkeit seiner Teilhaber 
hin. Diese haben hier ja nicht nach dem Recht, sondern nach dem 
thatsächlichen Inhalt der Gesellschaftsbeschlüsse zu fragen.*) An- 
regung zum Rechtsurteil, zur unabhängigen Beurteilung der Natur 
des Einzelfalles und ihrer Erfordernisse wird in jenem Zukunfts- 
staat nicht geboten, sondern abgeschnitten; von wirklicher Gerechtig- 
keitserziehung kann dort, wo die Lohnmittel Verwertung sich nach dem 
Staatswillen richtet, nicht gesprochen werden. Der Sinn für Gerechtig- 
keit muss bei solchen Zuständen verkümmern, die Sorge für das 
eigene Rechtsurteil muss erlahmen. Insofern vollzieht sich nicht die 
erforderliche Anpassung der Individuen an die heutigen Lebens- 
bedingungen, die heutigen Erziehungserfordernisse; statt tüchtiger zu 
werden, wie es um der Beseitigung der Unzufriedenheit und um der 
Abwehr der socialen Gefahr willen notwendig ist, verliert hier die 


*) Schm oll er (Über einige Grundfragen, S. 52) meint: „Jedes Zwangs- 
gesetz soll ja die Tendenz haben, sich selbst überflüssig zu machen, die 
Menschen so zu erziehen, dass sie zuletzt der Krücke des Zwangsgesetzes 
entbehren können.“ Eine zweckmässige Wirkung dieser Art ist aber der 
gesetzgeberischen Dressur nicht eigen; letztere erhöht nicht, sondern 
mindert die eigene Rechtsfindigkeit der von ihr Betroffenen, sie kann 
Gewohnheiten, nicht aber das erforderliche Rechtsbewusstsein hervorrufen. 


169 


Persönlichkeit noch mehr an Zweckmässigkeit, wird sie noch unzu- 
länglicher zur Erfüllung der individuellen Lebenszwecke. Die Kultur- 
dienlichkeit der Lebensführung verringert sich auf solchen Wegen 
mehr und mehr, wegen der mangelnden Persönlichkeitsqualifikation 
wächst das Unrecht infolge jener socialistischen Ordnung mehr denn je. 

Fortschreitende Kulturverschlechterung würde somit 
nach allen Richtungen hin die Wirkung jenes Versuches sein, die 
Lohnmittelverwertung zu verstaatlichen. An den Früchten würde es 
sich hier offenbaren, dass es sich bei einem solchen Beginnen um 
etwas durchaus Unzweckmässiges, Ungerechtes handelt. Das für 
Recht Ausgegebene, erwiese sich am Ende als etwas durchaus Un- 
richtiges, das summum jus als summa injuria. Der Ausgang des 
Vergesellschaftungsexperiments würde lehren, dass hier eine Pseudo - 
gerechtigkeit ihr Wesen treibt, dass ein verhängnisvoller Rechts- 
wahn, ein trügerisches Ideal, eine völlige Verkennung des Wesens 
und Wertes echter Gerechtigkeit, zweckmässiger Behandlungs- 
ordnung in der socialistischen Tendenz lebt. 

Wir gelangen bei der Betrachtung der Folgen, die im Socialisten- 
staat sich herausbilden, zu der Erkenntnis, dass die socialistische 
Gerechtigkeit eine falsche Gerechtigkeit ist und zur Lösung 
der socialen Frage nicht taugt. Wir erkennen, dass wir es 
hier mit einem jener unrichtigen, unzweckmässigen Behandlungs- 
und Ordnungsideale zu thun haben, deren wir im ersten Abschnitt 
bei Feststellung unserer Aufgabe Erwähnung thaten, mit einem Ideal 
dieser Art, an dem sich das Wort bewahrheitet: „Fiat justitia, pereat 
mundus“, mit einem Ideal, das nichts gemein hat mit der echten, 
volkserhöhenden Gerechtigkeit, wie sie uns gegenüber der socialen 
Frage Not thut. 

Was in vorerwähnter Weise von der extremen socialistischen 
Rettungstheorie gilt, das bewahrheitet sich in entsprechendem Um- 
kreise auch bei denjenigen Bestrebungen, nach denen nur ein mehr 
oder minder grosser Teil der Lohnmittelverteilung zum Zwecke der 
Beseitigung der heutigen Unzufriedenheitsursachen in Staatsregie 
übernommen werden soll. Auch bei den weniger weit gehenden 
socialistischen Rettungsplänen wird auf Grund des dem Socialismus 
eigenen Gerechtigkeitsirrtums eine Einschränkung des privaten 
Lohnens und Straf ens betrieben und kommen demgemäss die schäd- 
lichen Folgen einer derartigen Gestaltung der Gesellschaftserziehung 
zur Geltung. Auch diese Bestrebungen, wo sie Verwirklichung finden, 
zeitigen in entsprechendem Masse Kultur- und Zufriedenheitsmängel; 
ihre Ideale werden durch schädliche Folgen der erwähnten Art als 
unzweckmässig und zur Lösung der socialen Frage unfähig erwiesen. 

Es ist keine socialistische Massnahme denkbar, die geeignet 
wäre, eine der jetzigen Unzufriedenheit wehrende Gesellschaftsqualität, 


170 


eine entsprechende Nützlichkeit der Gesellschaftsteilhaber für einander 
ins Dasein zu rufen; alle Massnahmen dieser Art wirken in der 
Praxis schliesslich in entgegengesetzter Richtung. Den socialistischen 
Bestrebungen missrät die erforderliche Berichtigung der güterver- 
teilenden Persönlichkeitsbehandlung ganz und gar; letztere ver- 
schlechtert sich dabei nur noch weiter. Weil sie von einer falschen 
Gerechtigkeitsvorstellung ausgehen, weil sie sich die fehlende Rechts- 
ordnung falsch vorstellen, kann den Socialisten die Lösung der Ge- 
sellschaftsfrage, die Herstellung der besseren Behandlungs- und Besitz- 
ordnung nicht gelingen. Auch die gesetzgeberische Zuweisung von 
Alters- und Invaliditätsrenten und ähnliches z. B. wird gegenüber 
den von uns dargelegten Ursachen der heutigen Unzufriedenheit 
niemals die erforderliche heilsame Wirkung zeitigen. Die social- 
politischen Massnahmen dieser Art treffen im besten Falle nur Be- 
gleiterscheinungen , nicht aber den Kern der socialen Frage, und 
halten daher — wie uns das auch durch die Erfahrung bestätigt 
wird — den Niedergang der Zufriedenheit und der Lebenswertung 
in unserer der rechten Erziehung ermangelnden Gesellschaft keines- 
wegs auf. Der Staat, der Gesellschaftswille , wenn er mit der Be- 
seitigung der Ursachen der in der heutigen Ungerechtigkeit wurzelnden 
Missstände befasst wird, wird dabei ausserhalb der Grenzen ver- 
wendet, in denen er seiner Natur nach den vernünftigen Interessen 
seiner Angehörigen förderlich sein kann; er überschreitet den ihm 
durch seine Eigenart und seine Fähigkeiten vorgezeichneten Beruf, 
wenn er es unternimmt, die sociale Frage durch Meisterung des Privat- 
willens aus der Welt zu schaffen. Durch Socialismus irgend welcher 
Art, durch Beeinflussung der Güterverteilung seitens des Gesellschafts - 
willens wird der jetzigen Entwickelung von Unzufriedenheit und 
Lebensentwertung unter den Menschen, wie aus dem im Vorher- 
gehenden über den socialistischen Zukunftsstaat und seine Erziehungs- 
wirkung Gesagten hervorgeht, nie und nimmer Einhalt gethan. Ohne 
Individualismus keine Gerechtigkeit, keine Zufriedenheit, 
keine Lösung der socialen Frage! 

Uber die Ursachen der heutigen Lebensentwertung äussert 
Bellamy*): „Es ist nicht der Frevel der Menschen oder irgend einer 
Klasse von Menschen, was die Menschheit so elend macht, sondern 
ein grässlicher, entsetzlicher Irrtum, eine riesenhafte, weit verdunkelnde 
Verblendung“. Darin liegt etwas Wahres. Jenen Irrtum, jene Ver- 
blendung statt durch Aufklärung durch den Socialismus ersetzen, 
das aber hiesse den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Die 
Verwirklichung der socialistischen Theorie bedeutet keine 
Lösung der socialen Frage, vielmehr eine weitere Ver- 


*) Rückblick, S. 266. 


171 


schlechterung der socialen Vorbedingungen des indivi- 
duellen Lebensglücks. 

Aber nicht lediglich dort, wo sie praktisch wird, wo sie ihr 
nächstes Ziel erreicht, wo in mehr oder minder weitgehendem Masse 
zur Rettung der Gesellschaft eine staatlich regulierte Lohnordnung 
Platz greift, ist die socialistische Rettungstheorie von schädlichen 
Folgen begleitet. Schon als blosse Tendenz und als blosse Lehre 
wirkt der Socialismus vielfältig schädlich. 

Die socialistische Tendenz schadet dadurch, dass sie 
der Lösung der socialen Frage entgegensteht. 

Jene Tendenz bringt es mit sich, dass man es verabsäumt, die 
erforderliche Gerechtigkeitserziehung derer zu betreiben, die jetzt die 
Kultursünden begehen, für vernünftige Willkür zu sorgen. Man 
müht sich lediglich darum, die Gesetze, die Institutionen gerechter 
zu gestalten, und vergisst darüber jene erforderliche Besserung der 
Willkür, die allein zur Beseitigung der Unzufriedenheitsursachen An- 
lass geben kann. Die Anhänger der socialistischen Tendenz ver- 
fallen der socialen Frage gegenüber auf ein unfruchtbares Arbeiten. 
Sie erschöpfen sich darin, mit grossem Fleiss Staatsaktionen, Gesetz - 
gebungsthaten vorzubereiten, wo es einer Vorbereitung und Durch- 
führung des Aufklärungskampfes gegen jene Unvernunft bedürfte, 
durch welche die jetzige Unzufriedenheit heraufbeschworen ist. 

So ist denn auch, wo diese socialistische Tendenz zur Geltung 
kommt, von Fortschritten jener Gerechtigkeitserziehung 
nichts zu spüren. Die Pflege salomonischer Weisheit ist nicht das 
Ziel der Socialistenlehre, diese befähigt ihren Schüler nicht zur gerechten 
Beurteilung des ihn angehenden Einzelfalles, sucht vielmehr einen 
prinzipiengläubigen Politiker und Parlamentswähler aus ihm zu machen. 
Man nährt den Wahn, dass einer das Gemeinwohl als Politiker wahr- 
nehmen könne und müsse, lässt die Menschen von einer Beschäftigung 
mit Staatsangelegenheiten das Heil erhoffen. Die Urheber der Kultur- 
sünden entbehren dabei der erforderlichen bessernden Beeinflussung 
ganz und gar. 

Aber nicht nur die rechte Fürsorge für die individuelle Ge- 
rechtigkeit kommt im Bereiche der socialistischen Rettungsbestre- 
bungen in Fortfall, — der Socialismus als Lehre wirkt hier der er- 
forderlichen Gerechtigkeitserziehung auch geradezu entgegen, lässt 
einen entgegengesetzten Erziehungserfolg zur Entstehung gelangen. 

Die socialistische Lehre führt dahin, den Einzelnen mannigfach 
vom Denken, von der Schulung der eigenen Vernunft abzuhalten. 
Er entwöhnt ihn der Selbsthilfe, der selbständigen Rechtsfindung, 
indem er ihn gesetzesgläubig werden lässt. Der Glaube an den 
Staat, an die Gesellschaft als Trägerin eines Einheitswillens wird 
hier gepflegt, wie etwa bei Kindern die Hoffnung auf den Weih- 


172 


aachtsmann. In mystisches Dunkel gehüllt, das seine wirklichen 
Eigenschaften nicht klar hervortreten lässt, erscheint dem Blicke des 
solcherweise belehrten Hülfesuchenden die Gestalt des „ Staates“, 
der für alle Übel Heilung, von allen Sünden Erlösung bringen 
soll, wenn man sich ihm verschreibt. Das „Staatscentrum“ wird 
hier als „die leitende Intelligenz, der verantwortliche Mittelpunkt des 
Yolksgefühls, die Spitze aller vorhandenen sittlichen und geistigen 
Kräfte “ *) hingestellt. Da entwickelt sich dann unter dem Einfluss 
derartiger tönender Behauptungen im Volke eine übertriebene Vor- 
stellung von dem Wert des Gesellschaf ts willens , ein entnervendes 
Vertrauen zu dem Können des Staates. Statt der Rechtswahrheit 
wird in solcher Weise ein Rechtsaberglaube gepflegt. Man erweckt 
Hoffnungen, deren eine mit furchtbarer Ernüchterung verbundene 
Enttäuschung harrt, die aber einstweilen die Privatverantwortlichkeit 
einschläfern, die Unmündigkeit mehren. 

Die Socialisten verhindern es mit ihrer Lehre, dass das rechte 
Social Verständnis, das Verständnis für Wesen und Bedeutung der 
Gesellschaftserziehung und der wahren Rechtsordnung sich entwickelt. 
Sie unterdrücken das Bewusstsein der privaten Verantwortlichkeit 
des Einzelnen für eine zweckmässige Lohn- und Besitzordnung. Jene 
Lehre fördert nicht, sondern verhindert in solcher Weise die erfor- 
derliche Berichtigung der Persönlichkeitsbehandlung; letztere wird 
dabei noch unzweckmässiger. Die betreffenden Gesellschaftsretter 
verbreiten im Volke eine falsche, schädliche Gerechtigkeitsauffassung, 
verderben das Rechtsbewusstsein, wirken der Klärung desselben ent- 
gegen, entfachen irrige, unrechtmässige Ansprüche, fördern durch ihre 
Lehre die Entwickelung einer unzweckmässigen, kulturwidrigen, mit 
den vernünftigen Interessen der Beteiligten nicht verträglichen gegen- 
seitigen Behandlung unter den Menschen und schädigen dadurch un- 
mittelbar und mittelbar Zufriedenheit und Lebenswert. An Stelle 
guter, wahrheitsvoller Ideale gewinnen, wo diese Lehre wirkt, in 
solcher Weise falsche Ziele Macht über das Schicksal der Menschen. 
Man führt die Menschen einem falschen Ordnungsziele entgegen und 
leitet sie so von der rechten Bahn, die allein einen Ausweg aus den 
heutigen socialen Koten bietet, ab. 

Durch alle diese Einflüsse des Socialismus wird die Lösung 
der socialen Frage beeinträchtigt, „jenes grossen Rätsels, dessen 
Nichtlösung, mehr noch dessen falsche Lösung die freien und hoch- 
gebildeten Völker am schwersten mit Kränklichkeit, Altersschwäche 
und Untergang bedroht.“**) Man versucht eine falsche Lösung — 


*) Schmoller, Zur Social- und Gewerbepolitik, S. 244. 

**) Roscher, Nationalökonomik des Handels und Gewerbefleisses, 
2. Aufl. S. 581. 


173 


möchte mit Hilfe des Gesellschaftswillens die Ursachen der Un- 
zufriedenheit beseitigen — und versäumt und schädigt darüber die 
richtige Lösung, die hier auf dem Wege des Individualismus, der 
Willkürpflege sich zu vollziehen hat. 

Die schädlichen Folgen der socialistischen Rettungstheorien 
bedeuten für unsere Gesellschaft eine sehr grosse Gefahr. Die 
Entwickelung der Nützlichkeit des Zusammenlebens, die Mehrung 
des Wertes der Individuen für einander, auf die allein die Rettung 
der Zufriedenheit unter jetzigen Verhältnissen gegründet werden kann, 
wird durch den Socialismus schwer beeinträchtigt. Diese Wirkung 
tritt umso schlimmer hervor in unserer Zeit, in der bei den gegebenen 
Lebensbedingungen die Nützlichkeit der Gesellschaft weit mehr, als 
früher, eine entscheidende Rolle im Dasein und Glücklichsein der 
Individuen spielt. In anderer Zeit mag staatliche Bevormundung und 
socialistische Lehre weniger schaden, weil es weniger auf die rechte 
Gesellschaftserziehung ankommt. Heute dagegen, wo die Gesellschaft 
nicht lediglich in ihrer Eigenschaft als Mittel zu Eroberungs- und 
Verteidigungszwecken etc., sondern in ihrer Eigenschaft als Grundlage 
der gesamten individuellen Zufriedenheit, des gesamten Lebens- 
wertes auf dem Spiele steht, heute, wo die Persönlichkeitsbehandlung, 
die Gerechtigkeit des Einzelnen dem von uns gekennzeichneten Ideal 
viel näher kommen muss, wenn nicht das Lebensglück der Gesellschafts - 
teilhaber dem Niedergang verfallen soll, heute, wo mehr denn je das 
Wort gilt „Fiat justitia, ne pereat mundus!“ — heute bedeutet der 
Socialismus eine lebensgefährliche Krankheit unserer Ge- 
sellschaft. 

So viel über die Folgen und den Wert der socialistischen 
Rettungstendenz. 

"Wie ist jenen Folgen zu begegnen? Welche Aufgabe erwächst 
uns gegenüber den socialistischen Rettungsbestrebungen? 

Dass die Notwendigkeit besteht, dafür zu sorgen, dass die auf 
die Lösung der socialen Frage abzielenden Bestrebungen nicht länger 
eine solche Richtung nehmen, kann nach dem im voraufgehenden 
Ausgeführten nicht zweifelhaft sein. Schlägt diese Sorge fehl, ent- 
wickelt sich der Socialismus in unserer Gesellschaft unbehindert fort, 
so ist, wie wir sahen, auf einen Niedergang der Kultur und auf ein 
Anwachsen der Unzufriedenheit zu rechnen. Wer für die Erfüllung 
der socialen Vorbedingungen des individuellen Daseins und Glücklich - 
seins, für die wirkliche salus publica einzutreten trachtet, der wird 
also nicht umhin können, im Rahmen dieser Aufgabe die Be- 
kämpfung der socialistischen Auffassungen sich angelegen 
sein zu lassen. 


174 


Als entscheidender Punkt dieses Kampfes gegen die sociali- 
stischen Auffassungen tritt hier nach dem, was wir im Voraufgehenden 
ausgeführt haben, die Gerechtigkeitsfrage zu Tage. Um die Beant- 
wortung der Frage „Was ist gerecht?“ hat sich vor allem die Aus- 
einandersetzung mit den Socialisten zu drehen. Mit den socialistischen 
Voraussetzungen haben wir solcherweise abzurechnen; ein blosses 
Vorgehen gegen Konsequenzen und Folgeerscheinungen gliche hier 
dem nutzlosen Kampf gegen eine Hydra. Es gilt, den Gerechtig- 
keitswahn der Socialisten, ihre irrige Anschauung von dem, 
was recht, was zweckmässig ist, und von dem, wie dieses 
Rechte zur Entstehung gelangt, zu zerstören. Hinter einer 
falschen, unklaren Rechtsauf fassung stehen die Urheber jener Lehren 
und Bestrebungen verschanzt, diese bildet ihre Burg, den festen Stand- 
punkt, von dem aus sie kämpfen und der ihnen Rückhalt gewährt. 

Einer Klärung der Gerechtigkeits- , der Zweckmässigkeitsvor- 
stellung müssen die den socialistischen Bestrebungen zu Grunde 
gelegten irrigen Voraussetzungen weichen. Sie muss es bewirken, 
dass hier die Wertschätzung des Gemeinwillens sich berichtigt, einer 
nüchternen Beurteilung des staatlichen Könnens Platz macht; dann 
ist es um die Socialisierungshoffnungen und den Reglementier ngs- 
eifer der betreffenden Gesellschaftsretter geschehen. 

Gegen die falsche Methode der Beantwortung der Gerechtig- 
keitsfrage haben wir uns bei der Bekämpfung des Socialismus zu 
wenden, auf die methodischen Mängel des socialistischen Gedanken- 
aufbaues will hingewiesen sein, wenn der verhängnisvolle Gerechtig- 
keitswahn in Klarheit, in Wahrheit sich auflösen soll. Es gilt, das 
mangelhafte Menschen- und Glücksverständnis und die auf dasselbe 
gegründete irrige Zweckmässigkeits- und Rechtspräsumtion der So- 
cialisten durch Klarstellung zu beseitigen. Es handelt sich um 
eine Aufklärung über Zweck und Wesen echter Gerechtig- 
keit und über den Wert, den letztere für das Wohlbefinden 
der Menschen unseres Schlages besitzt, über die Unver- 
träglichkeit dieser zweckmässigen Gerechtigkeit mit dem 
Socialismus und über die Unersetzlichkeit derselben im 
Verkehrsleben egoistisch veranlagter Individuen. Auf diesem 
Wege allein, durch Klarstellung ihrer methodischen Mängel, durch 
Berichtigung ihrer unvorsichtigen Präsumtionen ist der in unserer 
Zeit so gewaltig um sich greifenden socialistischen Lehre erfolgreich 
zu begegnen. Wir müssen in solcher Weise den Einfluss jener oben 
erwähnten, zum Socialismus verleitenden Erziehungsvorgänge aus- 
gleichen. 

Aber auch gegen diese Erziehungsvorgänge selbst, ohne die 
es die heutige socialistische Hochflut nicht gäbe, ohne die eine solche 
Überschätzung des Gesellschafts willens und eine solche Unterschätzung 


175 


des Privatwillens sich bei den Menschen nicht entwickelt hätte, muss 
sich unsere Abwehr richten; auch auf deren Mängel und Folgen will 
aufmerksam gemacht sein. Wir haben, wo es auf die Abwendung 
der socialistischen Gefahr ankommt, für eine von Befangenheit be- 
freiende, zur Selbständigkeit befähigende Erziehung einzutreten. An 
die Vernünftigkeitspflege in Schule und Elternhaus, in Buch und 
Zeitung, an das Liebeswerk der Menschenaufklärung, ohne die es 
keine wahre Menschenliebe giebt, — bei deren Unterlassung und 
Störung wir vielmehr an unseren Mitmenschen uns versündigen — , 
muss hier appelliert werden. Wie auf diesem Wege allein die Ge- 
rechtigkeit gemehrt, wie nur in dieser Richtung die sociale Frage 
gelöst werden kann, so vermag auch der entscheidende Kampf gegen 
den socialistischen Rechtsaberglauben und seine Folgen nur mit solchen 
Mitteln siegreich durchgeführt zu werden. 

Die Überwindung des Socialismus ist ein Teil der Lösung 
der socialen Frage. Auf die Abwehr falscher Lösungsbestrebungen 
kommt es dieser Frage gegenüber ebenso sehr an, wie auf die Aus- 
findung des richtigen Lösungsweges. Diesen Teil der Lösungs- 
aufgabe können wir nicht erledigen durch Klassenkampf, durch 
Majorisierung und ähnliches mehr. Er ist ein Problem der Auf- 
klärung, ein Gegenstand friedlichen Ringens um die Gerechtigkeits- 
frage, ein Ziel nicht auf dem Wege der Macht, sondern ein Ziel auf 
dem Wege der Klarheit und Wahrheit. Hier giebt es nur die eine 
Hoffnung: vincit veritas. Durch den Sieg der Wahrheit, durch die 
Macht der Vernunft muss, wie die Unzufriedenheitsentwickelung und 
die sociale Gefahr, so auch die socialistische Gefahr abgewendet 
werden; auch dieser Teil der socialen Frage lässt sich nur auf solchem 
Wege lösen. 

Der Lösung der socialen Frage auf dem erwähnten Wege zu 
dienen und dabei zur Abwehr der socialistischen Gefahr beizutragen, 
ist der Zweck dieser Zeilen. Das Buch hat seine Schuldigkeit ge- 
than, wenn es den Leser zu einer vorurteilsfreien und gründlichen 
Beschäftigung mit der Gerechtigkeitsfrage anregt, denn eine solche 
das Echte von dem Falschen scheidende Beschäftigung mit 
der Frage nach Wesen und Wert der Gerechtigkeit er- 
scheint uns als die beste Kur, wie gegen den Mammonis- 
mus, so auch gegen den Socialismus. 


Von demselben Verfasser sind erschienen im Verlage von 

M. Heinsius Nachfolger, Leipzig: 

Die rechtliche 

Bedeutung der Prämienreserve 

eines 

Lebensversicherungs- Betriebes. 

« 55 — 


Die 

„Jiatur der Sache“ 

als Rechtsquelle 

im Gebiete des Versicherungswesens. 


Mit einem Anhänge: 

Zur Frage nach der rechtlichen Bedeutung eines 
Lebensversicherungs-Vertrages. 


Druck von Hesse & Becker in Leipzig. 





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